Ein großer Wurf

Hinter dem aus meinem Fenster gesehen Wohnblock rechts von unserem sind zwei Sandkästen, zu denen ich gehen darf, da sich gleich daneben der Wäschetrockenplatz befindet, den meine Mutter häufig benutzt. Der Spielplatz hinter dem Block nördlich von unserem aber ist überhaupt als solcher ausgestattet. Es gibt ein sehr großes Gerüst mit Schaukeln, eine Wippe, mehrere Sandkästen mit Klettergerüsten verschiedenster Form, einen Kletterpilz und schließlich eine große Rutschbahn.

Im Laufe der Jahre wird eines nach dem anderen dieser Spielgeräte demontiert. Das liegt zum Teil daran, dass sie trotz ihrer robusten Bauweise immer wieder beschädigt werden; beispielsweise muss der Kletterpilz mehrfach mit einem neuen Dach versehen werden. Andererseits passiert dort zu viel, wie meine Mutter mit drohendem Unterton erklärt.

Mir passiert etwas, als ich in einer Gruppe von etwa 10 Kindern an der Rutschbahn spiele. Das ist ein sehr seltenes Erlebnis, denn ich gehöre zwar vielleicht nicht wirklich dazu, bin aber dabei. Ein Kind wirft mir einen Stein an den Kopf; dies jedoch nicht, indem Jemand von oben auf mich wirft, sondern, als ich auf der Plattform der Rutschbahn stehe und Jemand von unten mit Steinen feuert. Der Stein trifft mich mit beträchtlicher Wucht eine Handbreit über der Stirn.

Zum Glück habe ich an diesem Tag die dicke Bommel-Mütze auf, die ich hasse. Wahrscheinlich ist das ein Zugeständnis an meine Mutter, damit ich auf diesen Spielplatz darf. Ich empfinde diese Fügung in diesem Augenblick jedoch keineswegs als glücklich.

Während ich nach dem Treffer wie in Trance im begonnenen Bewegungsablauf fortfahre, indem ich mich vollends auf die Rutsche setze und mich hinab gleiten lasse, läuft Blut aus der Mütze über mein Gesicht. Ich werde unten im Sandkasten mehr hingeschleudert als dass ich lande.

Die Aufregung der Kinder, die den Unfall jetzt wahrnehmen, ist groß. Erst in diesem Augenblick beginne ich zu brüllen. Eigentlich aber peinigt mich weniger der Schmerz, denn vermutlich durch den Schock betäubt fühle ich den kaum. Aber es geschieht jetzt etwas, was ich immer erleben zu müssen fürchte und mit geradezu intuitivem Geschick immer wieder vermeide. Ich werde nicht nur gewissermaßen sichtbar, sondern stehe sogar unvorbereitet im Mittelpunkt öffentlichen Interesses.

Deshalb möchte ich im Boden versinken. Aber ich kann nicht tun, was ich innig wünsche, nämlich so schnell wie möglich davon laufen. Ein Dutzend Kinder begleitet mich zu meinem Hausaufgang. Die meisten kenne ich gar nicht. Sie lärmen dermaßen, dass mehrere Fenster geöffnet werden und Erwachsene sich verständnislos den seltsamen Zug besehen.

Die Wunde wird im Krankenhaus genäht und ich werde gelobt, weil ich so tapfer dabei bin. Meine Mutter ärgert sich heftig über eine Schwester, die schon im Vorraum des Behandlungszimmers die Wunde derart heftig inspiziert, dass der inzwischen versiegte Blutstrom wieder einsetzt und meinen neuen Anorak beschmutzt.

Einige Wochen später spiele ich auf dem großen Rasen vor unserem Haus. Der Vorfall mit dem Stein scheint vergessen. Zum Einen konnte der Steinwerfer nicht ermittelt werden, zum Anderen ist die kahle Stelle auf meinem Kopf fast völlig zugewachsen, die der Chirurg frei rasiert hat und die mich wiederum in den Mittelpunkt mir peinlicher Aufmerksamkeit rückt. Meine Spiele scheinen für Außenstehende seltsam zu sein. Einmal erscheinen völlig unbekannte Leute, um meinen Eltern zu raten, mich einem Psychologen oder einem Psychiater vorzustellen. Sie hätten mich des Öfteren auf dem Hof beobachten können und ich wäre nicht normal.

Das halbe Dutzend Jungen meines Alters bemerke ich erst, als ihr offensichtlicher Anführer und Wortführer unmittelbar vor mir steht. Ich zögere zunächst, da mir scheint, dass sich das Geschehen noch aufklären wird, dass nicht ich gemeint sein kann. Als ich begreife, dass die Jungen es in der Tat auf mich abgesehen haben, geht alles sehr schnell und wie von selbst.

Ich weiß nicht, ob sie es beabsichtigt haben, aber sie stehen geradezu in Angriffsordnung vor mir. Die Spitze des Keils bildet der Anführer. Er baut sich regelrecht vor mir auf. Mit der einen Hand stützt er sich auf einen dieser Wanderstöckchen mit gebogenem Griff, wie sie unter uns Kindern hoch im Kurs stehen. Es sind bereits einige der Emaille-Schildchen mit Wappen oder stilisierten Abbildungen bekannter Ausflugsorte darauf genagelt, wie man sie an Kiosken mit Andenken und Kitsch erwerben kann. In der anderen Hand hält der Junge einen etwa hühnereigroßen Stein, den er, während er seine Anklagerede hält, in regelmäßigen Abständen etwa zehn Zentimeter vor seiner Brust in die Höhe wirft und wieder auffängt.

