Drinnen und draußen

In der Erinnerung sehe ich zu meiner immer erneuten Überraschung mein Kinderzimmer meiner etwa neun ersten Lebensjahre immer wieder deutlich vor meinem geistigen Auge, als würde ich es eben betreten. Dabei sehe ich es, während ich dort wohne, meist aus der Perspektive des im Bett liegenden Kindes, weil ich insgesamt ca. 4 Jahre bettlägerig krank bin. Später spüre ich immer wieder den unklaren Wunsch, dieses Zimmer zu malen. Diesen Gedanken verdränge ich jedoch gleich wieder; er kommt mir nicht nur deshalb verstiegen vor, weil ich nicht malen kann. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich durch Gemälde dieses in Worten schwer zu erfassende Atmosphärische viel besser nachvollziehbar darstellen könnte.

Ich muss das aufheben, das darf nicht weg sein.

Das Bett steht links vom Eingang, mit dem Fußende zur Tür, deren Rahmen direkt an die rechte Wand anschließt. Es ist die Hälfte eines Ehebettes und steht mit der „offenen“, an den Kanten nicht furnierten und lackierten Seite an der Wand und ist fast genau so lang wie diese Wand.

An der von der Tür aus rechten Wand steht eine Liege mit einem schwarz-gelb gemustertem derben Bezug, der kratzt. Es dauert immer mindestens einige Minuten, bis ich mich darauf buchstäblich warm gelegen habe und einigermaßen behaglich fühle. Insgeheim bin ich belustigt davon, dass dieser kratzende Bezug ähnlich riecht wie der zähflüssige braune Leim, den mein Vater manchmal für kleinere Reparaturen verwendet.

Mit Bett und Liege und Tür sind diese Wände fast bis auf den Millimeter ausgenutzt, was auf ein sehr kleines Zimmer verweist. Wie für Kindheitserinnerungen üblich erscheint es mir jedoch geräumig, oft sogar, weil die Einrichtung mit den erwähnten Möbelstücken fast vollständig beschrieben ist, weitläufig, ja, kahl. In meiner Erinnerung steht ständig, was real nicht zutrifft, vor dem Fenster gegenüber der Tür, das nicht wie diese völlig an die rechte Wand reicht, ein großer robuster Tisch. Mein Vater hat ihn restauriert oder sogar selbst gezimmert sowie vor allem lackiert in einem glänzenden Dunkelgrün, das ich nie wieder bei einem Möbelstück sehe; dies jedoch erst, als wir schon einige Jahre in dieser Wohnung wohnen. Ich finde dieses Grün derart schön, dass mich jede Decke auf dem Tisch insgeheim ärgert.

Dann steht in der dunklen Ecke schräg gegenüber der Tür und direkt gegenüber dem Bett eine Kommode, die jedoch schon geraume Zeit vor dem Umzug in die nächste Wohnung als Werkzeug- und Materialschrank von meinen Vater im Keller genutzt wird. Davor verwendet meine Mutter sie unter anderem für Nähzeug. Danach wird schräg in den Raum hinein, um diese Ecke nicht völlig leer erscheinen zu lassen, ein kleiner Schrank in mein Zimmer gestellt, der zur Hälfte aus einem einzigem großen Fach mit einer gläsernen Schiebetür besteht, das von innen beleuchtet werden kann.

Schließlich liegt längere Zeit ein kleiner Teppich in der Zimmermitte. Wenn ich noch den Stuhl vor meinem Tisch erwähne, ist die Einrichtung des Kinderzimmers beschrieben, in dem ich etwa vom dritten bis zum neunten Lebensjahr lebe.

Diese Wohnung, in der ich immer wieder nach dem Aufwachen von dem Farbenspiel neben meinem Bett bezaubert bin, ist die zweite Wohnung, in der ich in meinem Leben lebe. An die erste kann ich mich nicht erinnern. Es gibt Fotos, auf denen, wie mir Leute versichern, die ich in diesem Kontext als glaubwürdig ansehen muss, unter anderem und unter anderen ich als Baby zu sehen bin. Aber es gelingt mir nicht, eine gefühlsmäßige Beziehung zu dem und den Abgebildeten herzustellen.

