Ein Wendepunkt bleibt unbemerkt

Ich bin 12 oder 13, sitze auf dem Hocker hinter der Schrankwand rechts vom Fenster und lege eine Art Schwur ab, nicht mehr mitzuspielen. Damit konstruiere ich gewissermaßen den Plot meines Lebensdrehbuches und ahne das nicht einmal, weil ich den Schwur nicht einmal innerlich in Worte fasse. Er scheint eher eine heftige Gefühlsaufwallung, weil das Maß voll ist. Zudem gelingt es mir nicht, aus dem Plot eine richtige Geschichte zu machen, was eine Problemlösung darstellen könnte; eine Lösung zweiter Ordnung nach Watzlawick et. al.

Durch die blaue Stunde schweben die vielen Lampions geradezu auf der von meinem Fenster aus sichtbaren Querstraße. Es ist der letzte Abend im Mai. Wochenlang freuen mein Stiefbruder und ich uns auf diesen Vorabend des Internationalen Kindertages. Es ist mittlerweile fast Tradition, dass an diesem Abend Kinder mit ihren Eltern oder größeren Geschwistern einen Lampionumzug durch den Wohnkomplex unternehmen.

Ich bin zum ersten Mal dabei und freue mich umso mehr, weil einige meiner Spielkameraden vom Hof ebenfalls kommen werden. Mein Bruder hat einen Lampion in Form eines Mondes und ich einen in Form einer Sonne.

Die eigentliche Sensation aber besteht darin, dass meine Familie an einer Aktivität außerhalb von Schulen und Arbeitsplätzen teilnimmt. Das ist Abweichung vom Trott, Ausscheren aus der Spur; es ist fast ein Abenteuer.

Allein, ich bin schließlich nicht dabei. Kurze Zeit vor Beginn des Umzugs erklären die Eltern in barschem Ton, der aber keineswegs auf schlechtes Gewissen zurückzuführen scheint, dass sie einem wichtigen Termin folgen müssen und daher den Umzug nicht begleiten können. Auf den Gedanken, dass wir mit anderen Eltern aus dem Haus oder dem Block gegenüber mitlaufen könnten, kommen weder meine Eltern noch mein Bruder oder ich.

Mein Schwur ist albern, kindisch und destruktiv; eine Trotzreaktion aus wütender Verzweiflung. Papa kommt nicht zur Schultheateraufführung und jetzt muss das Kind Drogen nehmen usw.; sorry, Master Alligatoah. Dieser insgeheime Entschluss scheint mir jedoch die einzige mögliche Reaktion auf diesen ebenso banalen wie bösen Höhepunkt des immer wieder und immer noch einmal gegen eine Art Mauer Laufens beim einfach nur leben und Freude daran haben Wollen.

Nun stelle ich diese Bemühungen ein und mir kann nicht mehr verboten oder weg genommen werden, was ich mir selbst zu verbieten beginne. Vor allem habe ich die Initiative übernommen oder wiedergewonnen. Gerade diese Überzeugungen sind, weil unbewusst oder zumindest nicht in Worte gefasst, verhängnisvoll nachhaltig wirksam.

Schon seit einiger Zeit verstehe ich gar nichts mehr an diesen sogenannten Erwachsenen. Vor allem dieser fast gezischte Satz der Stiefmutter ist mir geradezu unheimlich. „Was ist der denn ohne uns?“, kommt immer wieder von dieser seltsamen Frau.

Was meint sie damit? Ist sie neidisch darauf, dass ich mit dabei bin unter den Kindern vor allem auf dem Hof? Das kann nicht sein, das ist schier undenkbar. Es muss etwas Anderes dahinter stecken, es muss an mir liegen. Dieses „der“ tut mehr weh als Ohrfeigen oder richtige Prügel. Ich bin mir sicher, dass meine Mutter das auch spürt.

Begreifen diese immer seltsamer erscheinenden und immer fremder werdenden Eltern nicht, was da abgeht? Eigentlich geschieht doch genau das, was sie unausgesprochen und ausgesprochen immer wünschen oder gar fordern?!

Ich bin dabei, drin, sogar ein bisschen beliebt, was ich nie zugeben würde. Kinder rechnen mit mir und ich werde vermisst, wenn ich nicht runter komme; ja, zur deutlichen Verärgerung meines Vaters klingeln immer wieder Kinder unten an der Haustür nach mir.

Das ist nach den mindestens zur Hälfte krank im Bett verbrachten ersten sieben Jahren fast völliger Isolation in meiner Kindheit derart sensationell, dass es keine Worte dafür gibt. Dieses Gefühl ist wie unterdrücktes Jubeln. Natürlich unterdrücke ich das; es ist wie alle Gefühlsausbrüche oder nur Versuche des Ausdruck von heftigen Gefühlen unangebracht. Dergleichen ist verrückt; verrückt ist alles, was laut, bunt, heftig, stürmisch lebendig usw. ist. Dies ist eines der sozusagen Grundgesetze, die gar nicht ausgesprochen werden müssen, weil sie selbstverständlich wirksam sind wie Axiome, aber es ist natürlich nicht typisch für unsere Menschen.

