Dicht am Wasser gebaut

Auch hier habe ich keine inneren Bilder vom Weg zum Ort des Geschehens. Das ist umso merkwürdiger, als wir diese Sonntagsspaziergänge in meiner Vorschulzeit regelmäßig, ja beinahe zwanghaft unternehmen. Mein Vater führt mich am Kanal entlang, an den Hafenanlagen mit Kränen und Binnenschiffen und in Sichtweite des monumentalen Getreidespeichers.

Dieser Weg am Kanal entlang erscheint Jahrzehnte lang immer wieder in meinen Träumen. Nach der Wende finde ich in einem Berliner Trödelladen eine ganze Kiste gelaufener Postkarten mit Stadtansichten von Königsberg in Preußen. Mir kommt wieder einmal an unerwarteter Stelle ein Gedanke, den ich wieder einmal sofort weg mache, weil er mir verrückt erscheint. Die nahezu zwanghaft-zeremonielle Fixierung auf diese Route beim Sonntagsspaziergang könnte darauf zurückzuführen sein, dass sie meinen Vater an seine Heimatstadt erinnert. Die Hafenanlagen mit Kränen und vor allem die Getreidespeicher auf den Postkarten erinnern augenfällig an meine Heimatstadt. Den Gedanken äußere ich nicht. Ich erfahre nie, ob er zutreffend ist.

Es geschieht immer dasselbe. Ich kann nichts dagegen tun, obwohl ich immer wieder innerlich vorbereitet zu sein versuche. Zunächst ist da natürlich stürmische Freude – der Vater unternimmt etwas mit dem kleinem Jungen. Ich falle immer wieder darauf herein. Wenn ich beten könnte, würde ich etwa beten: „Vati, heute keine Prüfung!“

Völlig unerwartet, oft aus einem freundlichem Gespräch heraus, werde ich abgefragt. Der Ton meines Vaters wird streng bis zum Höhnischen. Ich werde ohnehin wieder versagen! Das trifft auch zu, denn ich kann mich nie vorbereiten. Abgefragt werden etwa die Namen von zu hörenden oder zu sehenden Vögeln und von Pflanzen, insbesondere Bäumen. Die Insel ist zu dieser Zeit noch nicht offizielles und daher geplant gestaltetes Naherholungsgebiet und deshalb teilweise urwaldartig überwuchert.

Mein Vater ist immer wieder schwer enttäuscht von meinem Nichtwissen. Er hat jedoch keinerlei Vorkehrungen getroffen, damit ich das geforderte Wissen unter der Woche erwerben könnte. Dabei müsste ich ohnehin angeleitet werden, weil ich noch nicht lesen kann. Er scheint es jedoch als selbstverständlich voraus zu setzen, dass ich über das abgefragte Wissen verfüge. Es ist, als würde er sich an den Text eines Drehbuches halten, das nur er kennt. Er scheint jedoch ebenso unerbittlich wie unsinniger Weise zu erwarten, dass ich meinen Text kann.

Zudem kann ich mich deshalb nicht vorbereiten, weil ich diese Prüfungen immer wieder vergesse und verdränge. Sie werden oft makaber gekrönt und abgeschlossen durch ein weiteres Ritual. Ebenso unvermittelt, wie er aus heiterem Wortgeplänkel heraus plötzlich den strengen Oberlehrer gibt, versteckt sich mein Vater.

Ich weiß, dass er nicht verschwunden sein kann und nicht verschwunden ist. Aber dieses Wissen nützt mir nichts. Wie so oft in meinem weiterem Leben ist alles nur Kopf. Mein Empfinden in diesen Momenten jedoch ist eine der stärksten in meinem Leben erlebten Emotionen. Es bedarf keinerlei psychoanalytischen Wissens, um den intensivsten Traum meiner Kindheit zu deuten. Mein Vater verkleinert sich darin unter den gewaltigen Klängen symphonischer Musik rhythmisch ruckartig und löst sich schließlich in Nichts auf. Dies ist der einzige Traum mit pavor nocturnus, an den ich mich erinnern kann. Ich erwache schreiend in meinem Bett stehend.

Auch bei diesem Versteckspiel auf der Insel oder in Waldstücken um die Stadt herum schreie ich wie am Spieß. Dies ist eine Formulierung meines Vaters. Er gebraucht sie höhnisch, wenn er voller Abscheu, ja, Ekel, wieder zum Vorschein kommt. Ein wenig gerührtes Mitleid zeigt er auch, aber das ist überdeckt von geradezu üblicher Verachtung und Enttäuschung. – Ich bin nicht, wie er sich mich wünscht und ich werde es nie sein. Diese Mitteilung erreicht mich in meiner Kindheit unzählige Male sozusagen hinter seinen Worten.

