Die Hände schlagen und streicheln

Mein Vater kann kraft- und wirkungsvoll prügeln und er kann überaus zärtlich und warmherzig sein. An vielen Samstagnachmittagen genießen wir beinahe zum Ritual gewordene Momente der Nähe. Mein Vater legt sich hin, nach dem Mittagessen, das für ihn den Beginn des Wochenendes darstellt, weil er an Samstagen bis mittags zum Dienst ist.

Er legt sich dann auf die schwarzgelb gemusterte Liege in meinem Zimmer, die kratzt. Ich „ruhe“ ebenfalls dort, und zwar zwischen meinem Vater und der rechten Wand. Meist mache ich kein Auge zu, was eigentlich qualvoll ist. Aber meist darf ich dann meinen Vater streicheln, und der Aufforderung dazu komme ich freudig nach. Ich kann mir selbst nicht erklären, warum mich immer wieder die Vorstellung peinigt, ganz fest die Zähne zusammen zu beißen und mit Fäusten auf meinen Vater einzuprügeln. Das tue ich natürlich nicht, ich streichele lange und genießerisch seinen Hals, den oberen Rücken und die Oberarme.

Auch meine Mutter lässt sich intensiv von mir streicheln, wenn mein Vater auf Übung ist und ich im großem Ehebett im Schlafzimmer übernachte. Davon weiß mein Vater nichts, wenn ich mich recht entsinne.

Hier bin ich mir meiner Erinnerung sehr unsicher, mehr als bei allen anderen Episoden meiner Kindheit – ich sehe mich in diesen Szenen immer nur als Aktiven, nicht als Empfangenden.

Bei Zärtlichkeiten meines Vaters denke ich an spielerisch angedeutete Kopfnüsse und vor allem an dieses freundliche den Kopf Klopfen, wie man es bei Hunden praktiziert, das mich fast bis zum Auszug aus meinem Elternhaus begleitet. Dieses Handauflegen hat in der Tat etwas von Segnen oder gar Heilen im Sinne von heil Machen, ganz Machen. Jedes Mal fühle ich mich danach erleichtert, weil körperliche und geistige Spannung sich entlädt, deren Aufbau ich gar nicht bemerkt habe. Ich fühle mich neuerlich zur Anwesenheit berechtigt. Ich „darf“ lesen, um stundenlang in einen virtuellen Raum zu verschwinden. Es könnte jedoch auch sein, dass sich hier die gewissermaßen Restbestände des neugierigen Dranges in die Welt hinaus und auf andere Menschen zu äußert, der sofort eingedämmt und „beschwichtigt“ wird. Brav, der Hund – mach „Sitz!“

Mein Vater hat die sprichwörtlichen goldenen Hände. Buchstäblich aus Abfällen baut er mir zum Beispiel einen großen Spielzeug-Kipper – und ein Mini-Luftgewehr für Diabolos. Das Gewehr passt zusammengeklappt in eine Aktentasche, und in dieser transportiert er das Teil in der Tat durch die Wache aus seiner Kaserne.

Wir knallen in den Waldstücken um die Stadt mit dem Gewehr herum. Einmal, an einem Neujahrstag oder dem darauffolgendem Sonntag, illuminiert mein Vater dabei ein solches Waldstück mit grell leuchtendem Rauch. Er hat, neben anderen, eine Zusatzausbildung als Feuerwerker absolviert und daher Zugang zu allerlei pyrotechnischen Artikeln einschließlich Übungsmunition. Bei deren Zündung herrscht an Silvesterabenden erst einmal etliche Sekunden Stille im Quartier.

