Der war schon immer […], der hat damals schon […]

Ich treibe ein Loch in den Fußboden. Unter diesem Loch im Fußbodenbelag ist sogar eine kleine Delle im Beton. Dafür werde ich nicht bestraft, vielmehr wird der Schaden völlig ignoriert. Ich finde das mindestens merkwürdig, verdränge es aber. Immerhin nehme ich den Schaden überhaupt wahr.

Die rechte Wand des Kinderzimmers ist fast völlig zugestellt mit der Schrankwand. Nur am Ende, vor dem Fenster, ist eine etwa einen Meter lange Nische. Dort steht ein kleiner Hocker mit weiß lackierten stählernen Beinen und einer mit derbem orangem Stoff bezogenen rechteckigen Sitzfläche.

Das ist mein Platz. Spätestens seit meinem Auszug aus dem Schülerwochenheim und dem Wiedereinzug in die elterliche Wohnung lese ich dort Dutzende Bücher und kippele dabei gleichmäßig. Dieses Kippeln scheint in gewissem Maße eine Abwandlung meines Schaukelns in der Vorschulzeit zu sein. Ich bin völlig verblüfft, als eine Mieterin des Wohnblocks gegenüber mich über drei Jahrzehnte später anruft. Sie erklärt unter anderem, dass sie ein deutliches Bild des netten jungen Mannes vor Augen hätte, der immer am Fenster sitzt und liest und liest und liest.

Die Charakterisierung als „netter junger Mann“ ist mir peinlich. Aber viel verwirrender ist meine tragikomisch verspätete Einsicht, dass es Leute gibt, die mich sehen weit über die optische Wahrnehmung hinaus. Auch hier, denn das ist nicht die einzige Stelle, an der ich sehr nachträglich zu dieser Einsicht kommen muss, sind offenbar immer eine Art Verbündete. Die nehme ich jedoch gar nicht wahr.

Wiederum verblüffend und gleichfalls Jahrzehnte später erlebe ich einen Aha-Effekt in einer Art Spiegelszene. In einem Internet-Café bin ganz offensichtlich nicht nur ich irritiert über das Gebaren eines Jungen etwa in dem Alter, in dem ich mich in meine fliegenden Buchstaben flüchte.

Der Junge hat Kopfhörer auf und ist immer wieder heftig tippend offenbar in irgendeinem Netzwerk wie Facebook zugange. In unregelmäßigen Abständen lacht er laut auf. Das Lachen klingt nicht nur entrückt, sondern geradezu verzückt. Er ruckt und zuckt dabei mit dem Kopf, den Armen und den Schultern, als würde er immer wieder den Impuls zu einer geplanten Bewegung des gesamten Körpers im letzten Moment abbremsen.

Der Junge führt sich auf, als wäre er allein im dicht besetztem Café, aber intensiv verbunden mit Abwesenden, mit denen verbunden zu sein die sogenannte Realität im Hier und Jetzt ausschließt. Er ist gewissermaßen nur körperlich im Café, im Kopf jedoch in einem virtuellem, einem geistigem Raum, wie ich es in seinem Alter in der Welt der Romane und Erzählungen bin.

In diesem Café verstehe ich mit einem Mal Leute, die dieses Verhalten als hochnäsig, abweisend, eingebildet, arrogant usw. empfinden. Bisher habe ich diese Leute für dumm und oberflächlich gehalten. Diese fast krampfhaften Bewegungen und Lachattacken des Jungen scheinen für etliche seiner Beobachter etwas auszudrücken wie: Alle weg! Ich bin hier in höheren Zusammenhängen zugange und für das profane Hier und Jetzt nicht erreichbar!“ Der Junge wirkt im Wortsinn ver-rückt, weil geistig entrückt.

Vor allem aber wird mir in dieser winzigen, banalen Szene klar, dass ich während meiner Lese-Orgien in genau dieser Art auf Außenstehende zu wirken scheine. Eine Familie scheint es nicht leicht zu haben mit einem derartigem Schizo. Auch das wird mir selbstredend erst Jahrzehnte später klar.

Dieses Rucken und Zucken des Jungen geht bei mir oft bis zu zumindest angedeuteten Bewegungen des im Wortsinne Aufstehens und des im übertragenem Sinne Aufbrechens. Es gibt Lektüre, etwa Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“, bei der es mich vor Lachen buchstäblich vom Hocker reißt. Mir wird nicht klar, dass dies ähnliche Lachkrämpfe sind wie die meines Vaters beim Verfolgen von Szenen in Fernsehfilmen, in denen Räume oder gar Gebäude zertrümmert, zerschossen, zerbombt werden. Erst recht nicht vermag ich wahrzunehmen, dass mein Verhalten wirken könnte, als würde ich Außenstehenden dringlich mitteilen wollen, dass ich mich eben in einer exklusiven Welt bewegen würde, zu der sie als minderbegabt Desinteressierte keinen Zugang hätten.

