Evakuierung

Präskriptum: Das Teil ist hin geklatscht, da muss Ost-Koske noch viel dran basteln. Die Idee, sorry, den Plot finde ich aber echt brauchbar, tandaradei!

„Höre mit fünf, sehe mit null!“, sagt der Diensthabende auf dem Satelliten. Ja ja, auch der Humor kommt nicht zu kurz bei den Space Forces, bla. Ich ziehe mir eben die letzten Aufzeichnungen rein; die Aktion scheint gut gelaufen. Das Komitee wird zufrieden sein, und wir können mit der nächsten Phase des Programms beginnen, aber leider kommt drüben von den Mitschnitten nur der Ton an.

„Ich erzähle mal was von dem, was ich sehe, was Du nicht siehst!“, erwidere ich, und ich freue mich insgeheim geradezu sarkastisch, dass meine oft kritisierte Neigung zum Redeschwall wieder einmal einen guten Zweck erfüllt.

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Das Fluggerät, das weder wie ein Flugzeug noch wie ein Hubschrauber aussieht, jedoch auch keinem der UFOs gleicht, wie man sie aus zahlreichen angeblich authentischen Abbildungen oder künstlerischen Phantasien kennt, landet nicht auf dem Klinikgelände, sondern verharrt fast lautlos etwa 20 Meter über dem Boden schwebend. Es ist nur ein leises Surren zu hören, als hätte jemand im Nachbarraum einen Rasierapparat in Betrieb. Mit Sicherheit hat niemand auf dem Klinikgelände dergleichen schon einmal gesehen, aber allen scheint klar, dass diese schwebende Maschine keineswegs außerirdischen Ursprungs ist, was auch als positiver Effekt von vornherein geplant war.

Ich sehe den Transporter selbst zum erstem Mal aus dieser Perspektive, ich kenne ihn nur aus dem Hangar, unter Schutzabdeckungen verborgen. Er wirkt auf den ersten Blick wie das Werk eines surrealistischen Künstlers, der Kisten, Container und weitere Behälter scheinbar wahllos zusammen geschraubt und geschweißt hat. Jemand hat einmal in einem Meeting gewitzelt, vor nicht allzu langer Zeit hätte man mit dem Transporter in New York einen Preis für moderne Kunst gewinnen können.

Die Technik ist nicht mein Ressort, und war übrigens auch noch nie mein Ding. Ich bin für den reibungslosen Ablauf solcher Auswahl- und Evakuierungsmechanismen wie der hier ablaufenden sowie überhaupt den Transport von Gruppen zwischen den mittlerweile Dutzenden Standorten unseres Projektes zuständig. Über dessen Sinn und Ablauf bin ich natürlich unterrichtet, aber nur in groben Zügen, nicht in Details und technischen Einzelheiten.

Das Szenario des Transports der Zielgruppen wurde allerdings bewusst an Filme und Bücher angelehnt, die Millionen Menschen kennen. Hier fährt aus der Unterseite des Transporters eine Rampe hinab, bis sie in einer Neigung von etwa 30 Grad auf dem Rasen hinter der Klinik aufliegt, und aus dem Frachtraum ergießt sich Flutlicht, so dass man nicht erkennen kann, wer oder was in dem Frachtraum ist. Dieses Detail wurde von einem der Reality Designer, wenn ich mich recht entsinne, bei Spielberg entlehnt, oder auch aus „Star Wars“.

Es sieht krass aus, wie ich da die Rampe hinunter komme, wie ein Reiter, der lange nicht vom Pferd herunter gekommen ist, oder wie ein Seemann, der monatelang auf einem Schiff war. Womöglich habe ich das Szenario „Martin Eden“ verinnerlicht, keine Ahnung, ich müsste meinen Life Content Manager fragen. In dieser Klinik heißt dieser Job immer noch „Therapeut“.

Ich begrüße Frau H., die mich ansieht, als wolle sie sagen, dass sie immer, auch bei meinen üblen Abstürzen, daran geglaubt hätte, dass aus mir noch was werden würde, was mich jedoch nicht überrascht. Es ist deutlich zu erkennen, dass ich verunsicherter bin als sie, zumal sie die einzige Person in dem verständlicherweise jetzt von hektischem Lärm erfülltem Gelände zu sein scheint, die mich erkennt, obwohl ich Zivil trage, genauer gesagt, die Arbeitskombination.