Meine Eltern scheint das alles nicht zu interessieren. Sie bestrafen mich immer wieder dafür, dass ich zum Beispiel einige Minuten nach dem festgelegten Termin hoch komme. Aber ich muss dieses Murmelspiel noch zu Ende spielen, diese Sandburg zu Ende bauen, diesen Ball noch werfen?! Ich muss es vor allem, was mir nicht klar ist, unabhängig vom eben konkret Getanem genießen, dabei und drin zu sein.

„Was ist der denn ohne uns?“ – Was bedeutet dieser Satz? Erwecke ich den Eindruck, mir wären die Eltern egal? Wie das? Ich bin mir keiner Verfehlung bewusst und verstehe Bahnhof. Meine Stiefmutter fühlt sich offenbar angegriffen und verletzt von genau dem Verhalten, das mir Jahre lang mehr oder weniger deutlich und fast immer vergeblich von Vater, Mutter und Stiefmutter als normal und angemessen und erwünscht vorgehalten wird. Ich wage den Eindruck nicht zuzulassen, dass meine Stiefmutter mich hasst. Es muss an mir liegen. Ich handele oder bin wieder einmal nicht richtig.

Damit fängt alles an. Von hier aus kann man eine Art roten oder eher schwarzen Faden durch mein Leben verfolgen.

Die später erfolgende Unterstellung, ich hätte Einen auf „Blechtrommel“ machen wollen, scheint mir selbst naheliegend; ich habe jedoch nicht nur den Film nicht gesehen und das Buch nicht gelesen, sondern kenne die Geschichte vom Oskarchen nicht einmal vom Hörensagen und kann sie gar nicht kennen in meiner nicht typischen netten Nische. Zudem vermutet zumindest eine erfahrene Lehrerin, dass mein schleichendes heraus Fallen aus der Realität auf eine beginnende Störung des schizoformen Spektrums verweisen könnte; vermutlich liegt wie oft bei psychischen Abläufen auch hier die Wahrheit in der Mitte.

Zunächst setze ich meinen Entschluss im Kleinen um, etwa beim sonntäglichen Familienfrühstück; eine der unangenehmsten Zeremonien im Elternhaus. Fast immer habe ich Wanstrammeln, wenn ich vom Tisch aufstehe. Das Wort „psychosomatisch“ kenne ich noch nicht, geschweige denn seine Bedeutung, dennoch spüre ich, dass diese Bauchschmerzen nichts mit dem Essen zu tun haben dürften, sondern mit dem mich an Geschichten von Maupassant erinnernden Frühstücksritual.

Ich verweigere die Reaktion auf die sich ohnehin oft wiederholenden Versuche, ein Gespräch in Gang zu bringen. Es kommen zum Beispiel wie von einer Schallplatte mit Sprung immer dieselben Witze und Anekdoten.

„Ich bin mit Eselsmilch groß geworden!“, sagt mein Vater etwa mit einem Gesichtsausdruck, als misstraue er selbst allem in solchen Situationen von ihm Geäußertem.

Dann kommt nach einer Pause die Erklärung, es wäre die gleichnamige Weißweinsorte gemeint. Allein diesen Joke höre ich Dutzende Male.

Mein Vater scheint überzeugt, solche Beiträge desto zwingender leisten zu müssen unter Menschen, desto größer die jeweilige Gruppe ist. Damit verstößt er nicht nur gegen eine der mir in meiner Vorschulzeit vermittelten Regeln im menschlichem Umgang, sondern verkehrt sie ins Gegenteil.

Außer mir scheint das jedoch niemandem aufzufallen; es erfolgt auch kein Versuch der Erklärung dieser Kehrtwende. Dementsprechend fällt es mir nicht schwer, an dieser Stelle mein nicht mehr mitspielen Wollen mit Übungen des nicht Reagierens zu beginnen. Ich verziehe buchstäblich keine Miene mehr, als hätte ich nichts gehört.

Dass diese Nicht-Reaktion niemand bemerkt, verblüfft mich nur einige wenige Male. Dann bestärkt diese Gewissheit des auch noch und gerade an dieser Stelle nicht wahrgenommen Werdens meinen unausgesprochen trotzigen Vorsatz zur Verweigerung gerade in derartigen alltäglichen Situationen.

In der elften Klasse beginne ich schließlich die Verweigerung in der Schule, in der ich bis dahin zur sogenannten Leistungsspitze meiner jeweiligen Klasse gehöre. Diese Verweigerung ist bereits völlig unbewusst; scheinbar handele ich nicht, vielmehr geschieht mir alles. Ich mache buchstäblich nur noch das, was mir halbwegs Spaß macht und worauf ich gerade Lust habe. Meine Durchschnittsnote sinkt in wenigen Wochen von „Sehr gut“ auf „Befriedigend“. Mir ist nicht klar, dass dieser Absturz weniger damit zu tun hat, dass ich den Stoff nicht zu bewältigen vermag, sondern vielmehr damit, dass ich nicht mehr in die Gruppe rein komme.

