Der Duft der Freiheit (???)

Auch das ist ein Ritual. Ich erwache nachts, meist nach Mitternacht. Da ist sie wieder, diese Welle unklarer, aber angenehmer Gefühle. Ich krieche vorsichtig bis zur Lautlosigkeit zum Fußende des Bettes vor das Fenster. Es steht nachts immer einen kleinen Spalt offen. Dann nehme ich ein paar tiefe Atemzüge von der Luft da draußen. Schließlich kann ich mich befriedigt wieder hinlegen und weiterschlafen.

Es ist gleichgültig, wonach es da riecht. Was ich gewissermaßen einatme, ist Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung. Ein Grundmotiv meines Lebens, das hier besonders stark ist. Da lockt etwas! Es gibt immer noch im doppeltem Sinn einen Weg nach draußen, ins Freie, Leichte, Heitere, Unbeschwerte, Bunte, Laute, Lebendige.

Ich bin mir nicht bewusst, dass ich in irgend einer Weise eingesperrt sein muss, wenn ich diese Sehnsucht nach einer Art Befreiung immer wieder genieße. Auch oder gerade dieses Empfinden kann ich nicht klar benennen, aber es ist da. Es hilft, alle die Situationen durchzustehen, die, milde formuliert, wenig erfreulich sind. Mit der Welt fertig bin ich nicht, als ich Jahrzehnte später arbeitslos und beinahe obdachlos bin, sondern, als dieses Gefühl nicht mehr da ist. Das vermag ich jedoch erst recht nicht wahrzunehmen oder gar zu verbalisieren.

Bei der stetigen Vergrößerung meines sinistren Viertelwissens insbesondere Psycho betreffend lese ich irgendwann etwas über sogenannte unbewusste Gefühle. Das wären Emotionen, von denen man nicht wüsste, an wen sie sich richten würden.

Hier scheint ein solches unbewusstes Gefühl zu wirken. Mit der üblichen tragikomischen Verzögerung wird mir erst Jahre nach meinem Auszug aus meinem Elternhaus klar, an wen sich dieses Gefühl richtet. Ich denke gar nicht an das gleichaltrige Mädchen, das im dritten Aufgang des gegenüberliegenden Blocks wohnt.

Was geschieht? – Ein Bild ist noch heute vor meinem geistigem Auge. Ich bin neun und in der dritten Klasse. Sie sitzt in einem Bus einige Reihen vor mir und döst mit angezogenen Beinen und geschlossenen Augen seitwärts an die Lehne geschmiegt. Das verstehe ich! Dieses gleichmäßige Brummen eines Motors bei längeren Fahrten mit relativ gleichbleibender Geschwindigkeit hat etwas Einlullendes. Das monotone Hintergrundgeräusch fordert geradezu dazu auf, in eine Art wohlige Trance zu versinken. Diese Trance suche ich natürlich besonders oft und gern. Sie ist gewissermaßen mein Normalzustand, auf dem ich in meiner Vorschulzeit trainiert werde oder mich trainiere.

Ihr kurzes buntes Kleid ist hochgerutscht und ihr Höschen ist zu sehen. Zu meinem Entsetzen ertappt sie mich beim Glotzen. Dass ich nicht der einzige Junge bin, der glotzt, tut nichts zur Sache. Sie schlägt die Augen auf, als hätte sie das Glotzen bemerkt. Dann zieht sie das Kleid über ihren Po nach unten. Das völlig Unwahrscheinliche aber ist, dass sie dabei lächelt. Aber was für ein Lächeln das ist! Es erzählt gewissermaßen eine kleine Geschichte. Sie lächelt nicht höhnisch oder bösartig oder abweisend oder wütend. Sie grient freundlich-verschwörerisch, als wolle sie sagen: „Alles gut! Das geht in Ordnung! Verstehe ich voll! Guck ruhig! Ist okay und süß!“

Ich bin fassungslos. Aber damit ist gar nichts gesagt. Solche Episoden wie mein nicht nur für mich unerwarteter Erfolg beim Dauerlauf und diese unerwartet freundliche Reaktion auf mein Glotzen begleiten eine Art eigentlich nicht möglich erscheinenden Wandel in meiner Weltwahrnehmung. Es geht dabei gar nicht vordergründig um Erotik und pubertäre Erkundung des anderen Geschlechts. Die Erotik ist aber bereits hier ein Auslöser oder gar der Antrieb des Geschehens.

Vor allem dieses Mädchen und ihre Freundin ziehen mich rein in die Gruppen meiner Alters-, Leid- und Streit- und Spielgenossen und überhaupt in die sogenannte Realität. Das geschieht ganz leicht, wie selbstverständlich. Im weiterem Verlauf meines Lebens verstärkt sich mein Empfinden, es wäre etwas typisch Weibliches, dass Mädchen und Frauen in irgend einer Weise draußen Befindliche herein holen wollen.

Wiederum tragikomischer Weise bemerke ich schließlich, dass das Mädchen nicht nur in meine Klasse geht, sondern im Wohnblock gegenüber wohnt. Es ist alles schwer auszudrücken, aber ich muss es auch nicht ausdrücken. Am besten wäre Jauchzen und Springen und Schreien vor Lebenslust. Das tue ich nicht, weil es mir albern und doof vorkommt. Aber dieser unglaubliche Schwebezustand ist wunderbar, ohne dass er in Worte gefasst werden muss. Auch das ist neu.

Man rechnet mit mir. Ich bin da. Ich bin nicht nur körperlich anwesend und sozusagen geistig in Innenräume abgekippt. Es lohnt sich, im übertragenem Sinne wach zu sein und zu bleiben. Es ist Freude möglich, die sich auf Menschen bezieht. Ich werde nicht enttäuscht wie von sogenannten Erwachsenen. Gleichaltrige planen mich sozusagen ein in Unternehmungen auf dem Schulhof, auf dem Spielplatz und im Wohnkomplex. Sie sind enttäuscht, wenn ich nicht zum Beispiel runter komme und freuen sich, wenn ich komme. Ich stelle verblüfft fest, dass mir etwas fehlt, wenn ich sie eine Weile nicht gesehen habe. Aber nicht nur Menschen gehen mich jetzt etwas an und ich scheine sie etwas anzugehen. Auch Dinge werden wichtig und wesentlich und rücken sozusagen aus der Kulisse in den Vordergrund. Ich kann es manchmal nicht erwarten, das große Schulgebäude zu betreten oder auf den Spielplatz hinter unter unserem Wohnblock zu gehen.

Dass es so was gibt! Es ist unglaublich, aber es geschieht tatsächlich und mir. Dieses dritte Schuljahr und insbesondere der Sommer 1971 ist die eigentliche Hoch-Zeit meines Lebens. Leider ist mir auch das erst sehr lange Zeit später klar. Einige Monate fast ohne Druck und Angst und Schuldgefühle, erfüllt von Lebensfreude zumindest in immer wieder erlebten stürmischen Aufwallungen. Derart leicht und frei kann sich Leben offenbar anfühlen! Man fühlt sich berechtigt zur Anwesenheit in der Welt und unter seinen Alters- und Zeitgenossen, ohne darüber nachdenken oder daran zweifeln zu müssen und immer wieder zwanghaft bei sich selbst die Schuld zu suchen für die drückende Atmosphäre.

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