Es ist, als wollte er einen Akzent setzen, als wolle er sagen: „Hört her, nehmt mich wahr, ich muss endlich etwas mitteilen, was mit diesem gefechtsähnlichem Geknalle zu tun hat!“

Dass es mein Vater gern hat, wenn es knallt, im übertragenem und auch im wörtlichem Sinn, bemerke ich sehr früh. Etwa mit vierzehn beginne ich mich bewusst um schriftliche Erörterung von Sachverhalten zu bemühen. Ich will nicht von „Prosa schreiben“ reden. Mir fällt schon damals auf, dass ich unfähig scheine, mir etwas auszudenken, zu dichten usw. Aber diese Wahrnehmung kann ich gut verdrängen. In meinen tagebuchartigen Aufzeichnungen äußere ich sinngemäß den Verdacht, dass er gern immer einmal wieder alles kurz und klein schlagen würde.

Ich bin immer wieder verblüfft, ja, entsetzt, wenn ich sehe, wie er beim Fernsehen derart von krampfanfallartigem Lachen geschüttelt wird, dass nicht nur ich befürchte, er könnte sich verletzen oder das Mobiliar beschädigen. Er schmeißt sich geradezu auf einem Sessel oder der Couch hin und her, brüllt vor Lachen, dass ihm das Wasser aus den Augen schießt, und schlägt sich mit derartiger Wucht mit den Händen oder gar den Fäusten auf die Schenkel, dass die sofortige Bildung von blauen Flecken an den Aufschlagpunkten sicher sein dürfte.

Dieses exzessive Verhalten, zu dessen Wahrnehmung als heftige Entladung von lang Angestautem keine psychologische Vorbildung notwendig scheint, entwickelt er immer bei Filmszenen, in denen eine Horde Westmänner einen Saloon zerlegen, Soldaten Gebäude in Schutt schießen und sprengen und bomben usw.

Dieses „Angestaute“, was immer es sein mag, entlädt mein Vater jedoch nicht derart destruktiv, wie ich es in den folgenden Jahrzehnten mehrfach praktiziere, dabei möglicherweise einem Auftrag im systemisch familientherapeutischem Sinne folgend. Mein Vater belässt es vor allem bei einer Art Amokfahrten. Angetrunken und oft mit mir und meinem Bruder auf den Hintersitzen reizt er die Leistung seines Trabant aus. Er brettert mit ihm über die Dörfer, minutenlang gar mit erstaunlichen 130 km/h, bei denen die Pappe vibriert.

Mein Bruder ist jedes Mal begeistert. Auch er scheint zu glauben, dass mein Vater jetzt gewissermaßen sichtbar werden würde. Eine Erwartung, die viele an ihn zu richten scheinen, wie mir zu meiner Verblüffung noch Jahrzehnte bestätigt wird von Leuten, von denen ich das nie erwartet hätte. Ich winke quasi innerlich ab, sage aber nichts, auch aus Trägheit nicht. Wenn mein Bruder wüsste… Das ist nur wieder ein kurzes Aufbäumen, eine lärmend destruktive Lebensäußerung, nach der es weiter voran auf bewährtem Kurs geht. Es passiert nichts, nach derartigen Entladungen kehrt mein Vater mürrisch, aber friedlich in seinen Alltag zurück. Auch Ausbrüche im wörtlichem und im übertragenem Sinne lohnen sich nicht. Zudem gibt es keinen Ort im wörtlichem und im übertragenem Sinn, an dem man sich zumindest ansehen könnte, was da hoch kommt, oder es gar zu benennen und zu erörtern versuchen könnte.

Einmal weist mein Vater ungläubig aufgeregt auf einen Mann hin, mit dem er die Ausbildung zum Feuerwerker erfolgreich abgeschlossen hat. Während mein Vater aber zu dieser Zeit als Berufsunteroffizier in einer Volkspolizei-Bereitschaft dient, findet er den Namen seines ehemaligen Kollegen im Abspann eines sowjetischen Monumentalfilms über den Großen Vaterländischen Krieg. An dessen Inszenierung hat der Kollege mitgewirkt, was für jeden Feuerwerker buchstäblich eine Feuertaufe darstellen dürfte.

