„Full wie ’ne Radehacke…“

Die Tür zum Wohnzimmer fasziniert mich in vielen Nächten. Sie ist verglast und zwar nicht durchsichtig, aber durchscheinend, weswegen ich bei meinen heimlichen nächtlichen Erkundungsgängen im Wortsinn Lichtspiele erlebe, ausgelöst durch Straßenlaternen, Autoscheinwerfer, Mondlicht und gelegentlich Zimmerlampen aus dem Wohnblock auf der anderen Straßenseite.

Auch das Wohnzimmer ist relativ klein, erscheint mir aber wie mein eigenes Zimmer aus kindlicher Sicht sehr geräumig. Die linke Wand wird fast völlig bedeckt von einem großem Schrank mit einem Unterteil, das deutlich breiter ist als die Aufsätze, einem verglastem Mittelteil sowie links und rechts davon zwei Teilen mit großen Türen. Rechts steht eine Sitzgruppe mit Couch, Tisch und zwei Sesseln. Hinter dem Schrank ist die Tür zum Balkon, den ich nur wenige Male betrete während der Zeit, in der wir in dieser Wohnung leben. Der Raum ist mit diesem Mobiliar fast ausgefüllt. Es muss jedoch noch weitere Möbelstücke gegeben haben, was ich unter anderem daraus schließe, dass das Radio hinter der Couch steht und aber keineswegs auf der Couchlehne stehen kann.

Die Inbetriebnahme dieses Radios fasziniert mich täglich aufs Neue. Es ist ein Röhrenradio mit einem massiven Gehäuse aus Holz und vorn bespannt mit hellgraugrünem Stoff. Das Radio braucht einige Zeit, um warm zu laufen. Dann riecht es nach verbranntem Staub, das grüne „Auge“ und die Skalierscheibe für die Senderwahl leuchten auf, ein Brummen schwillt an und bleibt im Raum, das ich wie eine Art Tusch empfinde, der auf folgende großartige Darbietungen verweist, und endlich beginnt der Musikempfang.

Meine Mutter hat jeden Tag Schwierigkeiten bei der Wahl der Frequenzen im Radio. Sie versucht fast alle halbe Stunden aufs Neue, einen Sender zu finden, der wenig Wort- und viel Musik-, sprich Schlager-Beiträge bringt. Dieser Sender darf aber nicht kompromittierend sein für meinen Vater als Angehörigen einer uniformierten Truppe, der man das Selbstverständnis einer Polizei des Volkes anzuerziehen sich bemüht. Sie dreht jedes Mal leiser, wenn Nachrichten kommen und der Sendername genannt wird. Man weiß nie, wer mithört und das Gehörte weitermeldet, wie mir mehrere Erwachsene versichern, nicht nur meine Mutter.

Schon vor meiner Schulzeit weiß ich, dass auf dieser Senderwahlscheibe geheimnisvolle Städtenamen wie Hilversum, Falun oder Stavanger stehen, und ich bin insgeheim stolz darauf zu wissen, dass mit Bergen nicht die Stadt auf der Insel Rügen gemeint ist, sondern die alte Hafenstadt in Norwegen.

Jeden Morgen, wenn meine Mutter beginnt, die Wohnung zu putzen, schaltet sie das Radio an und stundenlang läuft Musik. Ich setze mich in den vorderen der beiden Sessel im Wohnzimmer und schaukele. Im Rhythmus der Schlager- und Beat-Titel schwinge ich mit dem Oberkörper vor und und zurück, vor und zurück, vor und zurück, bis ich nach wenigen Minuten weg getreten bin, wie in einer Art Trance. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber meine Eltern erzählen mehrfach, ich hätte auch lange Zeit im Bett im Liegen geschaukelt.

Mein Vater zieht mich immer wieder damit auf, dass ich mich gebärden würde wie ein Jude beim Studium der Schrift. Unter anderem deshalb bin ich schon als Vorschuljunge neugierig auf das Judentum. Er spricht bei diesen stereotypen Kommentaren nicht, wie ich es oft bei seinen Rückmeldungen erlebe, abwertend, sondern eher ehrfürchtig. Vor allem entwickelt er wieder diesen Ton, der eine Art mystisch-magisches Raunen überlagert und hinter den Worten mitteilt, dass es sich bei dem eben Erörtertem um etwas ganz Besonderes, unalltäglich Erhabenes handelt und dass ich stolz sein muss, diese Erörterungen erleben zu dürfen, weil das alles nichts für mich ist, mein Verständnis immer übersteigen wird und überhaupt nur für Eingeweihte zugänglich bleibt.

Beim Schaukeln steigere ich mich nicht eigentlich in Geschichten hinein, sondern variiere geradezu verbissen unzählige Male kleine Details von Szenen meines Alltags. Diese inneren Bilder sind meist über Wochen hinweg immer dieselben. Zum Beispiel rette ich viele Dutzend Male einen der Jungen, die regelmäßig an der Teppichklopfstange vor dem Müllplatz zwischen unserem Wohnblock und dem nördlich angrenzendem Block herum turnen. Er trägt des Öfteren grüne oder blaue Strumpfhosen und darüber eine kurze Lederhose, was mich auf unerklärliche Weise fasziniert. Der Junge ist der Liebling der Gruppe und ich fange ihn auf, als er von der Stange stürzt. Die ganze Szene dauert nur einige Sekunden, aber ich male sie mir über Monate lang immer wieder aus.

Nach einigen Stunden Schaukeln im Wohnzimmersessel, während der ich wie besoffen bin, was ich auch wahrnehme, bin ich schließlich da. Natürlich benutze ich jetzt heutige Begriffe, aber ich bin mir sicher, dass ich damit Empfindungen beschreibe, die ich damals tatsächlich habe, aber nicht genau benennen kann.

Ich habe mich gewissermaßen ins Hier und Jetzt hinein geschaukelt. Ich bin, jedenfalls für einige Augenblicke, mit allen Sinnen und Gedanken anwesend. Jedoch ist dieses Empfinden immer mit Schuldgefühlen und folgerichtig mit leiser Angst vor Bestrafung verbunden. Es ist, als hätte ich mich sozusagen durchgekämpft in einen Freiraum, um dann festzustellen, dass dort nichts ist und vor allem niemand. Dies ist ein Beschreibungsversuch, wie gesagt, aber er dürfte mein Erleben zumindest in nachvollziehbarer Annäherung erfassen.

Einige Jahre später erfahre ich, dass dieses Schaukeln typisch ist für autistische oder emotional stark vernachlässigte Kinder. Es könnte demnach etwas makaber erscheinen, dass meine Mutter in der Wohnung anwesend ist. Hier könnte man jedoch auch ein Problem aller therapeutischen Betrachtung exemplarisch verkörpert sehen. Geht es um Benennung tatsächlichen Erlebens oder wird nachträglich etwas in das Erlebte hinein gedeutet? Habe ich wirklich darunter gelitten, dass die Bindung an meine Mutter defizitär war, oder deute ich das nachträglich hinein, nachdem ich festgestellt habe, dass Fachleute mehrerer Schulen und Richtungen mein Erleben und Verhalten als pathologisch werten würden?

Auch meine in unregelmäßigen Abständen gemachte Anmerkung, ich bräuchte keine Stoffe von außen zuführen, um high zu werden, da ich bereits als Kind gelernt hätte, mich mittels körpereigener Stoffe in einen Rauschzustand zu versetzen, ist nicht nur zynisch, sondern entbehrt gleichfalls nicht eines rationalen Kerns.