Finde s i e und Du bist gerettet. Oder: eigentlich „Sache erledigt“.

Das offenbar aus dem um- und ausgebauten Pferdestall der Erstbesitzer des Anwesens entstandene Männerhaus steht fast in der Mitte des Geländes, das einige Meter dahinter von einem ans Wasser führenden öffentlichen Weg durch einen Bretterzaun abgegrenzt wird. An dieser Stelle ist eine Art Nische, gebildet durch diesen Zaun, die Rückwand des Männerhauses und eine der Seitenwände der großen Baracke, in der unter anderem die Großgruppensitzungen stattfinden.

Dort befindet sich fast am Zaun ein Komposthaufen und die Erde ist lehmig und verströmt diesen besonders im Frühling und im Herbst wahrzunehmenden Geruch fruchtbaren Bodens. Diese Wahrnehmung löst auch hier das Empfinden von etwas Atmosphärischem aus, das ich nicht in für mich befriedigender Weise in Worte zu fassen vermag.

Eine unklare, aber starke Sehnsucht überkommt mich, die etwas mit dem beinahe altertümlich Dörflichem zu tun hat, das ich regelmäßig bei meinen Radtouren durch kleine Orte um meine Heimatstadt herum wahrgenommen habe. Mir wird nicht einmal ahnungsweise klar, dass ich ständig auf der Suche nach einem sicheren und bleibenden Zuhause bin.

Wäre ich mir dessen bewusst, d. h., würde ich den emotionalen Inhalt verbalisieren, müsste ich bemerken, wie unangebracht oder gar unsinnig diese Suche hier ist. Ich bin für sechs Wochen in dieser Klinik und nicht im Zauberberg des Großen Lübecker Wortsetzmeisters. Immerhin bemerke ich, dass hier mein Wunsch besonders ausgeprägt ist, Geschichten im Sinne belletristischer Texte in der Realität erleben zu können, und dass ich mich an einem Ort wähne, in der dieser Übergang von Dichtung und Wahrheit weitaus mehr möglich scheint als im normalen Alltag.

Den Höhepunkt dieser merkwürdigen und nicht nur nostalgischen Sehnsucht erlebe ich jedoch kurze Zeit später an einer der Alleen, die an dem Ortsteil mit dem Klinikgelände vorbeiführen. Dort sehe ich durch Kieferngruppen und über dünenartige Sandflächen auf die Müggelspree. Irgendwann kommt mir die Assoziation des Italienblicks in Nida auf der Kurischen Nehrung. Ich habe gar kurz den Gedanken, dass ich etwas von meinem aus Ostpreußen vertriebenen Vater übernommen haben oder gar für ihn austragen könnte.

Den Gedanken verdränge ich sofort. Das fällt mir nicht nur deshalb leicht, weil die Themen Vertreibung und Traumatisierung Tabus sind. Ich bin in einer Hochstimmung des inneren Aufbruchs und damit verbundener hoffnungsvoller Erwartung, in der ich kontraproduktiv für eine Therapie an der Oberfläche der Dinge bleibe.

Jahrzehnte nach meinem Aufenthalt in dieser Klinik finde ich im Internet die Information, dass der Gründer und Chefarzt dieser Klinik aus Pommern stammt; er ist ein Vertriebener. Ich bilde mir irgendwann sogar ein, dass das Rathaus seines Heimatortes deutliche Ähnlichkeiten mit dem altbürgerlich repräsentativen Hauptgebäude der kleinen Klinik hat. Selbstverständlich halte ich gerade diese Gedanken für an den Haaren herbei gezogen und äußere sie nicht einmal im Tagebuch.

Wenige Stunden nach meinem tragikomisch typischem Eintreffen in der Klinik sehe ich hinter diesem Zaun einen Mann vorbeigehen, der sich selbst für mein Empfinden auffällig unauffällig gebärdet. Er scheint sich gar nicht erst die Mühe machen zu wollen zu verbergen, dass er mich zu kennen, ja, vielleicht nach mir sehen zu wollen scheint. Ich habe den Mann noch nie gesehen. Möglicherweise hat er sich zu überzeugen versucht, dass ich dort angekommen wäre, wo ich hinfahren zu wollen vorgegeben habe. Der Vorwurf der Paranoia ist auch hier deshalb unsinnig, weil ich zu dieser Zeit als nützlicher Idiot Geschichten über systematische Überwachung der eigenen Staatsbürger und insbesondere ihrer Wohnungen sowie das Abhören ihrer Telefone für wirre Schauermärchen halte.

