Fütterungen. Im wörtlichem und im übertragenem Sinne.

Mein Vater und ich hocken wie Verschwörer hinter dem Herd und unter dem Ausguss an der linken Küchenwand und sammeln in Stanniol verpackte Würfel von großen, silbern glänzenden Platten mit Aufschnitt aus Wurst, Fleisch und Käse. Das geschieht in meiner Vorschulzeit einige Tage vor einem Weihnachtsfest.

Es ist bereits dunkel und wir haben die Küchenlampe nicht angeschaltet. Nur aus dem gegenüberliegendem Wohnzimmer oder sogar nur von der Straße fällt Licht herein. Fast in gerader Linie vor dem Balkon steht eine Straßenlaterne. Obwohl ihr Leuchtkörper eher an ein UFO erinnert, hat die Lampe für mich in der Atmosphäre der zweiten Dezemberhälfte etwas Altertümlich-Anheimelndes. Dies ist die erste Szene, die mir immer wieder zum Stichwort „Kindheitsweihnacht“ einfällt, obwohl, wenn ich mich recht entsinne, kein Schnee liegt.

Die von uns gesammelten Würfel enthalten Schmelzkäse, den ich noch nie gesehen, geschweige denn gegessen habe. Darunter sind scharf gewürzte Käsestücken mit wunderbar oranger Färbung und herzhaftem Paprika-Geschmack. Paprika kenne ich nicht; auch dieser Geschmack ist mir neu. Wir putzen alle oder fast alle dieser Würfelchen weg und steigern uns dabei wie zwei Äpfel klauende Lausbuben in Begeisterung nicht nur über den Geschmack des Käses hinein.

Dies ist eines der unzähligen kleinen Erlebnisse mit meinem Vater, nach denen er sofort sein sozusagen Dienstgesicht aufsetzt. Damit teilt er ohne Worte und damit wirksamer als mit Worten etwas mit wie: „Das hast Du jetzt alles nur geträumt! Diese Momente der Nähe und Verbundenheit haben gar nicht stattgefunden!“

Zudem ist das jedoch meine einzige Erinnerung an Nahrungsaufnahme in dieser Wohnung. Man könnte das merkwürdig finden. Ich selbst finde das erst später und nur hin und wieder ein bisschen komisch.

Immer wieder versuchen Leute, mich gewissermaßen zu füttern. Dies umso mehr, als man bei mir die Rippen zählen kann. Meine Mutter benutzt diese Redewendung immer wieder halb mitleidig, halb vorwurfsvoll. Dabei wäre das gar nicht nötig, denn jeder sieht, dass ich außerordentlich spack bin.

Innerhalb eines Jahres besuchen fast immer nur meine Mutter und ich in Abständen von etwa zwei Monaten sozusagen reihum Bekannte. Ich kann mich jedoch nicht an Besuche von Bekannten in unserer Wohnung erinnern. Die unzählige Male erfolgende Verwendung des Wortes „Bekannte“ ist tragikomisch, was meine Eltern aber nicht wahrnehmen wollen oder können. Sie überspielen damit, dass sie eigentlich keine Freunde haben.

Einer dieser Bekannten ist Friseurmeister. Sowohl sein Laden als auch seine Wohnung befinden sich nur wenige Minuten Fußwegs von unserer Wohnblock entfernt. Wir gehen an unserem Block und dem südlich angrenzendem entlang und an der kleinen Ladenzeile mit unter anderem einer Fleisch- und Wurst-Theke vorbei, die den Platz hinter dem Theater an der Westseite abgrenzt. Bereits diese Wegstrecke hat für mich etwas Abenteuerliches, denn wir laufen oft außen rum.

Wir überqueren den Bauernmarkt, steigen über die südliche der Treppen hinter dem Theater auf eine der Terrassen neben dem Theatergebäude, durchqueren den kurzen Tunnel zwischen Theater und Sportkaufhaus und stehen nach wenigen Schritten die Treppe des Theatervorplatzes hinab vor dem südlich an das Sportkaufhaus anschließendem Salon des Meisters.

Ich sitze immer völlig steif auf dem Friseursessel, wenn der Meister mir einen Igel oder einen Rundschnitt schneidet. Aus irgendwelchen Gründen finde ich den Begriff „Rundschnitt“ überaus lustig. Aus mir gleichfalls unverständlichen Gründen muss ich mich zusammen reißen, um nicht auf die Tränendrüsen zu drücken, wie mein Vater sagen würde.

Diese seltsame Erstarrung scheint auf die noch dazu mit Körperkontakt verbundene emotionale Annäherung Fremder zurückzuführen. Natürlich verstehe ich nicht, dass im Grunde ich überall der Fremde bin. Schon recht früh stelle ich jedoch fest, dass ich kaum Angst beispielsweise vor dem Zahnarzt habe. Im Gegenteil kann ich hier Nähe und sogar körperlichen Kontakt zulassen, weil ich augenblicklich mit mindestens unangenehmen Empfindungen oder gar Schmerzen sozusagen bestraft werde.

