Es gibt keine Sicherheit

Der Mann kommt nicht irgendwann. Er kommt genau an dem Tag und zu der Stunde, als meine Stiefmutter den alle ein, zwei Wochen vollzogenen Akt der Wohnungsreinigung beendet, der in anderen Haushalten der jährlichen Grundreinigung entsprechen dürfte.

Ich bekomme erst gar nichts mit von dem Besuch und das ist bereits typisch. Auch, dass der Mann erst im Wohnzimmer mit meinen Eltern über mich spricht, bekümmert mich nicht. Ich bin es gewohnt, bei Gesprächen, in denen es um mich geht, grundsätzlich nicht dabei zu sein. Dann werde ich jedoch ins Wohnzimmer gerufen. Am Gebaren meines Vaters merke ich, dass etwas ganz Außerordentliches ansteht.

Der Besucher hat nichts unangenehm Auffälliges an sich. Er wirkt korrekt, jedoch nicht im Sinne der Assoziation von weißem Hemd und Ärmelschonern. Er trägt ein buntes, aber nicht auffälliges Hemd ohne Binder und dazu ein Jackett sowie wohl gar Jeans. Das sind natürlich Hosen aus einheimischer Produktion. Sie weisen allerdings keine Bügelfalten auf, mit denen Etliche seiner Genossen in besonders auffälliger Weise unauffällig aufzutreten versuchen. Seine Haare sind kurz.

Der Mann wirkt nicht wie ein Offizier, der Zivil trägt, sondern wie ein Mannschaftstrainer, der von seinen Jungs geliebt wird. Vor allem hat er diese häufig literarisch verwandte verschmitzte Jungenhaftigkeit, die mit Big Mac’s und Coca-Cola erfolgreich groß gewordene junge Männer angeblich an sich haben.

Kurzum, ein Jugendoffizier im mehrfachen Sinne. Seine ersten Worte aber sind Klischee. „Und nun, junger Mann, würde ich mich gern einmal ein bisschen mit Ihnen unterhalten!“, sagt er und lächelt.

Es ist nichts Drohendes im Ton dieses Satzes. Das Lächeln vor allem ist überaus echt und sympathisch. Aber womöglich stammt der Satz aus der Dienstanweisung für den Kontakt mit der ohne Klappkarte werktätigen Bevölkerung. Die wollen sich immer und grundsätzlich einmal ein bisschen unterhalten. Außerdem ärgert mich die Anrede „junger Mann“. Damals bin ich ein Kind und heute bin ich ein Kind mit grauen Haaren.

Während meine Stiefmutter sich im Hintergrund hält, als würde sie Anweisungen zum Kaffeekochen oder dergleichen erwarten, läuft mein Vater durchs Zimmer wie ein aufgeschreckter Denker. Ich weiß, was in ihm vorgeht. Die Welt der Träume ist plötzlich in den Alltag eingebrochen. Er würde es nicht zugeben, aber die Aura der Firma zieht ihn magisch an. Er sitzt immer wie hypnotisiert vor der Glotze, wenn die nach authentischem Material gedrehten DDR-Filme über Kundschafter im Westen gezeigt werden.

Ich zuweilen auch. Aber ich komme gar nicht auf den Gedanken, dort irgendwelche Vorbilder zu suchen und zu finden. Ich denke schon lange nicht mehr darüber nach, wofür ich in der Welt der so genannten Erwachsenen verwendbar sein könnte. Das wird sich ergeben, irgendwann. Es geht alles seinen Gang.

Mein Vater aber durchlebt nun einen der wenigen Augenblicke, in denen er stolz auf mich ist. Dabei habe ich gar nichts geleistet. Ich bin nur sein Sohn und komme deshalb in Frage. Ich weiß, dass eine ähnliche Werbung bei zwei weiteren Söhnen von Berufssoldaten im Hause stattgefunden hat.

Nicht nur deshalb hätte ich mit dem Erscheinen dieses Offiziers rechnen müssen. Bei der Stasi kann man sich nicht selbst bewerben, wenigstens das weiß ich. Die suchen sich ihre Leute aus. Meine Eltern sind bei den bewaffneten Organen, beide sind Parteimitglied und als solche gesellschaftlich aktiv, es gibt keine Kontakte zu Verwandten im Operationsgebiet und die Wohnung ist ohne Westfernsehantenne in einem Hausaufgang voller Berufssoldaten in der ersten sozialistischen Stadt. Sehr wahrscheinlich gehöre ich zur Zielgruppe der Kaderoffiziere der Genossen Tschekisten.

