Der Spuk beginnt

An einem Sommertag im Jahr 1986 sitze ich in meiner Prenzlauerberghütte bei offenem Fenster am zum Schreiben und Lesen gedachtem meiner beiden Tische und mache mich insgeheim über mich selbst lustig. Die Geräuschkulisse der stark befahrenen Hauptstraße gehört zu mir und ich gehöre zu ihr. Ich bin beteiligt, eingebunden. Es ist dies wieder einer der Sachverhalte, die sich mit Worten nur quasi umkreisen und nicht richtig benennen lassen. Das wird umso deutlicher, als dies das letzte Mal ist, dass ich mich in einem Raum befinde und die Geräusche von draußen als anregend, freundlich, motivierend usw. empfinde und dies gar bei offenem Fenster.

Den Tisch benutze ich fast gar nicht. Hier wirkt eine Art subtile Prokrastination, der ich mir nicht bewusst werden will. Der Tisch steht an der rechten Wand meiner Prenzlauerberghütte hinter dem Ofen und vor dem großem Wohnzimmerschrank. Er scheint genau genau jene Spießigkeit auszustrahlen, der ich eigentlich entkommen will. Meist ist er leer, es ist nicht einmal eine Decke darauf. In meinen Wachphantasien sitze ich dort stundenlang beim Selbststudium. In dem Bereich jedoch, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre, hat er denselben rein dekorativen Zweck, den viele Einrichtungsgegenstände in der elterlichen Wohnung zu haben scheinen. Wieder einmal reproduziere ich bis in kleine Details eine Lebensführung, der ich eigentlich entkommen will. Das deprimiert mich umso mehr, weil ich es halbwegs bewusst wahrnehme. Ich bin gegen etwas, weiß aber nicht in hinreichender Klarheit, wofür ich bin. Unter anderem deshalb scheine ich gezwungen, resigniert und geradezu zwanghaft das Gewohnte zu reproduzieren.

Ich habe mich jetzt sozusagen breit schlagen lassen, etwas zu lesen, was zu lesen ich bisher vermieden habe. Dem sogenannten Mainstream weiche ich immer wieder aus. Den Begriff kenne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er ist zudem eine Vokabel des Gegners. Ich versuche, Filme nicht zu sehen, Bücher nicht zu lesen usw., die gerade in aller Munde sind. Ich glaube, einen besseren, von verbreiteten Meinungen nur wenig beeinflussten Eindruck von ihnen gewinnen zu können, wenn ich erst einige Zeit verstreichen lasse, bis sich gewissermaßen das Marktgetöse beruhigt hat.

Sehr misstrauisch beginne ich etwas von diesem Gorbatschow zu lesen, über den Leute in meiner Umgebung immer wieder reden. Eigentlich will ich diese Lektüre noch aus einem anderem Grund vermeiden – weil alles seinen Gang geht und sich nichts ändern kann, muss und wird. Auch diese Einstellung bleibt mir unbewusst und ist daher umso wirksamer.

Ich komme nicht weit. Welches Buch oder welchen Artikel von Gorbatschow ich gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Es handelt sich jedoch mit Sicherheit um einen Text von ihm, nicht über ihn. Ich habe ein paar Abschnitte mehr überflogen als gelesen, als ich draußen geradezu übermütig jauchzende Ausrufe eines mir unbekannten jungen Mannes höre. „Gorbatschow! Gorbatschow!!!“ Dann bricht brüllendes Gelächter einer ganzen Gruppe offenbar junger Männer los.

Das Entscheidende ist nicht, dass Leute auf der Straße meine Handlungen in meiner Wohnung im viertem Obergeschoss kommentieren. Ich amüsiere mich zu dieser Zeit über Leute, die behaupten, die Stasi würde Telefone abhören und Wohnungen überwachen. Auch heute bin ich mir nicht sicher, ob Wanzen wirksam oder Leute mit speziellen Talenten zugange sind. Wichtig ist vielmehr, was hinter und zwischen den Worten herüber kommt oder wie immer man diesen Sachverhalt zu benennen versuchen mag.

