Eigenleistung

Sommer – Ferien! Ich sitze tatsächlich in diesem Bus. Wie immer fahre ich ins Ferienlager, wie immer will ich das eigentlich nicht und wie immer hat meine Stiefmutter mindestens einen Ferienlageraufenthalt für die als wunderbare Ewigkeit erscheinenden acht Wochen Sommerferien organisiert.

Ich mache wie immer dicht. Genau kann ich selbst nicht sagen, warum ich das immer in neuen Situationen tue. Aber es fragt eh‘ keiner nach. Es ist, als wäre ich beleidigt und wüsste nicht warum.

Der Junge, der sich neben mich setzt, lässt aber nicht locker. Wenn ich das Wort kennen würde, aber ich kenne es nicht, ich werde in ein paar Wochen 12, würde ich von Ambivalenz sprechen. Einerseits bin ich von den Bemühungen des Jungen geängstigt, andererseits geschmeichelt.

Ich empfinde den Jungen auf für mich nur zu ahnende Weise selbstbewusster, mehr bei sich selbst, als ich es je erlebt habe. Eigentlich ist er mir sympathisch. Er hat ein fast rundes Gesicht, das bei Anderen wahrscheinlich als „Vollmondgesicht“ bezeichnet worden wäre, bei ihm jedoch irgendwie vollkommen oder jedenfalls ebenmäßig wirkt. Seine kurzen aschblonden Haare sind zu einem Mecki-Schnitt frisiert, auf den ich neidisch bin, weil mir diese Frisur so jungenhaft-frech erscheint, wie mein Vater von mir zu sein vergeblich erwartet. Schließlich hat der Junge diese blauen Augen, die ich nur insgeheim „lustig“ nenne, weil mir diese Bezeichnung albern vorkommt.

Die unsichtbare Mauer bricht schließlich, die ich in kindisch-grundlosem Schmollen um mich errichtet habe. Als der Bus nach einigen Stunden auf das Gelände des Ferienlagers fährt, wissen wir voneinander, was zwölfjährige Jungen voneinander wissen müssen, um Freundschaft zu schließen. Ich stimme erleichtert zu, als Rolf mir vorschlägt, gemeinsam eines der in den Zelten zu erwartenden Doppelstockbetten zu belegen.

Hier ist nun das riesige Ferienlagergelände! Alles ist vorhanden, was Einem beim Wort „Ferienlager“ in den Sinn kommt. Beinahe habe ich das Gefühl, in eine kitschige Ansichtskarte zu laufen. Strahlend blauer Himmel, Geräusche und Gerüche vom See, der das Lager von zwei Seiten umschließt, dazu der in meiner Nase anheimelnde Schulhort-Geruch von in großen Kesseln gekochtem Malzkaffee. Überall hört man das Lachen und Lärmen von Kindern in den Ferien.

Ich verliere sofort den Überblick, bin aber überwältigt im positivem Sinne. Ich habe mit so etwas wie Abenteuern nicht gerechnet. Schließlich ist diese Fahrt eine von meiner märchenhaften Stiefmutter angeordnete Pflichtveranstaltung zur allseitigen Entwicklung und Entfaltung der jungen Persönlichkeit. Aber hier scheinen Abenteuer möglich.

Ich kann auch jetzt nicht ausdrücken, dass diese unerwartet aufkommende Vorfreude eher von äußeren Umständen ausgelöst worden sein könnte als von dem für meine Verhältnisse ungewöhnlich schnell geknüpftem Kontakt, der ohnehin nicht mein Verdienst ist. Aber ich spüre auch das unklar. Wenige Stunden nach der nur vorübergehenden Trennung vom Elternhaus wird sonst beinahe unmöglich Erscheinendes beinahe beiläufig real.

Jetzt schleppen wir fast eine Viertelstunde lang Koffer und Taschen bis zum Zelt. Drei Zelte für meine Gruppe, fast direkt am Seeufer. Dies ist das am weitesten von der Lagereinfahrt entfernte Quartier. Hier wirkt das Ferienlagergelände wie ein öffentlicher Park, an dessen Kieswegen sich, eine Steinwurfweite voneinander entfernt, Gruppen von drei oder vier Zelten reihen. Es gibt Geländeabschnitte im Ferienlager, die wie gepflanzter Wald oder gar wie Urwald wirken. Selbstverständlich gibt es aber auch hier die an Gartenbauausstellungen erinnernden Areale, die nicht nur mich zu genervten Anmerkungen über den zwangsläufig zu erwartenden Gruppenwettbewerb veranlassen.