Jetzt kommt die Lautsprecheransage, wobei nicht zu erkennen ist, aus welchem Teil der Flugmaschine die Ansage kommt, vielmehr es den Anschein hat, die Maschine insgesamt wirke als eine Art Schallleiter- und Verstärker, was auch irgendwie zutreffend ist. Ich kenne mich, wie gesagt, mit der Technik nur oberflächlich aus.

Auch die Ansagen sind Versatzstücke, wie sollte es anders sein in diesem Stadium der abendländischen Kultur. Ähnliches hat fast jeder Mensch in Filmen erlebt. Hier kommt etwas unter Anderem an „Terminator“ Angelehntes. Die Klienten und Mitarbeiter werden aufgefordert, wenn sie leben wollen, sich am Fuß der Rampe einzufinden.

Die zur Evakuierung bereiten Klienten und Mitarbeiter, ca. 60 Personen, etwa die Hälfte der Anwesenden, was unseren Erfahrungen entspricht, werden in das Fluggerät gefahren mit einer Art Geländewagen, die vertrauter wirken als die Flugmaschine, da sie an Truppentransporter der US-Marines erinnern. Die Wagen rasten in eine Art Schienen auf dem Boden des Frachtraums der Flugmaschine ein, der etwa 20 solchen Wagen Platz bietet und über keine Fenster verfügt.

Es dürfte kaum jemand gespürt haben, dass die Maschine abhebt. Erst nach einigen Minuten erfolgt die Durchsage, dass alle Insassen der Geländewagen angeschnallt bleiben sollten, da man kurze Schwerelosigkeit erleben würde.

Dann landet die Maschine ihrerseits in einem Frachtraum, in dem unseres Raumschiffes. Man erkennt, wie verblüfft die Evakuierten beim Verlassen des Transporters sind über die Größe dieses Frachtraums. Er ist exakt 25 Meter hoch und 3,4 Kilometer lang und über diese Länge leicht gekrümmt. Ich bin, wie schon angedeutet, kein Freund der Anbetung des Götzen Technik, wie sie in zahlreichen SF-Werken praktiziert wird, denn das würde auch einem Grundgedanken des Projektes widersprechen, wie im Folgendem hoffentlich klar wird, aber ich erinnere mich deutlich meines überwältigt Seins, das ich beim erstem Betreten dieses Frachtraums empfand. Auch mir drängten sich damals die Fragen auf, welche Ausmaße das ganze Schiff haben mochte, wenn dies der Frachtraum war und wie, vor allem, ein Objekt dieser Größe im Orbit der Erde hatte verborgen bleiben können, und offenbar über längere Zeit.

Ich gehe den Leuten voran, über eine massive Stahltreppe und eine Art Galerie und schließlich durch mehrere lange und hohe Gänge. Beim Blick aus den großen Fenstern wird klar, dass die mehrfach von einigen unfreiwilligen Gästen geäußerten Mutmaßungen über die gewaltigen Ausmaße des Raumschiffes realistisch zu sein scheinen, denn man kann das andere Ende des Schiffes nicht erkennen.

Ich warte, bis sich alle Neuankömmlinge in einer der Hallen versammelt haben, die wir Stadtwelten nennen. Sie sind etwa halb so groß wie der Frachtraum und gewissermaßen thematisch gestaltet, d. h., mit Gebäuden, Pflanzen, Zierelementen usw., die charakteristisch sind für großstädtische Großräume der Erde. Es gibt auf jedem Schiff 24 dieser Stadtwelten und ich habe die Evakuierten bewusst zu der Halle geführt, die eine mitteleuropäische Millionenstadt abbilden soll.

Schließlich erscheint Lieutenant General Lehman, der Leiter des Projektes und Kommandant dieses Schiffes, um die Evakuierten zu begrüßen.

„Meine Damen und Herren, uns ist natürlich klar, dass Sie eine Menge Fragen haben, und das ist jetzt nicht nur eine höfliche Beschwichtigungsformel, vielmehr wir bereits über hundert solcher Gruppen wie Ihre in eines unserer Raumschiffe gebracht haben.“

„Warum ausgerechnet ’ne Klapsmühle?“, ruft jemand dazwischen, dem man anhört, dass er es gewöhnt ist, derartige Beiträge einzubringen. Er verursacht jedoch nur zwei, drei kurze Lacher, die sehr bemüht, wenn nicht verkrampft klingen.

„Sie haben sich mit Ihrer Formulierung bereits selbst die halbe Antwort gegeben!“, erwidert der General. Er lächelt nicht deshalb nicht, weil er humorlos ist, sondern weil er solche aufgeregten Versuche witziger Einwürfe inzwischen kennt, wie ich aus Dutzenden solcher Aufzeichnungen weiß.

