„Der freut sich über gar nichts mehr…“

Ich knie auf meiner Liege und spreche zu meinem Stiefbruder wie von einer Kanzel oder von einem Podest herab. Das passt insofern, als die rechte Wand des Zimmers, an der die Liege steht, geschmückt wird von Reproduktionen einiger Bilder aus der „Manessischen Liederhandschrift“. Darauf sind vor allem Minnesänger zu sehen, die von Kanzeln, Logen, Podesten oder dergleichen oder auch nur von einem holzschnittartig angedeutetem kleinem Hügel herab Texte vortragen. Einer der Minnesänger ist Walther von der Vogelweide.

Mein Vater hat diese Bilder besorgt und sie auf Gipsplatten oder dergleichen aufgezogen und mit dem sicherem Gefühl für Form, Farbe und Rhythmus angebracht, das eines seiner kaum oder nicht genutzten Talente ist. Er hat dabei wieder diesen Ton drauf, der auf subtile mystisch-magische Hintergründe verweist, zu denen mir kein Zugang möglich sein wird.

Es ist die schwarz-gelbe Liege aus meinem Kinderzimmer in der zweiten Wohnung, die kratzt, auf der ich wochenlang fast jeden Abend knie, als wollte ich gleichzeitig beten, irgendwohin abspringen und durch mimischen, gestischen und körperlichen Aufwand andere Menschen motivieren.

Sie steht am Ende der rechten Wand des halben Zimmers, das ich mir jetzt mit meinem Bruder teile, und davor steht das Gitterbett meines Bruders. Ich kann meine Hände auf das Gitterbett legen und den Kopf darauf stützen, während ich vortrage. Vorn neben der Tür steht ein zweiflügeliger Kleiderschrank. Schrank und Gitterbett haben Stiefmutter und Stiefbruder mitgebracht, die Liege haben mein Vater und ich mitgebracht.

Ich bin begeistert, einen begeisterten Zuhörer gefunden zu haben, zumal mir schnell klar wird, dass ich den offenbar bisher vermisst habe. Ich bin neun oder zehn Jahre alt und mein Stiefbruder ist sieben Jahre jünger, so dass es schwierig ist, gemeinsam gewissermaßen geistige Räume zu betreten, da wir zu weit auseinander sind. Wenn ich von Mädchen träume, träumt er von der Einschulung, wenn er sich auf die Jugendweihe einstimmt, bereite ich mich auf die Einberufung vor usw. Hier aber erleben wir Berührungen und Gemeinsamkeiten gar in einer Art Bund von durch Geheimnisse zusammen Gehaltenen.

Angesichts der vielen Veränderungen in Familien meiner Mitschüler, in denen nicht nur neue Eltern und neue Geschwister erscheinen, fange auch ich an, laut zu träumen von einer neuen Zimmereinrichtung, deren geplante Anschaffung die Eltern ohnehin halbherzig angekündigt haben.

Ich male buchstäblich Luftschlösser in den Raum über dem Gitterbett meines Bruders, der gebannt und mit leuchtenden Augen und Ausrufen der Begeisterung zuhört. So ungefähr muss das sein, wenn Eltern ihren Kindern Geschichten vorlesen oder erzählen. Ich weiß, dass manche Eltern dergleichen tun, weil ich davon gelesen habe.

Ich will meinen Bruder gar nicht beeindrucken oder vor ihm angeben, ich bin vielmehr fasziniert davon, dass da ein Mensch einfach nur da ist – und zuhört…

Zunächst schwärme ich von einer neuen Zimmereinrichtung, aber dann rede ich mit oder vielmehr vor ihm über alles. Es ist gar nicht wichtig, dass mein Bruder mich versteht, was er naturgemäß oft nicht kann; wichtig ist, dass er da ist und mich durch unausgesprochene und ausgesprochene Zustimmung bestärkt in meinen Wachträumen.

Wochenlang beschäftigt mich mein Wunsch, und ich erörtere ihn vor meinem dankbarem Publikum in allen Facetten, einen dieser wunderschönen Kugelschreiber zu besitzen, den ich bei einem Mitschüler meiner Klasse gesehen habe.

Der ist kein großartiges Schreibgerät, er besteht nur aus einer Bambushülse von etwa fünf Millimetern Dicke. In die Hülse wird eine Kugelschreibermine eingepasst und die Öffnung wird durch einen kleinen Kegel aus Plaste geschlossen, aus dessen Ende die Schreibkugel hervorsteht. Man kann diesen Kuli eigentlich nur benutzen, bis die Mine leer ist, denn durchaus unternommene Versuche, danach eine neue Mine mit diesem Kegel einzukleben, sind nicht erfolgreich. Der Kugelschreiber kostet ein oder zwei Mark, aber ich bin wochenlang geradezu monomanisch besessen von dem Wunsch, ihn zu besitzen, als wäre er eine Art Schatz.

