Der Traum ist das Leben. Das Leben ist Traum.

Dieses wohlige Schweben scheint erstaunlicherweise ganz normal. Aber vielleicht ist es gar nicht erstaunlich! Dergleichen kann womöglich jeder. Dies ist das wirkliche Leben. Aber was für ein märchenhafter Überblick! Den habe ich in dieser Intensität und Länge nur einmal, kurz vor der Einschulung. Indem ich die höchstens Streichholz langen Haare über den Ohren in der Art von Flügeln bewege, fliege ich über meine von tausenden Lichtern nächtlich erhellte Heimatstadt. Das belustigt mich selbst bereits während des Traumes, was mir über die Peinlichkeit hinweg hilft, nur mit dem Schlafanzug bekleidet zu sein. Merkwürdig ist zudem, dass ausnahmslos alle Fenster erleuchtet scheinen.

Das Wesentliche ist auch hier wieder das Atmosphärische. Auch hier wieder kann ich es nicht für mich befriedigend in Worte fassen. Mit dem Abstand dieses Überflugs sind mir Stadt und Menschen nah und vertraut. Die Welt ist freundlich und ich kann arglos und schutzlos an ihrem Geschehen teilhaben. Ich bin drin, ich gehöre dazu, ich bin beteiligt, ich bin eingebunden. Das alles ist mir völlig klar ohne Worte. Was geschieht, geschieht mühelos, heiter-leicht und wie selbstverständlich.

Ich fliege im Traum über die Nordostecke des großen Gevierts, zu dem der Wohnblock mit unserer Wohnung gehört. Alle erleuchteten Fenster strahlen, aber auch die Hauswände und der Boden. Diese Strahlung besteht nicht nur aus Licht, sondern auch aus Wärme. Eine ähnliche atmosphärische Wirkung einer Stadtlandschaft erlebe ich etliche Jahre später in Filmen Woody Allens mit Aufnahmen des nächtlichen Manhattan. Mir fällt im Kino auch mein Flugtraum aus der Vorschulzeit ein. Zudem finde ich viele Jahre später ähnliche Szenen in Gemälden, vor allem denen Marc Chagalls. Mir scheint dann die Behauptung zutreffend, dass Künstler und Psychotiker die sogenannte Wirklichkeit in gewissem Sinn und Maße wie Träume wahrnehmen.

Natürlich sind die „bösen“ Träume solche von Flucht und Verfolgung. Diese Träume erlebe ich derart oft, dass ich mich halbwegs an sie gewöhnt habe. Ihr quälendes Wiederholen in einer Art Endlosschleife ist beinahe ein quasi nebenbei und fast unbewusst vollzogenes Ritual wie Zähne putzen. Ich rette mich immer wieder durch die an mehreren Wänden der Zimmer dicht unter der Decke angebrachten, etwa Handteller großen Abdeckungen. Irgendwann weiß ich, dass sich dahinter Schnittstellen des Stromnetzes befinden, dennoch wird auch dieses Traum-Motiv weiterhin viele Male variiert. Immer aber enden diese Träume mit dem Erwachen, gegen Ende der Fluchten und Verfolgungsjagden. Mit einer letzten Anspannung aller Kräfte kann ich entkommen.

Derartige Fortsetzungen und Neuaufnahmen von Traum-Motiven erlebe ich insbesondere bei abklingendem Fieber. Einer dieser mehrfach variierten Träume ist der mit den endlosen Güterzügen in der Gardinenstange. Die Gardinenstange ist die im Schlafzimmer. Ich bin wieder einmal bettlägerig krank und übernachte im Ehebett der Eltern. Ich glaube, mir gelingt es gar mehrfach, diesen Traum bewusst zu generieren. Diese Güterzüge sind beladen mit unzähligen „Nuckelflaschen“, wie es sie im Süßwarenladen der Hauptstraße der Stadt gibt. Sie sind gefüllt mit stecknadelkopfgroßen, bunten Zucker-Perlen. Man muss ein kleines Loch in diesen Deckel stechen und dann die Perlen aus der Flasche saugen. Mir gelingt das fast nie. Ich muss den zipfelmützenförmigen „Deckel“ abnehmen und mir reichlich Zucker-Perlen in die hohle linke Hand schütten, um mir mit ihnen den ganzen Mund zu füllen. Diese beglückende Versüßung meines kindlichen Alltags findet nicht regelmäßig oder auch nur oft statt, aber es gibt sie.