Die Wohnung des Friseurmeisters liegt nur etwa 50 Meter von seinem Laden entfernt am Anfang einer der beiden östlichen Querstraßen der Magistrale und fast im Schatten des mittleren der Hochhäuser der Hauptstraße. Gegenüber dieser Wohnung ist ein Pavillon mit einem Blumenladen. Darin herrscht eine Art subtropisches Mikroklima und es riecht angenehm nach Blumenblüten und Blumenerde. Auch diese Atmosphäre löst unbestimmte, aber durchaus angenehme Sehnsucht in mir aus.

Wie sehr viele Gebäude in dieser von mir erst sehr viel später ohne Ostalgie als außergewöhnlich wahrgenommenen Stadt sind sowohl der Pavillon als auch das Hochhaus keine Typenbauten, sondern speziell für diesen Standort entworfen und errichtet und damit oft Unikate.

Hier stehen die Häuser des Wohnkomplexes 1, die bereits verwittert wirken, obwohl sie erst etwa 10 Jahre älter sind als ich. Durch die bräunlich-grau verfärbten Mauern erscheinen mir diese Häuser jedoch schon viele Jahrzehnte alt. Beim Betreten des ohnehin nur über einen Aufgang verfügenden Gebäudes bin ich immer wieder fasziniert, dass dieses Haus, obwohl es nicht einmal halb so groß ist wie unser Block und nur zwei Obergeschosse hat, über je einen Eingang auf der Straßen- und auf der Hofseite verfügt. Es hat daher nicht wie unser Hausaufgang nur einen schmalen Flur, sondern eine Art Vorplatz, auf den man sowohl von der Straße als auch vom Hof aus über jeweils drei oder vier Stufen gelangt.

Wenn meine Mutter und ich ihn besuchen, versucht der Friseur immer wieder, mich geradezu zu füttern. Auf großen Tellern werden mir drei oder gar vier halbe Scheiben Mischbrot mit reichlich Butter und Wurst vorgesetzt. Diese Brote scheinen deutlich größer als die in der Kaufhalle. Auf den Gedanken, dass diese Wahrnehmung zutreffen könnte, weil die Brote des Friseurs vom Bäcker aus der Altstadt sind, komme ich nicht. Eine auf die Stullen gestrichene Wurst ist regelmäßig Teewurst. Auch diese Bezeichnung finde ich aus unerfindlichen Gründen sehr witzig. Dabei ist mir durchaus klar, dass die Wurst nicht etwa Tee enthält. Aber ich stelle mir immer wieder vor, dem wäre so, und gackere vor mich hin auf eine Art, die mein Vater des Öfteren als „mädchenhaft“ verurteilt.

Ich bin keineswegs immer appetitlos und das Essen schmeckt mir oft sogar, aber ich habe irgendwie nicht wirklich Interesse an Nahrungsaufnahme. Erst Jahrzehnte später beginne ich, regelmäßig bewusst selbst zubereitete Speisen zu mir zu nehmen und stelle zu meiner Überraschung fest, dass diese Zubereitung gar Spaß machen kann. Bis dahin drehe ich irgendwas rein, was mir entweder vorgesetzt wird oder was ich buchstäblich zusammen pansche und mansche. In meiner Prenzlauerberghütte esse ich immer wieder über Wochen hinweg die berüchtigten Singlehaushalt-Spaghetti; zum Frühstück kalt mit Pflaumenmus.

Ich habe nicht ein einziges Bild vor meinem geistigem Auge, in dem Mutter oder Stiefmutter am Herd stehen. Dort sehe ich in meinem Gedächtnis immer meinen Vater, über Jahre hinweg mit einer Schürze vor dem Bauch, auf der in einem halbem Dutzend Sprachen „Küchenchef“ steht. Die Beschriftung ist berechtigt, denn auch oder gerade hier bewähren sich seine goldenen Hände. Er kocht keineswegs nur nach meinem Empfinden ausgezeichnet, aber er lässt keinen ran. Nur manchmal fordert er mich etwa zum Kartoffeln Schälen auf. Die Ergebnisse meiner Bemühungen stellen ihn jedoch ausnahmslos derart wenig zufrieden, das diese Zuarbeiten Ausnahmen bleiben. Demzufolge kann ich nichts lernen, was ich zumindest hin und wieder durchaus möchte.

Manchmal denke ich, dass ich darüber sauer sein müsste. Ich bin es jedoch nicht, vielmehr ich in üblicher Weise schnell resigniert meinen Vater schließlich gewähren lasse nach der bekannten Maxime: „Du hast Recht und ich hab‘ meine Ruhe!“ Auch hier kommt mir irgendwann einer dieser Gedanken, die ich noch vor dem Aussprechen vorsichtshalber gleich selbst als bekloppt abwerte und vor allem deshalb fast nie ausspreche. Der sich bis fast zu seinem fünfzigstem Lebensjahr berechtigt für eine Vollwaise haltende und durch Vertreibung und Flucht traumatisierte Vater füttert sich selbst. Dieser Gedanke würde wahrscheinlich sehr schnell als wieder einmal möchtegernintellektuell konstruiert und an den Haaren herbei gezogen verächtlich verworfen werden. Allein, ich äußere ihn nicht einmal im Tagebuch. Hier ist ein Tabu.

