Flat Jumper Ron

Selbstverständlich bin ich nicht überrascht, als ich nach dem Öffnen meiner Wohnungstür Schuhabdrücke auf den Dielen im Wohnzimmer entdecke. Es hätte mich eher überrascht, wäre dergleichen ausgeblieben. Es geht wieder los, die sind wieder zugange, die Budenzauberer.

Ich weiß, möglicherweise bezeichnenderweise, die Reihenfolge meiner in der Art abgebremster Fluchten vollzogenen Umzüge in Berlin nicht mehr. Diese Entdeckung der Schuhabdrücke mache ich in der kleinen Wohnung in der H.-Straße unweit des SEZ, in der ich für ein paar Monate lebe.

Die Wohnung erinnert mich an meine erste, die Prenzlauerberghütte, weil sie einen in großen Teilen identischen Grundriss hat. Es fehlt nur der lange Korridor, neben dem in der Prenzlauerberghütte die winzige Nachbarwohnung ist. Stattdessen ist von der gleichfalls geräumigen Küche hier ein schmaler Schlauch abgetrennt, an dessen Ende auf einer Art niedrigem Podest und vor einem kleinem Fenster ein Klo steht, so dass ich mich immerhin nicht auf halber Treppe erleichtern muss. Es gibt, wenn ich mich recht entsinne, auch hier auf halber Treppe die typischen Klo-Verschläge, die benutzt werden von den Mietern der kleinen Mittelwohnungen. Zudem hat mein Zimmer eine Gasheizung statt eines Ofens.

In dieser Wohnung bemühe ich mich nun fast gar nicht mehr um ihre Einrichtung oder gar Gestaltung. Ich habe nach etlichen Bemühungen darum einfach keinen Bock mehr. Ich stelle einen großen Kleiderschrank hinein, den ich als Schrank für alles benutze, und dahinter eine Klappliege; von der Tür aus gesehen davor, weil ich mich aus dem Haus gegenüber beobachtet fühle. Das ist im Wesentlichen mein Mobiliar. In der Küche stehen noch ein großer Tisch und wohl auch Stühle des Vormieters. Es gibt einen kleinen Balkon, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich hier richtig erinnere. Ich habe abgeschalten, was meine Wohnbedingungen angeht und bin mir dessen nicht recht bewusst.

Sozusagen sicherheitshalber, und obwohl ich mir leicht dämlich dabei vorkomme, probiere ich aus, ob die wenigen Paar Schuhe, die ich habe, zu den Abdrücken passen, was natürlich nicht der Fall ist. Die Schuhabdrücke sind deutlich kleiner als die Sohlen meiner Schuhe. Vielleicht waren Kinder in meiner Wohnung.

Das ist erst der Anfang, was mich gleichfalls nicht überrascht. Natürlich zieht wenige Wochen nach meinem Einzug ein aus der Haft Entlassener in die Mittelwohnung der Etage, und natürlich gibt es sofort Horrido und Remmidemmi und Rabatz. Die Wohnung entspricht der Mittelwohnung neben meiner Prenzlauerberghütte. Sie besteht nur aus einem sehr kleinem Flur von etwa 4,5 qm Grundfläche und dahinter einem kleinem Zimmer.

Der Mann hält Ansprachen, er donnert und wütet und wettert lautstark gegen Abwesende, wenn er allein in der Wohnung ist. Seine Vulgärrhetorik ist jedoch vor allem deshalb makaber, weil die Schimpftiraden sich nach den Schreiattacken der „Redner“ im Regime mit kotfarbener Fassade anhören.

Das ist eine Prüfung! Ich soll dem jungem Mann helfen, wieder Fuss zu fassen, ihn aus dem verhängnisvollem Kreislauf heraus helfen, in den er schon wenige Tage nach seiner Entlassung neuerlich zu geraten droht. Ich habe über dergleichen gelesen, beispielsweise bei Schukschin, und nun soll ich aus meinem ewigem Theoretisieren zum praktischem Handeln übergehen. Zudem wiederholt sich die Geschichte mit dem Nachbarn in der winzigen Wohnung neben dem Flur meiner Prenzlauerberghütte, den ich in der U-Haft und im Maßregelvollzug besuche, weil ich das für meine Pflicht halte.