Die gesamte Wohnung besteht aus relativ kleinen Räumen, die ich naturgemäß alle aus kindlicher Sicht als sehr geräumig empfinde. Mir ist schon als Vorschulkind klar, dass nicht alle Kinder ein eigenes Zimmer haben.

Allein, mein Vater ist bei den bewaffneten Organen, deren Mitarbeiter nicht nur bei der Vergabe von Wohnungen bevorzugt werden. Die erste Wohnung, an die ich mich nicht erinnern kann, hat noch Ofenheizung, aber bereits ein Bad mit Wanne. Diese Ofenheizungen gibt es aber nur in den ersten Blocks der auf dem Reißbrett entworfenen, aus dem Boden gestampften usw. Stadt. Die Wohnung mit meinem eigenen Zimmer hat bereits Vollkomfort.

Mein Zimmer erreicht man durch die von der Wohnungstür aus gesehen zweite Tür rechts. Davor ist die Küche. Beide Zimmer haben Fenster nach hinten raus, d. h., man blickt in Richtung Osten auf den großen Innenhof. An der rechten Wand der Küche, hinter der Tür, steht ein gelb lackiertes Büfett und dahinter und der Länge nach quer unter dem Fenster ein großer Tisch, womit das rechte Drittel des Raumes ausgefüllt ist. Links neben der Tür steht ein Gasherd mit Backröhre und dahinter hängt ein großes gusseisernes Ausgussbecken an der Wand. Links neben dem Tisch und direkt unter dem Fenster steht ein Stuhl. Meine Erinnerung ist hier trügerisch, denn ich weiß nicht, ob es noch einen oder zwei oder drei weitere Stühle gibt.

Gegenüber der Küche ist das Wohnzimmer und gegenüber meinem Zimmer das Schlafzimmer. Die Tür zum Schlafzimmer ist jedoch zurückgesetzt, und in der dadurch entstandenen Nische ist eine Art Besenkammer, die in unzähligen Träumen vorkommt, da sie mir geheimnisvoll und romantisch erscheint. Das Schlafzimmer ist dementsprechend nicht viel größer als mein Zimmerchen, erscheint mir aber in der Erinnerung geradezu als kleine Halle. Es passt gerade ein Doppelbett hinein und an der Wand links von der Tür steht ein großer Kleiderschrank mit drei oder vier Türen.

Auch das Wohnzimmer ist derart mit Schrank, Couch, Couchtisch und zwei Sesseln ausgefüllt, dass ich nicht mehr erinnern kann, worauf das große Röhrenradio gestanden hat. Es stand hinter der Couch, kann aber kaum auf deren Lehne gestanden haben.

***

Die Wohnung ist sozusagen der innere Kreis des Lebens. Der nächste Bereich ist der Hausaufgang, in dem wir wohnen. Er hat mit dem Parterre vier Stockwerke und auf jeder Etage zwei Wohnungen. Allerdings gibt es auf der Seite unserer Wohnung, in der vom Hauseingang gesehen rechten Hälfte des Dachgeschosses, eine kleine Wohnung mit vielen Schrägen, Nischen und Winkeln.

Diese Wohnung reicht nicht bis ganz zur Außenkante des Wohnblocks, vielmehr sich zwischen ihren Außenwänden und den Dachenden Kriechgänge mit lichten Öffnungen von etwa einem Quadratmeter Größe erstrecken. Vor allem diese Gänge bilden die Kulisse zahlreicher meiner Träume. Ich träume von diesen Gängen noch nach Jahrzehnten und erlebe sie im Traum in später erbauten Wohnblocks, in denen es diese Gänge gar nicht gibt, weil dort keine Dachwohnungen eingebaut sind.

In dieser Dachwohnung wohnt eine Medizinstudentin, der ich aufgefallen zu sein scheine, was mich zunächst misstrauisch und ängstlich macht. Einmal bin ich sogar in ihrer Wohnung und träume daraufhin fast zwangsläufig von diesem Dachgeschoss mit sozusagen eingebautem Apartment. Die andere Hälfte des Dachbodens ist ein für alle Mieter zugänglicher Wäschetrockenboden mit einem Dutzend ständig ausgespannter Leinen mit vielen Wäscheklammern daran.
Die Leinen sind noch aus Naturmaterial und die meisten Klammern etwa in der Form eines „V“ in einem Stück aus Holz gefertigt.

