„Full wie ’ne Radehacke…“

Ich gehe nachts spazieren. Im wachem Zustand, nicht im Schlafwandel, von dem meine Mutter mehrfach behauptet, dass sie mich bei ihm erlebt. Ich schleiche durch die Wohnung, wenn sie dunkel und fast geräuschlos ist. Meine Eltern scheinen tief zu schlafen. Jedenfalls werde ich nie bei meinen geheimen Erkundungen ertappt.

Diese Erkundungen unternehme ich bis in meine körperliche Pubertät hinein in der zweiten und dritten elterlichen Wohnung. Ich durchwühle gar mehrere unausgesprochen verbotene Fächer im Wohnzimmerschrank. Ich finde zum Beispiel eine im Studio inszenierte Porträtaufnahme meines Vaters. Auf der Rückseite des professionellen, nahezu künstlerischen Fotos hat er mit seiner gestochenen, beinahe kalligraphischen Handschrift geschrieben: „Ich liebe Dich, X.!“ Ich kenne keine „X“. Den Namen habe ich auch nie gehört in den Erzählungen oder vielmehr hingeworfenen Textfetzen meines Vaters.

Das ist spannender und aufregender als etwa ein Krimi. Aber wie immer erst sehr viel später kommt mir in diesem Zusammenhang ein erhellender Gedanke. Deshalb könnten etwa ab meinem 13. Lebensjahr Küche und Wohnzimmer und damit das hinter dem Wohnzimmer liegende Schlafzimmer tagsüber abgeschlossen sein. Das mit der „mistigen Küche“ habe ich ohnehin als willkommenen Vorwand erkannt. „Mistig“ bedeutet, dass ich etwa ein Messer mit Spuren von Butter daran inmitten einiger Brotkrümel auf dem Küchentisch liegen lasse. Aber das ist vorgeschoben. In Wahrheit geht es wahrscheinlich um die erstaunlicherweise selbst bei mir noch vorhandenen Reste kindlicher Neugier, die mich unbewusst dazu drängen zu erkunden, warum Erziehungsberechtigte derart komisch sind, wie sie sind.

Allerdings habe ich während meiner körperlichen Pubertät Fress-Attacken. Bei der Hochzeit meines Vaters mit meiner Stiefmutter esse ich fast ohne Unterbrechungen anderthalb Bleche Hefekuchen. Man geht beinahe reaktionslos darüber hinweg. Vielleicht liegt das auch daran, das Störungen wie „Bulimie“ erst Jahrzehnte auch nur beschrieben werden, dementsprechend sie quasi nicht existieren.

Einmal esse ich an einem Nachmittag fast ein ganzes Mischbrot weg. Ich bin danach ebenso benommen oder gar full wie nach meinem Schaukeln im Sessel in meiner Vorschulzeit. Es gibt wiederum keine Begriffe für das Geschehen und keine Ebene, auf der es auch nur reflektiert werden könnte. Damit existiert es gewissermaßen nicht. Wahrscheinlich auch deshalb bleibt zu meiner Verblüffung die aus Erfahrung mit Gewissheit erwartete Bestrafung aus.

Jahrzehnte später besucht eine sehr erfahrene Therapeutin bei einem Jubiläum die therapeutische WG, in der ich zumindest körperlich anwesend bin. Während alle anderen Bewohner an der Tafel sitzen, bin ich geradezu wütend verbissen mit Geschirr Spülen zugange. Die Therapeutin lässt im Wortsinn im Vorübergehen eine Bemerkung mit dem Wort „Erschöpfungsrivalität“ fallen. Die therapeutische Großmutter murmelt die Replik fast nur. Ich werde noch wütender, weil ich sehr wohl spüre, dass ich gesehen werde. Es dauert jedoch wiederum etliche Jahre, bis ich begreife, was gemeint ist.

