Ein großer Wurf

Präskriptum: Eine der „persönlichen Urgeschichten“, die sich nach der Beobachtung vieler Therapeuten mehrerer Schulen insbesondere systemischer Richtungen vielfach variiert zu wiederholen pflegen. Konkret heißt das z. B., dass mich betreffende Tatsachen immer wieder ins Gegenteil verkehrt werden.

Schließlich passiert mir etwas. Dies geschieht in einer Art, die ich schon damals als in tragikomischer Weise für mich typisch empfinde, wenn ich das auch nicht auszudrücken vermag.

Hinter dem Wohnblock rechts von unserem sind zwei Sandkästen, zu denen ich gehen darf, da sich gleich daneben der Wäschetrockenplatz befindet, den meine Mutter häufig benutzt. Der Spielplatz zur Linken unseres Wohnblocks aber ist überhaupt als solcher ausgestattet. Es gibt ein riesiges Gerüst mit Schaukeln, eine Wippe, mehrere Sandkästen mit Klettergerüsten verschiedenster Form, einen Kletterpilz und schließlich eine große Rutschbahn. Im Laufe der Jahre wird eines nach dem anderen dieser Spielgeräte demontiert. Das liegt zum Teil daran, dass sie trotz ihrer robusten Bauweise immer wieder beschädigt werden; beispielsweise muss der Kletterpilz mehrfach mit einem neuen Dach versehen werden. Andererseits passiert dort zuviel, wie meine Mutter mit drohendem Unterton erklärt.

Mir passiert etwas, als ich an der Rutschbahn spiele. Ich bekomme einen Stein auf den Kopf. Dies jedoch nicht, indem Jemand von oben auf mich wirft, sondern, als ich auf der Plattform der Rutschbahn stehe und Jemand von unten mit Steinen feuert. Der Stein trifft mich mit beträchtlicher Wucht eine Handbreit über der Stirn. Zum Glück habe ich an diesem Tag die dicke Bommelmütze auf, die ich hasse. Wahrscheinlich ist das ein Zugeständnis an meine Mutter, damit ich auf diesen Spielplatz darf. Ich empfinde diese Fügung in diesem Augenblick jedoch keineswegs als glücklich. Während ich nämlich nach dem Treffer wie in Trance im begonnenen Bewegungsablauf fortfahre, indem ich mich vollends auf die Rutsche setze und mich hinab gleiten lasse, läuft Blut aus der Mütze über mein Gesicht. Unten im Sandkasten mehr hingeschleudert als gelandet, sehe ich ich kaum noch etwas.

Die Aufregung der Kinder, die des Geschehens nun gewahr werden, ist groß. Erst in diesem Augenblick beginne ich zu brüllen. Eigentlich aber peinigt mich weniger der Schmerz als vielmehr die Scham darüber, dass jetzt geschieht, was ich immer gefürchtet und mit geradezu intuitivem Geschick immer wieder vermieden habe. Ich bin nicht nur gewissermaßen sichtbar geworden, sondern stehe gar unvorbereitet im Mittelpunkt außerordentlichen öffentlichen Interesses. Da ich durch das Blut nicht richtig sehen kann, kann ich nicht tun, was ich innig wünsche, nämlich so schnell wie möglich davon laufen. Infolgedessen eskortiert mich ein Dutzend Kinder zu meinem Aufgang, mit derartigem Geschrei und Gezeter, dass mehrere Fenster geöffnet werden und Erwachsene sich verständnislos den seltsamen Zug besehen.

Die Wunde wird im Krankenhaus genäht und ich werde gelobt, weil ich so tapfer dabei bin. Meine Mutter ärgert sich heftig über eine Krankenschwester, die schon im Vorraum des Behandlungszimmers die Wunde derart heftig inspiziert, dass der inzwischen versiegte Blutstrom wieder einsetzt und meinen neuen Anorak beschmutzt.

Einige Wochen später spiele ich auf dem großen Rasen vor unserem Haus. Der Vorfall mit dem Stein scheint vergessen. Zum Einem ist der Steinwerfer nicht ermittelt, zum Anderem ist die kahle Stelle auf meinem Kopf fast völlig zugewachsen, die der Chirurg frei rasiert und die mich wiederum in den Mittelpunkt peinlicher Aufmerksamkeit rückt. Meine Spiele scheinen für Außenstehende seltsam zu sein. Einmal kommen uns völlig unbekannte Leute zu meinen Eltern, um ihnen zu empfehlen, mich einem Kinderpsychologen oder einem Psychiater vorzustellen. Sie hätten mich des Öfteren auf dem Hof beobachten können und ich wäre nicht normal.

Das halbe Dutzend Jungen meines Alters bemerke ich erst, als ihr offensichtlicher Anführer und Wortführer unmittelbar vor mir steht. Ich zögere zunächst, da mir scheint, dass sich das Geschehen noch aufklären wird, dass nicht ich gemeint sein kann. Als ich begreife, dass die Jungen es tatsächlich auf mich abgesehen haben, geht alles sehr schnell und wie von selbst.

