Drinnen und draußen

(Total unfertig. Oder so ähnlich.)

In der Erinnerung sehe ich mein Kinderzimmer, als würde ich es eben betreten. Dabei sehe ich es, während ich dort wohne, meist aus der Perspektive des im Bett liegenden Kindes, weil ich insgesamt ca. 4 Jahre meiner dort verbrachten Vorschulkindheit bettlägerig krank bin. Immer wieder scheint mir, dass ich das Zimmer unbedingt malen sollte. Diesen Gedanken verdränge ich jedoch immer gleich wieder. Er kommt mir nicht nur deshalb verstiegen vor, weil ich nicht malen kann. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich durch ein Gemälde dieses in Worten scher zu erfassende Atmosphärische viel besser nachvollziehbar darstellen könnte. Ich muss das aufheben, das darf nicht weg sein!

Das Bett steht links von der Tür, mit dem Fußende zur Tür, deren Rahmen direkt an die rechte Wand anschließt. Es ist die Hälfte eines großen Ehebettes und steht mit der „offenen“, an den Kanten nicht furnierten und lackierten Seite an der Wand und ist fast genau so lang wie diese Wand.

An der von der Tür aus rechten Wand steht eine Liege mit einem schwarz-gelb gemustertem derben Bezug, der kratzt. Es dauert immer mindestens einige Minuten, bis ich mich darauf buchstäblich warmgelegen habe und einigermaßen behaglich fühle. Insgeheim bin ich belustigt von meiner Feststellung, dass dieser kratzende Bezug ähnlich riecht wie der zähflüssige braune Leim, den mein Vater für kleinere Reparaturen verwendet.

Mit Bett und Liege und Tür sind diese Wände fast bis auf den Millimeter ausgenutzt, was auf ein sehr kleines Zimmer verweist. Wie für Kindheitserinnerungen üblich erscheint es mir jedoch geräumig, oft sogar, weil die Einrichtung mit den erwähnten Möbelstücken fast vollständig beschrieben ist, weitläufig, ja, kahl. In meiner Erinnerung steht ständig, was real nicht zutrifft, vor dem Fenster gegenüber der Tür, das nicht wie diese völlig an die rechte Wand reicht, ein großer robuster Tisch. Mein Vater hat ihn restauriert oder sogar selbst gezimmert sowie vor allem lackiert in einem glänzendem Dunkelgrün, das ich nie wieder bei einem Möbelstück sehe. Dies jedoch erst, als wir schon einige Jahre in dieser Wohnung wohnen. Ich finde dieses Grün derart schön, dass mich jede Decke auf dem Tisch insgeheim ärgert.

Dann steht in der dunklen Ecke schräg gegenüber der Tür und direkt gegenüber dem Bett eine Kommode, die jedoch schon geraume Zeit vor dem Umzug als Werkzeug- und Materialschrank von meinen Vater im Keller genutzt wird. Davor verwendet meine Mutter sie unter anderem für Nähzeug. Danach wird schräg in den Raum hinein, um diese Ecke nicht völlig leer erscheinen zu lassen, ein kleiner Schrank in mein Zimmer gestellt, der zur Hälfte aus einem einzigem großem Fach mit einer gläsernen Schiebetür davor besteht, das von innen beleuchtet werden kann. Schließlich liegt längere Zeit ein kleiner Teppich in der Zimmermitte. Wenn ich jetzt noch den Stuhl vor meinem Tisch erwähne, ist die Einrichtung des Kinderzimmers beschrieben, in dem ich etwa vom drittem bis zum zehntem Lebensjahr lebe.

Diese Wohnung, in der ich immer wieder nach dem Aufwachen von dem Farbenspiel neben meinen Bett bezaubert bin, ist die zweite Wohnung, in der ich in meinem Leben lebe. An die erste kann ich mich nicht erinnern. Es gibt Fotos, auf denen, wie mir Leute versichern, die ich in diesem Kontext als glaubwürdig ansehen muss, unter anderem und unter anderen ich als Baby zu sehen bin. Aber es gelingt mir nicht, eine gefühlsmäßige Beziehung zu dem und den Abgebildeten herzustellen.

