Das Kind spielt planmäßig

Eines der Schlüsselerlebnisse meiner Therapie-Versuche, die ich insgesamt für gescheitert halte, ist die erste Stunde Kunsttherapie im Haus der ewigen Kindheit. Das Thema lautet „Überraschung“. Ich male einen Dinosaurier, der in einem oberen Stockwerk in ein Zimmer hineinblickt. Ich bin selbst erheitert, dass ich noch geraffte Gardinen vor das Fenster gemalt habe, wie sie für biedere Idyllen typisch scheinen.

Verblüfft bis zum seltenem Zustand der Sprachlosigkeit bin ich über die Interpretation meines Bildes durch den erfahrenen Kunsttherapeuten, den Archetypen C. G. Jungs entsprechend „der alte Weise“. Der Mann sieht bei der Auswertung unserer Zeichen- und Malversuche kurz auf mein Bild und bemerkt sinngemäß, dies wäre eine stilisierte Puppenstube und ich hätte als Kind nicht wirklich spielen können und dürfen. Diese ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich mich gesehen fühle.

Irgendwann in den Ferien der vierten Klasse spiele ich geradezu manisch ein Spiel, das mir selbst damals schon nicht geheuer ist und das ich heute erst recht grotesk finde. Ich stelle „Haushaltspläne“ auf. Ich habe mich genau erkundigt, was z. B. ein Diplomingenieur in verschiedenen Führungsfunktionen verdient, wie hoch die Miete für die in der Stadt angebotenen Wohnungen ist, was verschiedene Kfz. kosten usw. Ich stelle nun exakte Pläne auf, wann ich mit dem Studium fertig bin, wann ich heiraten werde, wann der erste Trabant geliefert werden könnte usw. Die Pläne gehen bis über 2000 hinaus. Ich schreibe mit ihnen mehrere dieser mit Hilfslinien versehenen Schreibhefte voll, mit denen in der Grundschulstufe Schreiben gelernt und normgerechte Schönschrift geübt wird und von denen ich einige aus dieser Zeit übrig habe.

Natürlich spielen Kinder immer „Vater-Mutter-Kind“. Aber das mindestens Merkwürdige an diesem Spiel ist nicht, dass ich es allein spiele, sondern – dass diese Pläne realistisch sind! Es hätte so kommen können, wäre mein Leben normal verlaufen, hätte ich einen geraden Lebenslauf gehabt usw.

Nur schnell erwachsen werden! Kein Kind mehr sein müssen, mit Gefühlen! Vor allem mit Schmerz und Trauer, in deren anfallsartiger Entladung man so entsetzlich allein und verlassen ist.