Ein Riss in der Mauer zwischen Dichtung und Wahrheit

Ich treffe sie jeden Morgen an der Bushaltestelle. Aber was heißt „treffen“? Sie erscheint. Seltsam finde ich damals schon, dass ich für ihre Erscheinung jeden Morgen bereit zu sein versuche und dann doch jedes Mal überrascht bin, wenn sie auf die Bushaltestelle zukommt und damit immerhin unter anderem auf mich. Es ist, als würde sie in einem Bereich meines Gesichtsfeldes unerwartet sichtbar, zu dem mir bis zu ihrem Erscheinen der Zugang verwehrt ist.

Das Mädchen ist keine strahlende Schönheit. Sie ist hübsch und hat zudem dieses gewisse Etwas. Jedermann und insbesondere jeder Mann dürfte wissen, was ich meine. Diese Ausstrahlung hat auch bei ihr nicht zuerst mit dem Äußeren zu tun, sondern mit ihrer Persönlichkeit. Auch wenn das geschwollen klingt, empfinde ich das damals schon. Ich kann dieses Empfinden nur nicht ausdrücken. Warum sollte ich das auch und vor allem wem gegenüber? Alles, was mit Erotik, Liebe oder gar Sex zu tun hatte, ist tabu in meiner Lebenswelt. Das wird sich irgendwie ergeben. Es geht alles seinen Gang.

Dabei hat sie diese Ausstrahlung einer Person, die in sich ruht auf eine für mich vollends nicht artikulierbare Art und in einer Intensität, die mir Angst macht. Es scheint gerade bei solchen Begegnungen scheinbar banaler Art immer die Gefahr zu bestehen, dass ich mich gewissermaßen seelisch auflöse. Natürlich ist mir das nicht bewusst.

Meine Wahrnehmung des in sich Ruhens ist keineswegs verzerrt durch meinen sehnsüchtigen Fernblick aus der Nähe. Vielmehr ist das Mädchen eine der besten Schülerinnen der Schule, macht das Abitur mit 1.0 und studiert dann im Ausland. Mit anderen Worten ist sie damals schon erwachsener, als ich womöglich je sein werde.

Sie grüßt mich!!! Das fängt irgendwann quasi aus heiterem Himmel an. Eines Tages kommt sie um die Ecke des Wohnblocks hinter der Mehrzweckgaststätte, überquert die Wendeschleife diagonal in Richtung des Wartehäuschens an der Haltestelle, nickt mir aus etwa zehn Meter Entfernung lächelnd und offenbar mit einem Morgengruß zu und verharrt dann irgendwo seitwärts anmutig in Wartehaltung. Das alles mit einer mich sprachlos machenden Selbstverständlichkeit, als würden wir uns von irgendwoher kennen und zwar sehr lange. Dabei nehme ich sie erst nach vielen Monaten in der Abiturstufe überhaupt wahr.

Dieses paradoxer Weise von angenehmer leichter Benommenheit begleitete Unvermögen, ihr Lächeln zu beschreiben, kennen wahrscheinlich auch viele Männer. Diese ist eine der Stellen, an denen ich feststellen muss, dass selbst in den Arbeiten von sogenannten Trivialautoren dieser berühmte Funken Wahrheit zu sein scheint, von Schlagertexten ganz zu schweigen. Ich unternehme aber immerhin den Versuch, ihr Lächeln provisorisch zu beschreiben als gleichzeitig melancholisch-milde, wissend-verzeihend und leise ermunternd. Sie lächelt, als wüsste sie etwas über mich, oder gar vieles, das ich nicht wahrzunehmen vermag.

Ich werde in einer Art wahrgenommen, als würde man mit mir rechnen. Das ist beängstigend, zumal es völlig unerwartet geschieht und die Wahrnehmung vor allem von einem solchem Mädchen kommt. Auch das vermag ich nicht auszudrücken. Wäre jedoch zuerst ich auf sie aufmerksam geworden, hätte ich sie einzuordnen versucht etwa mit den Worten, sie wäre ein paar Nummern zu groß für mich.