Aus diesen Klammern werden von älteren Jungen, die keine nach dem Anziehen immer fürchterlich kratzenden Strumpfhosen oder lästige kurze Lederhosen tragen müssen, sogenannte „Katschis“ gebaut. „Katschi“ ist die Abkürzung von „Katapult“. Sie werden gebastelt, indem diese Klammern mit Fahrradschlauchstreifen an in einen Handteller passende Holzblöcken befestigt werden und an den Enden des von den Klammern gebildeten V lange dünne Streifen aus Fahrradschläuchen oder Schlüppergummis angebracht werden.

Am anderen Ende des kleinen Holzblocks, im rechten Winkel zum geschlossenen Ende des „V“, wird dann eine modernere Klammer befestigt, bei der man gegen den Widerstand einer metallenen Spiralfeder auf die beiden Enden drücken muss, um eine Scheren ähnliche Öffnung zu erzeugen, in der Wäsche an Leinen befestigt wird. In diese Öffnung werden bei den Katschis im gespannten langen Gummi Steinchen, Murmeln oder etwa Kiefernzapfen eingeklemmt. Die Katschis werden von den Jungen dann wie eine Pistole gehalten und durch Druck auf die gefederte Wäscheklammer werden die „Geschosse“ durch die heraus springenden langen Gummis in die gewünschte Richtung geschleudert.

Natürlich möchte auch ich ein solches Katschi und träume oft davon. Ich bin mir jedoch fast sicher, dass mein Vater mir keines baut. Lange vor dem gewahr Werden von beinahe standardisierten, fast bedrohlich offiziellen Wendungen wie „Überbleibsel einer überholten Gesellschaft“ bemerke ich, dass nicht nur meine Eltern diesen plötzlich und geradezu süchtig von größeren Kindern gebastelten Schleudern misstrauisch bis ablehnend gegenüber stehen.

Erst viele Jahre später erscheint es mir gerade in diesem Zusammenhang grotesk, dass mein Vater mich bereits als Vorschulkind immer wieder nicht nur in seine Kaserne mitnimmt, sondern auch in die Waffenkammer und auf den Schießstand. Er möchte einen Kadetten aus mir machen, obwohl die Kadettenschule des Landes bereits einige Jahre zuvor geschlossen wurde.

Die im Dachgeschoss wohnende Studentin, die ich sehr hübsch finde, was ich für mich behalte, und die ich als angenehm schüchtern empfinde, was ich erst recht nicht äußere, schenkt mir des Öfteren diese winzigen Schokoladentafeln, die ich völlig mit einer meiner kindlichen Hände bedecken kann. Diese Gaben versetzen mich jedes Mal in einer Art entzückte Sprachlosigkeit. Ich vergesse sie jedoch immer wieder, so dass ich immer wieder aufs Neue überrascht bin.
In der Wohnung der unseren gegenüber wohnt eine Ärztin, deren Name für mich spätestens mit meinem Schuleintritt in einer Art belustigend ist, die von Erwachsenen als ungezogen gesehen wird, weswegen ich meine Erheiterung in voraus eilendem Gehorsam verberge. Ihr Familienname erinnert in abgenutzt klischeehaft-verballhornender Weise an Irrenhäuser und Bekloppten-Ärzte. Die Frau ist jedoch Kinderärztin. Sie tritt mir gegenüber in einer Art auf, die ich des Öfteren bei Erwachsenen erlebe. Sie scheinen oft aus einer Art merkwürdigem Mitleid heraus geneigt, mir Zuwendung zu schenken, scheinen das aber in Gegenwart meiner Eltern nicht zu wagen.

Erst sehr viel später fällt mir auf, dass meine Eltern bei meinen häufigen Erkrankungen kaum diese buchstäblich vor der Tür erreichbare Ärztin hinzuziehen, sondern fast immer Ärzte aus dem Krankenhaus, oft vom Bereitschaftsdienst. Jenseits unserer Wohnungstür sind Fremde.

