Ein paar Schritte vom Weg abgewichen

Die Entdeckung mache ich am Nachmittag eines ganz normalen Schultages. Aus Gründen, die ich leider vergesse, denn ich würde gern ermitteln, ob hier Abläufe wirksam waren, die sich bewusst reproduzieren lassen, bin ich ein bisschen raus aus der Spur; ein wenig von Routinen weg, die ich für derart selbstverständlich und alternativlos halte, dass ich sie gar nicht mehr wahrnehme. Weiter voran auf bewährtem Kurs.

Das Schulhaus ist fast leer, und wieder einmal genieße ich es, mich allein in Räumen aufzuhalten, und „in Räumen“ im doppelten Sinn, die normaler Weise überaus belebt sind, und wieder einmal habe ich das unklare Empfinden, dass das vielleicht merkwürdig wäre, vermeide aber auch jetzt jeden weiteren Gedanken daran.

Warum ich das jetzt tue, ist mir selbst nicht klar; womöglich wiederhole ich die Erkundungen im Wohnzimmerschrank des Elternhauses, mit denen ich, gleichfalls unbewusst, dahinter kommen will, warum die Erziehungsberechtigten so sind, wie sie sind, nämlich irgendwie komisch.

Ich wühle mit dem leisem Kitzel des Abenteuerlichen, der mir selbst albern erscheint, in einem der Schränke, die in fast allen Klassenräumen bis etwa in Gürtelhöhe an den Nordwänden eingebaut sind. Auf dieser Seite gibt es ein Fensterband, zu dessen Erreichen man sich auf diese Schränke oder auf eine Leiter stellen muss, während die Südseiten der Klassenräume in den Obergeschossen dieses Hauptflügels mit großen Fenstern versehen sind, so dass „lichtdurchflutet“ auch hier keineswegs ein Euphemismus ist.

Diese Schule, in der ich von der vierten Klasse bis zur ersten Hälfte der zehnten Klasse lerne, ist nicht mehr schlossartig repräsentativ wie die beiden Schulen, in denen ich vorher gelernt habe, aber auch sie ist in mehrfachem Sinne einzigartig; ein Entwurf nur für diesen Ort, und da ich nichts Anderes kenne, halte ich das für normal.

Ich bin jetzt im Literaturkabinett. Als Abschlussarbeit hat eine zehnte Klasse eine Übersicht über die Entwicklung der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart angefertigt, die fast die gesamte Ostwand des Raumes bedeckt; die Wand der Tafel gegenüber. Immer wieder nehme ich mir vor, zumindest die Hauptwerke der dort aufgeführten für die jeweiligen Epochen typischen Autoren zu lesen, habe es jedoch bis heute nicht getan.

In diesen Wandschränken finde ich Dutzende Ausgaben mehrerer Bände einer Reihe „Schriftsteller der Gegenwart“, von der ich noch nie gehört habe. Auch der Autor der Monografie, die mir als erstes buchstäblich in die Hände fällt, sowie der von ihm in seiner Monografie dargestellte Schriftsteller sind mir völlig unbekannt; Eberhard Hilscher und Thomas Mann.

Was für ein merkwürdiger Name, Thomas Mann. Es wurde nicht behandelt, sein offenbar, wie mir schnell klar wird, im mehrfachen Sinn monumentales Werk, und das wird es bis auf die Novelle „Mario und der Zauberer“ auch im Weiteren nicht; zum Glück, wie ich ebenfalls schnell beinahe hämisch feststelle.

Obwohl ich das eigentliche, übergeordnete Ziel des Literaturunterrichts, Interesse an der und vielleicht gar Liebe zur Literatur zu entwickeln, lange vor dem Schulabschluss erreicht und unwahrscheinliches Glück mit den Lehrern habe, vergehen nach der Schulzeit viele Jahre, bis ich z. B. Goethes „Faust“ halbwegs unbefangen lesen kann; unabhängig von der Prägung, die dadurch erfolgte, dass das Werk in der Schule durch genommen wurde.

Ich beginne die Monografie Hilschers zunächst diagonal zu lesen, um sie dann zu verschlingen, und meine Entdeckung Thomas Manns außerhalb des Lehrplanes ist das Bildungserlebnis meiner zwölf Schuljahre bis zu meinem Unreife-Zeugnis mit dem unbefriedigenden Prädikat „Befriedigend“. Eine Entdeckung, die möglich wurde durch das hier gar im Wortsinne ein paar Schritte vom Weg Abweichen.

Natürlich ist das Eskapismus! Wiederum sehr schnell wird mir klar, dass ich nicht der Einzige bin, der nie etwas von dieser Reihe, vom hier Sekundärliteratur vorlegenden Hilscher sowie vor allem von Thomas Mann gehört hat.

