„Das Kind“ spielt Kind – geht ja gar nicht!

Die Frau ist irre! Allein der Blick! Sie stiert Einen aus geradezu stechenden Augen an und lächelt dabei. Kurzum erliege nun leider auch ich dummen Klischees von Verrückten. Das ist umso beschämender, als ich etliche der populär-wissenschaftlichen Bücher und Fachbücher lese, die in der kleinen Vitrine links neben der Eingangstür des Dienstraums der Erzieher steht und die für deren pädagogische und psychologische Information und Fortbildung gedacht sind.

Dies ist eine der tragikomischen Pointen meines Lebens. Ich verschlinge mit etwa zwölf Jahren derartige Werke wie andere Leser Krimis und komme nicht einmal auf den Gedanken, mich über eine entsprechende berufliche Laufbahn auch nur zu informieren. Erst recht nicht wird mir klar, dass ich gerade hier meinem Vater verhängnisvoll nachfolge. Er will eigentlich Chirurg werden und würde einen guten Chirurgen abgeben, denn er hat diese goldenen Hände und leicht sadistische Züge. Jedoch dient er über lange Zeit gar im Wortsinn sein Arbeitsleben ab abseits aller Träume und vor allem tatsächlich vorhandener Fähigkeiten zur Realisierung dieser Träume. Ob er diese goldenen Hände als Waffentechniker wenigstens vergleichsweise befriedigend einsetzen kann, wird nie diskutiert. Schuld sind die Umstände. Das Leben ist halt so. Alles Haschen nach Wind!

Es ist schnell herum, dass die Mutter der neuen Heimbewohnerin in der Klapse ist und jetzt zu Besuch im Heim, und auch ich gehe zum Bekloppte gucken ins Foyer. Ihre Tochter, das neue Heimkind, das in meine Gruppe kommt, beunruhigt mich dagegen, und nicht nur mich, weil sie ein geradezu stürmisches Energiebündel ist. Sie hat zudem südländische Züge; einen leicht brünetten Teint, schwarze, schmale Augen und blauschwarze Haare, die zu einer sogenannten Schüttelfrisur gestutzt sind. Der Begriff ist mir neu; die damit bezeichnete Art, die Haare zu tragen, beginne ich nun als erotisch wahrzunehmen.

Das Mädchen ist auch oder bereits äußerlich bunt. Sie trägt etwa eine gelbe Mütze und eine blaue Windjacke, offensichtlich von drüben, zu einem braunem Rock und roten Strumpfhosen. Zudem ist sie eines dieser wunderbaren Mädchen, was die eine Sache angeht. Sie zieht sich vor allen Leuten herunter gerutschte Höschen und Strumpfhosen mit gehobenem Rock derart unbekümmert wieder hoch, dass selbst dem größtem Lästermaul die Spucke und vor allem die Sprache weg bleibt. Nicht nur ich bin begeistert, aber auch ich bemühe mich um häufigen Kontakt zu ihr.

Die Neue ist geradezu ein Fußballnarr, was zur Folge hat, dass alle Jungen meiner Gruppe plötzlich sehr aktive Fußballer sind. Das Erstaunliche aber ist, dass auch ich einer werde. Ich hasse Sport und insbesondere Schulsport und ganz besonders bescheuert finde ich Fußball. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, das zu sein, was einige Zeit später ein Sportlehrer einen „Bewegungsidioten“ nennt; zwar nicht direkt an mich gewandt, aber offensichtlich auch auf mich gemünzt.

Jetzt passiert das schon einmal in der dritten Klasse Erlebte. Alle die nicht nur in meinem Kopf erstarrten Überzeugungen über meine Ungeschicklichkeit, Unsportlichkeit, Unbeweglichkeit usw. werden ad absurdum geführt, und zwar von mir selbst. Nach wenigen Tagen erster Versuche kann ich es kaum erwarten, auf den Fußballplatz zu kommen. Das liegt nicht nur daran, dass sie dort spielen wird und oft sogar im Röckchen.

Dieses Training ist umso erstaunlicher, als es auf einem völlig asphaltiertem Platz stattfindet. Man muss sich auch mit einer Drei im Sport mit Tendenz zur Vier Mühe geben, weil sich hier Stürze buchstäblich härter anfühlen als auf Rasen- oder Sandboden.

Kurzum, ich werde übermütig, wie sogenannte Erwachsene sagen würden, insbesondere meine Eltern. Das heißt, ich entwickle in allerdings eher kläglichen Ansätzen etwas wie kindliches, freches Ungestüm, Spielfreude oder vielleicht auch „nur“ Lebensfreude. Das geht immer nach hinten los.

Einmal kommt das Mädchen abends in den Gruppenraum, als ich wieder einmal mit dessen Reinigung beauftragt bin, und hockt sich im Nachthemd auf den Boden. Sie erklärt, dass sie nichts drunter hätte. Leider kann ich im abendlichem Dämmerlicht nicht sehen, was da ist zwischen den Mädchenbeinen. Ich wage nicht, das Licht anzuschalten, um den geradezu heiligen Moment nicht zu stören.

