Eine weitere Nicht-Geschichte, diese eine Sache betreffend

Eine Blockhütte im Wald – das könnten überaus abenteuerliche und romantische Ferien werden! Das werden sie aber nicht, denn auch dieses in den Urlaub Fahren bedeutet wieder Urlaub mit den Eltern.

Insgesamt fünf Mal in meinem Leben fahre ich in den Urlaub. Die alljährlichen Fahrten ins Ferienlager kann und will ich nicht mitzählen, da sie strukturierte Aktivitäten in Gruppen Gleichaltriger unter Leitung und Anleitung professioneller Pädagogen sind und damit in gewissem Sinne Verlängerungen, Erweiterungen und räumliche Verlagerungen des Schulhorts.

In meiner Vorschulkindheit fahre ich je einmal mit meinem Vater und meiner leiblichen Mutter zu deren Ursprungsfamilien bzw. Erziehungsberechtigten. In der zweiten Ehe meines Vaters fahren wir in den Urlaub einmal in ein fürchterliches kilometerlanges gewissermaßen Erholungskombinat aus dem Drittem Reich an der Ostsee und dann einmal in dieses Ferienhäuschen im Wald hinter einem etwa ein Dutzend Kilometer von meinem Heimatort entferntem Städtchen. Mir scheint, dass es noch eine dritte Fahrt gibt, deren Zeitpunkt und Zielort ich bezeichnenderweise vergessen habe.

Nach dem Auszug aus dem Elternhaus fahre ich in meinem ganzem Leben nie in den Urlaub. Wie bei vielen meiner tatsächlichen oder vermeintlichen Defizite oder gar Defekte weiß ich auch hier nicht, ob mir wirklich etwas fehlt, ob mich wieder nur das beunruhigt und verärgert, was die Leute denken könnten, oder ob ich den Deutungen diplomierter Fachleute folgend gewisse Abweichungen vom Normalfall konstatieren zu müssen glaube.

Das Ferienhäuschen ist nur äußerlich einer Blockhütte nachempfunden. Innen ist es im Grunde eine freistehende Anderthalb-Zimmer-Wohnung mit Vollkomfort. Letzteres ist wichtig für meine Stiefmutter. Sie kann nun auch hier jeden Tag mindestens eine Stunde energisch Putzen.

Eigentlich ist diese Ferienanlage der bewaffneten Organe eine Art Tandem-Ferienhaus. Vor dem Eingang unseres Bungalows ist eine etwa sechs mal sechs Meter große Terrasse und gegenüber unserem Bungalow steht spiegelverkehrt dessen baugleicher Zwilling. Darin wohnt ein alleinerziehender Vater mit seiner Tochter. Sie ist nicht direkt mein Typ, aber hübsch und sehr lebhaft. Das Mädchen ist etwa zwei Jahre jünger als ich, also etwa vierzehn.

Sie trägt nicht nur ständig kurze Kleidchen, sondern wäscht sich auch unbekümmert nackt an der Pumpe auf dem Rasenstück neben der Terrasse und spielt dabei kindlich vergnügt mit dem Wasser. Sie ist noch ziemlich spack, hat aber schon deutliche Formen.

Ich würde allzu gern endlich einmal ein weibliches Geschlechtsteil in der sogenannten Realität sehen, aber es gelingt mir, sogar mich selbst davon zu überzeugen, dass mir das Mädchen egal ist. Diese Bemühungen gelingen mir umso besser, weil sie, milde formuliert, kontaktfreudig ist und nicht nur das Gespräch mit mir sucht, sondern sich regelrecht ran schmeißt. Natürlich macht mir das Angst und ebenso selbstverständlich werde ich von sich manchmal gegenseitig ausschließenden Befürchtungen gebeutelt.

Eine Befürchtung, die mich immer häufiger plagt, ist die, für schwul gehalten zu werden oder es gar zu sein. Der Typ muss doch schwul sein, der merkt doch gar nichts und reagiert auf kein Zeichen! Wenn das Mädchen jedoch meine Abwehrformationen förmlich überrennt und etwa anfängt zu flirten und gar zu schmusen, bin ich hilflos handlungsunfähig und komme mir vor wie der vom Dorf, der auch nicht gerade das Pulver erfunden hat und sich von Schulmädchen bezirzen lässt.