In der Stadtbibliothek gibt es alle Werke Thomas Manns; es wird aber bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, dass er einen fortschrittlich bürgerlich-humanistischen Standpunkt repräsentiert und im Gegensatz zu seinem Bruder nicht den Weg zur fortschrittlichen Arbeiterklasse gefunden hätte. Das scheint ein Grund dafür zu sein, dass seine Bücher in der Bibliothek zum Teil neuwertig sind; kaum jemand leiht sie aus.

Das ist mir sehr recht. Endlich scheine ich etwas gefunden zu haben, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es gesucht habe; etwas nur für mich, etwas Exklusives, mit dem ich mich hingebungsvoll, ja, exzessiv beschäftigen kann, ohne dass jemand dazwischen funkt. Ich habe endlich in meiner für DDR-Bürger typischen Nische der Literatur das Refugium gefunden, etwas Erhabenes, Erlesenes, das seinesgleichen sucht, das aber erfreulicherweise kaum jemanden zu interessieren scheint.

Nach kurzer Zeit erkenne ich, dass Thomas Manns erzählerisches Werk einer der Gipfel, wenn nicht der Gipfel deutscher Prosa zu sein scheint; die kaskadierend mäandernden Wortketten, die immer wieder kritisiert bzw. „kritisiert“ werden, sind wie Musik in Prosa. Ich erlebe bei der Lektüre zu meiner Verblüffung gar körperliche Entspannung, die ich etwa bei meinen misslungenen Versuchen, das autogene Training zu erlernen, nie erreiche.

Vor allem aber finde ich bei Mann mit kaum zu überbietender Kunstfertigkeit in Worte gefasst, verbalisiert, wie es im Freudeskreis Anna Lyse heißt, was schon seit langem unklar, weil vor allem unausgesprochen in mir umgeht. Ich finde bei Thomas Mann meine unbewusst angestrebten oder gar bereits benutzten Wahrnehmungsmuster in Worte gefasst. Im „Tonio Kröger“ heißt es, sinngemäß, ein Künstler wäre jemand, der nur in seiner und für seine Kunst leben würde und im Übrigen grau und unauffällig einher gehen wie ein Schauspieler nach der Aufführung, ohne Schminke und Kostüm und vor allem ohne Text.

Das verstehe ich nicht nur gut, das ist beinahe eine Offenbarung; mein mir selbst bisher bestenfalls halb bewusstes Lebenskonzept als nicht teilnehmender Beobachter wird sozusagen von höchster Stelle legitimiert. Ich nehme dabei nicht wahr und kann das wohl gar nicht, dass diese Einstellung nicht nur meine Überzeugung bestärkt, das Wesentliche, Wichtige, Lebendige in mir müsse geheim bleiben, sondern dass diese Überzeugung auf groteske Art korrespondiert mit dem Stasi-Staat. Zudem dürfte diese Überzeugung dazu beitragen, dass ich immer wieder für Einen von Horch und Guck gehalten werde. Des Weiteren kann oder will ich nicht wahrhaben, dass ich überhaupt nicht künstlerisch produziere, sondern zumindest in Ansätzen das betreibe, was in Freudeskreis Anna Lyse „aus agieren“ genannt wird; Freud schreibt fast wörtlich, Hysterie wäre das Zerrbild einer Kunstproduktion.

Schließlich entwickle ich mich durch derartige Schlüsselerlebnisse auf einer geistigen Ebene zu dem, was ich zu meiner Verblüffung Jahrzehnte später von Sloterdijk mit bezeichnenderweise an Thomas Mann erinnernde höchste Sprachkunst als „Epoché-Mensch“ beschrieben finde; ein Mensch, der im „Scheintod im Denken“ diese im „Tonio Kröger“ angedeutete Haltung praktiziert, in der unter anderem normaler Alltag gewissermaßen nur ein zu vernachlässigender Huschreiz ist, den man wohl oder übel über sich ergehen lassen muss.

Ich werde selbstverschuldet zum wandelnden Anachronismus, zu einem lebenden Fossil, als das ich Epochen-Verschleppung nach von Rezzori kultiviere, und dies im realen Sozialismus. Das Erstaunlichste scheint mir, dass es mir damit gut geht und dass ich damit durchkomme; jedenfalls bis zu meinem Wendepunkt 1986 und dem Beginn des Budenzaubers.

Trotz meines tragikomischen Eskapismus und Elitarismus bin ich jedoch überzeugt, dass Thomas Mann nicht antiquiert, überholt, verschroben, altertümlich usw. usf. ist, sondern im Gegenteil der aktuelle Autor; er hat nach meinem Empfinden das Erlebnis des XX. Jahrhunderts, Zusammenbruch und Wegfall von Lebenswelten und Kulturräumen, meisterhaft dargestellt, bevor es das existentielle Grunderlebnis von Millionen Menschen wurde in einer in der Geschichte kaum erlebten Intensität.

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