Diese Fressattacken treten unter anderem auf bei frustrierten Hausfrauen. Ich bin mit meiner Stiefmutter im Wettbewerb um die Gunst meines Vaters, die vor dem Erscheinen dieser Frau nur mir gilt. Ich muss die bessere Hausfrau sein. Darum bemühe ich mich rund um die Uhr, ohne es wahrhaben zu können und zu wollen. Nur gelegentlich spötteln Mitschüler darüber, dass ich allmorgendlich Bettzeug auslüftend und ausschüttelnd und mit dem Staublappen wedelnd wie ein männliches Aschenputtel am Fenster des Kinderzimmers sichtbar werde. Aber das gleitet an mir ab und ich werde deshalb schnell wieder in Ruhe gelassen.*

Auch diese Antriebe sind unbewusst und damit umso wirksamer. Auf diese Weise bringt man es zu nichts. Man kommt nicht auf einen grünen Zweig, wenn Einem wichtige Erkenntnisse immer wieder nur sehr nachträglich möglich sind. Wieder einmal zeigt sich, dass möglicherweise Psycho-Club weitaus entscheidender ist als die materiellen Rahmenbedingungen. Dies gilt jedenfalls, wenn diese Bedingungen halbwegs menschenwürdig sind. Das sind sie im realen Sozialismus. Dennoch fühle ich mich zu Recht irgendwie unterdrückt oder jedenfalls keineswegs befreit.

Diese nächtlichen Spaziergänge beginne ich mit etwa fünf Jahren in der zweiten Wohnung meines Lebens am Nordrand der Stadt. Insbesondere die Tür zum Wohnzimmer fasziniert mich in vielen Nächten. Sie ist fast vollständig verglast mit vier nicht durchsichtigen, aber durchscheinenden gleichgroßen Scheiben aus zum Teil geriffeltem Glas. Daher erlebe ich bei meinen heimlichen nächtlichen Erkundungen im Wortsinn Lichtspiele. Sie werden ausgelöst durch Straßenlaternen, Autoscheinwerfer, Mondlicht und gelegentlich Lampen aus dem Wohnblock auf der anderen Straßenseite. Diese Wahrnehmung hat für mich etwas Anheimelndes, etwas von einer Ahnung des zu Hause Seins. Es ist wie in diesem Flugtraum, in dem ich mich aus sicherer Entfernung dazugehörig fühlen kann.

Dennoch habe ich auch ein komisches Gefühl dabei. Ich bemerke durchaus, dass ich mich gern an normalerweise belebten Orten aufhalte, wenn sie menschenleer sind. Dieses Durchschleichen der nächtlichen Wohnung ist nur sozusagen ein Beispiel im privatem Rahmen. Irgend etwas stimmt nicht. Andererseits ist da trotzdem und erst recht dieser gewisse Kitzel des Verbotenen, des entdeckt und bestraft werden Könnens. Zudem spüre ich immer wieder das weniger ängstliche als vielmehr ebenso peinliche wie wohlige Verlangen, völlig zu entspannen und die Blase zu entleeren. Ich wage jedoch nie, in die Hose zu pinkeln. Es geht in irgendeiner Weise um Loslassen.

Das Wohnzimmer ist relativ klein, erscheint mir aber wie mein eigenes Zimmer aus kindlicher Sicht sehr geräumig. Die linke Wand wird fast völlig bedeckt von einem großem Schrank. Er besteht aus einem Unterteil, das deutlich breiter ist als die Aufsätze, einem verglastem Mittelteil sowie links und rechts davon zwei Teilen mit großen Türen. An der Wand rechts steht eine Sitzgruppe mit Couch, Tisch und zwei Sesseln. Gegenüber der nächtlich lichtspielenden Eingangstür ist die Tür zum Balkon. Den betrete ich nur wenige Male während der etwa sieben Jahre, in denen wir in dieser Wohnung leben. Der Raum ist mit diesem Mobiliar fast ausgefüllt. Es muss jedoch noch weitere Möbelstücke geben, denn das Radio steht hinter der Couch und kann aber keineswegs auf der Lehne dieser Couch stehen.

Die Inbetriebnahme dieses Radios fasziniert mich täglich aufs Neue. Es ist ein sehr großes Röhrenradio mit einem massiven Gehäuse aus auf Hochglanz lackiertem Holz und vorn bespannt mit einem bei gewisser Beleuchtung etwa wie Lametta glitzerndem Stoff. Die Farbe diese Stoffes erlebe ich bei keinem anderem Gegenstand. Sie ist eine Art schwer beschreibbares helles Graugrün.