Das Wort „schmusen“ finde ich wahrscheinlich deshalb fürchterlich, weil ich nicht zugeben will, Sehnsucht nach der damit bezeichneten und mit einem Mädchen Kinder- und Jugendfilmen gemäß auszuführenden Tätigkeit zu haben. Wieso aber komme immer ich an diese mich im Sturm überrennenden Mädchen? Ich ahne zumindest, dass dieses Muster von Begegnungen etwas mit mir zu tun haben könnte, aber verdränge den Gedanken sofort. Auch oder gerade hier sehe ich keinen Ort, kein Forum, keine Person, um über alles zu reden.

Allerdings nehme ich wahr, dass der Vater des Mädchens mich freundlich mitfühlend, ja irgendwie wissend mustert. Der Mann ist mir ohnehin sympathisch. Er ruht in sich in dieser Art und Weise, die freundliche Zuwendung zu anderen Menschen überhaupt erst zu ermöglichen scheint und er bleibt in dieser Haltung. Ich fühle das unklar, ich kann und will auch das nicht in Worte fassen. Mein Vater scheint zu dieser Zuwendung nur manchmal fähig und bereit und nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Danach kippt er immer wieder gewissermaßen aus der Situation heraus und vermittelt mir vor allem mit seinem Gesichtsausdruck ohne Worte, dass ich die eben erlebten Momente der Nähe und Vertrautheit möglicherweise nur geträumt hätte. Es ist und bleibt alles geheim.

Sehr wahrscheinlich spricht meine Stiefmutter mit dem Nachbarn, denn die fröhlichen Nymphen-Wasserspiele haben schnell ein Ende. Jetzt bemerke ich zum erstem Mal diese Blicke des Mannes. Aber auch hier kommt kein Kontakt zustande. Ich scheine in eine Art unsichtbare Sphäre eingesperrt, aus der ich gar nicht mehr heraus will.

Aber das geht in Ordnung! Ich habe Thomas Manns „Zauberberg“ dabei, in einer dicken, schweren, für meine Begriffe geradezu prachtvollen Ausgabe. Das Buch ist aus der Bibliothek, aber wie neu, weil es kaum jemand ausleiht. Es ist die Rettung und alles ist gut. Noch viel mehr als in der elterlichen Wohnung hilft mir der Rückzug in einen geistigen Raum, die sogenannte Wirklichkeit ohne große Beeinträchtigungen zu bewältigen selbst dann, wenn sie unfreundlich oder gar bedrohlich scheint.

Ich sitze am Rande des Grundstücks, auf dem die Bungalows stehen, an einen Baum gelehnt, und erlebe eine Sternstunde. Schon seit Längerem bin ich Fan des Großen Lübecker Wortsetzmeisters. Mir ist allerdings klar, dass „Fan“ zu Thomas Mann passt wie die Anrede „gnädiger Herr“ zum Leadsänger einer Punkband. Ich finde jedoch keine bessere Formulierung und muss das auch nicht. Gerade, was den Großmeister angeht, habe ich nicht nur keinen Ort und keine Person zum Austausch, ich will gar keinen Austausch. Dieser virtuelle Raum der kunstvollsten deutschen Prosa ist mein panic room und nur meiner. Allerdings fällt mir schon als kleiner Junge eines meiner vermeintlichen oder tatsächlichen Defizite auf. Ich scheine gar nicht das Bedürfnis zu haben, etwa einen meterhohen Turm aus Bauklötzen stolz jemandem zu zeigen. Vielmehr reiße ich ihn mit einer Art hämischen Wut gleich wieder ein.

Auf dem Teppich aus Nadeln der umstehenden Bäume sitzend ist die Wirkung dieser Prosa noch weitaus stärker als gewohnt. Ich stelle mit leichter Verblüffung fest, dass ich sogar körperlich entspanne in der Art, wie es etwa beim Autogenen Training angestrebt wird. Bei dem ich komme ich jedoch bei mehrfach angefangenen Übungen nie so weit. Ich atme tiefer und fühle mich wie ein Kind, das im strahlendem Sonnenschein auf einer flauschigen Decke liegend wohlig mit den Zehen wackelt. Das ist nicht einfach Prosa, in was ich hier geradezu versinke. Diese kunstvoll verknüpft mäandernden Wortketten, über die sich viele Leute mokieren zu müssen glauben, scheinen oft mehr Musik zu sein als Literatur.

