Gruppe als „Keimzelle der Gesellschaft“? In Klammern Engels?

An jedem Donnerstag erscheint der Chefarzt Dr. Höck und donnert die Belegschaft zusammen, dass es durch die Wände dröhnt. Immer wieder drücken sich nachher Praktikantinnen, Studentinnen und insbesondere eine der Schwestern, die in der Gruppendynamik des Teams die Sündenbock-Position oft und gern zu besetzen scheint, verheult auf dem idyllischem Gelände herum.

Etliche Klienten scheinen das lustig zu finden, ich bin empört. Ein Chefarzt und noch dazu erfahrener Therapeut – wie ungezogen! Der Mann brüllt hier herum wie im Bauwagen – so was macht man doch nicht!

Dass ich mich nicht gebärde wie ein zumindest körperlich 23jähriger Mann, sondern wie eine alte Jungfer, bemerke ich nicht. Höck schon, und er begegnet mir mit jenem begütigendem Verhalten, das ich von meinem Vater kenne, wenn er ins Zimmer kommt und mir den Kopf klopft wie einem Hund. Es ist ein bisschen wie der Besuch des Generals in der Kaserne, für den die Soldaten wie Söhne sind, während er einen dicken Major aus dem Stab übers Gelände scheucht.

Trotz allem ist mir der Mann sehr sympathisch, vor allem, weil er einer der ganz wenigen Therapeuten zu sein scheint, die meinen immer wieder als seltsam wahrgenommenen Humor wenn nicht zu schätzen, so doch zu tolerieren scheinen. Nachdem nicht nur ich mehrfach beim Gang in die Küche im Souterrain mir den Kopf gestoßen habe, hefte ich ein DIN-A-4-Blatt mit dickem rotem Rahmen an die Wand, auf dem es heißt: „Kopfhöhe beachten! – Ein verbeulter Neurotiker.“ Einige Tage später beobachte ich den Alten, was der nicht wahrnimmt, als er diese Treppe hinunter geht und sich offensichtlich amüsiert bei der Lektüre meines albernen Aushangs.

Das Schild bleibt nicht nur hängen, entgegen den Intentionen anderer Teamis, vielmehr finde ich einige Jahre nach der Wende immer noch die vier Reißzwecken und Papierfetzen an der Kellerwand. Das prachtvolle Grundstück mit den sehr gut erhaltenen Gebäuden wird sehr lange nicht verkauft; vermutlich, weil es ein millionenschweres Filetstück ist.

Ich entwickle ein Ritual, das ich durchaus selbst als mindestens merkwürdig wahrnehme. Fast an jedem Wochenende, und dies bis zur Jahrtausendwende, unternehme ich eine Art Pilgerfahrt in den kleinen Ortsteil Hirschgarten und schleiche oft verstohlen über das Gelände und durch das trotz zunehmender Spuren von Vandalismus immer noch prächtige Hauptgebäude. Ich sammle gar „Reliquien“, unter anderem eine der Reißzwecken, einen dicken Nagel aus einem Zaun und mehrere Formularvordrucke. Die Reißzwecke ist bei meinen Umzügen verloren gegangen, den Nagel und ein Formular habe ich noch. Es muss hier zumindest in Ansätzen etwas stattgefunden haben, das mich nicht mehr los lässt.

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Natürlich habe ich Angst, weil mich diese scheinbaren Ausbrüche an die meines Vaters erinnern. Jedoch gibt es einen entscheidenden Unterschied, den ich auf Anfrage nicht hätte benennen können, aber es fragt natürlich auch keiner. Der Mann knallt nicht herum, und vielleicht noch mit Türen – er ist im Kontakt. Der ist durchaus auszuhalten, die Welt stürzt nicht ein und es stirbt niemand. Das ist neu.

Etliche Jahre später lese ich zumindest in Stücken Bücher von Psychotherapeuten aus dem nichtsozialistischem Wirtschaftsbereich. Eines ist von dem amerikanischen Therapeuten und Arzt Daniel Casriel, dessen ausführliche Schilderungen von Gruppensitzungen ich sehr gut nachvollziehen kann, weil ich dergleichen aus eigener Erfahrung kenne und zum Zeitpunkt der Lektüre noch erlebe. An die sechs Wochen stationäre Therapie schließen anderthalb Jahre ambulante Therapie mit einer Gruppensitzung pro Woche im Haus der Gesundheit an. Diese ambulante Phase ist die eigentlich entscheidende, da es darum geht, die im günstigstem Fall erreichten Veränderungen von Mustern der Wahrnehmung und des Verhaltens im gewohntem, normalem Alltag gegen den Widerstand aller Bezugspersonen durchzusetzen, die diese Veränderungen oft als beängstigend, ja, bedrohlich empfinden.

