Der Traum ist das Leben. Das Leben ist Traum.

Da ist dieser Flugtraum, den habe ich in dieser Intensität und Länge nur einmal. Indem ich die höchstens Streichholz langen Haare über den Ohren in der Art von Flügeln bewege, fliege ich über meine von tausenden Lichtern nächtlich erhellte Heimatstadt. Das belustigt mich selbst und bereits während des Traumes, was mir über die Peinlichkeit hinweg hilft, nur mit dem Schlafanzug bekleidet zu sein. Merkwürdig ist zudem, dass ausnahmslos alle Fenster erleuchtet scheinen. Das Wesentliche ist auch hier wieder das Atmosphärische, und auch hier wieder kann ich es nicht in für mich befriedigendem Maße in Worte fassen. Mit dem Abstand dieses Überflugs sind mir Stadt und Menschen nah und vertraut, ich bin drin, ich gehöre dazu, ich bin beteiligt, ich bin eingebunden.

Ich fliege im Traum über die Nordostecke des großen Gevierts, zu dem der Wohnblock gehört, in dem ich lebe, und hier scheinen nicht nur alle erleuchteten Fenster zu strahlen, sondern auch die Hauswände und der Boden. Diese Strahlung besteht nicht nur aus Licht, sondern auch aus Wärme, und das Licht ist ohnehin mehr orange und weniger gelb. Eine ähnliche atmosphärische Wirkung einer Stadtlandschaft erlebe ich etliche Jahre später in Filmen Woody Allens, in denen er Aufnahmen des nächtlichen Manhattan zeigt. Mir fällt dann im Kino auch mein Kindheitstraum ein.

Natürlich sind die „bösen“ Träume solche von Flucht und Verfolgung. Diese Träume erlebe ich derart oft, dass ich mich halbwegs an sie gewöhnt habe. Es ist beinahe ein quasi nebenbei vollzogenes Ritual wie Zähne putzen, dass ich diese Träume in einer Art Endlosschleife repetiere. Ich rette mich aus ihnen, indem ich durch die etwa Handteller großen Abdeckungen entkomme, die an mehreren Wänden der Zimmer dicht unter der Decke angebracht sind. Ich weiß irgendwann, dass sich dahinter Schnittstellen des Stromnetzes befinden, dennoch wird auch dieses Traummotiv hunderte Male variiert. Immer aber enden diese Träume mit dem Erwachen, gegen Ende der Fluchten und Verfolgungsjagden, so dass ich mit einer letzten Anspannung aller Kräfte entkommen kann.

Derartige Fortsetzungsgeschichten erlebe ich insbesondere bei leichtem Fieber. Einer dieser immer wieder variierten Träume ist der mit den endlosen Güterzügen in der Gardinenstange. Ich glaube, mir ist es sogar mehrfach gelungen, diesen Traum bewusst zu generieren. Diese Güterzüge sind beladen mit unzähligen „Nuckelflaschen“, wie es sie im Süßwarenladen der Hauptstraße der Stadt gibt. Sie sind gefüllt mit stecknadelkopfgroßen, bunten Zucker-Perlen, die man eigentlich aus dem mit einem kleinem Loch versehenem Gummideckel aus der Flasche saugen sollte. Mir gelingt das nie, vielmehr ich den zipfelmützenförmigen „Deckel“ abnehme und mir reichlich Zuckerperlen in die hohle linke Hand schütte, um mir mit ihnen den ganzen Mund zu füllen. Nicht, dass diese beglückende Versüßung meines kindlichen Alltags regelmäßig oder auch nur oft stattfindet, aber es gibt sie doch zuweilen ganz real.

Dann ist da dieser Traum, den ich zwar eher als „guten“ bezeichnet hätte, der aber völlig außer der Reihe abläuft. Dies nicht seines Inhaltes wegen, sondern gewissermaßen wegen eines Kunstgriffs der Inszenierung. Es kommt in diesem Traum zum fließendem Übergang von Traum und Realität, von Dichtung und Wahrheit. Wieder liege ich nicht in meinem Bett im Kinderzimmer, sondern im Ehebett im elterlichen Schlafzimmer. Inzwischen bin ich Schüler der zweiten oder dritten Klasse, aber neuerlich krank, in der dritten und letzten von mir erlebten elterlichen Wohnung.

Ich träume, dass ich in diesem Bett läge und dass von der Tür her eine schnurrende und tänzelnde Katze auf mich zukommt. Ich bin untröstlich, als ich merke, dass ich gleich aufwachen werde, wonach die Katze natürlich weg sein wird. Dann aber stelle ich ungläubig fest, dass die Traumhandlung fließend in die Realität übergeht. In der Tür steht der Vater, hält einen Plüsch-Kater in der Hand, den er den Türrahmen hinauf und hinab wandern lässt, und ahmt außerordentlich naturgetreu katzenhafte Laute des Wohlbehagens nach.

Meine Mutter hat des Öfteren blaue Flecken an den Beinen, von denen sie behauptet, dass sie von Möbeln verursacht wären, gegen die sie zuweilen beim Schlafwandeln laufen würde. Angeblich würde auch ich schlafwandeln. Einmal hätte ich dabei vor dem Spiegel im Bad gestanden und mir leise weinend die Zähne geputzt. Meine Mutter hätte mich jedoch nicht geweckt, und ich wäre dann auch ohne Probleme wieder in mein Bett gegangen, um „richtig“ zu schlafen. Ich kann mich nicht an dergleichen erinnern und bin mir nicht sicher, ob meine Mutter die Wahrheit sagt, kann aber mit einiger Mühe das hysterische Lachen unterdrücken, das bei meinem innerem Nachvollzug der beschriebenen Szene in mir aufsteigt.

Der schrecklichste Traum ist der, in dem mein Vater verschwindet, sich schier in Nichts auflöst. Zur Zeit dieses Traumes bin ich etwa sechs und besitze einen Hamster, ein altes und faules Tier, das in einem Terrarium haust. Das Terrarium steht in diesem Traum zwischen der nach rechts zu öffnenden Küchentür und dem Büfett, das über die Hälfte der rechten Küchenwand einnimmt. Das Terrarium passt im Traum genau in die Lücke zwischen Tür und Schrank, was in der Realität nicht nur nicht korrekt ist, vielmehr das Terrarium dort nie gestanden hat.

In dem Terrarium steht mein Vater, anfangs nur etwa drei mal so groß wie der aufgerichtete Hamster, der allerdings in diesem Traum nicht vorkommt. Unter den Klängen symphonischer Musik, wie ich sie bis dahin und auch danach nie in der Realität gehört habe, wird mein Vater in regelmäßigen rhythmischen Abständen immer kleiner, bis er schließlich verschwunden ist. Es ist „Himmelsmusik“, die gewaltigen Streicherakkorde kommen von draußen und von oben wie das Donnern beim Gewitter. Ich erwache schreiend in meinem Bett stehend. Den Erzählungen meiner Mutter nach muss ich noch weitere Träume mit pavor nocturnus erlebt haben, ich kann mich jedoch nur an diesen erinnern.