Der Narrenspiegel ist immer öfter beschlagen

„Brüllen Sie doch mal richtig, Genosse Koske!“ bemerkt der Spieß eher mitleidig als aufgebracht. Es klingt, als wolle er sagen, das mit dem Schwanzwedeln wäre ja nicht einfach, aber dass der Hund nicht bellen würde… Ich nehme durchaus wahr, dass dieser sozusagen halbe Befehl etwas von Ermunterung hat. Auch dieser Mann scheint von mir enttäuscht, auch er erwartet offensichtlich mehr von mir. Dabei scheint weder ihm noch mir klar zu sein, worin dieses „mehr“ bestehen sollte oder müsste.

Am Abend des Tages dieser geradezu existentiellen Rückmeldung durch den Spieß bin ich selbstverständlich wieder einmal außer der Reihe Unteroffizier vom Dienst. Dieser Kompaniefeldwebel wünscht mich zu ertüchtigen. Damit erinnert er mich einmal mehr an meinen Vater, dem er auch äußerlich ähnelt.

Um 22.00 Uhr baue ich mich geradezu auf. Ich komme mir lächerlich dabei vor. Nicht bewusst ist mir, dass ich es paradoxerweise lächerlich finde, etwas ernst nehmen zu sollen. Ich spüre jedoch auch eine Art Prickeln, das ich schon lange nicht mehr erlebt habe und von dem ich nicht weiß, dass ich es vermisse.

Dann hole ich tief Luft, blase in die Trillerpfeife und brülle aus Leibeskräften: „Kompanie Nachtruhe! Licht aus! Augen zu – Hand vom Sack!“

Die Mannschaften scheinen diese Variation des festgelegten Kommandos zu begrüßen. Aus dem am nächsten dem UvD-Tisch befindlichem Zimmer kommt überraschtes Gejohle. Auch aus den Gängen der Kompanien über und unter meiner sind eindeutig beifällige Laute zu hören. Der Diensttisch steht genau gegenüber dem nördlichem Treppenhaus des Unterkunftsgebäudes.

Wenige Augenblicke nach meiner Ankündigung der Nachtruhe knackt das Wechselsprechgerät auf dem Diensttisch. „Unteroffizier Koske – OvD! Laufschritt!

Wie so oft, worüber ich mich zu wundern nicht müde werde, habe ich „Glück“. Der Offizier vom Dienst ist der Kulturoffizier des Regiments. Der Hauptmann ist erklärtermaßen Offizier geworden, weil er damit an bevorzugter Versorgung auch oder gerade mit Büchern teil hat. Der Mann muss nun seine Pflicht erfüllen und mich bestrafen. Das fällt ihm sichtlich schwer, da er seine Erheiterung nur mühsam zu verbergen vermag. Zudem ist der Gehilfe des Offiziers vom Dienst ein Zugführer meiner Kompanie. Der Leutnant bemüht sich natürlich, einen Rückschlag für seine Einheit im sozialistischem Wettbewerb zu verhindern. Er vermerkt meinen Auftritt gar nicht erst als besonderes Vorkommnis.

Es bleibt dabei, dass ich einige Ehrenrunden um den Appellplatz drehen muss, in jeder Hand eines der Panzerkettenglieder, die man durch rote Lackierung für den Frühsport und das Krafttraining in der militärischen Körperertüchtigung präpariert hat. Auch diese Ehrenrunden werden von den Mannschaften bemerkt und führen zu kultureller Umrahmung durch Lachen im Kollektiv.

Manchmal aber habe ich zumindest eine Ahnung davon, worin dieses „mehr Erwartete“ bestehen könnte. Da ist etwa dieser Appell in voller Ausrüstung. Der Regimentskommandeur richtet einige kernige Worte an den Truppenteil. Seine auch hier sichtlich bemüht aufgebrachte Manier wird manchmal selbst von Offizieren parodiert. Wieder einmal geht es um Schlendrian bei der Erfüllung des Tagesdienstablaufplans, der durch den unangekündigten Stubendurchgang eines Stabsteams offensichtlich geworden ist.

„Wenn ich noch Einen auf dem Bett erwische, geht die ganze Kompanie über die Sturmbahn!“, donnert der Oberst von der kleinen Betontribüne auf das Regiment herunter.

Ich kommentiere leise, aber deutlich: „Wenn ich noch Einen auf der Sturmbahn erwische, geht die ganze Kompanie ins Bett!“ Hinterher wird mir von glaubwürdigen Genossen berichtet, dass selbst der dienstgeilste Zugführer unserer Kompanie, ein junger Leutnant, der seine Ideale noch nicht verloren hat, sich das Lachen verbeißen muss.