In Augenblicken möglicherweise besonders ausgeprägter Paranoia frage ich mich, ob die damals einige Begegnungen inszeniert haben. Zunächst sind wir die Besucher. Meine Eltern haben nur ganz wenige Bekannte oder gar Freunde. Mehrere von ihnen arbeiten irgendwann bei denen. Diese hohe Rate fast immer als eine Art Beförderung wahrgenommener Versetzungen ist bereits auffällig. Ich frage mich jedoch insgeheim, ob mit diesen Einladungen etwas beabsichtigt wird. Man könnte eine Werbebotschaft darin sehen. „Das und noch viel mehr erwartet Jeden, der bei uns mitmacht!“

Der Eine ist ein Kraftfahrer. Das ist besonders beeindruckend. Der fährt einen hohen Offizier oder gar General zur Dienststelle und in diese Kleinstsiedlung. Dazu hat man ihm und seiner Familie ein Haus zugewiesen, das mit drei anderen weitab von der nächsten Ortschaft direkt an der Straße steht.

Ich frage mich während meiner stundenlangen Radfahrten über die Dörfer rund um meine Heimatstadt immer wieder, was es mit diesen Häusergrüppchen für eine Bewandtnis haben könnte. Es sind keine alten Bauerngüter oder Vorwerke oder dergleichen, sondern meist lockere Arrangements von Neubau-Eigenheimen. Zu deren Errichtung wird die werktätige Bevölkerung damals ausdrücklich ermuntert, um den Engpass des industriellen Wohnungsbaus zu entlasten. Aber irgendwo auf freiem Feld und kilometerweit von den nächsten Ortschaften entfernt? Wer wohnt denn da?

Zum Beispiel Kraftfahrer, wie wir jetzt erfahren. Um die Häuser läuft ein Posten in Uniform und mit MPi Streife. Ich bin etwas erschrocken, weil man augenfällig weitaus mehr als nicht nur von mir angenommen überzeugt scheint, dass der Gegner überall ist. Auch einige Details der Uniform sind seltsam. Polizei ist es nicht, Armee auch nicht. Damit kenne ich mich aus, nachdem mein Vater mich schon als Schulanfänger aufgefordert hat, unter Nutzung der letzten Umschlagseiten der von ihm abonnierten Militärzeitschrift Dienstgrade und Uniformen zahlreicher Streitkräfte gewissermaßen auswendig zu lernen.

Der Offizier, den der Familienbekannte chauffiert, grüßt freundlich über den Gartenzaun, nachdem der Posten unsere Ausweise kontrolliert hat. Ich bin unheimlich angerührt. Eine Art Großfamilie neuen Typus…

Dann beginnt die Lehrvorführung des sozialistischen Leibkutschers. Das Haus hat nicht nur etliche Zimmer mehr als ein gewöhnliches Eigenheim, sondern auch eine Tiefgarage, eine Werkstatt und eine Keller-Bar. Alle diese Bonusbauten wurden auf Wunsch vorgenommen; auf Wunsch eines Kraftfahrers.

Der nächste ist ein Koch. Er versichert glaubhaft, dass er immer noch nur kocht. Er lädt uns in ein Erholungsheim ein. Mitten in einer paradiesischen Landschaft, die selbst mich beeindruckt, der ich Dutzende Kilometer von unserer Stadt entfernt wirkliche Landschaftsperlen gefunden habe, stoßen wir auf abgeriegeltes Terrain.

Die nämliche Ausweiskontrolle findet statt. „Dienstgrad und Name, oder ich schreib‘ Sie auf!“, wie ein Zimmergenosse an meiner Militärschule zur allgemeinen Erheiterung immer wieder zu sagen pflegt. Dann betreten wir ein riesiges Gelände, das parkartig gestaltet ist und derart sorgfältig gepflegt, als wolle man sich damit bei einer Gartenbauausstellung bewerben. Der Koch und seine Frau und seine Tochter reproduzieren ihre Arbeitskraft in einem von außen wie eine Blockhütte anmutendem und innen wie ein Apartment im Interhotel ausgestattetem Bungalow. Meine Eltern sind vor allem beeindruckt von der Kaffeemaschine. Dergleichen sieht man nur im Intershop oder bestenfalls auf der Leipziger Messe, wo sich so mancher Bürger des kleinen Landes wundert, was in seinem Land alles produziert wird.

