Diese Momente. – Aber es gibt sie.

Ich stehe mit fünf oder sechs zwischen unserem Wohnblock und dem nördlich angrenzenden. Es nieselt. Ich kenne diesen Begriff seit Langem und finde ihn lustig. Er beschreibt zudem in diesem Moment das Wetter nicht korrekt, das eher durch den Wechsel von Sprühregen aus kleinen Tropfen und dem beinahe knallenden Niederschlag einzelner großer Tropfen bestimmt wird.

Es ist Sommer und es ist warm, aber die Luft ist nicht derart gereinigt wie nach einem richtigen Regenschauer. Sie dampft gewissermaßen, wie in der Waschküche im Keller des Nachbaraufgangs, in die ich meine Mutter des Öfteren begleiten muss. Vor allem riecht es bereits nach der nassen Erde der mit Sträuchern und Blumen bepflanzten Beete vor den Wohnblocks und an ihren Giebeln. Die Rinde der Sträucher auf diesen Beeten, die sich in dicken Streifen bequem von den Hölzchen abziehen lässt, glänzt wie frisch gewaschen, was mich besonders fasziniert.

Ich bin allein auf dem großen Hof, der sich in Nord-Süd-Richtung über knapp 200 Meter erstreckt. Ich halte inne, und dies auch im wörtlichen Sinn, indem ich stehenbleibe, als hätte ich Unerwartetes gehört, das keineswegs furchteinflößend ist. Ich bin mir dieses Innehaltens bewusst und vor allem genieße ich es bewusst.

Das ist eine der kleinen Episoden im Leben, die nachvollziehbar zu beschreiben auch oder gerade Leuten schwerzufallen scheint, die sich gut ausdrücken können. Das Wesentliche in ihnen ist etwas gewissermaßen Flüchtig-Atmosphärisches, dessen Beschreibung man sich mit Worten nur annähern kann. Mit Musik oder Film wären die Augenblicke deutlicher abbildbar, aber natürlich bin ich nicht in der Lage, mich des Handwerkszeugs dieser Künste zu bedienen.

Ich bin ganz da – und das sagt gar nichts. Ich bin freundlich, entspannt, gelassen, neugierig, offen in der Situation ganz anwesend, mit allen Sinnen und Gedanken. Ich spüre den Nieselregen und die mild warme Luft mit dem ganzen Körper, mit der Haut. – Alle diese Formulierungen erscheinen mir unbeholfen, aber umkreisen gewissermaßen das Geschehen.

Dieses Geschehen ist eigentlich banal, es geschieht eigentlich nichts. Ein kleiner Junge steht mit seligem Grienen im tröpfelnden Sommerregen und sieht sich vorsichtig um, als suche er ungläubig jemanden, der ihm seine Wahrnehmungen bestätigt, sie sozusagen beglaubigt.

Dass ich mich an diesen Augenblick noch Jahrzehnte später derart genau erinnern kann, dass ich ihn, gäbe es die entsprechende Technik, mit kleinsten Details und schwächsten Empfindungen nachstellen könnte, beweist jedoch, dass er jenseits aller materiellen Bedingungen etwas Wichtiges, ja, Essentielles enthalten muss.

Es klingt womöglich überspannt und pathetisch, aber vielleicht sind dies die Augenblicke, für die sich Leben lohnt. Sie scheinen sich nicht bewusst generieren zu lassen, sie geschehen einfach, und das Leben wäre sehr viel ärmer, gäbe es sie nicht.

Irgendwann jedoch kommt mir ein Gedanke, den ich derart unterdrücke, dass er in diesem seltsamen Zwischenreich des Geistes verbleibt, das von Ahnungen, Bilderfetzen, Stimmungen usw. vor der Möglichkeit zur Formulierung in Worten beherrscht wird. Ich frage mich, wie es wäre, wenn man sich des Öfteren oder gar häufig in einem derartigem geistigen Gleichgewicht befände. Vor allem aber bohrt die daraus folgende, mir unheimliche Frage in mir, ob vielleicht Leute die Welt häufig oder gar meist derart erleben würden wie ich in diesem Augenblick, die Normalen halt. Aber diese Frage ist derart ungeheuerlich, dass ich sie sofort quasi auslösche.

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