Gewissermaßen hinter und zwischen den Worten erreicht mich auch jetzt diese Botschaft meines Vaters, die ich zum -zigsten Mal empfange – das hat schon seinen Sinn, es läuft alles nach Plan, es geht seinen Gang, so ist das eben, alles Haschen nach Wind

Natürlich bin ich völlig aus dem Häuschen und ungeheuer stolz auf meinen Vater. Welcher fünf oder sechs Jahre alte Junge wäre das bei derartigen kleinen Abenteuern abseits des Normalen nicht?! – Dass ich die gewissermaßen Singularität, die ich mir für meine Kindheitserlebnisse insgeheim wünsche, gerade tatsächlich erlebe, ist mir nicht klar. Vielleicht liegt das daran, dass der Wunsch unbewusst bleibt.

Aber da sind immer wieder die letzten, abschließenden Minuten dieser gemeinsamen Erlebnisse, die ich nicht verstehe, die ich aber nach vielen Dutzend Malen ihres Erlebens verinnerlicht habe und resigniert erwarte. Das Verhalten meines Vaters ändert sich abrupt, wie auf Knopfdruck. Vor allem sein Gesichtsausdruck wechselt in der Weise, die ich etwa als „Betriebsmaske aufsetzen“ bezeichnen könnte, wenn mir diese Formulierung zur Verfügung stehen würde.

Auch diese gemeinsamen Unternehmungen finden fast immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dies trifft auch auf die deutlich selteneren Ausflüge mit meiner Mutter zu. Fast immer sind wir allein und janz weit draußen nicht nur im wörtlichem Sinne, sondern auch in dem, dass beide Eltern irgendwelchen anderen Räumen, anderen Welten nachzuspüren scheinen.

Wenn wir dann sozusagen in die Gesellschaft zurückkehren, erstarrt mein Vater in dieser angedeuteten Weise. Er scheint ohne Worte zu sagen, und damit deutlicher und stärker als mit Worten: „Vergiss das alles – alles nur geträumt!“ Es ist, als wären diese Momente der Nähe und Verbundenheit derart geheim, dass sie sofort ausgelöscht werden müssen.

Wie bewältigt ein etwa Vier- bis Neunjähriger den nicht vorhersehbaren Wechsel von strafend schlagenden zu im wörtlichem oder im übertragenem Sinne streichelnden Händen bei ein und derselben Person, der es auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist?

Viele Jahre später lese finde ich das Fachwort „switchen“. Es könnte den Zustand bezeichnen, in dem ich mich über Jahre hinweg manchmal täglich einige Stunden zu befinden scheine, insbesondere während meiner körperlichen Jugend. Dies zwar nicht nur, aber vor allem, wenn ich draußen bin. Ich bin dann nach kurzer Zeit irgendwie weggetreten. Einen Lacherfolg, den ich selbst mindestens seltsam finde, habe ich bei einigen Klassenkameraden mit der Erzählung, dass ich am hellichtem Tag gegen ein Verkehrsschild gelaufen würde. Ich füge als Pointe noch hinzu, dass es sich um ein Stoppschild gehandelt habe, was nicht zutrifft.

Ein weiteres, meiner Viertelbildung lange Zeit später hinzugefügtes Fachwort, das hier passen könnte, ist „Triggern“. Womöglich werde ich schon getriggert allein dadurch, dass ich auf die Straße und in die Stadt gehe.

In diesem tranceartigem Zustand erlebe ich hämisch-verächtliche Rückmeldungen, die in der Formulierung „Wieder full wie ’ne Radehacke!“ gipfeln, obwohl ich nicht einen Tropfen Alkohol oder gar stärkere Sachen intus habe. Aber auch das nützt mir nichts. Ich habe jedoch das durchaus angenehme Gefühl, den Dingen einen Namen gegeben zu haben.

Zurück zu „Au-Tor, belle trist“