Wie sie auf mich aufmerksam wird, verstehe ich nicht. Eine meiner Vermutungen ist die, dass sie wie etliche Frauen meinen Vater retten will. Ein Geheimnis liegt über dem Mann. Eines Tages wird er sich entpuppen und entfalten usw. Dieses unbestimmte Verhalten übernehme ich wie selbstverständlich und daher unbewusst von ihm. Es ist alles geheim und es kommt noch was, irgendwann und irgendwie. Ich scheine auch der Einzige zu sein, der aus Erfahrung dieses sich Entpuppen meines Vaters nicht mehr für möglich hält.

Die Endhaltestelle der Buslinie, die an der Wendeschleife beginnt, ist fast vor unserem Hausaufgang. Ich nehme durchaus wahr, dass mein Vater des Öfteren wie suchend aus einem der zur Straße gehenden Fenster sieht, wenn unten grüppchenweise Abiturienten aussteigen. Einmal beobachte ich, dass das Haltestellen-Mädchen nach oben sieht, und offenbar nicht zufällig. Wieder frage ich mich, ob mir nicht etwas fehlt. Ich müsste doch jetzt eifersüchtig sein? Das bin ich nicht. Ich bin unangenehm berührt und schäme mich ein wenig für meinen Vater, weil er öffentlich dazu steht, erotische Interessen zu haben. Gerade so was ist geheim; das hat er mir selbst vermittelt. Dass ich auch und gerade im Äußeren nicht heran komme an meinen Vater und seine Wirkung auf Mädchen und Frauen, scheint mittlerweile derart selbstverständlich für mich, dass ich es gar nicht mehr bewusst wahrnehme.

Heute verstehe ich das. Ich bin offensichtlich nicht der Einzige, der sich wenigstens insgeheim fragt, warum dieser Mann diese Frauen heiratet. Ich meine das keineswegs zynisch und es ist auch nicht lustig. Zudem bestätigt mir eine zur Zeit dieser Geschichte in der Nachbarschaft wohnende Frau meine Wahrnehmung viele Jahre später völlig überraschend, ohne dass ich das Thema auch nur anschneide.

Was tue ich nun, nachdem ich einmal, fünfmal, zwanzig Mal von dem Mädchen gegrüßt werde? – Natürlich nichts. Dies nicht, weil ich verklemmt bin oder, wie immer wieder vermutet wird, schwul, sondern aus meinem unbewussten und damit überaus wirksamen Selbstbild als Unsichtbarer heraus. Spätestens bei Partnerwahlversuchen kollidiert dieses mindestens neurotische Selbstbild mit der Realität, weil ich spätestens hier aus meiner Schutzblase heraus treten und aktiv handeln müsste. In fast allen anderen Situationen des Lebens gebe ich den nicht teilnehmenden Beobachter und kann dennoch tatsächliche und eingebildete Erwartungen erfüllen.

Ich benehme mich wie der Leser einer Geschichte und begreife nicht, dass ich in der Realität vom Leser, also Beobachtendem, zum Handelndem werden muss. Wenn aber ein Mädchen zur Handelnden wird und auf mich zukommt, knalle ich es im übertragenem Sinne weg.

Nach etlichen Monaten des Nicht-Geschehens dieser Geschichte spreche ich das Mädchen schließlich an, auf dem Weg quer durch die Stadt und über die Insel, auf dem man zu Fuß mindestens ebenso schnell zur Penne kommt wie in dem großem Bogen per Bus. Deshalb ist diese Abkürzung eine beliebte Notlösung, wenn man den Bus verpasst.

Auf diesem Weg sehe ich sie des Öfteren, zumal sie auf der anderen Seite der an die mittlere Westbrücke der Insel grenzenden Straße wohnt. Auch dort lächelt sie mich mit dieser im Sinne C. G. Jungs nicht in Worte zu fassenden Selbstverständlichkeit lieblich an und grüßt melancholisch verheißungsvoll und irgendwie erwachsen. Ich schreibe dann abends zu Hause Gedichte darüber. Jung kenne ich noch nicht und das kann ich auch gar nicht als typischer in einer Nische weg geduckter Jugendfreund von der traurigen Gestalt. Aber Thomas Mann lese ich bereits geradezu besessen; Literatur als sanfte Rache der Verlierer am Leben usw. Es gibt offenbar zu allen Zeiten Leute, die Geschichten leben und Leute, die Geschichten lesen und vielleicht irgendwann schreiben.