Unter uns wohnt ein älteres Ehepaar. Mit diesem mystischen Raunen, das eigentlich Sache meines Vaters ist, erwähnt meine Mutter mehrfach, dass die Frau einen künstlichen Darmausgang hätte. Immer wieder bin ich mir schuldbewusst sicher, später ebenfalls einen solchen Darmausgang benutzen zu müssen, weil ich oft nicht artig bin.

Über uns wohnt eine Familie, mit der es Krach gibt. An einem Samstagnachmittag etwa in meinem sechsten Lebensjahr prügelt sich mein Vater gar mit dem Familienvater. Es geht dabei wohl darum, dass mein Vater als Bulle beschimpft wurde. Der Zusammenstoß verläuft offenbar erfolgreich für meinen Vater, denn danach sind die Beziehungen zu dieser Familie dergestalt geklärt, dass beide Familien füreinander Luft sind. Damit hat sich die Möglichkeit für mich erledigt, mit den Kindern dieser Familie Kontakt aufzunehmen. Aber ich habe ohnehin kaum Kontakt zu Gleichaltrigen und bin mir sicher, nichts zu vermissen.

Der Hausflur hat einige Eigenheiten, die für mich derart romantisch sind, dass sie gleichfalls regelmäßig in meinen Träumen erscheinen, d. h., im wirklichen und eigentlichen Leben. Zwischen den zwei Wohnungen jeder Etage ist an der Wand ein schmaler Schrank mit großen Holztüren, hinter denen sich Stromzähler und dgl. befinden. Ich stehe fasziniert davor, wenn Monteure oder Stromzähler-Ableser den Schrank öffnen und darin hantieren. Die Männer nehmen mein Erscheinen als zur Salzsäule erstarrter stummer Beobachter wohlwollend amüsiert zur Kenntnis.

Links und rechts neben der Haustür aber sind keine Briefkästen, sondern eine Art Schrankfächer. Die Briefkästen hängen, vom Eingang gesehen, im Hausflur links an der Wand und faszinieren mich ebenfalls. Sie verfügen nicht nur über einen im Vergleich zu Briefkästen in später errichteten Plattenbauten sehr großen Schlitz für den Einwurf von Zeitungen und Briefen, sondern auch kurz über dem unteren Rand über etwa einen Zentimeter große, kreisrunde Löcher, in denen ich gern mit den Fingern bohre, was mir meine Mutter immer wieder verbietet.

In diesen von außen und von innen zu öffnenden Fächern neben der Eingangstür wären früher von den Mietern bestellte und morgens pünktlich angelieferte Milchflaschen und Brötchen deponiert worden, wie meine Mutter oft leicht wehmütig erwähnt, was ich als leicht komisch wahrnehme, weil dieses „früher“ erst zwei oder drei Jahre her ist. Wiederum erst einige Jahre später wird mir klar, dass diese Stadt jenseits von Propagandafloskeln etwas Besonderes ist. Dieser Liefer-Service dürfte zu ihren Eigenheiten gehören, die in anderen Orten bestenfalls in den Organen der Partei stehen.

***

Der nächste Kreis, der nächste Bereich, die nächste Sphäre ist auf dem Hof. Dieser Hof erscheint nicht nur mir riesig. An diesem ersten Eindruck ändert die Tatsache nichts, dass vier Wohnblocks in diesen Hof hinein gebaut wurden; einer davon exakt im rechten Winkel zu unserem Block, drei weitere erstaunlicherweise schräg in Nord-Süd-Richtung.

Der längste dieser Blocks beginnt etwa 50 Meter östlich von unserem und bildet eine Art reales mittleres Drittel der gedachten Diagonale von der nordöstlichen zur südwestlichen Ecke des Hofes. Trotzdem kann man in Nord-Süd-Richtung über 200 Meter weit sehen oder gehen, ohne den Hof zu verlassen. In West-Ost-Richtung sind über 100 Meter Abstand zwischen der westlichen und der östlichen Blockrandbebauung.