Das Radio braucht einige Zeit, um im Wortsinn warm zu laufen. Dann riecht es nach verbranntem Staub und das grüne Auge und die Scheibe für die Senderwahl leuchten auf. Ein Brummen schwillt an und bleibt im Raum, das ich als eine Art auf folgende großartige Darbietungen verweisenden Tusch empfinde. Schließlich und endlich beginnt der Musikempfang.

Meine Mutter hat jeden Tag Schwierigkeiten bei der Wahl der Frequenzen im Radio. Sie versucht fast alle halbe Stunden aufs Neue, einen Sender zu finden, der wenig Wort- und viel Musik-, sprich Schlager-Beiträge bringt. Dieser Sender darf aber nicht kompromittierend sein für meinen Vater als Angehörigen einer uniformierten Truppe, der man das Selbstverständnis einer Polizei des Volkes anzuerziehen sich bemüht. Sie dreht jedes Mal leiser, wenn Nachrichten kommen und der Name des Senders genannt wird.

Man weiß nie, wer mithört und das Gehörte weitermeldet. Das deuten mehrere sogenannte Erwachsene an, nicht nur meine Mutter. Erst nach der Wende stelle ich verblüfft fest, dass auch in diesem Kontext der Kelch nochmal vorbeigegangen ist. Es hat zu dieser Zeit Demonstrationen bewusster junger Menschen gegeben, die sich vor Hausaufgängen postiert haben und auf deren Transparenten etwa gestanden hat, der hier wohnende XYZ würde Westsender hören. Wieder habe ich das Empfinden, abseits des Verbreiteten und allgemein Erwarteten zu sein, ja, ausgeschlossen vom Typischen. Dieses Gefühl ist auch hier stärker als etwa Angst oder paranoide Phantasien.

Schon vor meiner Einschulung weiß ich, dass auf der Senderwahlscheibe des Radios geradezu exotisch klingende Städtenamen wie Hilversum, Falun oder Stavanger stehen. Ich bin insgeheim stolz darauf zu wissen, dass mit Bergen nicht der Hauptort der Insel Rügen gemeint ist, sondern die alte Hafenstadt in Norwegen.

Jeden Morgen, wenn meine Mutter beginnt, die Wohnung zu putzen, schaltet sie das Radio an. Jeden Vormittag schallt Musik durch die Wohnung. Auch das bewirkt bei mir ein gewisses Gefühl des zu Hause Seins. Es ist trügerisch und vorübergehend, aber es ist ahnungsweise da. Die Hausarbeiten meiner Mutter sind nicht annähernd so zwanghaft-schwungvoll-verbissen wie die später von meiner Stiefmutter wie militärisches Exerzieren durchgeführten. Dennoch haben auch sie etwas Ausschweifendes. Manchmal denke ich, der Sinn von Wohnungen bestände unter Anderem darin, sie zu putzen, als müsse man jeden Augenblick mit einer Besichtigung mit Bewertung rechnen.

Den Gedanken behalte ich für mich. Das Klappern, Scheppern, Schaben, Poltern, Wischen und Plätschern bei der täglichen Reinigungstour meiner Mutter stört mich kaum. Ich setze mich in den von der Tür aus gesehen vorderen der beiden Sessel im Wohnzimmer und drehe ab. Im Rhythmus der Schlager- und Beat-Titel schwinge ich mit dem Oberkörper vor und und zurück, vor und zurück, vor und zurück. Nach wenigen Minuten bin ich wie in einer Art Trance. Meine Eltern erzählen mehrfach, ich würde über längere Zeit hinweg auch im Bett im Liegen schaukeln. Daran kann ich mich jedoch nur erinnern, als hätte ich es geträumt.

Mein Vater zieht mich immer wieder damit auf, dass ich mich gebärden würde wie ein Jude beim Studium der Schrift in der Schul. Unter anderem deshalb bin ich schon als kleiner Junge neugierig auf das Judentum. Das hat gewiss etwas Groteskes, zumal mein Vater bei diesen stereotypen Kommentaren nicht wie oft bei seinen Rückmeldungen abwertend spricht, sondern eher ehrfürchtig. Vor allem entwickelt er diesen Ton, der eine Art mystisch-magisches Raunen überlagert. Gewissermaßen hinter den Worten teilt er mit, dass es sich bei dem eben Erörtertem um etwas Besonderes, nicht alltäglich Erhabenes handelt. Ich muss stolz sein, diese Erörterungen erleben zu dürfen. Das ist alles nichts für mich. Es wird mein Verständnis immer übersteigen und überhaupt nur für Eingeweihte zugänglich bleiben.