Bei einem meiner misslungenen Versuche, in einer nicht therapeutischen WG zu leben, bemühen sich Jahrzehnte später zwei durchaus begabte Hobbyköche geradezu wettbewerbsmäßig, sich gegenseitig zu übertreffen. Es sind immer Männer, die mich in gewissem Sinn und Maß füttern. Ausgerechnet hier scheint mir, dass was dran sein könnte an dem in therapeutischen Zusammenhängen immer wieder gehörtem oder gelesenem Wiederholungszwang.

Der Friseur ist durch seinen in der Tat meisterhaft beherrschten Beruf und das durch dessen Ausübung entstandene Netz von Kontakten und Beziehungen selbst für Erwachsene eine Art natürliche Autorität und muss seine Anregungen, Empfehlungen und Vorschläge nicht ausdrücklich verbal verstärken. Vor allem deshalb verzehre ich die mir präsentierten riesigen Stullen immer sofort vollständig und ohne Murren und Mäkeln. Meine Mutter berichtet das abends stolz meinem Vater. Der äußert sich dazu mit einiger Mühe, aber doch anerkennend. Ich war artig.

Der Meister hat einen Sohn, über den mein Vater mit diesem gewissem Unterton erzählt, bei dem ich aufzumerken und Interesse zu entwickeln habe. Es ist wohl der Stiefsohn des Meisters. Die Formulierung, dass beide nicht gut miteinander klar kommen würden, scheint nicht nur mir sehr milde.

Der fast volljährige Junge bekommt nach den allerdings bedenklich variierenden Erzählungen meines Vaters von seinem Stiefvater ein Motorrad geschenkt und zerlegt es völlig, um die Teile unter anderem in einem Gully zu entsorgen. Mein Vater ist geradezu begeistert. Mir ist klar, dass er sich mich so wünscht wie diesen Jungen. Gleichzeitig weiß ich, dass ich hart bestraft werden würde bei auch nur ansatzweisen Bemühungen, dem Jungen nachzueifern. Schließlich halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass mein Vater trotzdem und erst recht derartige Bemühungen von mir erwartet.

Diese ist eine der Geschichten, die mir sehr viel später einfallen, als ich den Begriff „Double Bind“ entdecke. Das nützt mir zwar nichts, aber ich empfinde eine gewisse Befriedigung bei der Wahrnehmung des Unterschieds zwischen der Vermittlung derartiger Begriffe etwa in akademischen Exerzitien und ihres gewahr Werdens als treffende Beschreibungen eigener Erlebnisse.

Der Stiefsohn des Friseurmeisters schenkt mir in meiner Vorschulzeit einen Hamster mit einem voll ausgestattetem Terrarium. Das Tier ist alt und träge, aber ich bin begeistert und stürze mich geradezu in meine Pflichten als Tierpfleger. Als der Hamster in seinen Wassernapf fällt, bin ich tief erschrocken, striegle das Tier mit der großen Waschbürste von der doppelten Länge seines Körpers sorgfältig ab und lege es auf die Bad-Heizung zum Trocknen.

Ich heule wochenlang über den Tod des Hamsters. Dabei nehme ich durchaus wahr, dass mein Vater mich weder bestraft noch auch sich lustig macht oder schimpft über mein auf die Tränendrüsen Drücken. Aber ich denke nicht weiter darüber nach. Wieder einmal hat sich bestätigt, dass es sich nicht lohnt, sich zu freuen, schon gar nicht über unverhoffte Zuwendung aller Art. Es kommt was nach, dergleichen geht immer nach hinten los.

Diese Familie des Friseurs scheinen die engsten Bekannten meiner Eltern. Ich erinnere mich noch an einige Besuche bei anderen Bekannten, die jedoch in Abständen von mehreren Monaten oder gar von Jahren stattfinden. Bei einem Besuch von Bekannten fünf Minuten Fußweg von der Wohnung des Friseurs entfernt erlebe ich es zum erstem und letztem Mal in meiner Vorschulzeit, dass ich in einer Gruppe von Kindern richtig spiele. Das Kinderzimmer der besuchten Familie ist fast doppelt so groß wie meines, aber es sind darin außer mir auch noch drei oder vier Kinder lärmend zugange. Sämtliche Lampen sind eingeschaltet und wir spielen auf dem großem Teppich in geradezu gleißendem Licht.

Meine Gefühle sind bei derartigen Besuchen von Bekannten immer dieselben. Zunächst will ich nicht mitgehen, aber nach ein paar Stunden am liebsten da bleiben. Weil das von Erwachsenen immer wieder lustig gefunden zu werden scheint, bemühe ich mich artig, zustimmende Erheiterung zu zeigen.

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