Kindheit, Sommer, dieser Kitzel nahenden oder jedenfalls möglichen Glücks, der selbst mich beinahe los rennen und scheinbar grundlos schreien und jauchzen lässt! Aber nur beinahe, weil ich dergleichen ebenfalls albern finde und mir noch ungeschickter dabei vorkomme als im Schulunterricht bei angeordneten Turnübungen. Alles ist da – und alles so verdammt real!

Jetzt sind einige Tage nach der Ankunft im Bilderbuch vergangen und es beginnt zu regnen und hört ein Dutzend Tage lang nicht mehr auf. Das Wasser des Sees schwappt schließlich an die Zeltkante. Wir legen das Zelt mit Latten-Rosten aus, damit man sich darin bewegen kann, ohne nasse Füße zu bekommen.

Mehrere Vorschläge sogenannter Erwachsener, das Ferienlager abzubrechen, weil es im Wortsinn ins Wasser zu fallen droht, werden von der Lagerleitung abgelehnt. Wir liegen auch tagsüber stundenlang in unseren Doppelstockbetten, während es draußen rauscht und plätschert und trieft. Die Regentropfen klopfen einen einschläfernden Rhythmus auf die Zeltleinwand. Ich kann mich gewissermaßen mit offizieller Berechtigung oder jedenfalls Bestätigung in meine Wachträume verlieren.

Aber diese Träume haben einen neuen Inhalt – intensiver und leuchtkräftiger als die Inhalte aller bisher durchlebten Wachträume. Ich nehme die ersten Anzeichen wahr, aber nicht ernst genug. Das schwingende Kleidchen, die schaukelnden Zöpfe, als sie aus dem Bus steigt. Ich kenne dieses Gefühl bereits. Während eines ähnlichen Ferienlageraufenthaltes in der dritten Klasse habe ich sogar einem Mädchen einen hastigen Kuss auf die Wange gedrückt, der allen Anforderungen entsprechender Szenen in Kinder- und Jugendfilmen zu genügen schien.

Da ist das Doppelstockbett in der rechten Ecke gegenüber dem Eingang des Zeltes! Wie im Bus vereinbart, haben Rolf und ich es uns geteilt. Ich liege oben und er unten. Ich kann mit der Hand an die Zeltleinwand greifen, tue das aber nur ein paar Mal, weil danach das Wasser durchzutropfen beginnt. Wir flüstern und tuscheln. Ich bilde mir ein, dass auch Rolf nur so tut, als sollten die Anderen im Zelt nicht hören, was wir zu bereden haben. Rolf hat ein Auge auf das Mädchen geworfen, mit dem meine Angebetete sich auch bereits im Bus angefreundet hat. Ich bin freudig überrascht – damit ist ja alles klar.

Ich tue nun das, was ich in dieser Situation für das Natürlichste der Welt halte, obwohl ich ahne, dass Andere das anders sehen würden – ich tue nichts. Diese Verliebtheit ist eines der stärksten Gefühle, das ich bisher erlebt habe. Gerade deshalb bin ich überzeugt, es von allen meinen Gefühlen und Gedanken am meisten geheim halten zu müssen.

Dass ich Rolf davon erzähle, ist nur seinem stürmischem Werben um meine Freundschaft geschuldet. Ich vertraue ihm, was mich selbst überrascht. Ich kann für meine Überzeugung, meine stärksten Gefühle am meisten verbergen zu müssen, keinen Grund angeben, bemerke aber deutlich, dass einige Mitglieder meiner Gruppe glauben, ich könne das Mädchen überhaupt nicht ab, das ich in Wahrheit anhimmele. Das ist mir jedoch recht, weil ich damit besser leben kann als mit den zu erwartenden halb mitleidigen, halb eifersüchtigen Spötteleien über das Liebespaar.

Jetzt aber das bienenstockartige Treiben an den Frühstückstischen. Es ist alles real! Die Ferienlagergruppen sitzen in einem großem Saal in dem Gebäude, das mir bei der Ankunft als erstes aufgefallen ist. Es hat etwas Repräsentatives, Leuchtendes, Sonniges, Sommerliches, wobei dieser Eindruck nicht nur durch den strahlend weißen Anstrich hervorgerufen wird. Dieses Haupthaus des Ferienlagers steht linkerhand vom Lager-Tor knapp hundert Meter von diesem entfernt.