Dr. R. bittet meinen Mitklienten mit dem altenglisch kariertem Sakko, mich ins Männerhaus zu begleiten, damit ich meine Tasche abstellen und er offiziell mit der stationären Therapie beginnen könne.

Auf dem Weg dorthin sehe ich vor der Holzbaracke einige Klienten um eine große Kreissäge herum stehen und diskutieren. Es handelt sich offenbar um die älteste der drei Gruppen, d. h., um die in der fünften und sechsten Woche an einem gemeinsamen Projekt arbeitende Gruppe. Diese Projekte sind meist aus geschälten Halbstämmen gefertigte und in Kinderkrippen, Kindergärten und Kinderheimen Berlins sehr begehrte Spielplatzobjekte wie Klettergerüste oder „Piratenschiffe“ und „Goldgräber-Hütten“.

Die Gruppe wirkt auf mich gereift und fortgeschritten. Diese Wahrnehmung werte ich vorsichtshalber insgeheim sofort ab. Aber in der Tat sind die Mitglieder dieser Gruppe schon seit einem Monat in dieser stationären Abteilung und haben daher möglicherweise einen Stand der Gruppendynamik erreicht, den ich in meiner eben mit der Arbeit beginnenden Gruppe bestenfalls ahnungsweise begreifen kann. Ich misstraue dieser Wahrnehmung jedoch, weil ich fürchte, dass sie sich aus meinen Wunschvorstellungen über mein umgekrempelt Werden und völliges Anderswerden durch Therapie ergeben könnte.

Eine junge Frau fällt mir sofort auf. Sie hat ein helles, lautes, in meinen Ohren jubilierendes Lachen, das nicht von Erheiterung ausgelöst scheint, sondern einfach nur ungestümer Ausdruck jugendlicher Lebensfreude. Neuerlich glaube ich in nicht nur von mir als sentimental oder gar kitschig empfundenen Redewendungen diesen berühmten wahren Kern wahrnehmen zu müssen. Diese Wahrnehmung ist mir peinlich, obwohl sie natürlich niemand bemerkt. Etwas tief in mir wird durch dieses Lachen berührt, in Schwingung versetzt oder dergleichen. Mich überwältigt geradezu stürmische Erwartung von Aufschwung, Erfüllung und Glück.

Das Mädchen trägt offenbar als Arbeitsschutz an der Kreissäge ein großes Kopftuch aus dickem grünen Stoff mit kleinen bunten Blüten. Dieses Tuch lässt mich seltsamerweise an Trümmerfrauen denken. Jedenfalls ist es ein Oma-Tuch, das auch deshalb nicht zu dem Mädchen passt, weil ihr Gesicht Züge des Kindchenschemas aufweist. Unter dem Kopftuch lugt auf jeder Seite in etwa zwei Finger breiten Strähnen dickes, goldrotes, in der Sonne leuchtendes Haar hervor.

Einige Stunden später treffe ich das Mädchen in der Mittagspause auf dem Volleyballplatz neben dem zum Wasser führenden Weg am Haupthaus wieder. Alle Patienten sind aufgefordert, sich in der von sechs Uhr morgens bis etwa elf Uhr abends einzigen freien Zeit nach dem Mittagessen an leichten sportlichen Übungen zu versuchen. Die meisten spielen Tischtennis, Federball oder Volleyball.

Einmal versuche ich, mich nach dem Mittagessen in meinem Zimmer ein bisschen hinzulegen. Nach wenigen Augenblicken werde ich von einer Gruppenbegleiterin aufgescheucht, die mir droht, den Fall in die Großgruppe zu bringen, wenn ich nicht sofort an einem der Ballspiele teilnehmen würde. Ich versuche nie wieder, in dieser einzigen Pause des Tages zu ruhen.

Ich halte es für wahrscheinlich, dass mein augenblickliches Einlenken ohne jedes Murren und Diskutieren als Ausdruck von Duckmäusertum und Untertanengeist gesehen werden könnte. Jedenfalls fühle ich mich in derartigen Situationen immer wieder von irgendwoher aufgefordert, Widerstand zu leisten, den Rebellen zu geben usw. Natürlich ist mir klar, dass Rebellieren in derartigen banalen Situationen pubertär und daher leicht lächerlich erscheinen dürfte. Ich vermeide es jedoch immer wieder, darüber nachzudenken, wer dieses Aufbegehren und Rabatz machen von mir erwarten könnte.