Ich weiß nicht, ob sie es beabsichtigt haben, aber sie stehen geradezu in Angriffsordnung vor mir. Die Spitze des Keils bildet der Anführer. Er baut sich regelrecht vor mir auf. Mit der einen Hand stützt er sich auf einen der Wanderstöckchen mit gebogenem Griff, wie sie damals unter uns Kindern hoch im Kurs stehen. Es sind bereits einige der Emailschildchen mit Wappen oder den stilisierten Abbildungen bekannter Ausflugsorte darauf genagelt, wie man sie an Kiosken mit Andenken und Kitsch erwerben kann. In der anderen Hand hält der Junge einen etwa hühnereigroßen Stein, den er, während er seine Anklagerede hält, in regelmäßigen Abständen etwa zehn Zentimeter vor seiner Brust in die Höhe wirft und wieder auffängt.

In einer Art warmer Woge kommt Angst in mir hoch, die mich eher erstarren lässt als dass sie mich dazu veranlasst, angesichts dieser erdrückenden Übermacht Reißaus zu nehmen. Gleichzeitig aber bin ich in irgendeinem tiefen Teil meiner Seele belustigt und angewidert. Der Wortführer legt in ungewollt karikaturistischer Übertreibung das Gebaren eines texanischen Saloon-Schützen aus einem schlechtem Westernfilm an den Tag, der kurz davor ist, den Abzug seines Revolvers zu betätigen. Zudem bemüht er sich auch noch, durch seine energisch zusammengebissenen Zähne hindurch zu zischen, was offensichtlich drohend klingen soll.

Es dauert einige Augenblicke, bis mir die Ungeheuerlichkeit seiner Anschuldigung bewusst wird. Er fragt mich mit dem zornigen Triumphieren eines seiner Sache ehrlich sicheren Kämpfers für Gerechtigkeit, ob ich vor einiger Zeit einem Freund von ihm mit einem derartigem Stein wie dem eben von ihm spielerisch vorgeführten ein Loch in den Kopf geworfen hätte. Der beschriebene Freund ist mir völlig unbekannt. Der fragliche Zeitpunkt entspricht aber etwa dem, zu dem mir ein Unbekannter das Loch in den Kopf wirft.

Jetzt geschieht etwas, was ich nicht in einem meiner heroischen Wachträume für möglich gehalten hätte. Ich reiße dem Anführer der Bande vermeintlicher Rächer das Wanderstöckchen aus der Hand und hole damit weit aus. Ich komme aber gar nicht dazu, es auf einen Körper klatschen zu lassen. Wie auf ein vereinbartes Stichwort hin wendet sich nicht nur der Wortführer heftig ab, sondern alle Jungen drehen sich um und laufen davon. Ich begreife verblüfft, dass sie sich ohne weiteres schleunigst aus meinem Gesichtsfeld entfernen, und nehme nur für einige Meter halbherzig die Verfolgung auf. Dann werfe ich den Stock den Jungen hinterher, als eben die letzten um die Hausecke biegen.

Ich bin eher beschämt als etwa begeistert. So sehen die mich! Eine solche Ausstrahlung habe ich auf Altersgenossen, mit denen ich zwar nichts zu tun habe, die mich aber in langen Jahren nachbarschaftlichen Wohnens durchaus wahrgenommen haben müssen! Es würden zwei dieser Jungen reichen, um mich ohne große Mühen zu überwältigen. Zudem hätte ich mit meinen dünnen Ärmchen den Anführer des Haufens kaum ernsthaften Schaden mit dem Stöckchen zuzufügen vermocht, geschweige denn ihn kampfunfähig zu machen. Nun sind jedoch fünf oder sechs Jungen davongelaufen, bevor ich auch nur den Mund aufgemacht oder einen einzigen schwachen Schlag ausgeteilt habe.

Dann wird mir jedoch bewusst, dass ich eben weit über das hinausgegangen bin, was mein Vater immer ebenso unermüdlich wie erfolglos an männlich entschlossenem Auftreten und Handeln von mir verlangt. Ich Weichling und Waschlappen habe eben ganz real eine kleine Heldentat vollbracht.

Ich sehe mehrfach verstohlen zu den Fenstern der elterlichen Wohnung hinauf. Als ich meinen Vater erblicke, weiß ich instinktiv sofort, dass er das Geschehen wahrgenommen hat. Ich brauche mich nicht zu schämen, ich kann meinem Vater jetzt gegenüber treten, wie ich es noch nie vermochte.

Ich weiß nicht mehr genau, wie seine Reaktionen im Einzelnen sind. Ich entsinne mich aber noch sehr gut meiner furchtbaren Enttäuschung, die zu zeigen ich mich allerdings hüte. Zwar lobt mich mein Vater durchaus, aber er tut es, als wäre es ihm eher peinlich, sich dieser Anstrengung unterziehen zu müssen. Sein ganzes Auftreten drückt ohne Worte oder gar im Widerspruch zu ihnen aus, dass ich in einem von vielen, vielen Malen mich so verhalten habe, wie er es einfach als selbstverständlich zu empfinden scheint.

Ich bin in wenigen Augenblicken derart über mich hinaus gewachsen, wie ich es mit Sicherheit vorher nie getan habe und wie ich es vielleicht auch später nie wieder vermag. Aber er nimmt das nicht wahr, mein Vater, der Gott meines kleinen Kinderhimmels.