Bestärkt werde ich in meiner Wahrnehmung durch die Reaktion des jungen Mannes in der Wohnung gegenüber. Dort wohnt ein junges Pärchen. Die Frau erinnert mich äußerlich an Mascha Kalekó, der junge Mann nicht nur äußerlich an den Vormieter der Prenzlauerberghütte, nach dessen Auszug ich in der Wohnung verbleibe. Es scheint sich in der Tat ein Kreis zu schließen.

Der Mann erscheint als die Verkörperung eines ruhigen Bürgers, keineswegs im abwertendem Sinne. Es muss daher umso mehr auffallen, dass ihm irgendwann der Kragen platzt. Er donnert den Typen in der Mittelwohnung mehrfach zusammen, als der nachts volltrunken in seine Wohnung poltert und mit seinen „Ansprachen“ beginnt. Der Erfolg ist nur mäßig, denn nach einer Viertelstunde Ruhe geht das Gebrüll neuerlich los.

Den haben die in der Mangel! Der wehrt sich wie ich gegen den Budenzauber, der „hört Stimmen“ wie ich! Das ist alles kein Zufall, das ist alles inszeniert!

Ich weiß, welche Rückmeldung ich bekommen würde nach dem Versuch, etwa einem Psychiater diese Geschichte zu erzählen. Es handele sich, würde dieser erklären, bei meinem Empfinden des Gemachtwerdens von Realität um ein typisches psychotisches Symptom und es wäre die Gabe von hochwertigen Neuroleptika angezeigt. Ich habe jedoch bereits alle Bemühungen eingestellt, mich um professionelle Begleitung zu bemühen. Ich wurschtele mich irgendwie durch.

Das Faszinierende über meine Person hinaus scheint mir damals schon, dass ich trotz nach gewissermaßen offizieller Lesart manifest psychotischer Symptomatik für Otto Normalverbraucher in keiner Weise behandlungsbedürftig erscheine. Ich erfülle meine Pflicht, indem ich einer regelmäßigen Tätigkeit nachgehe und bin ansonsten so gut wie unsichtbar.

Eines Abends rekelt sich eine dicke, ungepflegte und sehr unangenehm riechende Frau vor meiner Tür, die voll breit erklärt, sie wolle meinen Nachbarn in der Mittelwohnung besuchen. Dann schnorrt sie mich um eine Zigarette an.

Was mich in solchen Situationen sprachlos hilflos macht, sind die unausgesprochenen Forderungen, die ich unzählige Male beim angemacht Werden von derartigen Marginalpersonen sozusagen hinter und zwischen den Worten wahrnehme. Diese Menschen scheinen intuitiv zu spüren, dass ich, milde formuliert, Probleme mit Abgrenzung habe. Mir beginnt zu dieser Zeit klarzuwerden, dass meine Form der Abgrenzung die Isolation zu sein scheint. Sie wenden sich dementsprechend zielsicher an mich. Nach der Wende erlebe ich das -zig Male bei Bettlern.

Es ist aber, als wollten die Betreffenden sagen: „Hier bin ich, jetzt bietet mir was!“, „Ich will sofort geliebt werden, sonst mache ich nicht mit!“ und „Die Welt hat etwas an mir gut zu machen, es ist viel zu viel offen und unerledigt in meinem Leben!“ Sie entwickeln eine scheinbare oder tatsächliche Selbstsicherheit, von der ich gern ein bisschen hätte.