Die gesamte Wohnung besteht aus relativ kleinen Räumen, die ich naturgemäß alle aus kindlicher Sicht als sehr geräumig empfinde. Mir ist schon als Vorschulkind klar, dass nicht alle Kinder ein eigenes Zimmer haben. Allein, mein Vater ist bei den bewaffneten Organen, deren Mitarbeiter bei der Wohnungsvergabe bevorzugt werden. Die erste Wohnung, an die ich mich nicht erinnern kann, hat noch Ofenheizung, aber bereits ein Bad mit Wanne. Diese Ofenheizungen gibt es aber nur in den ersten Blocks der auf dem Reißbrett entworfenen, aus dem Boden gestampftem usw. Stadt. Die Wohnung mit meinem eigenem Zimmer hat bereits Vollkomfort.

Mein Zimmer erreicht man durch die von der Wohnungstür aus gesehen zweite Tür rechts. Davor ist die Küche. Beide Zimmer haben Fenster nach hinten raus, d. h., man blickt in Richtung Osten auf den großen Innenhof. An der rechten Wand der Küche, hinter der Tür, steht ein gelb lackiertes Büffet und dahinter und der Länge nach quer unter dem Fenster ein großer Tisch, womit das rechte Drittel des Raumes ausgefüllt ist. Links neben der Tür steht ein Herd mit Backröhre und dahinter hängt ein großes gusseisernes Ausgussbecken an der Wand. Links neben dem Tisch und direkt unter dem Fenster steht ein Stuhl. Meine Erinnerung ist hier trügerisch, denn ich weiß nicht, ob es noch einen oder zwei oder drei weitere Stühle gibt.

***

Vor unserem Wohnblock gibt es keinen Spielplatz. Wenige Meter vor unserem Aufgang befindet sich ein Geviert von etwa drei mal fünf Metern Größe, auf dem die Mülltonnen stehen. Tagelang verfolge ich gespannt die Arbeiten an diesem Müllplatz, der kurz vor meiner Einschulung mit Betonplatten eingefasst wird. Ich sitze dazu oben am Fenster meines Zimmers. Aus sicherer Distanz, hinter Glas, habe ich einen hervorragenden Überblick über das Geschehen auf dem Hof.

Selbst dieses kleine Erlebnis scheint nicht nur für mich etwas von Erneuerung und Aufschwung an sich zu haben. Meine Mutter jedenfalls wirkt geradezu aufgeregt angesichts dieser geringfügigen Änderung friedlich gleichförmigen Alltags. Zudem wird auch vor den Sträuchern an der Hofseite des Wohnblocks ein schmaler Weg aus Gehwegplatten angelegt, so dass niemand mehr sich den Vorwurf einhandeln muss, ein „Rasenlatscher“ zu sein, wenn er beispielsweise zum Wäschetrockenplatz hinter dem Wohnblock rechter Hand von unserem läuft.

Vor dem Müllplatz ist eine Teppichklopfstange in den Gehweg eingelassen. Dort betreiben Kinder und Jugendliche von fünf bis fünfzehn das, was meine Eltern „Herumlungern“ nennen. Es ist nicht klar, was sie eigentlich veranlasst, diese immer seltener benutzte Einrichtung zur Erleichterung der Hausarbeit zu ihrem Treffpunkt zu machen. Jugendclubs gibt es noch nicht. Was die Erwachsenen aber aufmerken lässt, ist offensichtlich gerade die Spontaneität dieser Zusammenkünfte. Insbesondere die Jugendlichen tun dort offensichtlich nichts Vernünftiges. Sie sind einfach da und in einer Gruppe und genießen das augenfällig. Dergleichen scheint nicht typisch für unsere sozialistischen Menschen.

