Der erste Eindruck – glänzend…

„Wo muss ich’n mich hier melden?“, fragt ein erst vor einigen Stunden einberufener Rekrut, sinngemäß. Er fügt, wenn ich mich recht entsinne, gar ein jugendlich überschwängliches „ejh“ hinzu. Nicht nur ich bin fassungslos. Das ist eine der Legenden, die in diesem Jahrgang der Lehreinrichtung lange umgehen und mit Variationen und Ausschmückungen immer wieder kollektiv belacht werden.

Damals bin ich nur gelegentlich mit Zücho beschäftigt, sonst hätte ich konstatieren müssen, dass diese Szene etwas vom vertrackt folgerichtigem Wirken des Unbewussten hat. Im Ernstfall würde die Schule innerhalb einiger Stunden in eine Division umgewandelt werden und Mannschaftsstärke, Struktur sowie technische Ausrüstung entsprechen auch im Lehrbetrieb etwa dieser Verbandsgröße. Zum erstem Mal erlebe ich einen aktiven General, der Kommandeur der Einrichtung ist Generalmajor.

Der Sprutz fragt nun nicht irgendeinen der an diesem Tag der Einberufung naturgemäß zahlreich umher eilenden Berufssoldaten, sondern ausgerechnet den Offizier aus der Etage des Generals, der unwohlbekannt ist für seine leicht sadistischen Tendenzen. Dieser Major liebt es, wie schnell bekannt wird, am Wachhaus zum Ausgang erscheinende Soldaten und Schüler kilometerweit in ihre Unterkünfte zurück zu schicken, weil beispielsweise eine kleine, nur bei penibler Inaugenscheinnahme erkennbare Falte in ihrer Kragenbinde ist, so dass die armen Kerle trotz angeordneten Laufschritts den letzten Bus zur nächsten Ortschaft verpassen müssen.

Ich kenne Dienstgrade und grundlegende militärische Umgangsformen schon seit meiner Vorschulkindheit, weshalb mir dergleichen nicht passieren kann – denke ich.

Etwas Ähnliches geschieht mir jedoch trotzdem und erst recht und schon nach wenigen Stunden meines Wehrdienstes. Dabei habe ich noch Glück. Viele Altgediente, insbesondere Berufsunteroffiziere mit Feldwebeldienstgraden, scheinen es zu genießen, dass die Rekruten naturgemäß die lokalen Floskeln des militärischen Jargons nicht verstehen.

Ein stämmiger blonder und blauäugiger Zehnjähriger, der mich nicht nur äußerlich an Wolzow aus den „Abenteuern des Werner Holt“ erinnert, steigert sich in einen Wutanfall, bei dem er zunehmend rot anläuft und in dem er brüllt: „Sehen Sie sich noch?!!!“ Der vor ihm angetretene Rekrut ist sichtlich perplex und antwortet: „Ja!“, wobei er sich bemüht, zackig aufzutreten. Er muss ebenso wie ich aus dem reglementiertem Ablauf seines ersten Tages in der Kaserne raus treten.

Ein Unteroffizier fühlt sich von mir veralbert, obwohl ich das nicht im Geringsten beabsichtigt habe. Ich weiß noch nicht, dass der Mann selbst unsicher ist, weil erst vor wenigen Tagen zum Unteroffizier ernannt worden und nun gleich als Ausbilder eingesetzt. Der Mann ist einen Kopf kleiner als ich. Zum erstem Mal nehme ich bewusst wahr, dass diese kleinen Menschen, die jemand einmal in meiner Gegenwart als „gnubblig“ bezeichnet, die zähsten und willensstärksten Zeitgenossen zu sein scheinen. Dies finde ich im Weiterem Dutzende Male bestätigt, unabhängig von der beruflichen Tätigkeit dieser Menschen.

Ich bin fest überzeugt, ehrlich und der Dienstvorschrift entsprechend seine Fragen zu beantworten, aber irgend etwas in meinem Tonfall und in meiner Mimik wertet der Gruppenführer als ironische Herabsetzung seiner Person.

Kurzum, eine der tragikomischen Abläufe meines Lebens setzt auch hier ein, wo ich mich in vergleichsweise vertrauter Umgebung bewege. Während die anderen Rekruten meines Zuges weiter Bekleidung und Ausrüstung in Empfang nehmen, bin ich in langer Unterwäsche und den legendären dicken grauen Socken im unterem der drei Flure meines Unterkunftsgebäudes zugange, und zwar mit der sogenannten Bohnerkeule. Das Gerät wird mit einem dickem Besenstiel über die Bodenkacheln geschoben, um den aufgetragenen Bohnerwachs zu verteilen und auf Hochglanz zu polieren, wobei eine schwere gusseiserne Platte eine Art Schwamm auf den Boden drückt. Wenn man auch nur zehn Minuten lang dieses Gerät in möglichst gleichmäßig rhythmischen Schwingungen über einen Kompanieflur bewegt hat, hat das bereits etwas von militärischer Körperertüchtigung oder jedenfalls Krafttraining.

Die Pointe der kleinen Geschichte ist gleichfalls persönlichkeitsspezifisch, weil tragikomisch und immer wieder auftretend. Der Unteroffizier bemerkt bereits nach kurzer Zeit, dass seine Wahrnehmung meines vermeintlich provokanten Auftretens falsch ist, scheint jedoch eher enttäuscht als versöhnlich gestimmt und erleichtert. Offenbar hat sich jemand, wieder einmal, mehr von mir versprochen; wieder einmal scheine ich nicht der Kerl zu sein, den man ganz selbstverständlich in mir sehen zu müssen glaubt. Ich nehme das wahr, spreche es aber nirgends aus und habe auch gar nicht das Bedürfnis, das zu tun. Noch bin ich in meiner Schutzblase, noch kränken und schmerzen die immer erneuten Wiederholungen derartiger Missverständnisse oder Fehldeutungen mich nicht wirklich.