Diese Momente (1)

Ich bin fünf oder sechs und stehe zwischen unserem Wohnblock und dem nördlich angrenzendem. Es nieselt. Ich kenne diesen Begriff seit Langem und finde ihn trotzdem immer wieder lustig. Er beschreibt in diesem Moment die Wetterlage nicht ganz korrekt, die eher durch eine Mischung aus Sprühregen und Tröpfeln bestimmt wird.

Es ist Sommer und es ist warm, aber die Luft ist nicht derart gereinigt wie nach einem richtigem Regenschauer. Sie dampft gewissermaßen, wie in der Waschküche im Keller des Nachbaraufgangs, in die ich meine Mutter des Öfteren begleiten muss. Vor allem riecht es bereits nach der nassen Erde der mit Sträuchern und Blumen bepflanzten schmalen Beete vor den Wohnblocks und an ihren Giebeln. Die Rinde der Sträucher auf diesen Beeten, die sich in dicken Streifen bequem von den Hölzchen abziehen lässt, glänzt wie frisch gewaschen, was mich besonders fasziniert.

Ich bin allein auf dem großem Hof, der sich in Nord-Süd-Richtung über knapp 200 Meter erstreckt. Ich halte inne, und dies auch im wörtlichem Sinne, indem ich stehenbleibe, als hätte ich etwas Unerwartetes gehört, das aber keineswegs furchteinflößend ist. Ich bin mir dieses Innehaltens zudem bewusst und vor allem genieße ich es bewusst.

Dies ist eine dieser winzigen Episoden im Leben, die nachvollziehbar zu beschreiben auch oder gerade Leuten schwerfällt, die sich gut ausdrücken können. Das Wesentliche in diesen Momenten ist etwas gewissermaßen Flüchtig-Atmosphärisches, dessen Beschreibung man sich mit Worten nur annähern kann. Mit Musik oder Film wären diese Augenblicke deutlicher abbildbar, aber natürlich bin ich nicht in der Lage, mich des Handwerkszeugs dieser Künste zu bedienen.

Ich bin ganz da – und das sagt gar nichts. Ich bin freundlich, entspannt, gelassen, neugierig, offen in der Situation völlig anwesend, mit allen Sinnen und Gedanken. Ich spüre den Nieselregen und die mild warme Luft mit dem ganzem Körper, mit der Haut. – Alle diese Formulierungen erscheinen mir unbeholfen, aber umkreisen gewissermaßen das Geschehen.

Dieses Geschehen ist eigentlich banal, es geschieht eigentlich nichts. Ein kleiner Junge steht mit seligem Grienen im tröpfelndem Sommerregen und sieht sich vorsichtig um, als suche er ungläubig jemandem, der ihm seine Wahrnehmungen bestätigt, sie sozusagen beglaubigt.

Dass ich mich an diesen Augenblick noch Jahrzehnte später derart genau erinnern kann, dass ich ihn, gäbe es die entsprechende Technik bereits, mit den kleinsten Details und den schwächsten Empfindungen nachstellen könnte, beweist jedoch, dass er jenseits aller materiellen Rahmenbedingungen etwas Wichtiges, ja, Essentielles enthalten muss.

Es klingt womöglich überspannt und pathetisch, aber vielleicht sind dies die Augenblicke, für die sich Leben lohnt. Sie scheinen sich jedoch nicht bewusst generieren zu lassen, sie geschehen einfach, und das Leben wäre sehr viel ärmer, gäbe es sie nicht.

Irgendwann jedoch kommt mir ein Gedanke, den ich derart unterdrücke, dass er in diesem seltsamen Zwischenreich des Geistes verbleibt, der von Ahnungen, Bilderfetzen, Stimmungen usw. vor der Möglichkeit zur Formulierung in Worten beherrscht wird. Ich frage mich, wie es wäre, wenn man sich des Öfteren oder gar häufig in einem derartigem geistigem Gleichgewicht befände. Vor allem aber bohrt die daraus folgende Frage in mir, ob vielleicht viele Leute die Welt derart erleben würden, die Normalen halt. Aber diese Frage ist derart ungeheuerlich, dass ich sie sofort quasi auslösche.