„Auf dem Hof“ als eine der wenigen stehenden Redewendungen der Familie bezieht sich allerdings nicht auf dieses gesamte Geviert, sondern nur auf den vom Küchen- und vom Kinderzimmerfenster aus sichtbaren Bereich bis zu dem langen Diagonal-Block in der Mitte.

Dieser Block hat nach hinten raus, also in Richtung unseres Hofes und unseres Wohnblocks, nur symmetrisch angeordnete Fenster, was ich keineswegs monoton finde, sondern geheimnisvoll, zumal tagsüber fast nie ein Mensch an einem dieser Fenster zu sehen ist. Die Balkons sind auf der Ostseite dieses Blocks, was mich unerklärlich fasziniert.

Vor unserem Wohnblock gibt es keinen richtigen Spielplatz, sondern nur diesen großen Rasen. Mich fasziniert es immer wieder, dass der Rasen sich bis an die Außenmauer des östlich diagonal errichteten Blocks erstreckt. Es gibt dazwischen keinen Weg, keine Blumenbeete oder Sträucher.

Der Rasen ist angenehm kühl und an Sommermorgen feucht. Ich genieße das vor allem deshalb, weil ich selten barfuß runter darf. Meine Eltern befürchten nicht zu Unrecht eine Erkrankung der Atemwege. Gewissermaßen dafür entschädigt fühle ich mich dadurch, dass dieser Rasen an heißen Sommertagen vormittags geradezu zu dampfen beginnt und unvergleichlich duftet. In regelmäßigen Abständen wird er sorgfältig gemäht und riecht dann gar nach Dorf.

Ich beschäftige mich Viertelstunden lang mit den Blüten und Blättern des auf diesem Rasen üppig wachsenden Klees. Dabei bin ich auf meine Innenwelt konzentriert und hantiere mit den Blüten nur in der Art mechanisch-monotoner Beschäftigung wie der mit einem Rosenkranz. Dieses Bild ist deshalb passend, weil es mir nie gelingt, einen Kranz aus den Stängeln der Kleeblüten zu flechten. Einige Male habe ich solche Kränze an Wochenenden gesehen, wenn ich nicht das einzige Kind auf dem Hof bin. Jedoch werden diese Kränze von Mädchen geflochten und Mädchen sind von allen Fremden da draußen die am meisten fremden, aber auch die mich, aus sicherer Entfernung, am meisten faszinierenden.

Von mir nicht wahrgenommene Beobachter scheinen meine einsamen Spielversuche mindestens merkwürdig zu finden. Einmal erscheinen meinen Eltern und mir völlig unbekannte Anwohner mit der dringenden Empfehlung, mich einem Psychiater oder Kinderpsychologen vorzustellen. Danach tigert mein Vater über Stunden hinweg immer wieder in dieser Art durch die Wohnung, von der ich weiß, dass sie sein aufgewühlt Sein und seine Empörung ausdrückt. Wie fast immer hat er sich dann jedoch nach kurzer Zeit wieder ein gekriegt und unternimmt weiter nichts.

Längere Zeit entwickle ich nach diesem Besuch unangenehme Spannung, wenn ich unten schön spielen soll. Offenbar gibt es Leute, die das Geschehen auf dem Hof beobachten; offenbar hat der auch von Erwachsenen außer meinen Eltern zumindest andeutungsweise geäußerte Verdacht seine Berechtigung, dass man auf der Hut sein müsse.

Wenige Meter vor unserem Aufgang, einige Meter zum nächsten Block hin nach Norden versetzt, befindet sich ein Geviert von etwa drei mal fünf Metern Größe, auf dem die Mülltonnen stehen. Tagelang verfolge ich gespannt die Arbeiten an diesem Müllplatz, der kurz vor meiner Einschulung mit Betonplatten eingefasst wird. An den Außenseiten der Betonplatten werden diese Ziersträucher angepflanzt, deren Schale sich wunderbar in gleichmäßigen Streifen abschälen lässt, wie nicht nur ich festgestellt habe. Ich sitze oben am Fenster meines Zimmers. Aus sicherer Distanz, hinter Glas, habe ich einen hervorragenden Überblick über das Geschehen auf dem Hof.