Etliche Jahre später, als ich mich mit den Texten Prof. Günter Ammons auseinandersetze, scheint mir, dass diese unausgesprochenen Erwartungen und Forderungen keineswegs unangemessen sein könnten, weil tatsächlich zu viel unerledigt geblieben ist in der psychischen Entwicklung dieser Menschen am Rande der Gesellschaft. Diese Leute scheinen im Sinne Dr. Daniel Casriels emotionale Kinder in Erwachsenenkörpern. Wieder einmal kommt mir der Gedanke, dass diese inneren Bedingungen diese Menschen zur Unterschicht werden lassen, und weniger die Tatsache, dass sie nur geringe materielle Mittel zur Verfügung haben usw. Ich äußere den Gedanken nirgends, weil er mir verrückt vorkommt.

Dass und inwiefern dies alles auch auf mich zutrifft, ist mir durchaus klar, nützt mir aber, natürlich, nichts, weil ich, wie immer, theoretisiere. Daher die latente Forderung der Budenzauberer nach praktischem Handeln durch den Aufforderungscharakter der Auftritte meines tobenden Nachbarn.

Jetzt werde ich doch ein bisschen sozial auffällig. Ich habe im Kellergang einen Wurf Katzen gefunden, dem offenbar die Mutter verloren gegangen ist. Ich bringe die Kätzchen, vier oder fünf Tiere, in meine Wohnung und bemühe mich, so gut es geht, sie aufzupäppeln.

Es geht aber nicht gut, weil sie im Wohnzimmer die Dielen vollpinkeln; es stinkt heftig in meinen Denk- und Darbestübchen. Ein Handwerker erscheint, der derart lebenserfahren ist, dass er zu merken scheint, was bei mir abgeht. Er belässt es bei Reaktionen wie Kopfschütteln und halblautem Murren und schleift die Dielen ab.

Wieder versagt – wieder nicht bestanden! Ich mache mich auf die Suche nach der nächsten Wohnung.

***

Eines Morgens, etwa gegen halb neun Uhr, werde ich davon wach, dass jemand meine Wohnungstür aufzubrechen versucht. Dies geschieht in der D.-Straße, ich wohne Parterre links im Seitenflügel. Allerdings ist der Hof nur zur Hälfte mit Beton versiegelt, dahinter wächst auf einer Art Hochbeet saftiges Gras. Vor allem geht die Bebauung nicht nach hinten raus weiter, wie in Prenzlauer Berg und Friedrichshain geradezu üblich. Vielmehr endet der Hof an einer parallel zur nördlichen Außenwand des Seitenflügels verlaufenden Mauer, hinter der sich seit Jahrzehnten ein großer Schulgarten befindet.

Ich bin Zeitungszusteller und gehe morgens gegen acht Uhr zu Bett. Ich muss, je nach Stützpunkt bzw. Ablage, von denen aus ich zustelle, zwischen ein und zwei Uhr anfangen, um bis zum Zustellschluss mit der Arbeit fertig zu sein. Ich mache diese Arbeit als Hauptjob, indem ich so viele Zeitungen zustelle, dass ich im Schnitt etwa 1100 DM netto verdiene, bei Mieten unter 200 DM. Ich muss demnach quasi im Dauerlauf zustellen und gehe abends kaum schlafen oder döse nur ein paar Stunden vor mich hin, auch hier bereits mit Ohropax in den Ohren, damit ich besser lauschen kann.

Dieser Job hat unter anderem zur Folge, dass mich eine Ärztin nach der Erstellung eines Belastungs-EKGs trotz meines starken Rauchens allen Ernstes fragt, ob ich Leistungssportler wäre. Sie lacht verblüfft auf und hält es natürlich für einen Joke, als ich allen Ernstes verneine und erkläre, ich hätte vielmehr einige Jahre lang als Zeitungszusteller gearbeitet.