Was soll das? Das sind doch banale Geschichten? Der Mann hat doch recht – ich bin ein Weichling…

Aber ich „kenne“ niemanden außer Mutter und Vater. Ich habe keine Geschwister und gehe nicht in Kinderkrippe und Kindergarten. Nur gelegentlich spiele ich mit anderen Kindern, denn die sind unter der Woche in Krippen und Kindergärten. Gleichfalls nur gelegentlich erlebe ich Bekannte meiner Eltern. Ich scheue mich, von Freunden zu sprechen. Bis auf die zwei Urlaubsfahrten, einmal mit der Mutter und einmal mit dem Vater, erlebe ich auch keine Verwandten. Überhaupt unternehmen meine Eltern fast nie etwas. Zudem bin ich insgesamt mindestens in vier der sieben Jahre bettlägerig krank.

Dementsprechend ist die Fixierung auf das sogenannte ödipale Dreieck Mutter-Vater-Kind bei mir weit ausgeprägter, als sie in der Vorschulzeit üblich, angemessen, „normal“ usw. zu sein scheint. Später bin ich nicht überrascht über Freuds Berichte von seinen frühen Forschungen. Das kenne ich! Der Mann hat Recht! Ich verschmelze sozusagen psychisch symbiotisch mit dem gerade zumindest körperlich anwesendem Elternteil. Mein Vater hat jedoch gewissermaßen Überhang. Er führt mich trotz allem zu konstruktiven Neigungen und begleitet mich zumindest ein paar Schritte weit. Er initiiert und bestärkt etwa mein Interesse an Literatur, den Hang zu Sprachspielen, die Liebe zur Natur, zu Wanderungen, zu Katzen usw.

Dann ist da diese Art mentale Blockade. Ich komme nicht einmal auf den Gedanken, nach Hause zu gehen, wenn mein Vater sich versteckt. Dies würde sogar seinen unausgesprochenen und ausgesprochenen Erwartungen nach einem frechem, lautem, witzigen und aberwitzigem Sohn entsprechen. Allerdings dürfte es für die meisten Vorschulkinder nicht einfach sein, von manchen dieser Waldstücken aus zur elterlichen Wohnung am anderen Ende der Stadt zu finden. Aber ich bin unfähig, jemanden nach dem Weg zu fragen. Diese Sprachlosigkeit überfällt mich vor allem bei den Gelegenheiten, da mich mein Vater mitten in der Stadt buchstäblich stehen lässt.

Ich glaube, mir sicher sein zu können, dass die tausenden seit 1986 erlebten „Prüfungsträume“ quälende Reproduktionen dieser Prüfungen meiner Vorschulzeit in der sogenannten Realität sind. In sehr vielen Träumen ist zudem das wirklich Quälende nicht das eine oder andere alptraumhafte Detail wie etwa ein totes Baby in einem Waschbecken oder dergleichen. Vielmehr ist das Kafkaesk-Drückend-Unheimliche die meist unausgesprochene Erwartung von Personen in diesen Träumen. Es ist, als würden sie etwas von mir erwarten, dass für jedermann selbstverständlich sein dürfte, während ich nicht drauf komme. Dieses lähmende Empfinden erlebe ich erstmals bei den Prüfungen in meiner Vorschulzeit. Zudem wirken diese Träume immer in die Wirklichkeit hinein, wenn vielleicht auch nicht in der von Psychotikern erlebten Intensität.

Dass diese Versteckspiele das zentrale Erlebnis meines Lebens sein könnten, realisiere ich tragikomischer Weise erst mit über 40 Jahren. Hier scheint der Ursprung meiner Unfähigkeit, im übertragenem und manchmal gar im wörtlichem Sinne aus der Spur zu kommen. Diese Unfähigkeit fällt lange nicht auf. Sie kann gar nicht auffallen. Auch im Großem und Ganzen, im gewissermaßen Überpersönlichem, geht alles seinen Gang.

Womöglich sind meine Empfindungen bei diesen Erlebnissen gar nicht meine. Sehr wahrscheinlich reinszeniert mein Vater seine traumatisierenden Erlebnisse bei der Flucht aus Ostpreußen. Er delegiert vor allem seine Emotionen beim abrupten völligen Verlust aller Kontakte zu Familienangehörigen, Verwandten, Freunden und Bekannten.

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