Ein Erfolg, wieder einmal ermöglicht durch latente Talente? – Mit Vorbehalt! Jeder Andere an meiner Stelle hätte einige Minuten später in der Schwarzkombi, dem Overall für Arbeits- und Wartungsaufgaben, das Wachgebäude geschrubbt. Ich bemerke sehr wohl, dass der Oberst meine Replik wahrgenommen hat, zumal unsere Kompanie direkt vor der kleinen Tribüne angetreten ist. Aber er führt ohne Weiteres seine Rede fort, als wolle er sagen: „Ach – Koske! Na ja, was soll es…“

Im berühmten stillen Kämmerlein wird mir durchaus klar, dass meine Narrenfreiheit zwei Seiten hat. Ich kann mir Einiges erlauben, aber ich werde auch überhaupt nicht für voll genommen. Ist es das, was ich wirklich will? Aber diese Frage stelle ich mir nicht einmal selbst deutlich formuliert, sie bleibt im Vorbewusstem.

Ich bin verblüfft, dass ich in meiner Rekrutenzeit beim erstem Lauf über die Sturmbahn auf Anhieb mit der Note Drei bewertet werde, d. h., ohne Vorbereitung wie Begehen der Bahn oder gar Training. Nach wenigen Wochen mit weiteren Läufen erreiche ich dann eine gute Zwei. Vor allem die gefürchtete Eskaladierwand überwinde ich mühelos. Das geschieht im deutlichem Gegensatz zu meinem Status als Bewegungsidiot, den ich längst selbst als leider zutreffend akzeptiert habe. Der Antrieb dazu ist – Angst. Auch hier stimmt etwas nicht und auch hier denke ich nicht weiter über meine Wahrnehmungen nach.

Schließlich aber trainiere ich – in den letzten Wochen meiner Armeezeit… Natürlich lachen sich die anderen EKs Einen ab, die wie ich nur noch wenige Tage haben und diese jedoch hauptsächlich mit Abmatten, Abruhen und Abkeimen verbringen.

Der Wert für die Note Eins beim Überwinden der Sturmbahn liegt, wie ich mich mit einiger Sicherheit korrekt erinnere, bei 10 Minuten und 50 Sekunden. Nach etwa fünf oder sechs Trainingsläufen, die ich allein absolviere, bin ich deutlich unter diesem Wert.

Aber – was soll das? Es ist, als würde ich mich vor die angetretene Einheit stellen, ihr die Zunge raus strecken und etwas rufen wie: „Ich kann ja, wenn…“ – Ja, wenn was? Wer oder was hindert mich an derartigen Stellen an der Selbsterkenntnis, ich hätte diese guten Werte mit relativ wenig Mühe erreicht und jetzt würde ich einmal zeigen, was ich drauf habe und den Titel eines Besten auf Brigade- oder Divisionsebene anstreben?

Es geht nicht um das Militär, sondern um psychische Abläufe, die hier besonders deutlich werden, weil die Gruppendynamik besonders stark und starr strukturiert ist bis hin zum Grüßen Entgegenkommender. Das scheint ein Grund zu sein einerseits dafür, dass die meisten Männer den Armeedienst als besonders belastend empfinden und dass andererseits viele diesen Dienst in ihrem Leben zunehmend verklären und dies unabhängig vom politischem und ökonomischem System. Es geht nicht um den militärischen Drill usw. Es geht um die besonders dichte Gruppenatmosphäre, der man nicht ausweichen kann. Auch zu diesen Einsichten komme ich natürlich erst sehr viel später.

Für viele Männer scheint es das erste und letzte Mal in ihrem Leben, dass sie sich in einer quasi-therapeutischen Situation befinden. Sie müssen sich mit Menschen zumindest arrangieren, die sie draußen abgelehnt und gemieden hätten. Hier, bei der Fahne, sind sie auf sie angewiesen und im Ernstfall auf Leben und Tod. Dies scheint zudem wieder einmal Psychoclub unabhängig vom ökonomischen oder ideologischem Hintergrund. In gewissem Sinn und Maß findet Veränderung von Einstellungen und Wahrnehmungsmustern statt. Es ist zudem kein Zufall, dass die Entwicklung der Gruppentherapie unter anderem in Militär-Hospitalen begonnen hat, allerdings bezeichnenderweise aus ökonomischen Gründen.

Bewusst wird mir mein völliger Mangel an Ehrgeiz erst ein knappes Vierteljahrhundert später. Er wird mir verdeutlicht durch eine Frau, deren Meinung mir sehr wichtig ist. Zudem nehme ich sie nur schwach durch erotische Ambitionen verzerrt wahr, weil sie nicht auf Männer steht. Meine Abwehr ihrer Rückmeldung ist dementsprechend schwach und ich kann das rein nehmen.

Die Ursache dieses Mangels vermag ich heute noch nicht genau zu benennen. Sie könnte in Bindungsunfähigkeit bestehen. Bindungsfähigkeit bezieht sich nicht nur auf Personen, sondern auch auf Dinge und Abläufe.

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