Finde s i e und Du bist gerettet. Oder: eigentlich „Sache erledigt“…

Dr. R. bittet meinen Mitklienten mit dem altenglisch kariertem Sakko, mich ins Männerhaus zu begleiten, damit ich meine Tasche abstellen könne. Das Männerhaus, offenbar der um- und ausgebaute Pferdestall der ehemals herrschaftlichen Erstbesitzer des Anwesens, steht an der südwestlichen Ecke des Geländes, das einige Meter dahinter von einem ans Wasser führendem öffentlichem Weg durch einen Bretterzaun abgegrenzt wird.

Auf dem Weg dorthin sehe ich fast genau in der Mitte des Geländes einige Klienten um eine große Kreissäge herum stehen und angeregt diskutieren. Es handelt sich offenbar um die älteste der drei Gruppen, d. h., um die in der fünften und sechsten Woche an einem gemeinsamen Projekt arbeitende Gruppe. Diese Projekte sind häufig aus geschälten Halbstämmen hergestellte und in Kinderkrippen, -gärten und -heimen Berlins sehr begehrte Spielplatzobjekte wie „Piratenschiffe“, „Goldgräber-Hütten“ oder Klettergerüste.

Eine junge Frau fällt mir sofort auf. Sie hat ein helles, lautes, in meinen Ohren jubilierendes Lachen, das nicht von Erheiterung ausgelöst scheint, sondern einfach nur ungestümer Ausdruck jugendlicher Lebensfreude ist. Es ist mir peinlich, obwohl das natürlich niemand bemerkt, dass ich neuerlich in nicht nur von mir als sentimental oder gar kitschig empfundenen Redewendungen diesen berühmten wahren Kern wahrnehmen muss. Hier trifft das zu auf mein Empfinden, etwas in mir wäre durch dieses Lachen berührt worden, in Schwingung versetzt oder dergleichen. Mit einem Mal überkommt mich die geradezu stürmische Erwartung von glücklicher Erfüllung, mit der ich zumindest bewusst nicht im Geringstem gerechnet habe.

Das Mädchen trägt ein großes Kopftuch aus grünem, mit kleinen Blüten verziertem dickem Stoff, das mich seltsamerweise an Trümmerfrauen denken lässt. Jedenfalls ist es ein Oma-Tuch, das auch deshalb nicht zu dem Mädchen passt, weil ihr Gesicht Züge dieses Kindchenschemas aufweist. Unter dem Kopftuch lugt auf jeder Seite in etwa zwei Finger breiten Strähnen dickes, goldrotes, in der Sonne leuchtendes Haar hervor.

Einige Stunden später, in der Mittagspause, treffe ich das Mädchen wieder, als es sich über den Volleyballplatz neben dem zum Wasser führendem Weg am Haupthaus bewegt. Sie trägt jetzt kein Kopftuch und die Haare offen. So was habe ich bisher noch nicht gesehen. Ihre goldroten Haare verdecken in der Art eines dick gepolsterten Ponchos nicht nur Kopf und Schultern, sondern den größten Teil ihres Körpers bis unter das Gesäß. Natürlich bemerke ich auch den kleinen, runden Po, zumal die junge Frau dieses gewisse Androgyne hat. Das würde Männer kirre machen, wie Männer erklären, die sich mit so was auszukennen überzeugend vorgeben. Aber der Anblick dieser goldroten Haarflut hat etwas unwirklich Traumhaftes, das mich in blödem Gaffen fast erstarren lässt. Überhaupt hat das Mädchen etwas Elfenhaftes und Koboldartiges, das ganz offensichtlich nicht nur bei mir den Eindruck entstehen lässt, für einen Moment wäre etwas zauberhaft-märchenhaft Literarisches in den Alltag eingebrochen und mehr als prosaische Realität geworden.

Kurzum – es hat mich voll erwischt. Zwar wird mir die Wahrnehmung des Ausagierens durch Pärchenbildung erst vermittelt in der dritten therapeutischen Gemeinschaft, in der ich anzukommen und zu landen versuche, aber ich könnte jetzt eigentlich meine Sachen packen und nach Hause fahren. Die Therapie ist hiermit im Grunde beendet, bevor sie wirklich angefangen hat. Andererseits habe ich in einem durchgearbeitetem Fachbuch eine Formulierung gefunden, die mich fasziniert lange vor dem Zeitpunkt, zu dem ich sie als zutreffend erlebe. Es heißt dort sinngemäß, Pärchenbildung in Gruppen, insbesondere in therapeutischen, wäre Ausdruck hoffnungsfroher Erwartung vor allem in der letzten, der Heilungsphase der Gruppenentwicklung. Mein Festhängen in ambivalenten oder sich gar ausschließenden Gefühlen und Gedanken ist jedoch unabhängig davon, dass ich es nicht verbalisieren kann, nichts Neues für mich.

Was ich nicht wahrnehme, und vielleicht nicht wahrnehmen kann, ist, dass dieses Mädchen für etwas steht. Auch diese beinahe einen Textbaustein darstellende Formulierung erlebe ich erst im übernächstem Therapieversuch, über ein Dutzend Jahre später und in einer anderen Lebenswelt. Dennoch empfinde ich ihren Inhalt als zutreffend auch oder erst recht in meinen ersten Stunden in Hirschgarten. Das Mädchen ist gewissermaßen die Personifizierung von Kindlichkeit im positivem Sinne, von Phantasie und Schöpfertum, von Spinnen und Dichten und Spielen. Sie steht in gewissem Sinn und Maß für ein anderes Leben, ein erfülltes Leben, erfüllt vor allem von Lebensfreude. Dass da was fehlt, ist mir meist nicht bewusst, eigentlich erst in diesen märchenhaft unwirklichen Momenten der Abweichung vom Normalem. Mir fällt meine Stiefmutter ein, die in unregelmäßigen Abständen empört wiederholt, der würde sich über gar nichts mehr freuen.

Zudem flüchte ich natürlich vor dem Kontakt mit der rothaarigen Vollfrau in meiner Gruppe, die mir vom Anfang an signalisiert, dass sie mir geneigt ist, und auch das ist mir nicht bewusst.

Schließlich bemerke ich nicht, dass mich das Mädchen an ein Erlebnis meiner Kindheit erinnert. In meiner Vorschulzeit bin ich immer wieder wütend, weil Erwachsene mich immer wieder mit meiner vermeintlichen kleinen Freundin aufziehen. Das Mädchen verblüfft mich dadurch, dass sie sich im übertragenem, emotionalem Sinne nicht von mir weg knallen lässt, was mir fast immer gelingt bei Kindern und Erwachsenen, die mir nach meinem Empfinden zu sehr auf die Pelle rücken. Sie kommt immer wieder und bleibt dabei freundlich und zugewandt. Dies nicht, weil sie ein bisschen doof wäre, sondern, weil sie in einer Art und Intensität in sich ruht, die mir Angst macht.

Das Mädchen hat dicke rote Locken, die ihren Kopf wie ein Astronautenhelm umgeben und schon von weitem derart leuchten, dass selbst immer wieder weg Getretene wie ich aufmerksam, ja, aufgeschreckt werden. Dieses Mädchen aus meiner Vorschulzeit habe ich zur Zeit meines Landeversuchs in Hirschgarten jedoch völlig „vergessen“, und dies, obwohl ich es in meiner Abiturklasse im zweitem Halbjahr der Zehnten wiedertreffe. Das ist eher tragisch als tragikomisch. Ich bin ein Monstrum.