Würde man diese unausgesprochene Mitteilung in Worte zu fassen versuchen, müssten diese etwa wie folgt lauten: „Da sind wir, Kuckuck, kleiner Scheißer! Wir sind diejenigen, die wissen, wo es lang geht, was läuft auch oder gerade im Großem und Ganzen. Wir sind in, wir sind drin, wir sind integriert, ein für alle Male den Zeitgeist und nicht aufzuhaltende Entwicklungen verkörpernd! Wir sind auf der Sieger- und Sonnenseite – und Du bist ein für alle Male „draußen“! Aber kannst Du Dich noch erinnern an die Zeit, als Du auch zu dieser ‚wahren Erdkrume‘ in Jack Londons ‚Martin Eden‘ gehören wolltest? Lange her, nicht wahr, verkrochener Spießer!? Dann streng Dich an, strampel Dich ab!“

Diese zuletzt formulierten Versuche der Verbalisierung des unausgesprochen Übermittelten sind die wichtigsten, weil nachhaltig wirksamsten. Seit Jahrzehnten wirken die mittlerweile tausenden Prüfungsträume und die zahllosen seltsamen Erlebnisse in dieser Art bzw. in dieser Richtung. Es ist, als ob man mir damit mitteilen wolle, dass ich nie und nimmer rein kommen könnte, dazu gehören würde usw. Man würde mich aber auch keinesfalls in Ruhe lassen, sondern mich im Gegenteil immer wieder anstacheln.

Das erinnert, um bei Jack London zu bleiben, an von ihm gräulich grandios beschriebene Szenen. Hunde oder Wölfe werden ohne Fluchtmöglichkeit derart lange und intensiv gereizt, bis die Tiere sich in rasender Wut selbst verletzen. Heftige Selbstverletzung im übertragenem Sinn tätige ich nach dem Beginn des „Budenzaubers“. Ich verbrenne alle Tagebücher, Fotos, Schulzeugnisse und fast alle meine Bücher im Ofen bzw. zerreiße sie und entsorge sie im Hausmüll. Ich bin erledigt. Es kommt nichts mehr! Jede weitere Aktivität in meinem Leben ist sinnlos. Dennoch bin ich gezwungen, in Bewegung zu bleiben. Dies ist mein Grundgefühl in den nächsten Jahrzehnten. Immerhin kann und will ich es nach Jahrzehnten in Worte fassen. „Dahinter“ oder „darunter“ ist das konstante Empfinden leisen Grauens darüber, dass ich in irrationale Abläufe eingesperrt bin, denen ich nicht ausweichen kann.

Die einige Tage nach dem Erstkontakt mit den Budenzauberern erlebte zweite Episode des Spuks lässt mich auch heute noch an operativer Bearbeitung durch die Stasi zweifeln.

Ich habe zu dieser Zeit ein Telefon, bekanntlich Mangelware in der DDR. Da ich im Fernsprechamt von (Ost-)Berlin arbeite, muss ich mit der Heranziehung zum Bereitschaftsdienst und dergleichen rechnen. Vor allem deshalb wird mir ungewöhnlich schnell ein Anschluss in die Wohnung geschalten.

Am Tag dieses zweiten Erlebens von Budenzauber ist am Nachmittag die Leitung tot. Ich beginne eines meiner grotesken Selbstgespräche. Bei denen gebärde ich mich, als würde ich mir wünschen oder wäre gar sicher, gehört zu werden. Ich ahne nicht, dass dies tatsächlich der Fall sein könnte. „High-Tech!“, sage ich immer wieder albern kichernd oder deklamiere ich geradezu, „High-Tech!“

Am Abend des Tages dieses meines mittelmäßig witzigen Monologs liege ich etwa gegen dreiundzwanzig Uhr im Bett, d. h., in meinem Bettzeug auf der Liege unter dem linkem der beiden Wohnzimmerfenster. Das Fenster ist einen Spalt breit geöffnet und ich bin eben im Begriff, weg zu dämmern.

Plötzlich habe ich das Gefühl der Präsenz einer Person. Auch dieses Empfinden würde von vielen Psychiatern und Therapeuten als psychotisch gewertet werden. Ich bin mir damals schon und heute erst recht sicher, dass es sich nicht um psychotisches Erleben handelt.

Dann bemerke ich ebenso verblüfft wie erheitert meine heftige Erektion. In dem Moment, da ich ihrer gewahr werde, bricht unten vor der Haustür neuerlich brüllendes Gelächter einer Gruppe junger Männer los. Womöglich sind es dieselben, die sich konvulsivisch erheitert über meine Gorbatschow-Lektüre mokiert haben. Einer ruft genüßlich theatralisch: „High Tech! High Tech!“ und will sich ausschütten vor Lachen.