Viel mehr aber faszinieren mich die sozusagen theoretischen Überlegungen, die Casriel aus seinen überaus reichhaltigen praktischen Erfahrungen ableitet, nicht aus Forschungen an der Universität usw. Er unterscheidet etwa zwischen Wut und Zorn, und der Unterschied bezieht sich auf dieses im Kontakt sein und bleiben. Wut ist ungerichtet, sie ist das Übliche, das Normale; Türen knallen, herum brüllen, mit Gegenständen werfen usw., leider oft dem Klischee des Männlichen entsprechend. Zorn aber ist im Kontakt der Moment stärkster Abgrenzung und damit Identität. Ich bin schwer beeindruckt, als ich das lese, denn es gibt mir den Schlüssel zur Erklärung vieler Erlebnisse auch oder gerade außerhalb therapeutischer Felder wie Kliniken, Stationen, Praxen oder Gruppenräume.

Noch später finde ich ein Buch über den berühmten wie berüchtigten Arzt und Therapeuten Wilhelm Reich mit dem Titel „Der heilige Zorn des Lebendigen“. Das ist natürlich eine geradezu poetisch zugespitzte Formulierung, aber sie scheint etwas Wesentliches auf den Punkt zu bringen, das mich schon lange vor dem Kontakt mit Psycho beschäftigt.

Sehr nachträglich scheint mir, dass da etwas in der Tiefe passiert, wenn Höck seine vermeintlichen Wutausbrüche zelebriert. Es findet jedes Mal eine Erschütterung des Geflechts von Bindungen, Kontakten, Beziehungen und Abhängigkeiten in der Gruppe statt. Sie verhindert, dass sich gewissermaßen mechanisch ablaufende und damit in diesem Kontext besonders destruktive Routinen ausbilden, in deren Ausführung lebendige Menschen nicht mehr angemessen gesehen werden können und erst recht nicht ihre Leiden. Diese heftigen Abgrenzungen im Kontakt, nicht durch männliches Türen knallen und in die Kneipe oder die Werkstatt oder die Garage Flüchten, lassen neurotische Arrangements gar nicht erst entstehen. Diese scheinen aber, was nicht nur ich wahrnehme, draußen eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Wenn dieser Sachverhalt jedoch überhaupt reflektiert wird, dann werden wieder die üblichen Textbausteine angebracht wie Überbleibsel der alten Gesellschaft usw.

Hier, in der Klapse, gibt es kein „Weiter voran auf bewährtem Kurs!“, das draußen allzu oft ein scheußlicher Euphemismus für auf der Stelle treten zu sein scheint.

Sozusagen einen Höhepunkt der Reflexion derartiger Hintergründe und Zusammenhänge erlebe ich schon nach wenigen Tagen in der stationären Therapie. Nicht nur zu meiner Überraschung fängt ein Mann in einer Gruppensitzung plötzlich an, abwesend vor sich hin zu grienen und zu kichern und wie im Selbstgespräch zu murmeln. Kurzum, er gebärdet sich dem Klischee des Bekloppten entsprechend, das leider immer wieder in Büchern und Filmen auch noch im 21. Jahrhundert bestärkt wird. Sinngemäß äußert der Mann, dass es eigentlich jedem Zweitem oder Drittem da draußen zumindest gut tun müsste, wenn es nicht gar dringend angezeigt wäre, so was mit Zücho zu machen wie wir eben.

Dies wird jedoch angebracht von dem Klienten, der mit den größten Widerständen in die Therapie gekommen ist, trotz des vielleicht stärksten Leidensdrucks. Das könnte die Aussage umso bedeutsamer machen, und nicht nur für mich. Der Mann ist jahrelang mit erheblichen subjektiven Beschwerden buchstäblich von Arzt zu Arzt gelaufen, um immer wieder zu hören, dass Herz und Kreislauf völlig in Ordnung wären usw. Ausgerechnet dieser Mann, der nicht wie ich zu viel denkt und zu viel gelesen hat, und wie die immer wieder angebrachten sprachlichen Versatzstücken alle lauten mögen, äußert mit geradezu diebischem Vergnügen diese Wahrnehmung. Durch die anwesenden Therapeuten geht eine Art Welle innerer Bewegung. Möglicherweise hat der Mann etwas angesprochen, was auch oder gerade für die Profis ein zentrales Thema sein könnte.

All das nehme ich jedoch nur wahr und unternehme nicht den kleinsten Versuch, meine Beobachtungen und Wahrnehmungen auszusprechen, sie zu verbalisieren. Es ist, wie immer, alles geheim.