„Wir leben im 21. Jahrhundert und es ist immer noch von ‚Klapsmühlen‘ die Rede. Wir vertreten hier gewissermaßen einen entgegengesetzten Standpunkt. Jahrtausende lang war die Entwicklung der Menschheit wesentlich, wenn nicht ausnahmslos Entwicklung von Technik und Technologie, während, etwas schnoddrig formuliert, die armen Seelen hinterher hinkten.

Ich will das einmal banal und vielleicht schrecklich vereinfacht auf den Punkt zu bringen versuchen – schon Kinder beherrschen ihr Smartphone virtuos, warum aber sie jemanden oder etwas hassen oder lieben, können viele Erwachsene nicht sagen. Viele Menschen haben keine wirkliche Partner- und Berufswahl getroffen im Sinne einer bewussten Entscheidung zwischen verschiedenen Möglichkeiten; sie sind den unbewussten Prägungen, Aufträgen, Delegationen ihrer Vorfahren gefolgt, ohne das zu bemerken. Überhaupt leben Millionen, wenn nicht Milliarden Menschen weit unter den Möglichkeiten ihrer Begabungen, Interessen und Fähigkeiten. Seit Jahrtausenden werden ganze Völker von Psychopathen geführt, deren katastrophale Leitungstätigkeit dann oft auch noch in ‚Heldensagen‘ verewigt wurde. Und so weiter und so weiter und so fort. Ich glaube, Sie wissen, was ich meine. Ich will nicht weiter ins Detail gehen, denn ich möchte mit dieser Begrüßungsansprache heute noch fertig werden.

Wir sind uns sicher, dass gesellschaftliche Neuanfänge, und um die geht es, wie ich gleich erläutern werde, zum Scheitern verurteilt sein dürften, wenn man es beim Einsatz modernster Technik oder überhaupt bei der Veränderung der materiellen Bedingungen belässt. Es würde, wie es so schön oder unschön heißt, ‚alles wieder von vorn losgehen‘, wie es übrigens auch nach zahlreichen Revolutionen und Umstürzen usw. in der Geschichte der Fall war. Auf der Ebene, die den Menschen zum Menschen macht, auf der psychischen Ebene, wurde kaum je wirklicher Neuanfang versucht oder die Versuche sind in Ansätzen stecken geblieben. Kurzum, die Entwicklung der Gesellschaft auf der Ebene von Kontakt, Beziehung und Bindung usw. kann nicht annähernd mit der technischen mithalten.

Natürlich haben wir hier Spitzenwissenschaftler- und Ingenieure in den Mannschaften, aber für die Evakuierung haben wir Gruppen aus der ganzen Welt gewählt, die sich bewusst mit dieser psychischen Ebene auseinandersetzen. Leider sind jedoch die einzigen Orte, an denen die bewusste und unbewusste Dynamik seelischen Geschehens in und zwischen Menschen im Fokus täglicher Arbeit steht, außer einigen erfolgreichen alternativen Kommunen, die von Ihnen so genannten ‚Klapsmühlen‘. Zudem gibt es kaum einen derart repräsentativen Querschnitt durch alle Altersgruppen, Berufe, soziale Schichten usw. wie in einem psychotherapeutischem Zentrum.

Da ich mir sicher bin, Ihre Frage damit erschöpfend beantwortet zu haben, wenn es denn eine Frage war, und ‚erschöpfend‘ hoffentlich nicht im körperlichem Sinne, begrüße ich Sie nun endlich offiziell an Bord der ‚Konstantin Ziolkowski‘!“

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„Hört sich gut an, was Du siehst!“, sagt der Diensthabende auf dem Satelliten.

„Jep! Wir sind voll im Plan, am nächsten Montag sind die Siedler auf den ersten zwölf Planeten. Frag‘ mich jetzt nicht, welche, steht im Briefing!“

„Was Du schwarz auf weiß besitzt, kannst Du getrost auch ins neue Zuhause tragen!“, schmettert der Typ. Leute von der Space Force erkennt man unter anderem daran, dass sie oft und gern Dinge sagen und tun, die den Klischees von Militärs nicht entsprechen. „Steigt ’ne Party zu Deiner Beförderung?!“

Ja, ich denke, auch diese Evakuierung, eine der letzten, war ein Erfolg. Am nächsten Montag aber bin ich vorzeitig Lieutenant Colonel und hocke dann auf einer neuen Planstelle fast nur noch am Schreibtisch, aber das scheint der Lauf der Dinge im ganzem Weltall.

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