Dieses Erlebnis ließe sich nun buchstäblich auf den ersten Blick durch elektronische Abhörgeräte erklären. Deren Einsatz erkläre ich jedoch immer wieder belustigt für paranoide Fiktion. Zudem bleibt die Frage offen, wie man meine Erektion bemerkt. Selbst für einem im Zimmer Anwesenden wäre die Latte unter der Bettdecke kaum zu erkennen in einem nächtlich unbeleuchtetem Raum. Trotz meines Narzissmus‘ halte ich mich nicht für derart wichtig, dass man eine Kamera in meiner Wohnung installiert.

Womöglich gibt es keine Erklärung. Womöglich muss man hier mit dem berühmten Satz aus dem „Hamlet“ kommen, es gäbe Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen ließe.

Mit dem Einsetzen des Budenzaubers beginne ich diese auf den ersten Blick scheinbar sinnlosen stundenlangen Stadtgänge. Eigentlich lasse ich mich ziellos treiben. Dabei versuche ich boshaft zu prüfen, welche Szenen mir die Verursacher und Betreiber des Budenzaubers aktuell inszeniert haben.

Mir ist klar, dass auch dieses Erleben als typisch psychotisch gilt. Aber niemand bemerkt es. Ich verhalte mich normal. Einige Zeit nach dem Beginn des Budenzaubers meine ich Botschaften aus Kennzeichen und Beschriftungen von Fahrzeugen zu lesen. Ich bin mir sicher, dass „man“ mir zum Beispiel mitzuteilen versucht, wo ich hin zu gehen oder zu fahren hätte usw. Mehrfach folge ich diesen vermeintlichen Fingerzeigen. Am vermeintlichem Zielort bemerke ich nie auf eine Art Erledigung des Auftrages hindeutende Zeichen. Trotzdem versuche ich immer wieder, diesen phantasierten Anweisungen zu folgen.

Zum ersten Mal wird mir die Fragwürdigkeit der Pathologisierung derartigen Erlebens deutlich. Nach verbindlichen Vereinbarungen der modernen Medizin bin ich manifest psychotisch. Das bemerkt jedoch niemand. Ich werde kaum auffällig, trotzdem ich in keiner Therapie bin und keine Medikamente einnehme. Meine Wutanfälle nach dem Erwachen aus allnächtlichen Träumen mit Prüfungen im weitestem Sinne, bei denen ich einige Male eine Tasse oder einen Teller an die Wand werfe, scheint niemand zu bemerken. Als ich tagsüber in einem einige Minuten anhaltendem Nickerchen, das ich selbst spießig finde, eine solche Prüfung nicht bestehe und nach dem Aufwachen etwas durchs Zimmer schmeiße, ertönt von der Straße infernalisches Gelächter einer Gruppe junger Männer. Möglicherweise ist das wiederum die Gruppe, die meine Gorbatschow-Lektüre und mein Selbstgespräch bei ausgefallenem Telefon „kommentiert“ hat.

Schließlich habe ich einige Tage nach diesen „Kommentaren“ ein Erlebnis, das mir völlig unwahrscheinlich erscheint. Jahrzehnte lang rede ich mit niemandem darüber. Ich gehe wieder einmal auf die Straße, um mich treiben zu lassen. Dabei erlebe ich immer wieder einen Effekt, der in einem Song einer bekannten Rockgruppe angesprochen zu werden scheint. Immer wieder „vergesse“ ich diesen Budenzauber, um ihn dann plötzlich zu erleben, „… wenn Du schon gar nicht mehr dran denkst…“ So lautet eine Textzeile in dem besagten Songtext. Das ist ein Zeichen, mit dem mir etwas Wichtiges mitgeteilt werden soll.

Ich habe kaum mein Haus verlassen, da brüllt jemand aus einem vorbei fahrendem Auto laut und deutlich: „Jetzt spring, Du Hund!“ Das ist nicht phantasiert oder halluziniert. Es werden einige Leute aufmerksam. Sie verstehen natürlich nicht, was eben abgeht. Zu meinem eigenem Erstaunen ist mir sofort klar, was mit „Hund“ gemeint ist. Es ist eine Art Metapher auf meine Person; hochbegabt, hochintelligent, aber ohne jeden eigenen Antrieb. Mir ist des Weiteren klar, dass ich gleich neuerlich in eine unerklärlicherweise von denen in der sogenannten Realität inszenierten Szene laufen werde.