Als ich die Wohnungstür erreicht habe, ist der Täter verschwunden. Die Tür wackelt ein bisschen und eine etwa daumenbreite und ca. 20 Zentimeter lange Schramme erstreckt sich bis zur Unterkante der Tür. Diese Spuren eines Einbruchsversuches sind eindeutig nicht „phantasiert“ oder „halluziniert“, sie werden auch von Außenstehenden bemerkt. Auch dieses Erlebnis beunruhigt mich unangemessen wenig. Es musste so kommen, es geht gar nicht anders! Das sind „die“, die Budenzauberer, die „bearbeiten“ mich.

Aus dieser Wohnung ziehe ich nicht freiwillig aus, sondern per Räumungsklage. Einige Wochen zuvor misst eine Mitarbeiterin des technischen Dienstes der Wohnungsbaugesellschaft die Luftfeuchtigkeit und deutet leicht konsterniert an, dass diese Wohnung gar nicht vermietbar wäre. Auch damit wiederholt sich etwas. Ich weiß den genauen Wert nicht mehr, es sind wohl 70%.

Ein Problem besteht in dem Schulgarten hinter der Nordwand. Bis in die Höhe von etwa einem Meter drückt hinter der langen Wand meines Wohnzimmers seit Jahrzehnten feuchte, fruchtbare Erde an die nie sanierten Mauern. Nach dem Hinweis der Mitarbeiterin rücke ich meinen großen Schrank von der Wand ab und stelle fest, dass seine Rückwand grün von Schimmel ist. Ich muss das Möbelstück entsorgen.

Jetzt mache ich den Fehler, die Miete nicht, wie es rechtlich abgesichert möglich ist, auf ein Sperrkonto zu überweisen, um zu zeigen, dass ich zahlungsfähig bin, aber Sanierungsmaßnahmen oder die Zuweisung einer gleichwertigen Wohnung erwarte. Vielmehr zahle ich mehrmals gar nicht und erhalte schließlich die Räumungsklage.

Gleichzeitig jedoch, denn offenbar hat man den Hintergrund des Geschehens wahrgenommen, wird mir eine Wohnung aus dem sogenannten Sozialkontingent zugewiesen. Dieses Kontingent beinhaltet Wohnungen in zur Sanierung, zum Verkauf oder zu beidem vorgesehenem Häusern. Man versichert mir jedoch, dass es noch einige Monate dauern dürfte, bis diese geplanten Maßnahmen greifen würden.

***

Bereits in der ersten Nacht in der neuen Wohnung hackt es. Sie befindet sich auf der rechten Seite der ersten Etage des linken Seitenflügels eines Gründerzeitblocks und nachts huschen die Lichter der Warnleuchten am Fernsehturm in regelmäßigen Abständen blitzlichtartig durch mein Zimmer. Ich lege mich kurz vor Mitternacht hin und augenblicklich beginnt ein offenbar älterer Mann in der Wohnung über mir aus Leibeskräften zu heulen und zu schreien wie ein Wolf. Das erinnert mich an meinen zweiten Therapieversuch in einem psychiatrischem Krankenhaus, in dem in einer der geschlossenen Abteilungen ein Patient regelmäßig den Mond anheult, was ich im Gegensatz zu etlichen Klienten nicht witzig finde.

Ich liege fast die ganze Nacht wach, d. h., stundenlang sitze ich stocksteif auf meiner Lagerstatt und spüre deutlich, dass im metaphorischem Sinne eine Falle zuschnappt. Der berühmt-berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist gefallen. Ich bin nach diesem vergleichsweise banalem und gar nicht wirklich bedrohlichem Erlebnis ernsthaft überzeugt, dass Leute mit speziellen Fähigkeiten der Vernetzung zugange sind, um mich fertig zu machen.