Allein, es kann in der sogenannten Realität passieren, was will, Menschen können mir antun, was immer sie wollen, da ist immer diese virtuelle Gegen- und Anderwelt, ein imaginierter panic room, eine Zuflucht und Heimat in einem geistigem Raum. Fertig bin ich nicht, als ich bindungs-, orientierungs-, partner-, arbeits- und wohnungslos bin, sondern als dieser geistige Raum wenn nicht weg, so doch nachhaltig beschädigt ist.

Die Reaktionen meines Vaters in meinen Momenten verzückten ver-rückt Seins gehören zu den Schlüsselerlebnissen meiner im Elternhaus verbrachten Lebenszeit. Er steht wieder unvermittelt im Kinderzimmer, murmelt seine üblichen „Ach ja!“ und „Tja…“ usw. und klopft mir den Kopf wie einem Hund; verständnisvoll, begütigend, aber auch irgendwie mitleidig.

Sofort ist alle Spannung weg, auch oder gerade die sich immer wieder wie bei dem von mir im Internet-Café beobachtetem Jungen in Zuckungen entladende körperliche Spannung. Ich habe sozusagen den Segen erhalten. Geradezu besoffen wie beim notorischem Schaukeln in meiner Vorschulzeit darf ich mich weiterhin und erst recht in diesem nur mir zugänglichem virtuellem Raum unbekümmert bewegen.

Andererseits scheint mir mit zunehmendem Alter, dass durch dieses Hand auflegen zugleich der letzte Rest meines Dranges zum neugierigem und freundlichem sich in die Welt und auf Menschen zu Bewegen geradezu ausgelöscht wird. Um im Bild des Hundes zu bleiben, bedeutet dieses meinen Kopf Klopfen auch: Mach ‚Sitz‘! Schön hierbleiben und nicht ausbrechen aus den symbiotischen Verstrickungen der Familiensphäre!“ Auch heute weiß ich nicht, welche meiner beiden Deutungen dieser winzigen Szenen väterlichen Zuspruchs zutreffend ist. Sehr wahrscheinlich liegt wie bei vielen psychischen Abläufen die Wahrheit irgendwo in der Mitte, wenn es denn überhaupt in derartigen Kontexten nur eine Wahrheit gibt.

Für dieses seelische Refugium jedoch scheint mich meine Stiefmutter am meisten zu hassen. Diese Wahrnehmung ist für mich eine der erschütterndsten Erkenntnisse meiner körperlichen Jugend. Sie scheint nicht nur keinen derartigen Raum für sich zu haben, sondern ihn auch gar nicht zu wollen. „Wieder ’n Kilo Buch!“ platzt sie etwa nach dem Empfang einer Prämie für ihre Leistungen am Arbeitsplatz heraus. Zu meinem Entsetzen muss ich wider Willen grinsen. Das ist dieses volkstümlich Zupackende, das ich wohl in meiner Schreiberei nie erreichen werde. Hier scheint sich das gewissermaßen offiziell immer wieder angemahnte aktiv-dynamisch, fortschrittlich-proletarisch Gestaltende unserer Menschen zu manifestieren.

Manchmal reicht es schon, dass meine Stiefmutter mich sieht. Sie kommt aus dem Wohnzimmer in den Flur und ich komme aus dem Kinderzimmer in den Flur und augenblicklich schlägt sie mit etwas auf mich ein, was gerade greifbar ist, oft auch nur mit den Fäusten. Ich habe nichts getan. Ich bin einfach nur da und sollte aber nicht da sein. Das erlebe ich über Monate hinweg. Mein Feststellung ist nicht zynisch, dass meine Unterbringung im Heim während des auswärtigen Direktstudiums meines Vaters eine keineswegs übertriebene Maßnahme ist. Vielmehr scheint damit tatsächlich Mord und Totschlag vermieden zu werden.

Sollte, müsste ich empört sein, dagegen halten, rebellierend Rabatz machen, wie es in einschlägigen Kinder- und Jugendfilmen immer wieder als typisch für Jugend und vor allem Pubertät dargestellt wird?

Ich versuche es gar nicht erst. Dies nicht aus Feigheit oder Angst, sondern aus Trägheit und Resignation. Vor allem aber scheint mich diese Zuflucht eines geistigen Raumes in gewissem Sinn und Maß unverletzlich zu machen. Meine Gewissheit, jederzeit eine Ebene jenseits aller Querelen und Quälereien des Alltags aufsuchen zu können, treibt meine Stiefmutter geradezu zur Raserei. Das nehme ich durchaus wahr und meine Wahrnehmung ist mit Häme und einem gehässigem Gefühl von Überlegenheit verbunden.