Aber ich kann mich leider nicht den ganzen Tag lang in mein überholtes bürgerliches Refugium zurückziehen. Schließlich kommt auch hier der böse Höhepunkt, der kommen muss; von außen betrachtet scheinbar banal, aber innerlich erdrutschartige Wirkungen nach sich ziehend.

Ich sitze in kurzen Hosen neben der Eingangstür auf der Terrasse und halb unter dem großem Fenster des Wohnraums auf einem dieser Klappsitze, wie sie seltsamerweise an vielen Urlaubsorten als bequemes Ferienmöbel gesehen zu werden scheinen. Ich bin in Bereitschaft. Jederzeit können, ja, müssen Anweisungen von meiner Stiefmutter erfolgen. Sie ist hinter mir in dem Häuschen dynamisch zugange im Bemühen um das Erreichen der höchsten Wahrheit in Gestalt der höchsten Keimfreiheit.

Das Mädchen kommt heran und setzt sich schwungvoll auf meinem Schoß, um zu flirten und zu schmusen. Sie trägt eines ihrer bunten Sommerkleidchen. Ich spüre die warme Haut der Mädchenbeine und den samtweichen Stoff des Dederon-Höschens auf meinen Beinen und bin entsetzt und erleichtert. Entsetzt, weil dies ein Durchbrechen aller Regeln und Normen durch überschwängliches Gebaren darstellt und so was nicht gut gehen kann. Erleichtert aber bin ich, weil ich feststelle, dass ich wahrscheinlich doch nicht schwul zu sein scheine. Ich habe nicht direkt eine Latte, aber mein Glied schwillt merklich an. Endlich eine normale Reaktion dieses seltsamen Knaben!

Mein Entsetzen erweist sich erwartungsgemäß schnell als berechtigt. Wie bei diesen Figuren aus der Kiste erscheint der Kopf meiner Stiefmutter am Fenster. Sie scheucht in ihrem üblichem Kommandoton das Mädchen auf, das erschrocken davon läuft.

Bei diesem Erlebnis kommt mir zum erstem Mal der Gedanke, dass meine Mutter etwas schmerzhaft Unerledigtes aus ihrer Kindheit mit sich herum schleppen könnte. Ich habe etliche Erlebnisse mit ihr, die darauf hinzudeuten scheinen. Dieses ist das deutlichste oder ich nehme es am stärksten war.

Dieses Erlebnis ist auch das erste, das mir einfällt, als ich viele Jahre später in einem therapeutischen Kontext vom Wachstums- und Lebensverbot höre, das zum wesentlichen Bestandteil von unter Umständen krank machenden psychodynamischen Arrangements in vielen Familien gehören würde.

Das war es dann… Es wird nichts mit den Ferienlagerfilmszenen zum Thema „Zeigst Du mir Deins, zeig ich Dir meins!“ Es wird erst recht nichts mit Mondscheinspaziergängen und nackt Nachtbaden und im Regen über Waldwege Rennen und schüchternen Küssen auf einem Hochstand mit der vorsichtig tastenden Hand in ihrem Blümchen-Schlüpfer von VEB Malimo usw. usf.

Es wird auch dieses Mal nichts damit – und das wird es nie. Ich bin offenbar in vertrackter Weise nur bedingt geeignet für die sogenannte Realität gerade in allem, was die eine Sache angeht. Ich scheine nicht befähigt und befugt für Geschichten zu diesem Thema, die viele andere Mädchen und Jungen ganz offensichtlich erleben, andernfalls diese Geschichten nicht immer wieder sozusagen komprimiert in Filmen zu sehen sein dürften.

Aber das geht in Ordnung! Es wird sich alles regeln, auch oder gerade so was wird sich ergeben. Es geht alles seinen Gang.

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