Dies bestätigt sich wenige Augenblicke später. Ich laufe an einem Buchladen auf der anderen Straßenseite vorbei und sehe davor ein in seine Lektüre versunkenes hübsches Mädchen etwa meines Alters sitzen. Das Mädchen trägt ein Minikleid und hat bei der Lektüre selbstvergessen die Beine gespreizt, so dass der weiße Slip zu sehen ist. Dieser Höschenblitzer entspricht einer meiner erotischen Vorlieben. Was ist das? Wunscherfüllung nicht nur symbolisch in der Psychosen-Therapie, sondern real auf offener Straße? Wem soll ich das erzählen? Bin ich nicht eine charakterliche Null, wenn ich mich noch über derartige Wunder lustig mache und sie abzuwehren versuche?

Ich begreife, was mit diesem „Spring!“ gemeint ist. Ich soll aus meiner pseudoautistisch-egozentrischen Blase heraus treten, aktiv werden, die Initiative ergreifen usw. Ich muss Kontakt zu diesem augenfällig in mehrfacher Hinsicht meinem Partnerbild entsprechendem Mädchen aufnehmen.

Aber das geht doch gar nicht! Wer soll denn derartige Inszenierungen in der sogenannten Realität tätigen und wie?

Ist es vielleicht doch die Stasi? Oder überschätze ich die Genossen Tschekisten hier? Dazu erkläre ich sehr viel später in einem meiner zynischen Witze, dass ich über Geschichten von Telefone abhörenden Stasimitarbeitern nur lachen kann. Wenn mir jedoch nach der Wende jemand von Versuchen der Firma zur Entwicklung eines Staubsaugers für die Mondoberfläche erzählt, mit dem die NASA sabotiert werden soll, würde ich diese Behauptung prüfen wollen. Das Beispiel zeigt, dass mein vermeintlicher oder tatsächlicher Zynismus immer auch eine Art schwache, ja, vielleicht groteske Lebenshilfe ist.

Bei einem Besuch einer meiner wenigen aus der Armeezeit verbliebenen Freunde erlebe ich eine Episode, die auf Aktionen der Träger von Schild und Schwert der Partei hindeuten könnte. Der Mann hat mir ein Glas Apfel- oder Pflaumenmus mitgegeben. Als ich nach einigen Minuten Fußweg nach Verlassen seiner Wohnung um die gegenüberliegende Ecke des „Ringes“ laufe, der eigentlich ein großes Rechteck von Plattenbauten um einen Hof herum darstellt, sehe ich in der ersten Etage einen jungen Mann auf einem Balkon stehen. Er nimmt auch mich wahr und blafft verächtlich und hasserfüllt: „Musfresser!“ Mein ständig im Hinter- oder Untergrund gewissermaßen schwelendes Grauen steigert sich fast bis zur Panik.

Das kann gar nicht sein! Es geschieht aber und es ist mit Sicherheit nicht phantasiert oder gar halluziniert. Diese Wahrnehmung wird mir später bestätigt. Bei der Akkumulation meiner psychologischen Halbbildung lese ich über Menschen mit schizotyper Persönlichkeitsstörung, dass bei ihnen im Gegensatz zu Schizophrenen die psychische Funktion der Realitätsprüfung angemessen ist. Das heißt, auch ich nehme meist durchaus wahr, wann ich „spinne“ und wann nicht. Diese Erlebnisse sind nicht „gesponnen“. Das scheint schwer zu vermitteln. Noch schwerer oder gar nicht scheint zu vermitteln, dass diese seelische Situation die Lebensqualität weitaus mehr bestimmt als etwa eine Vollkomfortwohnung mit Südbalkon und bis zur Decke gefliestem Bad usw. Ebenfalls nicht hinreichend zu vermitteln ist, dass ich mir dieses Halbwissen nicht anlese, weil ich mich als Therapeut sehe usw. Ich habe Druck, Leidensdruck, aus dem heraus ich verzweifelt nach Erklärungen für scheinbar Unerklärliches suche.