Beim Schaukeln steigere ich mich nicht eigentlich in Geschichten hinein, sondern variiere geradezu verbissen unzählige Male kleine Details aus Szenen meines Alltags. Auch hier wieder oder gerade hier nehme ich etwas Wichtiges wahr, ohne es benennen zu können und zu wollen. Auch hier wieder stimmt etwas nicht. Ich phantasiere, spinne, dichte nicht wirklich. Ich „hake“ oder „hänge“ fest wie eine Schallplatte mit Sprung. Diese inneren Bilder sind über Wochen hinweg immer dieselben. Ich reproduziere sie nahezu wütend zwanghaft.

Zum Beispiel wiederhole ich viele Dutzend Male grandios probehandelnde Versuche, einen der Jungen zu retten, die immer wieder an der Teppichklopfstange vor dem Müllplatz zwischen unserem Wohnblock und dem nördlich angrenzendem Block herum turnen. Er trägt des Öfteren grüne oder blaue Strumpfhosen und darüber eine kurze Lederhose. Das fasziniert mich auf unerklärliche Weise. Dabei fände ich es furchtbar, derart bekleidet zu werden. Der Junge ist der Liebling der Gruppe, ohne deren Wortführer zu sein. Ich stelle mir vor, dass ich ihn auffange, als er von der Stange stürzt. Die ganze Szene dauert nur einige Sekunden, aber ich reproduziere sie Monate lang immer wieder vor meinem geistigem Auge. Danach habe ich ein ähnliches Gefühl des sozusagen verkatert Seins wie am Ende meiner täglichen Schaukel-Exzesse.

Während dieses Schaukelns im Wohnzimmersessel bin ich zunächst wie besoffen, was ich auch wahrnehme. Natürlich benutze ich jetzt heutige Begriffe. Ich bin mir jedoch sicher, dass ich damit in nachvollziehbarer Annäherung Empfindungen beschreibe, die ich damals tatsächlich habe, aber nicht genau benennen kann.

Ich habe mich am Ende jedoch gewissermaßen ins Hier und Jetzt hinein geschaukelt. Ich bin für einige Augenblicke mit allen Sinnen und Gedanken anwesend. Jedoch ist dieses Empfinden immer mit Schuldgefühlen und zwangsläufig mit leiser Angst vor Bestrafung verbunden. Es ist, als hätte ich mich sozusagen durchgekämpft in einen Freiraum, um dann festzustellen, dass dort nichts ist und vor allem niemand.

Einige Jahre später lese ich in Büchern der für die Erzieher angelegten Mini-Bibliothek im Heim, dass dieses Schaukeln typisch ist für autistische oder emotional stark vernachlässigte Kinder. Es könnte demnach etwas makaber erscheinen, dass meine Mutter bei meinem Schaukeln immer anwesend ist.

Man könnte hier jedoch auch ein grundsätzliches Problem aller therapeutischen Betrachtung über meine Person hinaus exemplarisch verkörpert sehen. Geht es um Benennung tatsächlichen Erlebens oder wird nachträglich etwas in das Erlebte hinein gedeutet? Leide ich wirklich darunter, dass etwas nicht stimmt an meiner Beziehung zur Mutter oder deute ich das nachträglich hinein, weil Fachleute mehrerer Schulen und Richtungen mein Erleben und Verhalten als pathologisch werten würden?

Später erkläre ich in unregelmäßigen Abständen, ich bräuchte keine Stoffe von außen zuführen, um high zu werden, denn ich hätte bereits als kleiner Junge gelernt, mich mittels körpereigener Stoffe in eine Art Rausch zu versetzen. Auch diese Anmerkung ist jedoch nicht nur zynisch, sondern entbehrt gleichfalls nicht eines rationalen Kerns.

* Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Frau Geschwister-Rivalität in der Pseudo-Familie therapeutische WG gemeint hat. Dennoch scheint mir meine durch diese nebenher gemurmelte Rückmeldung erst möglich gewordene Interpretation zutreffend.

Zurück zu „Au-Tor, belle trist“