Es gibt noch etliche weitere Gegenstände, Kleidungsstücke und Inventarteile, von denen ich meinem Bruder über Monate hinweg geradezu wie ein Marktschreier ein anschauliches Bild zu malen versuche. Es ist das erste Mal, das ich mich über ihren nur noch halb bewussten täglichen Gebrauch hinaus für Dinge interessiere und starke Wünsche nach materiellen Werten entwickle. Ich fülle buchstäblich meine Tage aus mit Wachträumen von Dingen, sie geben mir geradezu Halt und Struktur.

Es ist, im Wesentlichen und jedenfalls in dieser Stärke, auch das letzte Mal. Kein Wunsch wird erfüllt, auch nicht der nach dem billigem Kuli, und schon gar nicht werden unsere Vorstellungen von der Zimmereinrichtung berücksichtigt. Wir werden gar nicht danach gefragt, als hielte man es für selbstverständlich, dass wir keine Vorstellungen hätten.

Meine Eltern und andere sogenannte Erwachsene sind begeistert von der Schrankwand und dem Bett mit Rollbett darunter. Allein die Schrankwand füllt einen Drittel des Raums aus, so dass sich das Spielen am Boden erledigt hat. Nach einigen Wochen hängen etliche Türen und Schubläder im Rahmen. Selbst mein handwerklich überaus begabter Vater braucht einige Zeit, bis er einsieht, dass diese Beschädigungen nicht durch kindlich oder jugendlich unsachgemäßen Umgang verursacht werden, sondern durch normalen alltäglichen Gebrauch. Mit anderen Worten – ein hässlicher Klotz, aber sehr praktisch.

Von dieser Zeit an sind mir Dinge, materielle Werte, ziemlich schnurz und schnuppe und Wurscht. Es ist mir vor allem gleichgültig, was ich an habe. Das hat unter anderem zur Folge, dass ich etwa bei Minusgraden nur mit einer dünnen alten Militärjacke über dem Hemd herum laufe, mich an das Frieren gewöhne und mich gar nicht frage, ob etwas nicht stimmen könnte. Andererseits nehme ich die positive Wirkung dieser Gleichgültigkeit durchaus wahr, die darin besteht, dass ich sie deutlich auszustrahlen scheine und daher von Mitschülern nie gehänselt oder gemobbt werde wegen meiner äußeren Erscheinung. Dergleichen kommt durchaus vor bei anderen Kindern und Jugendlichen.

Einige Monate lang ist keines meiner sichtbaren Kleidungsstücke wirklich meines. Die Hose ist eine umgearbeitete Schlaghose meiner Mutter, aus dickem, derbem und schwerem Stoff, den ich nie wieder bei einem Kleidungstück erlebe. Hemd, Weste und Jacke sind vom Vater und, milde formuliert, altertümlich. Mein Erscheinungsbild gleicht dem des Klischeebilds eines Conferenciers im Tingeltangeltheater, vor allem das großblumig gemusterte Hemd in schreienden Gelb-Tönen und mit überdimensioniertem spitzem Kragen. Bei der Weste muss ich an das „Sozialdemokratische Mailiedchen 1923“ von Erich Weinert denken, das wir durchnehmen, „… reich mir wieder die gestrickte Weste/Wie einst im Mai!“

Allein, das alles tangiert mich nur peripher, und ich werde daher in Ruhe gelassen, was meinen mindestens anachronistischen Aufzug angeht, und zumindest manchmal bin ich leise verblüfft darüber.

Zwar habe ich noch einige Male Wünsche in dieser Richtung, äußere sie aber kaum und gehe mit sarkastischer Resignation darüber hinweg. Über aufgeregte Spekulationen von Mitschülern etwa über echte Jeans bilde ich mir derart intensiv ein, erhaben zu sein, dass ich offensichtlich noch unangreifbarer erscheine. Man rechnet nicht mehr mit mir, ich werde nicht mehr einbezogen, ich falle langsam raus. Es fehlt nur noch, dass ich dieses Abwinken meines Vaters nachvollziehe, das geradezu schreit, dass alles Haschen nach Wind wäre, aber das unterlasse ich immerhin.

Zumindest die Bindung an Dinge habe ich hiermit abgehakt