Ich aber bin leider ein bisschen beeindruckt von der Tochter. Sie schlägt ein prekäres Leitmotiv meines Lebens an. Sie ist rothaarig. Ich habe es andauernd mit rothaarigen Töchtern von Geheimnisträgern, die aber nicht mit mir.

Auch trägt die Kochtochter ein Röckchen, das nicht länger scheint als der Pionierausweis hoch. Anstatt jedoch nach ihrem Höschen zu schielen, hätte ich die rote Kochtochter lieber konspirativ zu einem Waldsee geleiten sollen, wo sie es vielleicht ausgezogen hätte. Das hätte natürlich an einen Archetyp des bürgerlichen C. G. Jung erinnert, der den Weg zur siegreichen Arbeiterklasse nicht gefunden hat. Es wäre aber zugleich proletarisch zupackend gewesen in der Weise, in der aufzutreten mein Vater immer wieder ebenso hartnäckig wie erfolglos von mir erwartet, ohne dieses Verhalten selbst vorzuführen. Daher werde ich immer noch nicht aufgenommen in den Bund der Träger von Schwert und Schild der Partei.

Schließlich erlebe ich eine dritte Einladung zu einem ehemaligen Kollegen bzw. Genossen meiner Eltern. Der Mann wohnt mit seiner Familie am Rande einer Kleinstadt südlich Berlins in einer Reihenhaussiedlung, die in geradezu idyllische Landschaft eingebettet ist. Auch dieses Reihenhaus ist augenfällig nicht von der Stange, sondern eigens für ausgewählte Kader errichtet. Wieder muss ich an Thomas Mann denken, denn es gibt hier eine Galerie mit weißlackierten Geländern, von der man zu den Zimmern im ersten Stock gelangt.

Erst nach der Wende stelle ich fest, dass die Dienststelle dieses Mannes bis zur Enttarnung etwa ein Jahr vor dem Mauerfall die Schule der Hauptverwaltung Aufklärung beherbergt. Ich bemerke gar nicht, dass der Bekannte meiner Eltern bei der Firma ist. Wieder einmal agiere ich als nützlicher Idiot.

Für mich hat es jedoch eine gewisse Ironie, dass sich nach der Wende auf diesem Areal das ZEGG etabliert. In diesem Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung bemüht man sich in nicht nur für mich erstaunlichen Ansätzen auf der eigentlich menschlichen Ebene von Kontakt, Beziehung, Bindung, Partnerschaft usw. um Befreiung von Unterdrückung, deren Nichtrealisierung nach dem zunächst notwendigem Umbau der ökonomischen Basis im realen Sozialismus zu dessen Implosion zumindest beigetragen haben dürfte.

Nach allen diesen bewusst oder unbewusst präsentierten sozusagen Lehrvorführungen hätte ich mit dem hohem Besuch in unserem Wohnzimmer rechnen sollen. Vor allem aber wirkt der Mann nicht nur auf mich sehr sympathisch. Deshalb finde ich es schade, ihn enttäuschen zu müssen. Er kommt schnell zur Sache, indem er erklärt, dass ich für die Laufbahn eines „Operativen Offiziers“ in Frage käme. Ich verstehe Bahnhof.

„Nun, sie könnten in jeder beliebigen Richtung studieren, in technischer oder wissenschaftlicher, oder auch an einer Pädagogischen Hochschule. Sie müssten sich allerdings verpflichten, dann für Aufgaben im Dienste unseres Ministeriums bereit zu sein.“

Das ist eine grandiose Chance, das begreife ich immerhin. Ich weiß nur vom Hörensagen, dass die an die begehrtesten Studienplätze kommen. Ich glaube das genauso wenig wie etwa die Behauptung, die würden Telefone abhören. Das passt auch gar nicht zu dem Mann vor mir.

