Frühe Zeichen an der Wand

Morgens malt die Sonne gelborange Streifenmuster an die Wand links von meinem Bett und im rechtem Winkel zu diesem. Das ist meine möglicherweise älteste, jedenfalls aber häufigste Erinnerung. „Häufigste“ deshalb, weil ich dieses erinnerte Ereignis wiederholt, manchmal, naturgemäß besonders im Sommer, Tage lang jeden Morgen erlebe. Die Farbe dieser Streifen kann ich nicht derart genau beschreiben, wie ich es mir wünsche, weil das Sonnenlicht gewissermaßen verfälscht wird. Es trifft auf eine Wand, die orange gestrichen ist; einmal von meinem Vater, einmal von einem Handwerker. Das ist merkwürdig, weil mein Vater die sprichwörtlichen goldenen Hände hat und fast alle in der Wohnung anfallenden handwerklichen Arbeiten selbst erledigt.

Es gelingt mir nicht, das Gefühlsgemisch zu reproduzieren, das bei diesem Anblick in mir wirkt. Aber ich weiß auf der rationalen Ebene, dass es von beglückender hoffnungsfroher Erwartung bestimmt ist. Ich weiß bereits, dass meine Mutter als Hausfrau und ich als sogenanntes Hauskind besonders in dieser ersten sozialistischen Stadt Ausnahmen sind. Es ist still und friedlich, wenn ich aufstehe. Der Berufsverkehr ist beendet, die Kinder sind in den Kinderkrippen und Kindergärten und der Hof ist vormittags fast immer leer.

Das „Draußen“ lockt und zieht, es löst starke Sehnsucht und Hoffnung aus. Hoffnung und Erwartung sind Grundgefühle dieser Zeit. „Das Leben besteht aus zwei Abschnitten – die Zeit der Erwartung und die Zeit der Erinnerung an die Erwartung.“ Für mich ein Favorit unter meinen Bonmots, für viele zynisch, aber dieses je nach Standpunkt des Betrachters berühmte oder berüchtigte Fünkchen Wahrheit enthaltend.

Mir wird erst lange Zeit nach meinem erstem diesbezüglichem Versuch bewusst, dass ich diese Wandbemalung in Orange oder Terrakotta in meinen Wohnungen wiederhole. Nur in der ersten eigenen Wohnung wage ich das nicht, weil es mir zu verrückt erscheint. Ein weiteres sozusagen Grundgefühl, dass alles, was laut, bunt, üppig, deutlich sichtbar, lebendig ist, als verrückt erscheint. Auch dies wird mir erst später bewusst. Ich halte es für wahrscheinlich, dass ich mit dieser späteren Wohnraumgestaltung unbewusst an eine Entwicklung anknüpfen will, die durch den Umzug in die nächste Wohnung meiner Kindheit und vor allem durch den einige Monate danach erlebten Auszug meiner Mutter unterbrochen wird. Danach ist sie bis auf eine Begegnung mit sehr seltsamen unangenehmen Folgen aus meiner Kindheit buchstäblich ausgelöscht.

„Stimmungen und Launen unterliegt er in hohem Maße“, schreibt die Lehrerin, die von der siebten bis zur zehnten Klasse meine Klassenleiterin ist, in eine Zeugnis-Beurteilung. Es ist bezeichnend, dass ich mich an diese Formulierung im Wortlaut erinnern kann, obwohl ich nach 1986 alle Zeugnisse zerreiße und verbrenne oder wegwerfe. Zum Glück ist eine Kopie des Reifezeugnisses in der sogenannten Kaderakte.

Die Stimmung scheint mir jedoch das Wesentliche. Stimmung im Sinne etwa von „anhaltendem Grundgefühl des Lebens, das im Hintergrund wirkt“. Wieder ein Sachverhalt, den ich nicht in für mein Empfinden hinreichender Genauigkeit in Worte zu fassen vermag. Möglicherweise handelt es sich um ein archetypisches Faktum im Sinne C. G. Jungs, das sich mit Worten nur gewissermaßen umkreisen und nie ganz treffen lässt. In diesem Kontext aber ist mein Bonmot nicht zynisch, sondern einfach zutreffend. Bis zum Wendepunkt ist mein Leben bestimmt von Erwartung von etwas, das ich gar nicht benennen kann. Danach frage ich mich immer wieder, wie ich es überhaupt schaffe, immer weiter zu leben. Ich will wohl insgeheim dafür gelobt werden für mein Durchhalten, für meine Pflichterfüllung.

Aber diese Stimmungen lassen sich gleichfalls kaum in Worte fassen. Mit Bildern oder Musik ließen sie sich vielleicht besser zu einem wie auch immer geartetem Empfänger transportieren. Das fühle ich bereits als Kind, ohne das natürlich aussprechen zu können oder zu wollen. Es gibt immer wieder Momente, die geradezu schmerzhaft intensiv sind, gewissermaßen voller Leuchtkraft, so dass ich sie gern halten möchte. Schließlich geht immer wieder die Frage in mir um, ob die hier angedeuteten seelischen Abläufe vielleicht wichtiger wären als beispielsweise die Höhe des monatlichen Einkommens usw. Zu dieser Frage erscheint einige Jahre nach der Jahrtausendwende ein Buch, Interviews mit Sterbenden enthaltend, das zum Bestseller wird.

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