Zudem identifiziere ich mich neuerlich mit Autoritäten, in diesem Fall Therapeuten. Mir scheint, dass dieses Ruheverbot beabsichtigt ist, weil es sozusagen Ausweichen aus der Therapiesituation nach innen verhindern soll. Ich bin wie häufig bei solchen kleinen Erkenntnissen ein bisschen stolz auf sie und bemerke nicht, dass sie nie erlebbar und wirksam werden. Es ist alles geheim.

Diese zweite Begegnung mit dem Mädchen am Volleyballplatz ist im doppelten Sinne kindlich. Einmal im Sinne kindlichen Spiels und dann im Sinne einer in Therapien durchaus erwünschten Regression, durch die ganz Altes sichtbar und bearbeitbar werden kann. Auch das weiß ich aus meiner theoretisierenden Lektüre und bin insgeheim ein bisschen stolz darauf, obwohl mir halbwegs klar ist, dass es mir praktisch nichts nützt.

Der Ball rollt vom Volleyballfeld und ich rolle ihn sofort vorsichtig zu ihr zurück. Das überrascht mich selbst, weil ich bereits einen leichten Schreck bekomme, als ich sie dort stehen sehe. Ich bemerke, dass sie leicht hinkt. Das stört mich jedoch nicht. Ich finde es gar rührend mädchenhaft-hilfsbedürftig und schäme mich augenblicklich für dieses Empfinden. Der Gedanke an Rosa Luxemburg kommt mir erst sehr viel später und natürlich werte ich gerade ihn sofort ab. Das Mädchen lächelt und macht eine Bemerkung, die ich ebenfalls erst Jahre später begreife und deren eigentlichen Inhalt ich bezeichnenderweise schnell vergesse.

Eigentlich jedoch drückt sie zwischen oder hinter den Worten aus, dass sie erheitert wäre über mich ein bisschen komischen im doppelten Sinne abseits Stehenden und dass sie mich gern im doppelten Sinne herein holen wolle. Eine kindliche Szene halt; „Spiel doch mit!“ Ich bin jedoch wie mit Tunnelblick augenblicklich auf sie fixiert. Es scheint mir eindeutig klar, dass Sie mich meint und nur mich. Ich bin mir unsinnig sicher, dass sie bei keinem anderem jungen Mann derart reagieren würde. Vor allem aber bin ich überzeugt, dass es gegenseitig ist und dass sie mich deshalb auf sich aufmerksam macht. Es findet nun das Wunder statt, dass ich immer wieder und überall unbewusst, aber selbstverständlich erwarte.

Allerdings erscheint sie jetzt auf geradezu unwirkliche Weise verändert. Sie trägt kein Kopftuch mehr und die Haare offen. So was habe ich noch nicht gesehen. Ihre dicken und schweren goldroten Haare verdecken in der Art eines gepolsterten Umhangs nicht nur Kopf und Schultern, sondern den größten Teil ihres Körpers bis unter das Gesäß. Natürlich bemerke ich auch den kleinen, runden Po, zumal die junge Frau dieses gewisse Androgyne hat. Das würde Männer kirre machen, wie Männer erklären, die sich mit so was auszukennen für mich überzeugend vorgeben. Aber der Anblick dieser goldroten Haar-Flut wirkt derart traumhaft-irreal, dass ich fast in blödes Gaffen verfalle. Das Mädchen hat jedoch offensichtlich nicht nur für mich etwas Elfenhaftes und Koboldartiges. Für einen Moment scheint märchenhaft Anderweltliches in den prosaischen Alltag eingeschleust.

Kurzum – es erwischt mich voll. Zwar wird mir die Wahrnehmung des Ausagierens durch Pärchenbildung erst in der dritten von mir aufgesuchten therapeutischen Gemeinschaft zumindest zu vermitteln versucht, aber ich könnte jetzt oder sollte gar meine Sachen packen und nach Hause fahren. Die Therapie ist im Grunde beendet, bevor sie wirklich anfängt.