Ich muss nun schnell überzeugend Abschlägiges vermelden, bevor ich in etwas hineingezogen werde, das noch gar nicht abzusehen ist. Das wesentlich Beunruhigende für mich ist jedoch keineswegs der sich anbahnende Zwang, sich für die verpflichten zu müssen, sondern die Aussicht auf eine nicht für möglich gehaltene Änderung nicht nur meiner Lebenswelt, sondern auch meiner Wahrnehmungsmuster. Ich komme schon damals nicht raus aus der Spur und das wissen die sehr wahrscheinlich auch.

„Ich will eigentlich Filmregisseur werden!“ sage ich hastig. Ich wundere mich sofort, dass der Mann mich nicht nur akustisch zu verstehen scheint. Dieser Wortwechsel erinnert mich an die Szene, in der Kapitän Larsen den Schiffbrüchigen van Weyden nach dessen Tätigkeit zum Gelderwerb fragt, oder an den im Hotel der Hochstapelei verdächtigten Tonio Kröger, der hinunter schluckt und mit fester Stimme sein Gewerbe nennt.

Ich schäme mich. Regisseur, ha?! Eigentlich ist das auch gar nicht mein Berufswunsch, sondern die Empfehlung meiner Klassenleiterin, von der ich nicht wahrzunehmen vermag, dass ich sie anhimmele, von der ich aber sicher bin, dass sie weiß, was gut für mich ist. Sie wollte ursprünglich Schauspielerin werden und lebt ihr durchaus vorhandenes Talent nun in den Klassenzimmern aus.

„Ja, tut mir leid, dann können wir Sie allerdings nicht gebrauchen!“ erklärt der Genosse. Zu meiner Überraschung belächelt er weder mein Geständnis noch scheint er ernsthaft enttäuscht zu sein. Seine Erklärung klingt eher, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass seine Auskünfte unkorrekt sind insofern, als eben doch nicht Absolventen aller Studiengänge gebraucht würden.

Mir tut es gleichfalls leid. Auch er tut mir leid und ich tue mir vor allem selbst leid. Zudem müssen meine Eltern zusehen, wie ihr seltsamer Sohn eine Wahnsinnschance in den Wind schlägt. Ich beschließe, wenigstens andeutungsweise einzulenken.

„Was muss man denn da machen als Operativer Offizier?“ frage ich. Ich muss mir augenblicklich eingestehen, dass die Frage derart blöd klingen soll, wie sie aus meinem Munde klingt. Mein Vater würde, säße der Mann nicht da, nur allzu treffend bemerken, er würde immer das machen, was er gegessen hätte.

Auch meine salondebilen Anteile scheinen den Mann nicht zu beeindrucken. Da ist wieder dieses allen vermeintlichen Grusel-Stories über die Firma Hohn sprechende völlig ehrliche und offene Lächeln.

„Bevor ich Ihnen dazu etwas sagen kann, müssten Sie mir allerdings erst etwas unterschreiben!“ erklärt er.

Da ich jedoch nichts unterschreibe, werde ich kein Kämpfer an der unsichtbaren Front. Meine Stiefmutter verlängert ihr Wochenpensum in klinischer Sterilisation einer eigentlich zum Wohnen gedachten Wohnung um etwa eine halbe Stunde. Mein Vater wandert nachdenklich in der Nase bohrend durch die Wohnung und durchs Haus. Er scheint in seiner Nase ein geheimes Zusatzorgan zu haben, auf das leichter Druck ausgeübt werden muss, um seine Hirntätigkeit anzuregen. Würde mein Vater promovieren, müsste er bei der Verteidigung der Doktorarbeit wahrscheinlich mit gebrochenem Nasenbein erscheinen.

Wir verbleiben dahingehend, dass man „erst einmal sehen will“. Zwei Sätze jedoch bleiben wie Damoklesschwerter im Wohnzimmer hängen.

Erstens bemerkt der Mann, dies also wäre meine Familie und die wäre ja sehr interessant. Er bildet sich womöglich ein, ich würde es ihm abnehmen, dass er sich nicht vorher über diese Problem-Familie eines Sicherheitsdienstverweigerers gründlich informiert hat. Er bildet es sich zu Recht ein.

Schließlich sagt er dann noch: „Wir melden uns wieder…“

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