Ich finde Einiges über sie heraus, natürlich über fünf Ecken und unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit. Es ist alles geheim. Sie lebt ohne Vater; vielleicht auch deshalb dieser Blick nach meinem. Sie ist mit einem Haftentlassenem zusammen, der möglicherweise auf Bewährung draußen ist. Auch hier wieder diese Sehnsucht, die Wirklichkeit ganz zu erfahren und zu erfassen bis in die nicht der eigenen Prägung entsprechenden Bereiche hinein. Die Musterschülerin und trotzdem Superbraut geht mit einem Knacki.

„Trotzdem“, weil „Musterschülerin“ nicht abwertend gemeint ist. Das Mädchen ist keineswegs eine Art Hermione Granger. Außerdem hat sie diese starke erotische Ausstrahlung jenseits langweilig perfekter Schönheit keineswegs nur nach meinem Empfinden.

Einmal raffe ich mich zu etwas völlig Verbotenem, ja geradezu Undenkbarem auf und besuche sie in einem Anfall von Mut der verzweifelten Verliebtheit zu Hause. Sie ist beim Wäsche aufhängen und trägt einen knappen Hauskittel und darunter Blümchenschlüpfer, sicher von VEB Malimo. Sie erklärt freundlich, sie hätte jetzt keine Zeit. Ich nehme das gar nicht als momentane Absage wahr, sondern bin narzisstisch berauscht von meinem Mutsprung.

Ich könnte ein halbes Dutzend Pennäler angeben, die sie mehr oder weniger offen anhimmeln, ganz zu schweigen von so genannten Erwachsenen, die sich nach ihr den Hals verrenken wie mein Vater. Das Mädchen scheint einer dieser begnadeten Menschen, deren Vorzüge und Gaben nach Goethe derart erdrückend sind, dass man gar nicht anders kann, als sie zu mögen. Kurzum, die ist viel zu gut für mich, zum Glück.

Das für mich historische und für alle Anderen eher histrionische Treffen ergibt sich an einem Nachmittag im Sommer. Es passt alles, die äußeren Umstände und meine Stimmung. Es ist dies einer der Momente, die ich aus mir noch unverständlichen Gründen seit Jahrzehnten eigentlich an Samstagnachmittagen erlebe. Alles ist offen, alles ist möglich und selbst die Stimmung im öffentlichem Raum und das Wetter scheinen das zu bestätigen. Die Stadt prangt und flimmert entgegen allen sich bei ihrem Namen aufdrängenden Assoziationen in goldenem Grün. Dann ist da dieses Rauschen des lauen Sommerwindes im wie Lametta flatterndem Laub der Bäume, das für mich immer mit Jugend, Verheißung, Sommer und Glück verbunden ist. Der Vergleich mit dem Lametta ist nicht nur poetische Überhöhung. Viele der in der Stadt gepflanzten Bäume sind Pappeln, da Pappeln zu den am schnellsten wachsenden Bäumen gehören, und die Rückseiten der Pappelblätter blinken im Wind silbern.

Wir stehen auf der mittleren der die Insel mit dem Wohnkomplex 6 verbindenden Brücken und auch das hat für mich etwas Symbolisches. Ich lehne mich ans Geländer und das ist mein letzter kläglicher Versuch, lässig zu wirken. Ich fange nicht an zu stottern oder zu schwitzen oder dergleichen, sondern versichere mir selbst innerlich lautlos betend, dass dies jetzt Realität ist. Diese Augen endlich ganz aus der Nähe und ganz bewusst nur auf mich gerichtet! „Kaukasische Augen“ nenne ich sie in meinem Tagebuch, denn natürlich führe ich störungsspezifisch Tagebuch. Gewiss, „Der Zauberberg“, Madame Clawdia Chauchat. Immerhin behalte ich diesen Vergleich für mich.

