Eine kleine Szene unweit einer großen Bühne

Diese Gebäude aus roten Ziegelsteinen! Deren Anblick löst etwas aus, das sozusagen ganz tief sitzt. Es kommen beim Anblick solcher Häuser ganz frühe oder alte Bilder hoch. Vielleicht habe ich in der Kindheit ein entscheidendes, weil mit heftigen Emotionen verbundenes Erlebnis, das mit dem Gang durch eine Stadtlandschaft voller derartiger Gebäude verbunden ist. Wahrscheinlich dieser heftigen Emotionen wegen vergesse oder verdränge ich es. Möglicherweise sehe ich ein solches Gebäudeensemble auch in einem Film. Die Teilhabe an einer Fernsehsendung prägt sich in meiner frühen Kindheit oft als ein geradezu festliches Erlebnis besonders stark ein.

Eine Art feiner Nebel scheint über den Dingen. Er wirkt weniger verhüllend und verschleiernd als vielmehr freundlich und weich schmückend. Dieser Effekt ist nicht nur auf den tatsächlich in den engen Altstadtstraßen wabernden und wogenden leichten Nebel zurückzuführen. Die Lampen, die ohnehin etwas gewissermaßen Historisierendes haben, wirken wie in der Luft schwebend und haben diese milchig-faden Lichthöfe um sich wie in manchen alten englischen Filmen. Selbst meine Schritte wirken gedämpft und ich bemühe mich in der Tat, vorsichtig zu gehen, als hätte ich Angst, eine Kulisse zu beschädigen. Dieses natürlich mindestens merkwürdig erscheinende Empfinden passt hier jedoch in der Tat, denn ich gehe ja jetzt ins Theater. Etwa diese, bilde ich mir ein, könnte die Stimmung sein, in der Heinz Knobloch seine Berliner Stadtspaziergänge vollführt und im mehrfachem Sinne phantastische Feuilletons darüber schreibt.

Es ist, als würde ich in ein Gemälde laufen, in ein Berliner Motiv von Lesser Ury etwa. Die Entdeckung seiner Bilder ist für mich ein unerwartetes Erlebnis. Ich sitze lange vor den wenigen seiner legendären Stadtansichten, die ich irgendwo entdeckt habe, und versuche grübelnd wenigstens für mich in Worte zu fassen, was da eigentlich rüber kommt beim Anblick der Bilder. Das Gemeinte ist aber, wieder einmal, quasi hinter oder zwischen den Worten.

Kurzum, es wirkt dieses Atmosphärische, das sich überall und immer in Worten schwer ausdrücken lässt. Aber selbst ich, der ich, milde gesagt, zum Zynismus neige, würde zustimmen, wenn jemand sagen würde, diese Stadtlandschaft wäre in diesen wenigen frühmorgendlichen Minuten zauberhaft.

Das kann jedoch gar keiner sagen, weil ich minutenlang als der einzige Fußgänger unpassend beschwingt durch das Quartier tappe. Womöglich wirkt hier die Beobachtung Goethes, die Romantik einer Landschaft resultiere aus der Einsamkeit des Betrachters. Vielleicht aber auch versuche ich mich, obwohl ich diesen Begriff nicht kenne und noch gar nicht kennen kann, an nachholender Ich-Entwicklung. Ich verkläre regressiv-kindlich eher als prosaisch zu bezeichnende Überbleibsel eines ehemaligen Gewerbegebietes lyrisch-märchenhaft. Diese Verklärung habe ich in der Kindheit, als sie dran gewesen wäre, kaum erlebt.

Man könnte die Stimmung des Weiteren mit der Formulierung zu erfassen versuchen, ich wäre quasi im Film. Dies im doppeltem Sinn. Einmal haben diese Straßenzüge am Hackeschem Markt in Mitte an diesem nebligem Morgen etwas von längst vergangenen Hoch-Zeiten des Quartiers, wie sie in vielen Filmen darzustellen versucht werden. Schließlich ist dies einer der ganz seltenen Augenblicke, in denen ich mich in einer Geschichte fühle, nicht als ihr Leser oder Zuschauer.