Selbstverständlich spielen in diesen Treffen demonstrativ öffentlich unternommene erste Versuche des Zigarettenrauchens eine furchtbare Rolle. In den Erörterungen des Geschehens an Familientischen und in Haustreppengesprächen sind ganz neue Worte wie „Halbstarke“ und gar „Gammler“ zu vernehmen. Es sind sogar bereits Langhaarige im Stadtbild auszumachen. Dabei handelt es sich um Jugendliche, bei denen die Ohren von mehr als streichholzlangen Haaren bedeckt sind.

Zu dieser Zeit scheint man einzusehen, dass eine völlige Abschirmung vor bundesdeutschen Medien nicht möglich ist. Immer wieder erreichen Ausläufer westlicher Moden und Wellen auch unsere an der polnischen Grenze gelegene erste sozialistische Stadt.

Eben erleben die „Beatles“ den Höhepunkt ihres Ruhmes. Über die Einzelheiten dieses Aufstieges sind auch Jugendliche unseres Wohngebietes bedenklich gut unterrichtet. Es nützt nichts, dass Walter Ulbricht den ungewohnt kernigen Spruch äußert, unsere Menschen hätten dieses spätkapitalistische Yeah-Yeah-Gebrüll nicht nötig. Die Jugendlichen versammeln sich insbesondere an Mittwochabenden, um den zu dieser Zeit regelmäßig vorgestellten neuesten Song der Liverpooler mit jener Andacht zu hören, die man wohl in der Kirche an den Tag legt.

Von Kirchen in unserer Stadt weiß ich nichts. Es handelt sich ebenfalls um Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir im Zuge unserer siegreichen Entwicklung gesetzmäßig überwinden werden. Die nunmehr zelebrierten Lieder aber heißen nicht mehr „Schlager“, sondern „Hits“.

Dieses insbesondere mittwochabends gepflegte Ritual wird ermöglicht durch das völlig unerklärliche Auftauchen sogenannter „Kofferradios“. Niemand scheint erklären zu können, wie die Jugendlichen zu diesen Geräten kommen.

Im Zusammenhang mit diesen Radiorunden gibt es eine merkwürdige Episode. Im ersten Aufgang des Nachbarblocks wohnt der Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen Volkspolizei. Es ist nun bereits auffällig, dass die jugendlichen Anhänger der Pilzköpfe häufig ausgerechnet vor dessen Hausflur herumlungern. Endgültig im Gespräch ist diese Runde jedoch, als klar wird, warum sie immer wieder neu zusammenfindet, obwohl der ABV in unregelmäßigen Abständen die Kofferradios beschlagnahmt. Es stellt sich heraus, dass sein Sohn einer der Wortführer dieser „Halbstarken“ ist und die prompte Rückführung der Radios tätigt.

Jedenfalls erzählt das mein Vater. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht wieder eine seiner Halblegenden ist. Es gibt, auch dies nach Auskunft meines Vaters, gewisse Spannungen zwischen ihm und dem ABV. Mein Vater hätte wohl immer einen Pickel mehr auf der Schulter, d. h., einen Stern mehr auf den Dienstgradabzeichen.

Tagsüber jedoch bleibt der Versammlungsort Teppichklopfstange vor allem den Kindern vorbehalten. Jungen meines Alters vollführen an diesem Gerät Turnübungen, die mir überaus waghalsig erscheinen. Ich sitze teilweise viertelstundenlang hinter meinem Fenster, zumal dort auch mein Tisch steht, und beobachtete fasziniert diese Vorführungen körperlicher Gewandtheit. Ich bin nicht einmal neidisch, obwohl ich weiß, dass mein Vater meine Beteiligung an derartigen jungenhaft-männlichen Übungen überaus gern sehen würde. Vielmehr benutze ich kurze Beobachtungen des Geschehens, um sie als Grundmaterial für ausschweifende Wachträume zu nutzen.

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