Ich bin manchmal gar innerlich erheitert während dieser Prügelattacken aus nichtigen Anlässen oder gar aus heiterem Himmel ohne ersichtlichen Grund. Jedes Mal drehe ich mich mit dem Rücken zu meiner Mutter, krümme mich zusammen und warte in dieser Haltung ab, bis meine Mutter ihre Wut und ihren Hass entladen hat oder jedenfalls erschöpft ist. Einmal lache ich sogar laut, als sie nach einer Verbalattacke etwa des Inhalts, der wäre doch total verkalkt, in die Kammer stürzt und mit einem Schrubber erscheint, den ihr mein Vater entwindet. Immerhin, denn er hat längst resigniert, auch oder gerade, was diesen Dauerclinch zwischen meiner Stiefmutter und mir angeht. Ich bin ein Monstrum.

An einem Samstagnachmittag erlebe ich einen Höhepunkt dieser Interventionen aus heiterem Himmel. Ich sitze wieder einmal auf meinem Hocker und lese, allerdings noch ohne Lachanfälle und ohne dieses skurrile Zappeln. Es ist offenbar ein neues Buch, das ich gerade in den Händen halte, und ich bin noch nicht ganz drin.

Die Kinderzimmertür wird aufgerissen, meine Mutter öffnet mit wütender Wucht das Fenster, reißt mir das Buch aus dem Händen und wirft es auf den Hof. Dann schleudert sie einige Hefter sowie Kladden hinterher, in die ich meine Zeichnungen einordne sowie meine tagebuchartigen Aufzeichnungen eintrage. Auf eine der Kladden habe ich geschrieben „Aufzeichnungen aus einem totem Haus“. Ich finde das ungemein witzig und geistreich, obwohl ich nicht eine Zeile des fast gleichlautenden Romans von Dostojewski gelesen habe.

Nach den Würfen eilt meine Stiefmutter in diesem für sie typischem kraftvollen Marschschritt aus dem Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Ich bin im Zustand seltener Sprachlosigkeit erstarrt, gleichzeitig aber ganz tief drin geradezu diebisch vergnügt. Ich bin ein Monstrum.

Dergleichen trifft mich nicht und kann mich nicht treffen. An die Eintragung in mein Tagebuch nach diesem Auftritt kann ich mich wörtlich erinnern, obwohl ich 1986 alle Tagebücher zerreiße oder verbrenne. „Da lagen sie nun, seine tief gefühlten Heimlichkeiten, im Dreck, vor allen dicken Tanten…“ Der Stolz auf diese in meinen Augen gelungene, weil hoch literarische Formulierung überwiegt bei Weitem das angemessene Entsetzen über den mindestens grotesken Auftritt einer wahrlich märchenhaften Stiefmutter. Leben in einer Familie scheint nicht leicht mit einem derartigem Schizo.

Einmal in meinem Leben schlage ich zurück. Über Monate hinweg werde ich manchmal Tag für Tag traktiert mit allen möglichen Gegenständen und immer wieder mit auf mich einhämmernden Fäusten. Völlig überraschend für mich selbst, weil ohne ersichtliche Abweichung vom gewohntem Ablauf der Züchtigung drehe ich mich an einem Vormittag um und verpasse meiner Stiefmutter eine gewaltige rechte Gerade in ihr Gesicht. Sie stürzt rückwärts in die Küche und ich verlasse die Wohnung und erstarre im Fahrradkeller des Hausaufgangs in der Art, wie ich es bei meinen Katern beobachte, wenn sie unter Schock stehen.

Mein Leben ist jetzt zu Ende. Ich habe eine Grenze überschritten, die man nicht überschreiten darf. Ich verharre in der geradezu physischen Erwartung des Klatschens, das zu hören sein wird, wenn der Körper meiner aus dem Fenster springenden Mutter auf die Gehwegplatten vor den Kellerfenstern aufschlägt.

Etwa eine halbe Stunde später muss ich feststellen, dass meine Stiefmutter keineswegs getroffen oder gar auch im übertragenem Sinne am Boden ist, im Gegenteil. In einem der wenigen lichten Momente meines Lebens wird mir noch in der Situation klar, nicht hinterher in Gestalt von Treppwörtern, dass sie geradezu erleichtert zu sein scheint, weil ich überhaupt eine Reaktion gezeigt habe.

Ich bin ein Monstrum… Dieses sich wie ein roter Faden durch mein Leben ziehende Empfinden ist in diesem Moment so stark wie sonst nie. So was gehört weg gesperrt.

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