Daran ändern auch die am nächsten Tag unabhängig voneinander erfolgenden Auskünfte der älteren Frau im dritten Obergeschoß und des Medizinstudenten im Dachgeschoss nichts. Beide versichern, dass ich diese im mehrfachem Sinne tierischen Laute nicht ernst nehmen müsse. Der alte Mann wäre psychotisch und deswegen in Betreuung und würde jetzt wohl wieder für einige Zeit stationär behandelt werden. Was mich allerdings aufmerken lässt, ist die von beiden Mietern nebenher gemachte Anmerkung, er würde immer derart reagieren, wenn sich in seiner unmittelbaren Umgebung auch nur in Details etwas ändern würde. Das verstehe ich sehr gut. Trotzdem habe ich Schuldgefühle.

Das Alptraumhafte in meinen Prüfungsträumen, das weniger in grausigen Details besteht wie etwa gelegentlich geträumten toten Babies in Waschbecken, sondern im Atmosphärischem, verstärkt sich extrem. Allein der Aufenthalt in dieser Wohnung erhält jetzt etwas Kafkaesk-Unwirkliches. Was ihn einigermaßen erträglich macht, ist die Anwesenheit meines nasebeißenden Katers. Alle meine Kater heißen Ramses. Das geht auf die Benennung meines ersten Katers durch meinen Vater in meiner Vorschulkindheit zurück. Der hat dabei wieder diesen magisch-mystischen Unterton in der Stimme, der auf tiefe Zusammenhänge verweist, die ich ohnehin nie verstehen können werde. Dabei weiß ich sehr wohl, dass „Ramses“ ein Pharaonenname ist.

Dieser Kater jedoch hat die Angewohnheit, mir behutsam, aber nachdrücklich in die Nase zu beißen, wenn ich auf der Liege auf dem Rücken ruhe und die Decke bis unter die Nase gezogen habe, um depressiv zu pseudophilosophieren. Es geht ihm dabei zumeist um den aus seiner Sicht mangelhaften Füllstand seiner Näpfe. Daher ist sein Zuname „Nasebeiß“.

In dieser im mehrfachem Sinne prekären Situation beginne ich eine Behandlung bei einem Psychoanalytiker im ehemaligem Westberlin. Der Mann ist blind, und es könnte paradoxe Intervention sein, dass ein Mensch mit dem mindestens neurotischem Selbstbild eines Unsichtbaren einen blinden Analytiker wählt. Das Thema wird jedoch in den folgenden Jahren meiner stationären und ambulanten Therapieversuche nicht bearbeitet, obwohl ich es anzusprechen versuche.

Der angekündigte Verkauf des Wohngebäudes aus der Gründerzeit bahnt sich an, zu dem der Seitenflügel mit meiner Wohnung gehört und das zumindest im Vorderhaus repräsentativ, wenn nicht gar prächtig anmutet. Es erscheint ein Rechtsanwalt des am Kauf der Immobilie interessierten Unternehmens mit Sitz am Kudamm, der versichert, bereits über 300 Mietern erfolgreich angemessenen Wohnraum vermittelt zu haben.

Es gäbe jetzt nämlich drei Möglichkeiten für mich, deutet der Anwalt an. Erstens könne ich während der Sanierungsarbeiten in der Wohnung verbleiben, wovon er aber abraten würde, weil man dabei leicht einen Knacks weg bekommen könne. Der Mann ahnt nicht, und kann nicht ahnen, dass ich den Knacks bereits habe. Zweitens könne ich bis zum Abschluss der Bauarbeiten in eine Ausweichwohnung ziehen, die jedoch nicht dem Standard meiner jetzigen Wohnung entsprechen müsse. Das wäre aber in meinem Fall nicht weiter tragisch, erklärt der Anwalt, und ich muss ihm zustimmen, weil meine Wohnung ohnehin einfach ausgestattet ist. Mein Zimmer, am Ende eines typisch langen und schmalen Flurs, hat eine Grundfläche von etwa 20 Quadratmeter. Davor ist die kleine Küche, ausgefüllt mit Duschkabine, dem Schränkchen mit dem Spülbecken sowie einem vierflammigen Gasherd mit Backofen. Vor der Küche ist die Kammer mit dem WC. Schließlich drittens könne ich eine der meinen gleichwertige Wohnung zugewiesen bekommen und in dieser dauerhaft verbleiben.

Nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass der Mann bei seiner Vorstellung keineswegs übertrieben hat. Er ist offenbar voll auf Trab und bemüht sich selbst für wenig lukrative Klienten wie mich um gute Lösungen. Er erscheint in wenigen Tagen allein bei mir mehrmals und ich treffe ihn aber auch des Öfteren, wenn er zu anderen Mietern des Hauses unterwegs ist oder von ihnen kommt. Vor allem scheint sein ansteckender Enthusiasmus keine sozusagen Marketingmaßnahme, sondern ist echt. Mir kommt der Gedanke, den ich durch Beobachtungen und Erlebnisse in den folgenden Jahren mehrfach bestätigt finde, dass die Kapitalisten offenbar zuweilen ein Gebaren entwickeln, das dem „realem Sozialismus“ eventuell ermöglicht hätte, zum realen Sozialismus zu werden.

Jetzt aber drehe ich am Rad. Ich sehe mir eine der Wohnungen an, für die ich einen dauerhaften Mietvertrag erhalten kann. Nach einigen Besuchen sind der Anwalt und ich uns einig, dass wir die dritte Variante des Umzugs zu realisieren versuchen. Das Haus, wiederum ein Gründerzeitblock, steht in einer meiner heimlichen Traumgegenden in Berlin, unweit des Teutoburger Platzes. Jedoch ist es bereits vollständig saniert, vom Dachfirst bis zum Kellerfußboden – aber wie! Das Haus ist über lange Zeit, für Mitte und Prenzlauer Berg typisch, ein verfallendes Gemäuer. Jetzt erstrahlt es einerseits außen in höherem Glanz als nach seiner Errichtung und ist andererseits in den Wohnungen mit größtem Komfort ausgestattet. Ich muss mir etwa erklären lassen, wie die Lichtschalter oder die Mischbatterien funktionieren, weil ich sie ohne Erklärungen nicht hätte bedienen können.

Mit anderen Worten sollte, ja, müsste ich völlig von der Rolle sein. Mit einem Schlag können sich meine Wohnverhältnisse ohne mein Zutun enorm verbessern.

Ich entwickle jedoch Angst und Panik, wobei ich die Angst, wieder einmal, gar nicht wahrnehme. Zudem erlebe ich nun immer wieder mindestens seltsame Beinaheunfälle. Ich falle mehrfach fast Treppen hinunter, wobei mir der Gedanke an Oskarchen Matzerath nicht hilft, da ich die aus hunderten Träumen unwohl bekannte dumpf dräuende Stimmung latenter Bedrohung jetzt in dem Bereich erlebe, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre. Dann bin ich mir etliche Male sicher, mich hinreichend überzeugt zu haben, dass Straßen frei wären, um einige Sekunden später vor Autos mit quietschenden Bremsen und Reifen zum Stehen zu kommen. Schließlich „vergesse“ ich ausgerechnet bei der Fahrt zur analytischen Sitzung immer wieder, Fahrscheine zu entwerten, so dass sich Zahlungsaufforderungen der Berliner Verkehrsbetriebe häufen.

Mein Analytiker überredet mich, es mit Neuroleptika zu versuchen. Mir scheint beim Lesen der Packungsbeilage, dass es neben vielen Dutzend möglichen Nebenwirkungen eventuell auch erwünschte Wirkungen gibt. Ich lese etwa, dass es bei manchen Patienten beim Wasserlassen, insbesondere am Morgen, zum Kollaps kommen könne.

Selbstverständlich falle ich nach einigen Tagen der Medikamenteneinnahme am frühen Morgen nach dem Pinkeln um. Auf die Idee, im Sitzen die Stange Wasser abzustellen, komme ich nicht. Aber ich habe Glück, denn nach einigen Augenblicken vermag ich mich aufzurappeln und mich leicht benommen auf den Weg zum Zeitungsablagepunkt zu begeben. Wäre ich in dem kleinem Kabuff ungünstig gestürzt, hätte mich frühestens um sieben Uhr jemand vermisst, wenn ein Mitarbeiter festgestellt hätte, dass nach Zustellschluss meine Zeitungspakete unberührt am Ablagepunkt liegen.