Dieses kleine Erlebnis scheint nicht nur für mich etwas von Erneuerung und Aufschwung an sich zu haben. Meine Mutter wirkt geradezu aufgeregt angesichts dieser geringfügigen Änderung friedlich gleichförmigen Alltags. Zudem wird auch vor den Sträuchern an der Hofseite des Wohnblocks ein schmaler Weg aus Platten angelegt, so dass niemand mehr sich den Vorwurf einhandeln muss, ein Rasenlatscher zu sein, wenn er beispielsweise zum Wäschetrockenplatz hinter dem Wohnblock südlich von unserem läuft.

Vor dem Müllplatz ist eine Teppich-Klopf-Stange in den Gehweg eingelassen. Sie wird immer seltener zum Teppich Klopfen benutzt, weil immer mehr Familien über moderne Haushaltsgeräte wie Staubsauger verfügen. Wir haben einen Roller, der unter mich insgeheim belustigendem Klappern und Scharren mit aus harten Borsten gebildeten Walzen den Staub vom Boden aufnimmt. Immer wieder faszinieren mich die dadurch entstandenen Muster. Dieses Reinigungsgerät zieht auf eingestaubten Böden Spuren wie Schneeschieber im Schnee.

An diesem Müllplatz betreiben Kinder und Jugendliche von fünf bis fünfzehn das, was Erwachsene „Herumlungern“ nennen. Es ist nicht klar, was die Kids eigentlich veranlasst, diese immer seltener benutzte Einrichtung zur Erleichterung der Hausarbeit zu ihrem Treffpunkt zu machen. Jugendclubs gibt es noch nicht. Was die sogenannten Erwachsenen jedoch aufmerken lässt, ist offensichtlich die Spontaneität dieser Zusammenkünfte. Insbesondere die Jugendlichen tun dort offensichtlich nichts Vernünftiges. Sie sind einfach da und in einer Gruppe und genießen das augenfällig und dergleichen scheint nicht typisch für unsere neuen Menschen.

Selbstverständlich spielen in diesen Treffen demonstrativ öffentlich unternommene Versuche des Zigarettenrauchens eine furchtbare Rolle. In den Erörterungen des Geschehens an Familientischen und in Haustreppengesprächen sind ganz neue Worte wie „Halbstark“ und gar „Gammler“ zu hören. Es sind sogar bereits „Langhaarige“ im Stadtbild auszumachen; dabei handelt es sich um Jugendliche, bei denen die Ohren von mehr als streichholzlangen Haaren bedeckt sind.

Zu dieser Zeit scheint man einzusehen, dass eine völlige Abschirmung vom Westen nicht möglich ist. Immer wieder erreichen Ausläufer westlicher Moden und Wellen selbst unsere an der polnischen Grenze gelegene erste sozialistische Stadt.

Eben erleben die „Beatles“ den Höhepunkt ihres Ruhmes. Über die glanzvollen Einzelheiten dieses Aufstiegs sind auch Jugendliche unseres Wohngebietes bedenklich gut unterrichtet. Es nützt nichts, dass Walter Ulbricht seinen klassenbewusst kernigen Spruch äußert, unsere Menschen hätten dieses spätkapitalistische Yeah-Yeah-Gebrüll nicht nötig. Die Jugendlichen versammeln sich insbesondere an Mittwochabenden, um den zu dieser Zeit regelmäßig vorgestellten neuesten Song der Fab Four mit jener Andacht zu hören, die man wohl in der Kirche an den Tag legt.

Von Kirchen in unserer Stadt weiß ich nichts. Es handelt sich ebenfalls um Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir im Zuge unserer siegreichen Entwicklung gesetzmäßig überwinden werden. Die nunmehr zelebrierten Lieder aber werden nicht mehr nur „Schlager“ genannt, sondern oft bereits „Hits“.

Dieses insbesondere mittwochabends gepflegte Ritual wird jedoch ermöglicht durch Erwachsenen unheimliches Auftauchen sogenannter „Kofferradios“. Im Zusammenhang mit diesen Radiorunden gibt es eine besonders merkwürdige Episode. Im ersten Aufgang des nördlichen Blocks wohnt der Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen Volkspolizei, dessen Job in groben Zügen etwa dem eines KOBs oder eines Deputy Sheriffs entspricht. Es ist bereits auffällig, dass die jugendlichen Anhänger der Pilzköpfe häufig ausgerechnet vor dem Hausflur des ABVs herumlungern.