Zu Beginn der elften Klasse werden in Biologie Generationswechsel der Moose und Farne durch genommen. Dieser Unterrichtsstoff ist der sozusagen Aufhänger meines inneren sich Ausklinkens. Ich finde das Thema albern auf eine Weise, die mich immer wieder zu eher hilflos nervösem Kichern reizt, das jedoch als arrogant wahrgenommen zu werden scheint. Dabei ahne ich, dass das Behandeln dieses Themas durchaus Sinn ergeben könnte, wenn man mit dem Erwerb des Abschluss-Zeugnisses einen Überblick über den gesamten Stoff nicht nur dieses Faches erreicht.

Aber das ist mir alles völlig gleichgültig. Das Abitur ist in weiter Ferne und alles ist offen, alles ist möglich und es geht alles seinen Gang. Ich lasse mich in wirre Wachträume fallen, in denen ich in Abwandlung des im Sessel Schaukelns als Vorschulkind mit dem Stuhl kippelnd manchmal ganze Unterrichtsstunden lang dämmere.

Mit dem Ritual des aus der Realität Kippens durch Kippeln beim Dösen und Dämmern provoziere ich die heftigste während meiner Schulzeit erlebte Reaktion eines Lehrers auf mich. Dieser Lehrer wird von einigen Schülern „Buddha“ genannt, und eher mit Hochachtung als mit Häme. Er scheint in sich zu ruhen in einer Art seelischer Ausgeglichenheit, die in der Tat an fernöstliche Exerzitien denken lässt. Zudem hat er einen fast kugelförmig runden und zur Hälfte kahlen Schädel, der an manche indischen oder chinesischen Statuen erinnert.

Ausgerechnet diesen Lehrer schieße ich hoch. Während meines Schaukelns mit einem salondebilen Grienen, das ich nicht wahrnehme, bekommt er einen von niemandem für möglich gehaltenen Wutanfall, bei dem er bis in die Kopfhaut besorgniserregend rot anläuft.

„Was suchen Sie an dieser Schule? Was wollen Sie in meinem Unterricht?“, brüllt der Mann in einer Lautstärke, dass man es durchs ganze Haus hören muss.

Noch nie habe ich ein volles Klassenzimmer erlebt, in der man für einige Augenblicke die berühmte Stecknadel fallen hören könnte. Das ist einer der wenigen Augenblicke vor meinem Wendepunkt 1986, in dem sozusagen kurz ein Vorhang geöffnet wird.

So werde ich gesehen! Der Mann fühlt sich allen Ernstes provoziert, ja, angegriffen. In Wahrheit bin ich längst völlig abgedriftet und gehöre dringend in eine Therapie; es gibt jedoch keine.

Stärker als sonst hilft mir Literatur bei der Bewältigung beängstigend unverständlicher Situationen. Ich erlebe zwar keine Gesichte wie Hans Giebenrath, aber Hesse beschreibt in „Unterm Rad“ eine ähnliche seelische Schräglage. Dergleichen scheint vorzukommen; ich scheine nicht der Einzige zu sein, der so was erlebt, und allein diese Wahrnehmung hat bereits etwas Beruhigendes.

Meine längst geradezu reflektorisch ablaufende Verweigerung weitet sich dann gleichfalls scheinbar wie von selbst auf die Arbeitswelt aus. Nach meiner Schulzeit gebe ich in insgesamt 29 Jobs fast ausnahmslos und mehrfach bis zur Erschöpfung den sich geistig betäubenden „Galeerensklaven“, wie die Besatzung eines Fahrgastschiffs dessen Tellerwäscher nicht zu Unrecht nannte.

Ich will damit meine Eltern bestrafen; das wird mir jedoch erst Jahrzehnte später klar, als meine leibliche Mutter und mein Vater bereits tot sind. Das sind jedoch alles Proben und Provisorien, das wirkliche Leben kommt noch. Zudem hilft mir die rationale Einsicht in diese Abläufe nicht, sie zu beenden, weil sie inzwischen in der Tat fast reflexartig sind.

Ich scheine jedoch zumindest einen diesen prekären Abläufen wenigstens ansatzweise gemäßen Arbeitsplatz zu finden; ich nenne mich sarkastisch „Halbwachmann“. Nach einiger Zeit gewöhne ich mich daran, dass mir immer wieder ein Nickerchen in meinem Pförtner-Glaskasten unterstellt wird, wenn ich gar nicht eingenickt bin.

Mir ist jedoch klar, dass die Häufigkeit dieser Rückmeldung auf einen geistigen Zustand verweisen dürfte, der diesen ehrlich geäußerten irrigen Eindruck derart oft erwecken muss. Ich bin offenbar nicht ganz in Trance wie bei meinem Schaukeln in der Vorschulkindheit, aber nunmehr janz weit draußen.

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