Wiederum sehr viel später ist mir klar, dass sie auch oder gerade in dieser Situation weitaus reifer reagiert als viele ihrer Altersgenossinnen. Sie scheint solche Verliebtheiten gewohnt, aber sie kokettiert nicht, zickt nicht und macht sich nicht lustig über arme Kerle wie mich, die sie hoffnungslos anschmachten. Ich erlebe ganz andere Reaktionen ähnlich umschwärmter Mädchen in ähnlichen Situationen und keineswegs nur mir gegenüber. Sie ist auf geradezu entwaffnende Weise echt, authentisch, in sich ruhend, was alles Männchen-Getue sofort hinfällig macht. Heute würde ich sogar sagen, sie hat etwas mütterlich verständnisvoll Verzeihendes.

Es stellt sich heraus, dass dies ihr letzter Besuch in der Schule ist, mit dem sie sich innerlich trennen will. Sie wird das Abitur an einer Spezialschule für spätere Auslandsstudenten erwerben. Wieder bin ich beinahe erschüttert von der Reife dieses jungen Mädchens. Dass es etwas wie Trennungsrituale gibt, die Entwicklungsschritte ermöglichen, begreife ich erst viele Jahre später und dann eigentlich auch nur theoretisch.

Natürlich wirkt hier das Unbewusste. Ähnliche Geschichten erlebe ich noch mehrfach, etwa einige Jahre später mit einem anderem Mädchen, das nach einer im Freundeskreis durchdiskutierten Nacht bei unserer Verabschiedung im Sonntagmorgengrauen erklärt, am folgendem Montag 150 Kilometer weit entfernt mit dem Studium zu beginnen. Jetzt kann ich mich ran schmeißen; es besteht nicht die „Gefahr“, dass etwas daraus werden kann. „Neurotik und Erotik klingen nicht nur ähnlich!“, lese ich später irgendwo und grinse müde genervt.

Auch das ist jedoch nicht die Episode, mit der die Geschichte meines Budenzaubers wie alle wahren Geschichten lange vor ihrem Anfang beginnt. Diese Episode erlebe ich an einem Sommerabend. Wieder einmal steigere ich mich in einer langen Stadtwanderung geradezu rauschartig in innere Bilder hinein. Ich bin nach wenigen Minuten in diesem an Trance erinnernden Zustand, der immer wieder zu Rückmeldungen führt wie „Schon wieder full!“ Dabei habe ich keinen Tropfen getrunken oder andere mental illuminierende Substanzen zu mir genommen.

Natürlich träume ich an jenem Abend von diesem Mädchen. Dabei gehen diese Phantasien höchstens bis zu platonischen erotischen Erkundungen. Meistens schwelge ich in Wachträumen von bedeutungsvollen Dialogen, die ich im gewissermaßen nüchternem Zustand mühelos als überaus kitschig und vor allem nicht typisch für unsere sozialistischen Menschen erkennen würde.

Nachtwandlerisch beschwingt von diesen Träumen biege ich gegen dreiundzwanzig Uhr um die Ecke des Wohnblocks, hinter dem sie an vielen Morgen gegen sechs Uhr dreißig erscheint.

Sie kommt mir tatsächlich entgegen. – Würde mir einer diese Geschichte erzählen, würde ich sie als schlecht ausgedacht belächeln.

Es laufen nun wie vom Band die üblichen Rituale ab. Sie erkennt mich, lächelt in dieser in Worten schwer auszudrückenden Art, nickt freundlich und grüßt. Ich nuschele etwas, das ebenfalls einen Gruß darstellen soll und wir entfernen uns in entgegengesetzten Richtungen. Mir scheint, dass sie sogar kurz zusammen zuckt, aber es scheint eher ein freudiges Erschrecken. Jack London hätte etwas geschrieben wie: „Es durchfuhr sie beide, und sie spürten es!“ oder dergleichen.

Damit hat es sich mit dieser Geschichte. Wir wechseln noch ein oder zwei Postkarten während meiner Zeit bei der Fahne, aber ich sehe sie nie wieder. Dies aber ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich diese ungeheure Wut in mir spüre, zu der fähig zu sein ich nie für möglich gehalten hätte.

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