Aber, ach – das ist alles gleich weg, wie schon so oft, denn ich gehe zur Arbeit. Ich muss, wie schon so oft, gleich umschalten in den Modus der hochgespannten und von Angst getriebenen Pflichterfüllung. Dies geschieht zumindest zu dieser Zeit völlig unbewusst und damit umso wirksamer.

Dies ist der romantische Teil der Geschichte. Das Prosaische an ihr ist, dass ich wieder als Pförtner anfange. Aber es geht gar nicht um den neuerlich begonnenen Job eines Halbwachmanns, wie ich meinen etwa zehnten Versuch einer Werktätigkeit selbstironisch nenne. Das Wichtigste ist mehr als bei anderen Jobs das Ambiente. Dies ist natürlich weltfremd und zudem auf gar keinen Fall typisch für unsere Menschen. Aber ich genieße es insgeheim sehr.

Ich bin in Früh- und Spätschicht Pförtner in den berühmten Sophiensälen in der Sophienstraße. Sie dienen jetzt als Werkstätten für das Maxim-Gorki-Theater. Ich bin beim Theater. Das erkläre ich gleichfalls selbstironisch, wenn mich jemand fragt, was ich denn mache. Ich muss dabei an eine Novelle Juri Nagibins denken. Der Schriftsteller lässt eine seiner Heldinnen sinngemäß sagen, der Buchhalter eines Filmstudios hätte mehr mit einem Filmstar gemein als mit dem Buchhalter irgendeiner Wohnungsverwaltung.

Es passiert mir hier dasselbe wie bei meinem erstem Versuch als Pförtner in einem Gebäude des Fernsprechamts. Zum Beispiel erwarten die Mitarbeiter nicht zu Unrecht, dass ich nach einigen Dutzend Malen Schlüsselausgabe wüsste, wer welchen Schlüssel bräuchte. Trotzdem ich hier nicht annähernd so viel Schlüssel ausgebe und entgegennehme wie in der Klosterstraße, weiß ich das jedoch auch nach dem fünfzigstem Versuch nicht. Ich bin nach der halben Stunde Schlüsselausgabe wirr im Kopf und fast erschöpft, als hätte ich die Kohlen vor den Fenstern des Gebäudeflügels auf der anderen Seite des Hofes geschippt. Zudem zucke ich beinahe jedes Mal zusammen, wenn jemand an die Pförtnerstube heran tritt und wissen will, ob der oder der Mitarbeiter im Hause wäre oder das Haus verlassen hätte.

Natürlich weiß ich, dass das alles mehr mit der Ebene von Beziehung und Kontakt zu tun hat als mit dem Inhalt der Arbeit. Das nützt mir jedoch nichts. Zudem scheint sich der Vorwurf zu bestätigen, dass meine Therapie nichts bringt, weil ich nicht richtig mitmache. „Unblutig davon gekommen!“, sagt der Leiter meiner Gruppe am letztem Tag der stationären Therapie. Jetzt erlebe ich sozusagen live und in Farbe sowie außerhalb von Psycho-Clubs und deutlicher als in anderen Jobs, dass da etwas dran sein dürfte.

Ich bin noch mehr gewissermaßen in Trance als in diesen anderen Jobs. Das hat eindeutig mit dem Ort zu tun. Abends, kurz vor Schichtende, muss ich einen Rundgang durch die Werkstätten und Büros machen. Den genieße ich derart, dass er wahrscheinlich länger dauert als bei allen Pförtnern vor und nach mir. Es gibt unter anderem einen Malsaal, eine Tischlerei, eine Schlosserei und eine Schneiderwerkstatt. Ich stelle mir beim genüsslichem Schlendern durch die Gänge und Säle vor, ich wäre in Bulgakows „Meister und Margarita“. Bulgakow wird in der Tat an diesem Theater inszeniert. Ich weiß aber nicht mehr, ob dies zum Zeitpunkt meines Arbeitsversuchs geschieht.