Mein Analytiker lenkt ein, als ich vorschlage, die Smarties wieder abzusetzen. Er überweist mich schließlich zur stationären Behandlung in die Münchner Klinik Menterschwaige. Er beteuert, dass mir dort mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch ohne Medikation geholfen werden könne, und er agitiert mich geradezu zu diesem Schritt, indem er in leuchtenden Farben und mit einer Begeisterung, die ich bisher bei ihm nicht erlebt habe, ein Bild dieser Klinik malt. Da ich ähnliche Begeisterung bei einer Bekannten erlebe, die diese Klinik gut kennt, stimme ich zu. Ich bin vor allem erleichtert, dem paradoxem Gefühlschaos ausweichen zu können, das sich in mir nach dem überaus erfreulichem Wohnungsangebot entwickelt.

Beim Einzug in die Wohnung unweit vom Teute hätte ich nicht nur raus aus der Spur kommen müssen, sondern präsent, sichtbar, verbindlich werden. Ich hätte das Refugium meiner leicht dekadenten Hinterhofromantik aufgeben müssen und vor allem aber das Moratorium beenden. Natürlich ist mir das alles zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, oder nur gewissermaßen als Ahnung. Ich fühle mich später an einer Stelle in meiner Wahrnehmung bestätigt, an der ich das nie erwartet hätte, bei der Lektüre von „Herr Lehmann“. Kreuzberg verkörpert vor der Wende ein solches Moratorium, einen Leer- und Lehrraum sozusagen neben der Welt.

Denselben Analytiker, der mir ein Loblied auf die Klinik singt, finde ich einige Jahre später als erbitterten Gegner der Dynamischen Psychiatrie im Internet, wo er mit einer Wut gegen deren Einrichtungen angeht, die ich nicht nur nie bei ihm erlebt, sondern nicht für möglich gehalten habe.

Ich beginne, wie ein Jugendfreund von der traurigen Gestalt gegen diese heftigen Anwürfe zu fechten, allerdings vor allem aus einer unsinnigen Verliebtheit in eine Mitklientin heraus. Wenn man sich als Mann nachhaltig selbst zu kränken wünscht, verknalle man sich in eine Magersüchtige. Kaum jemand der Betroffenen nimmt meine Bemühungen wahr. Sie scheinen nicht zu verstehen und auch nicht verstehen zu wollen, dass das Internet mehr ist als nur eine neue Technik oder eine neue Technologie, sondern eine neue Art des als Mensch in der Welt Seins. Dies erscheint mir umso merkwürdiger, als sich im Internet viele Millionen Menschen in einer Art betätigen, die einem Grundgedanken der Dynamischen Psychiatrie entspricht, sich zeigen und gesehen werden.

Vor allem – es wiederholt sich etwas. Der Analytiker als sozusagen therapeutische Vaterfigur wiederholt die 180-Grad-Wende, die mein Vater in seiner zweiten Ehe vollzieht, indem er ohne jeglichen Erklärungsversuch alle die Regeln verrät, die er mir etwa zehn Jahre lang als nahezu eherne vermittelt. Auch diese Problematik wird in der Therapie nicht bearbeitet, obwohl ich auch sie anzusprechen versuche.

Nach einigen Monaten in der Klinik gebe ich den anhaltenden Empfehlungen mehrerer Therapeuten nach, indem ich meinen Job kündige und die Berliner Wohnung auflöse. Möglicherweise ist das ein schwerer Fehler. Meine Berliner Odyssee als Wohnungsirrer ist damit zwar beendet, aber die nächste lange Irrfahrt beginnt.