Im Saal das Dutzend langer Tische aus groben Holzbohlen mit jeweils halb so langen Sitzbänken. An jedem Tisch eine Gruppe. Unser Tisch ist links etwa in der Mitte des Saals. Mein Platz ist am äußerstem Ende, d. h., an dem vom Mittelgang am weitestem entferntem Ende, während vorn, direkt an diesem Mittelgang, die Erzieher sitzen.

Auch dieser etwa zwanzigjährige Betreuer sitzt jetzt dort, den ich normaler Weise sympathisch finden würde. Aber die Umstände sind auch in diesem Zusammenhang völlig unnormal. Sie schmeißt sich dauernd an ihn ran und schmust sogar mit ihm oder tut zumindest das, was die sogenannten Erwachsenen mit dem beknacktem Wort „Schäkern“ benennen. Es ist ungeheuerlich! Bilde ich mir ein, dass sie bei diesen harmlosen Vorübungen erotischer Annäherung oft zu mir hinüber sieht? Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr – es stimmt einfach gar nichts mehr.

Jetzt kommt die Todesnummer! Rolf erhebt sich unvermittelt von seinem Platz neben dem meinem, um in Richtung Mittelgang zu gehen. Das haben wir überhaupt nicht abgesprochen! Er erregt bereits einiges Aufsehen, denn Ein- und Auszug in den und aus dem Speisesaal erfolgen immer geregelt, d. h., nach Aufforderung durch und unter Aufsicht der Betreuer. Rolf beugt sich zu seiner Angebeteten und sagt ihr etwas ins Ohr. Ich kann aus zehn Metern Entfernung erkennen, dass trotzdem die Betreuer alles mitkriegen. Eine Frau grient offensichtlich gerührt. Blöde Zimtzicke!

Nachdem Rolf seine angesprochen hat, beugt sie sich über den Tisch zu meiner, die genau gegenüber sitzt, und flüstert ihr etwas hinter vorgehaltener Hand ins Ohr. Das Mädchen meiner Träume wird rot. Ich denke etwas wie, dass es also auch das auch in der Realität gibt, nicht nur in Kunstwerken, die durchgenommen werden. Dann beugt sie sich über den Tisch und tuschelt etwas zurück. Jetzt geschieht etwas, was ich befürchtet habe – alle Betreuer grienen dämlich gerührt.

Ich zähle jetzt nicht mit, aber ich bin überrascht, mit welcher freundlichen Bereitwilligkeit mir Rolf wie in einer Endlosschleife auch noch zum zwanzigstem Mal bis ins kleinste Detail Bericht erstattet über diese winzige monumentale Szene. Nicht nur hat Rolf den Mädchen seine und meine Gefühle offenbart – beide Mädchen haben versichert, dass es gegenseitig ist. Mehr noch – meine Angebetete hat wörtlich erklärt: „Der sieht schnucke aus, den hab‘ ich ooch!“

„Der“ bin ich, und „schnucke“ habe ich noch nie gehört. Ich wiederhole dieses Wort jetzt innerhalb kürzester Zeit so oft wie kein anderes Wort in meinem bisherigem Leben.

Es ist nicht das einzige Wort, das ich durch dieses Mädchen lerne. Diese zu Ringen gebundenen Zöpfe beispielsweise nennt man „Affenschaukeln“. Die Art aber, wie sie des Öfteren die Lippen spitzt auch dann, wenn sie gar nichts sagt, nennt man „Karpfenschnute“. Was würde ich dafür geben, etwa diese „Karpfenschnute“ in einer Weise beschreiben zu können, die dem Original auch nur nahe käme, so dass alle Welt begreifen könnte, warum man dieses Mädchen unbedingt lieben muss!

Ich verstehe ohnehin nicht, dass nicht alle Jungen in sie verknallt sind. Es gibt sogar einige, denen sie nicht nur scheinbar vollkommen egal zu sein scheint. Offenbar leiden diese Jungen an geistigen Defiziten.

Die bescheuerten Schlager, die meine Mutter in meiner Vorschulkindheit stundenlang aus dem Ungetüm von Röhrenradio hat dröhnen lassen, scheinen irrer Weise in vielen Details recht zu haben. Ich bin wie betrunken und schlafwandle am helllichten Tag. Passt schon – es ist eh‘ alles überhaupt nicht wahr. Ich träume das nur oder ich habe das in einem Film gesehen. Das geschieht nicht mir – das geht gar nicht.