Andererseits habe ich in einem der durchgearbeiteten Fachbücher eine Formulierung gefunden, die mich fasziniert lange vor dem Zeitpunkt, zu dem ich sie in der Praxis als zutreffend erlebe. Es heißt dort sinngemäß, Pärchen-Bildung insbesondere in therapeutischen Gruppen wäre Ausdruck hoffnungsfroher Erwartung vor allem in der Heilungsphase der Gruppenentwicklung. Mein Festhängen in ambivalenten oder sich gar ausschließenden Gefühlen und Gedanken ist jedoch unabhängig von meiner Unfähigkeit zu seiner Verbalisierung nichts Neues für mich. Zudem bin ich weit entfernt davon, mich in der Heilungsphase der Therapie zu befinden.

Des Weiteren oder vor allem will ich nicht und kann ich vielleicht nicht wahrnehmen, dass dieses Mädchen für etwas steht. Auch diese beinahe einen Textbaustein darstellende Formulierung erlebe ich erst über ein Dutzend Jahre später und in einer anderen Lebenswelt im übernächsten Therapieversuch. Dennoch empfinde ich ihren Inhalt als zutreffend auch oder erst recht in meinen ersten Stunden in Hirschgarten.

Das Mädchen stellt nicht nur für mich gewissermaßen die Personifizierung von Kindlichkeit im positivem Sinne dar. Sie ist für mich eine im Wortsinn Verkörperung von Phantasie und Schöpfertum, von Spinnen und Dichten und Spielen. Später fällt mir dazu C. G. Jungs Konstrukt der „Anima“ ein. Sie steht in gewissem Sinn und Maß für ein anderes Leben, ein vor allem von Lebensfreude erfülltes. Dass da was fehlt, ist mir meist nicht bewusst, eigentlich erst in diesen märchenhaft unwirklichen Momenten der Abweichung vom Normalen. Ich muss jedoch an meine Stiefmutter denken, die in unregelmäßigen Abständen empört wiederholt, der würde sich über gar nichts mehr freuen.

Zudem flüchte ich vor dem Kontakt mit der rothaarigen Vollfrau in meiner Gruppe, die mir vom Anfang an zu zeigen versucht, dass sie sehr an mir interessiert ist. Aber die ist zu nahe dran. Das ist mir selbstredend erst recht nicht bewusst.

Schließlich bemerke ich nicht, dass mich das Mädchen an meine frühe Kindheit erinnert. Hier wirkt in der Tat und buchstäblich augenfällig diese Regression in der künstlichen Situation des therapeutischen Feldes. In meiner Vorschulzeit bin ich immer wieder wütend, weil Erwachsene mich immer wieder mit meiner vermeintlichen kleinen Freundin aufziehen.

Diese Kindheitsgespielin vom Hof verblüfft und ängstigt mich dadurch, dass sie sich im übertragenen, emotionalen Sinne nicht von mir weg knallen lässt. Das gelingt mir fast immer bei Kindern und Erwachsenen, die mir nach meinem Empfinden und nach der Formulierung meines Vaters auf die Pelle rücken. Dieses auf die Pelle rücken könnte jedoch in Wahrheit häufig nur der Versuch gewesen sein, Kontakt zu mir zu finden. Bereits ein solcher Versuch ist mir zu viel.

Diese meine angebliche Freundin lässt sich nicht abschrecken. Sie bemüht sich immer wieder um Kontakt zu mir und bleibt dabei freundlich und zugewandt. Dies jedoch nicht, weil sie ein bisschen doof wäre. Vielmehr ruht sie in sich in einer Art und Intensität, die mir Angst macht, was ich nicht wahrhaben will.

Sie hat dicke rote Locken, die ihren Kopf wie ein Astronautenhelm umgeben und schon von weitem derart leuchten, dass selbst immer wieder weg Getretene wie ich aufmerksam werden müssen.

Dieses Mädchen aus meiner Vorschulzeit habe ich zur Zeit meines Landeversuchs in Hirschgarten jedoch vergessen bzw. „vergessen“. Dieses Vergessen erscheint mir schließlich als ein besonders deutlicher Ausdruck dafür, dass die ersten zehn Jahren meiner Kindheit bis zum abrupten Verschwinden meiner Mutter lange Zeit wie weg geschlossen sind. Dabei treffe ich das Mädchen aus meiner Vorschulzeit in meiner Abiturklasse im zweitem Halbjahr der Zehnten wieder. Das scheint mir eher tragisch als tragikomisch. Wieder einmal ist ein Grundmotiv angeschlagen. Ich bin ein Monstrum.

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