Ich bemerke durchaus die zunehmende Anspannung aller Mitarbeiter, auch der in den Büros oder in den Werkstätten oder in der Kantine, vor einer Premiere. Es ist deutlich zu spüren, dass buchstäblich alle an einem Strang ziehen.

Außer mir scheint es jedoch noch jemanden zu geben, der dabei irgendwie fremd bleibt. Das ist der Heizer, den ich fast täglich gegenüber der Pförtnerkabine am Kohlenhaufen oder im Heizungskeller arbeiten sehe. Entweder ist der Mann ein Strafversetzter oder, sozusagen im Gegenteil, von Horch und Guck, oder beides. Ihm scheint gewissermaßen nichts heilig und er scheint vor niemandem Respekt zu haben. Im Gegenteil macht er sich über Gott und die Welt lustig. Die Betroffenen, denn er redet keineswegs oder nicht nur hinter dem Rücken, scheinen es ihm jedoch nie übel zu nehmen.

Mir ist sofort klar, dass ich für diesen zwar dem Klischee des bullig-muskulösen Heizers entsprechenden, aber alles Andere als auf den Mund gefallenen Mann schnell zur beweglichen Zielscheibe werden dürfte.

Nach wenigen Wochen ist es so weit. Ich erhalte einen Anruf, bei dem ich wie mehrfach täglich gefragt werde, ob sich ein bestimmter Mitarbeiter in den Werkstätten befände. Dieses Mal wird der Technische Direktor des Theaters gesucht. Allerdings unterscheidet sich dieser Anruf von allen anderen mit solchen Anfragen. Es hört sich an, als hielte sich der Anrufer beim Sprechen eine Blechbüchse vor den Mund.

Es ist so weit, das ist der Heizer! Jetzt hat er mich auf dem Kieker. Ich schnauze: „Leck mich am Arsch!“ Dann werfe ich den Hörer auf die Gabel. Ich versuche, das angenehme Gefühl zuzulassen, endlich wieder einmal nicht lange gegrübelt und geknobelt, sondern aus dem Bauch heraus gehandelt und die Sau raus gelassen zu haben.

Sehr schnell stellt sich heraus, dass es nicht der Heizer ist, der mich anruft, um mich zu veräppeln. Es ist die Frau des Theaterdirektors. Ihre Stimme weist nach einer Kehlkopfoperation dieses metallische Klirren auf, das frühen Klischeevorstellungen einer Roboterstimme entspricht.

Wieder findet eine Aussprache statt, bei der ich wieder einige Mitarbeiter in Leitungsfunktionen kennen lerne. Hier sind das unter anderen Sekretäre der Gewerkschaft und der FDJ. Wieder einmal wird das Arbeitsverhältnis im gegenseitigem Einverständnis gelöst. Man wäre wieder einmal eigentlich mit meiner Arbeit zufrieden, bis auf kleine Schusselfehler, wie diesem nicht Erkennen von Gesichtern. Diese Fehler würde ich jedoch überbewerten, versichert man mir. Wieder einmal habe ich den Verdacht, dass man nicht recht etwas mit mir anzufangen weiß und gern ermitteln möchte, was dahinter steckt. Daher der große Bahnhof! Diese Ausstrahlung wird mir einige Jahre später während meines zweiten Therapieversuches von einer erfahrenen Psychologin bestätigt. Es scheint sich demnach nicht um eine Fehlwahrnehmung von mir zu handeln. Dass man vermuten könnte, ich wäre bei der Firma, wird mir natürlich auch erst einige Jahre später klar.

Durchaus passend am Theater, aber nicht auf der Bühne erlebe ich eine kleine Aufführung, eine Posse. Es ist wie bei meinen Bemühungen, mit meiner zweiten Freundin und weiteren Interessenten eine Kabarett-Gruppe zu bilden. Erst nach der Wende wird mir klar, dass das eigentlich Kabarettistische im gescheitertem Versuch besteht, dieses Kabarett zu gründen.

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