Das Kind spielt planmäßig

Das Thema lautet „Überraschung“. Man muss sich nicht strikt an die vorgegebenen Themen halten; sie sind vielmehr gedacht als Anregungen, um unbewusste Prozesse in Gang zu setzen. Ich versuche, einen Dinosaurier darzustellen, der in einem oberen Stockwerk in ein Zimmer hineinblickt. Ich finde das albern, bin aber selbst erheitert, dass ich für biedere Idyllen typisch erscheinende geraffte Gardinen vor die Fenster male.

Der Mann zelebriert seine Wandelgänge durch den Bunker geradezu, in dem die Kunsttherapie stattfindet. Ich nenne ihn irgendwann den „Bunker des Unbewussten“. Im Zweiten Weltkrieg war die Klinik unter anderem ein Lazarett und aus dieser Zeit stammen diese unterirdischen Sicherheitsräume. Dort findet nun die Kunsttherapie statt, und es wird nicht klar, ob die Wahl des Bunkers als Ort dafür bewusst oder unbewusst erfolgt ist. Aber – passt schon!

Wieder einmal denke ich etwas wie, dass es großartig sein müsste, derart wie dieser Mann gewissermaßen in sich selbst zu stecken und jede Bewegung geradezu auszukosten. Wieder einmal drücke ich diesen Gedanken sofort weg. Zudem wird der Mann immer wieder unwirsch, wenn Leute mehr oder weniger deutlich anmerken, dass sie sich fragen, was dieser Quatsch soll, Papier vollschmieren usw. Ich bin einer dieser Leute, und es dauert lange, bis ich bemerke, warum und in welchem Maße diese Abwertung völlig verfehlt ist.

Dabei ist bereits diese erste Stunde Kunsttherapie im von mir insgeheim so genannten Haus der ewigen Kindheit, der Klinik Menterschwaige, eines der Schlüsselerlebnisse meiner Therapie-Versuche. Ich bin verblüfft bis zum seltenen Zustand der Sprachlosigkeit über die Interpretation meines ersten Bildes durch diesen erfahrenen Kunsttherapeuten, einem den Archetypen C. G. Jungs entsprechend alten Weisen.

Der alte Weise sieht bei der Auswertung unserer Zeichen- und Malversuche kurz auf mein Bild und bemerkt sinngemäß, dies wäre ein stilisiertes Puppentheater und ich hätte als Kind nicht wirklich spielen können und dürfen.

Diese ist eine der wenigen Gelegenheiten in dieser Therapie, bei denen ich mich gesehen fühle. Ich frage den Mann nachher, ob er meine Anamnese eingesehen hätte. Er grient in dieser Art, die ihn in der Tat wie einen alten chinesischen Lehrmeister des Lebens erscheinen lässt, und erklärt, er hätte das mitnichten getan, vielmehr das von ihm Gesagte in meinem Bild wäre.

Mir fallen sofort etliche Episoden aus meiner Kindheit ein, die diese Rückmeldung des Therapeuten bestätigen dürften. Irgendwann in den Ferien der vierten Klasse spiele ich geradezu manisch ein Spiel, das mir schon damals selbst nicht geheuer ist und das ich heute erst recht merkwürdig finde.

Aus den vorhergehenden Klassen habe ich noch etliche dieser speziellen Schreibhefte übrig, die beim Schönschreiben helfen sollen, d. h., bei der Einübung der Standardschreibschrift. Jede Zeile hat fünf oder sechs Linien, so dass etwa Punkte über Buchstaben oder Schleifen unter ihnen eine eigene Spalte haben. Ich nutze diese Hefte nun, um keineswegs in Schönschrift eine Art Haushaltspläne aufzustellen. Die Pläne gehen bis über das Jahr 2000 hinaus. Ich schreibe mit ihnen mehrere dieser mit Hilfslinien versehenen Schreibhefte voll.

Ich habe mich genau erkundigt, was z. B. ein Diplomingenieur in verschiedenen betrieblichen Positionen verdient, wie hoch die Mieten für die in der Stadt angebotenen Wohnungen sind, was verschiedene Kfz. kosten usw. Ich stelle nun exakte Pläne auf, wann ich mit dem Studium fertig bin, wann ich heiraten werde, wann der Trabant geliefert wird, wann er schließlich durch einen Moskwitsch ersetzt werden könnte usf. Ich bin zu dieser Zeit geradezu vernarrt in diesen PKW aus sowjetischer Produktion, insbesondere in das Modell 412 mit dreieckigen Blinkleuchten am Ende der angedeuteten Heckflossen.

Kinder dürften fast immer und überall „Vater-Mutter-Kind“ spielen. Aber das mindestens Merkwürdige an diesem Spiel ist nicht, dass ich es allein spiele. Das bin ich gewohnt; das ist normal, weil meinen frühen Konditionierungen entsprechend. Wie die meisten Menschen es mehr oder weniger unbewusst zu tun scheinen, bewege ich mich in der Welt den einmal antrainierten Mustern der Wahrnehmung und der Reaktion auf diese Wahrnehmung entsprechend und halte das durch diese Muster Wahrnehmbare für die Welt an sich.

Leicht makaber jedoch könnte gerade im Nachhinein an diesen Haushaltsplänen erscheinen, dass sie völlig realistisch sind. Es wäre mit einiger Wahrscheinlichkeit alles so gekommen, hätte ich einen geraden, normalen Lebenslauf absolvieren können und wollen.

Vor allem – nur schnell erwachsen werden, was immer das sein mag! Kein Kind mehr sein müssen, mit Gefühlen! Vor allem mit Schmerz und Trauer, in deren anfallsartiger Entladung man so entsetzlich allein und verlassen ist und noch verhöhnt oder gar bestraft wird.

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