Während dieser Suche nach Erklärungen finde ich unter anderem ein Buch über den zu Recht beinahe legendären Arzt und Therapeuten Milton Erickson. Der Titel des Bandes lautet „Meine Stimme begleitet Sie überallhin.“ Mit anderen Worten hat Erickson Klienten gewissermaßen seine Stimme mitgegeben. Sie haben quasi zu therapeutischen Zwecken „akustische Halluzinationen“. Mir drängt sich nach der Lektüre vor allem der Fallgeschichten Ericksons die Frage auf, ob es paranoid wäre anzunehmen, dass Fachleute da weiter forschen, wo Erickson 1980 aufhört. Ich bemerke schnell, dass es gleichfalls müssig scheint, derartige Überlegungen selbst oder gerade gegenüber Therapeuten zu äußern.

Wichtiger als das unwahrscheinlich erscheinende Geschehen in der Außenwelt ist auch oder gerade hier mein Empfinden beim Erleben dieser vermeintlich psychotischen Episoden. Ich bin mir ganz tief drin sicher, dass mein Erleben weder hysterisch phantasiert noch psychotisch ist. Ebenso sicher bin ich mir bereits nach kurzer Zeit, dass es sinnlos ist, dies jemandem vermitteln zu wollen. Letzteres bestätigt sich in den nächsten Jahrzehnten bei hunderten Gesprächen mit Psychologen und Psychiatern insbesondere in therapeutischen Settings. Mehrfach erfolgen Rückmeldungen, die auf die Annahme des Wirkens von pseudologia phantastica hinzudeuten scheinen. Schlimmstenfalls wird mir die Einnahme atypischer Neuroleptika empfohlen, was ich auch mehrmals erfolglos versuche.

Ich entwickle zahlreiche Phantasien und „Theorien“ zum irrationalem oder gar irrem Geschehen. Sie helfen mir alle nicht viel. Ich glaube etwa, dass da Leute und vielleicht gar nicht welche von der Stasi mit etwas eigentlich Grandiosem, Genialem, Wunderbaren usw. zugange sind. Mein Widerstand dagegen ist Ausdruck und Ergebnis meiner spießigen Abstumpfung und Resignation. Dies ist ein weiteres deutliches, wenn nicht das Gefühl beim Erleben des Budenzaubers. Man hat das Feld von Auseinandersetzung, „Kampf“, Wachstum, Reifung usw. endgültig auf eine geistige Ebene gehoben. Dies entspricht zudem einem berühmtem oder berüchtigtem Satz, den ich erst viele Jahre später zum erstem Mal höre oder lese. Man würde eine Idee sicher zum Scheitern verurteilen, indem man sie sozusagen im Materiellen zu realisieren versucht. Dass dieser Satz zumindest in gewissem Masse zutreffend sein könnte, zeigt die drei Jahre später das sozialistische Experiment beendende Wende.

Dennoch ist da auch immer das Empfinden, dass etwas nicht stimmt bei diesen Versuchen, gewissermaßen ohne den Umweg belletristischer Texte Dichtung direkt in Realität umzusetzen. Immer bin ich stinkwütend und will „aussteigen“ aus dem „Budenzauber“.

Jetzt erlebe ich „innere Zurufe“. Immer, wenn unten vor dem Haus mit meiner Wohnung ein Auto anfährt, „höre“ ich in meinem Kopf Zurufe im imperativem Ton wie ‚Es gibt kein Entkommen!‘, ‚Das System ist perfekt!‘ oder ‚Wir arbeiten weltweit!‘ Das Auto könnte derselbe Trabant Kübel sein, aus dem der tatsächliche Zuruf mit dem „Spring!“ erfolgt. Ich bin nach dem Beginn des „Budenzaubers“ fast ständig im Fokus der Wahrnehmung einer Art dauerhaft kommentierenden virtuellen Diensteinheit. Deren Mitglieder kommentieren im Hintergrund mein Denken und Handeln oder fassen es gar zusammen wie der Chor im antikem Drama.

Derartige Erlebnisse habe ich ab 1986 tausende. Irgendwann höre ich auf, sie im Tagebuch notieren zu wollen. Nicht Leben und nicht Sterben können scheint jedoch nicht nur mein Problem zu sein. Das Motiv des Zombies ist in Literatur und Film überaus präsent. Dies trifft auch zu auf das Motiv der Vampire, die Einen aussaugen. Man kann das im übertragenem Sinne sehen. Die vielen Menschen, die gewissermaßen emotional schmarotzen, beispielsweise Kriegskinder bei ihren Kindern.

Was für ein Leben! Trotzdem funktioniere ich, einigermaßen. Ich halte durch und möchte wahrscheinlich im Unbewussten dafür gelobt werden.

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