In einer Art warmer Woge kommt Angst in mir hoch, die mich eher erstarren lässt als dass sie mich dazu veranlasst, angesichts dieser erdrückenden Übermacht Reißaus zu nehmen. Gleichzeitig aber bin ich in irgendeinem tiefen Teil meiner Seele belustigt und angewidert. Der Wortführer legt in ungewollt karikaturistischer Übertreibung das Gebaren eines texanischen Saloon-Schützen aus einem Westernfilm an den Tag, der kurz davor ist, mit diesen geradezu rituellen Handgriffen den Revolver zu ziehen. Zudem bemüht der Junge sich, durch seine energisch zusammengebissenen Zähne hindurch zu zischen, was offensichtlich drohend klingen soll.

Es dauert einige Augenblicke, bis mir die Ungeheuerlichkeit seiner Anschuldigung bewusst wird. Er fragt mich mit dem zornigen Triumphieren eines seiner Sache ehrlich sicheren Kämpfers für Gerechtigkeit, ob ich vor einiger Zeit einem Freund von ihm mit einem derartigem Stein wie dem eben von ihm spielerisch vorgeführten ein Loch in den Kopf geworfen hätte.

Der beschriebene Freund ist mir völlig unbekannt. Der fragliche Zeitpunkt entspricht aber etwa dem, zu dem mir ein Unbekannter einen Stein an den Kopf geworfen hat.

Jetzt geschieht etwas, was ich nicht in einem meiner heroischen Wachträume für möglich gehalten hätte. Ich reiße dem Anführer der Bande vermeintlicher Rächer das Wanderstöckchen aus der Hand und hole damit weit aus. Ich komme aber gar nicht dazu, es auf einen Körper klatschen zu lassen. Wie auf ein vereinbartes Stichwort hin wendet sich nicht nur der Wortführer heftig ab, sondern alle Jungen drehen sich um und laufen davon. Ich begreife verblüfft, dass sie sich ohne weiteres schleunigst aus meinem Gesichtsfeld entfernen und nehme nur für einige Meter halbherzig die Verfolgung auf. Dann werfe ich den Stock den Jungen hinterher, als eben die letzten um die Hausecke biegen.

Ich bin eher beschämt als etwa begeistert. So sehen die mich! Eine solche Ausstrahlung habe ich auf Altersgenossen, mit denen ich zwar nichts zu tun habe, die mich aber in langen Jahren nachbarschaftlichen Wohnens offenbar durchaus wahrnehmen. Schon einer dieser Jungen könnte mich ohne große Anstrengungen überwältigen.

Zudem kann ich mit meinen dünnen Ärmchen den Anführer des Haufens kaum ernsthaften Schaden zufügen, geschweige denn ihn kampfunfähig machen. Nun laufen jedoch fünf oder sechs Jungen davon, bevor ich auch nur den Mund aufmache oder einen einzigen Schlag austeile. Ich bin ein Monstrum.

Dann wird mir jedoch bewusst, dass ich eben weit über das hinaus gehe, was mein Vater immer ebenso unermüdlich wie erfolglos an männlich entschlossenem Auftreten und Handeln von mir verlangt. Ich habe ganz real in meiner kleinen Welt eine kleine Heldentat vollbracht.

Ich sehe verstohlen zu den Fenstern der elterlichen Wohnung hinauf. Als ich meinen Vater erblicke, weiß ich instinktiv sofort, dass er das Geschehen wahrgenommen hat. Ich brauche mich nicht zu schämen, ich kann meinem Vater mit einem gewissem Stolz gegenüber treten.

Ich weiß nicht mehr genau, wie seine Reaktionen im Einzelnen sind. Ich entsinne mich aber noch sehr gut meiner Enttäuschung, die zu zeigen ich mich allerdings hüte. Zwar lobt mich mein Vater durchaus, aber er tut es, als wäre es ihm eher peinlich, sich dieser Anstrengung unterziehen zu müssen. Sein ganzes Auftreten drückt ohne Worte oder gar im Widerspruch zu ihnen aus, dass ich in einem von vielen Malen mich derart verhalte, wie er es einfach als selbstverständlich zu empfinden scheint.

Ich wachse in wenigen Augenblicken wie nie zuvor und auch später nie wieder über mich hinaus. Aber er nimmt das nicht wahr, der Gott meines kleinen Kinderhimmels.

***

Das ist vielleicht die meiner persönlichen Ur-Geschichten, die sich nach der Beobachtung von Therapeuten von Schulen insbesondere systemischer Richtungen vielfach variiert zu wiederholen pflegen. Das heißt z. B., dass mich betreffende Tatsachen immer wieder ins Gegenteil verkehrt werden. Ich bin angeblich wochenlang full, obwohl ich nicht einen Tropfen getrunken habe, ich lüge angeblich das Blaue vom Himmel herunter, obwohl ich über Jahrzehnte hinweg darunter leide, nicht spinnen, lügen, dichten zu können, usw. usw. usf.

Auch hier schwelge ich nicht in Selbstmitleid. Vielmehr scheint es mit einigem Recht immer wieder als grotesk empfunden zu werden, dass ich die Wahrnehmung und Erörterung derartiger Abläufe spannender finde als etwa die Lektüre von Thrillern, womit ich mich vor allem gebärde, als wäre gar nicht ich gemeint. Ich bin jedoch selbst überrascht, Psycho-Sprüche bestätigt zu finden, über die ich mich immer wieder lustig gemacht habe, wie etwa: „Da wiederholt sich etwas ganz Altes!“ usw.

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