Endgültig im Gespräch ist diese Runde jedoch, als klar geworden scheint, warum sie immer wieder neu zusammenfindet, obwohl der ABV in unregelmäßigen Abständen die Kofferradios einkassiert. Es wird erzählt, dass sein Sohn einer der Wortführer dieser „Halbstarken“ wäre und die prompte Rückführung der Radios tätigen würde. Jedenfalls erzählt das mein Vater. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht wieder eine seiner Halblegenden ist.

Es gibt, auch dies nach Auskunft meines Vaters, gewisse Spannungen zwischen ihm und dem ABV. Mein Vater hätte wohl immer einen Pickel mehr auf der Schulter, d. h., einen Stern mehr auf den Schulterstücken.

Tagsüber bleibt der Versammlungsort Teppich-Klopf-Stange vor allem den Kindern vorbehalten. Jungen meines Alters vollführen an diesem Gerät Turnübungen, die mir waghalsig erscheinen. Ich sitze teilweise Viertelstunden lang hinter meinem Fenster, zumal dort auch mein Tisch steht, und beobachtete fasziniert diese Vorführungen körperlicher Gewandtheit. Ich bin nicht einmal neidisch, obwohl ich weiß, dass mein Vater meine Beteiligung an derartigen jungenhaft-männlichen Übungen überaus gern sehen würde. Vielmehr benutze ich kurze Beobachtungen des Geschehens, um sie als Grundmaterial für ausschweifende Wachträume zu nutzen.

***

Wir wohnen im mittleren der drei westlichen Wohnblocks des Hofes. Die beiden jeweils äußeren Aufgänge dieser Blocks befinden sich wie unserer auf der Hofseite, die beiden inneren gehen zur Straße. Dieser Weg diese Straße entlang hat daher schon etwas von sich nach draußen begeben, während auf dem Hof für eine Art verlängerte Terrasse steht.

Hier beginnt die nächste Sphäre, der nächste Lebenskreis. „Wir gehen in die Stadt!“ ist die mich immer wieder insgeheim erheiternde Redewendung, mit der die Absicht angekündigt wird, den Hof zu verlassen. Dabei erstreckt sich die als Zentrum geltende Magistrale der Stadt unmittelbar östlich unseres Hofes, allerdings hier noch ohne Ladenzeilen.

Der Platz hinter dem Theater wird südlich von einer weiteren, symmetrisch der von unserem Block aus gesehen ersten Ladenzeile gebauten mit unter anderem einem Fleischerladen abgegrenzt. Auf diesem Platz ist regelmäßig Bauernmarkt, auf dem vor allem Obst und Gemüse aus dem Landkreis verkauft wird. Wir gehen die südliche Treppe hinter dem Theater hinauf, über den südlichen der beiden kleinen Plätze neben dem Theater an dem großem Geschäft für Werkzeuge und Malerbedarf vorbei durch einen kurzen Tunnel und stehen schließlich auf der Magistrale, eigentlich aber über ihr.

In dem Tunnel ist an der Wand am Theater ein Automat angebracht, vor dem ich insbesondere bei unzähligen Sonntagsspaziergängen immer wieder stehen bleibe. Dieser in der Tat an frühe humorige Vorstellungen von Robotern erinnernde Blechkasten fasziniert mich, weil er für mich etwas von der Welt da draußen hat. Er verfügt unten über kleine Schubläden mit Griffen aus dickem Blech, an denen man selbst als Erwachsener heftig ziehen muss, wenn man nach Münzeinwurf einen Artikel entnehmen will. Mir scheint, dass dieser Automat erst Zigaretten enthält und später Süßigkeiten; ich bin mir aber dessen nicht mehr sicher. Zigaretten stehen für diese fremde, ferne, große Welt, zumal meine Eltern nicht rauchen; Rauchen aber ist wie im Film.

Hier ist fast die Mitte der Magistrale, vielleicht nicht im wörtlichen, aber im übertragenen Sinn, und man ist dann in der Tat in der Stadt.

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