Jetzt steht sie vor dem Speisesaal, die Arme verschränkt, weniger trotzig als vielmehr vorsichtig. Sie hat das Gewicht auf ein Bein verlagert, um mit dem anderem vor sich im Sand zu scharren, unendlich verspielt und kokettierend. Sie macht dabei diese „Karpfenschnute“. Sie trägt ihr sehr kurzes rosa Kleid, auf das ausnahmsweise nicht nur ich aufmerksam geworden bin.

Das Ferienlagerfest! Sie nimmt an einer Vorführung dieser Art rhythmischen Gymnastik teil, die der Klassengegner „Cheerleading“ nennen würde. An beiden Beinen blitzt ihr weißes Höschen unter dem Turnanzug hervor.

Jetzt dieses alberne, bekloppte und großartige Spiel, bei dem zwei Mannschaften sich gegenseitig durch Ballwürfe aus dem Feld drängen müssen, indem mit dem Ball der Körper des jeweiligen Gegners getroffen werden muss, ohne dass der Gegner den Ball fangen kann. Natürlich spielen sie und ich in gegnerischen Mannschaften. Natürlich bleiben sie und ich als letzte Gegner übrig. Natürlich lasse ich mich widerstandslos abwerfen, mit dem ganzem Körper tödliche Langeweile, ja, Ekel ausdrückend. Natürlich bin ich ein total bescheuertes Arschloch – und dennoch fühlt sich das alles wunderbar an. Vor allem aber fühlt es sich wahnsinnig real an.

Schließlich auch jetzt wieder, ganz zuletzt, erstattet Rolf Bericht. Das Mädchen wird etliche Tage vor dem Ende des Ferienlagers überraschend von seinen Eltern abgeholt. Ich laufe in den Wald. Ihre Eltern lassen mich durch den Lagerfunk ausrufen, weil das Mädchen sich von mir verabschieden will. Sie steht in ihrem rosa Kleid am Lager-Tor und bricht in Tränen aus.

Ich höre den Aufruf nicht. Ich bin jetzt im mehrfachem Sinne blau, indem ich am anderem Ende des Ferienlagers halb wütend und halb erleichtert durch Heidelbeergestrüpp stampfe. Erleichtert, weil sich zum Glück leider bestätigt, was ich von Anfang an gewusst habe – diese Geschichte und dieses Gefühl sind unmöglich, so was geht gar nicht. Schwul oder was, der Typ! Man hat es immer geahnt. Beim Einsteigen in den Wagen der Eltern äußert sie heftig schluchzend, sie hätte sich für den Anderen entschieden, einen Freund aus ihrer Schule.

Nein, ich bin nicht überrascht, dass ich sie nicht nur nach den Ferien an meiner Schule wieder treffe, sondern auch einige Jahre später nach meinem Wechsel in die Abiturstufe. Jetzt ist alles in Ordnung – ich habe sie im Film gesehen! Das ist alles nur geträumt. Dieser über viele Jahre fort gesponnene Tag-und-Nacht-Traum schützt mich vor einigen Mädchen in meiner unmittelbaren Umgebung, die offensichtliches Interesse an mir zeigen.

Irgendwann aber wird kindliches Erleben mit erwachsener Weisheit verbunden sein. Dies wird dem seinen Lebenslauf Absolvierendem ermöglichen, sich in diesen kostbaren Augenblicken konstruktiv zu verhalten und sie nicht erst nachträglich und zu spät als kostbar, ja, einzigartig zu erkennen.

Auch in meiner augenblicklichen unwirklich-überwirklichen Situation spüre ich das deutlich. Das ist nicht nur meine erste und vielleicht stärkste Liebesgeschichte. Das ist einer dieser Wendepunkte im Leben, an denen Weichen – …

„Du hast das Ende der von Dir gewählten Lebenslauf-Probe erreicht. Willst Du diesen Abschnitt Deiner Personal History ohne Änderungen in Deinen Cortex reloaden? – Neu im Angebot unseres Life-Content-Managements: Du kannst heute drei episodische Modifikationen Deiner Biografie gratis speichern!“

Mit leichter, aber deutlicher Verbeugung vor Großmeister Philip K. Dick. So was wird kommen, wetten?! Schrauben die schon dran! – Ja ja, ich bin ein Mankurt, schon gut!

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