Dann ist da dieser eher „gute“, aber völlig außer der Reihe ablaufende Traum. Dies nicht seines Inhaltes wegen, sondern gewissermaßen wegen eines Kunstgriffs der Inszenierung. Es kommt in diesem Traum zum fließendem Übergang von Traum und Realität, von Dichtung und Wahrheit. Wieder liege ich nicht in meinem Bett im Kinderzimmer, sondern im Ehebett im elterlichen Schlafzimmer. Ich bin jetzt in der dritten und letzten von mir erlebten elterlichen Wohnung. Inzwischen bin ich Schüler der zweiten oder dritten Klasse. Zur Verärgerung, aber auch Erheiterung meines Vaters erliege ich jetzt den in meiner Vorschulzeit ausgebliebenen Kinderkrankheiten. Masern und Mumps werden ausgelöst durch die Impfungen mit Lebend-Vakzinen. Offenbar hat mein Vater dergleichen erwartet.

Ich träume, dass ich in diesem Bett läge und dass von der Tür her eine schnurrende und tänzelnde Katze auf mich zukommt. Ich bin untröstlich, als ich merke, dass ich gleich aufwachen werde. Die Katze wird natürlich in der sogenannten Realität weg sein. Dann aber stelle ich ungläubig fest, dass die Traumhandlung fließend in die Realität übergeht. In der Tür stehend ahmt mein Vater außerordentlich naturgetreu katzenhafte Laute des Wohlbehagens nach und lässt einen Plüsch-Kater den Türrahmen hinauf und hinab wandern.

Meine Mutter hat des Öfteren blaue Flecken an den Beinen. Sie erklärt sie mit dem Anstoßen an Möbelstücke während ihres immer wieder auftretenden Schlafwandelns. Etliche Jahre später scheint mir, dass schon mein Vater sehr wahrscheinlich richtig was zum Anlangen braucht, nicht diese Nymphchen und Elfchen. Dergleichen wird mir immer wieder rückgemeldet von für solche Einschätzungen befugt erscheinenden Leuten.

Angeblich aber würde auch ich schlafwandeln. Einmal würde ich dabei vor dem Spiegel im Bad stehen und mir leise weinend die Zähne putzen. Meine Mutter hätte mich jedoch nicht geweckt. Ich würde dann auch ohne Probleme wieder in mein Bett gehen, um „richtig“ zu schlafen. Ich kann mich nicht an dergleichen erinnern und bin mir nicht sicher, ob meine Mutter die Wahrheit sagt. Mit einiger Mühe kann ich das beim innerem Nachvollziehen der beschriebenen Szene in mir aufsteigende hysterische Lachen unterdrücken.

Der schrecklichste Traum ist der, in dem mein Vater sich schier in Nichts auflöst. Zur Zeit dieses Traumes bin ich etwa sechs. Ich besitze einen Hamster, ein altes und faules Tier, das in einem Terrarium immer träger wird. Das Terrarium steht in diesem Traum zwischen der nach rechts zu öffnenden Küchentür und dem Büfett, das über die Hälfte der rechten Küchenwand einnimmt. Das Terrarium passt im Traum genau in die Lücke zwischen Tür und Schrank. Das entspricht nicht nur nicht der sogenannten Realität, vielmehr das Terrarium nie dort steht.

In dem Terrarium steht mein Vater. Anfangs ist er nur etwa drei mal so groß wie der aufgerichtete Hamster, der allerdings in diesem Traum nicht vorkommt. Unter den Klängen bis dahin und auch danach nie gehörter symphonischer Musik wird mein Vater in regelmäßigen rhythmischen Abständen immer kleiner und ist schließlich buchstäblich spurlos verschwunden. Es ist „Himmelsmusik“! Die wuchtig-hymnischen Streicher-Akkorde kommen von draußen und von oben wie das Donnern beim Gewitter. Ich erwache nach dem Verschwinden meines Vaters schreiend in meinem Bett stehend. Den Erzählungen meiner Mutter nach erlebe ich noch weitere Träume mit pavor nocturnus. Ich kann mich jedoch nur an diesen erinnern. Auch dieser Traum fällt mir später beim unerwartetem Anblick von Chagall-Gemälden ein.

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