Allerdings entwickle ich auch oder gerade hier ein völlig widersinniges Gebaren, an das ich mich beim „Thema Nummer 1“ nach kurzer Zeit derart gewöhnt habe, dass ich es kaum noch wahrnehme. Anstatt glücklich zu sein über einen Augenblick, in dem ich ganz nah an der Erfüllung tiefer Sehnsüchte bin, führe ich mich auf, als wäre mir die Situation nicht nur unangenehm, sondern lästig. Damit stoße ich natürlich alle Mädchen weg, und das geschieht auch hier. Es geht nur darum, nachzusehen, was da unten ist; mehr ist für mich gar nicht vorstellbar, obwohl ich natürlich aufgeklärt bin. Weniger schnippisch als vielmehr erstaunlicherweise sachlich-beiläufig, wie sie bereits auf das fehlende Höschen hinweist, erklärt das Mädchen gewissermaßen die Vorstellung für beendet und geht ihrer Wege. Ich bin, was das Thema angeht, wieder einmal erleichtert verzweifelt und kann weiter meiner Lieblingsrolle des männlichen Aschenputtels obliegen.

Mit einer anderen Mitbewohnerin aber pflege ich eine Art Ritual des gegenseitigen Aufziehens mit erotischem Hintergrund. Ich will vermeiden, dass mehr aus diesem Kontakt werden könnte, was möglich zu sein scheint. Natürlich ist mir auch oder gerade das nicht bewusst. Ich finde das Mädchen hübsch und lustig. Sie ist jedoch keines der Mädchen, das ich förmlich anbeten würde wie etwa wechselnde Schülerinnen aus anderen Klassen als meiner. Das wäre buchstäblich zu dicht.

Ihr wippender Pferdeschwanz fasziniert mich und natürlich ihr buntes kurzes Schürzenkleid. Sie trägt Höschen mit Blumenmuster darunter. Das weiß ich, weil ich einmal in einer Aufwallung von Tollkühnheit ihr Kleidchen lüpfe, als sie den Gruppenraum verlässt. Ein Mitbewohner meines Zimmers sieht mich dabei mit einer Mischung aus Schrecken und Bewunderung an, als sähe er mich zum erstem Mal. Das Mädchen läuft mit Lautäußerungen zwischen Schimpfen und sehr beunruhigendem Kichern davon.

Einmal komme ich an die Treppe zum erstem Stockwerk, während sie bereits fast den eine Art winziges Zwischengeschoss bildenden ersten Treppenabsatz erreicht hat, so dass ich ihr unter das kurze Kleid sehen muss. Wir machen uns beide über die Situation lustig und ich schieße mit dem rechtem Fuß eine Haussandale nach ihr. Ich muss das plötzliche Aufwallen bereits beängstigend erotisch gefärbter Sympathie unterdrücken. Es ist eher ein lahmes Fallen lassen als Schleudern, aber das Mädchen duckt sich rührend ungeschickt und die Sandale fliegt in und durch das Fenster, das über die gesamte Höhe des Hauses die Westseite des Treppenhauses bildet.

Dieses Fenster ist jedoch ein Kunstwerk, ein Mosaikbild aus vielen bunt gefärbten Glasscheibchen. Trotz meines nur laschen Wurfs habe ich, weil diese Sandale aus harter, schwerer Plaste ist, einige dieser bunten Splitter aus der metallenen Einfassung gedrückt und diesen Metallrahmen verbogen. Zwar werde ich nicht bestraft, aber man weist mich mehrfach vorwurfsvoll darauf hin, dass die Reparatur dieses Lochs im Mosaik eine dreistellige Summe kosten würde. Es scheint bereits schwierig zu sein, einen geeigneten Fachmann zu finden, der die Reparatur leisten kann, da ein einfacher Glaser sie nicht auszuführen vermag.

Aber so ist es immer! Ich kann mich nicht entsinnen, jemals wirklich kindlich mit stürmischem Jauchzen los zu laufen, zu springen oder gar zu tanzen. Einige Jahrzehnte und eine Lebenswelt später werden diese Ausdrucksübungen zu meiner Verärgerung und Verblüffung als offenbar übliche oder gar typische Bewegungsformen glücklicher Zeitgenossen auch im Erwachsenenalter auf einer erdrückenden Fülle von Mega-Postern vorgeführt.

Schon jeder Versuch, etwas wie Lebenslust- und Freude zu entwickeln, übermütig zu werden, endet in derartigen kleinen Katastrophen. Das macht man nicht. Dergleichen entgleist immer in einer Art, die Bestrafung nach sich zieht. Auch und gerade dieses Erleben ist deutlich, obgleich ich es nicht in Worte fassen kann und will.

Einige Zeit nach meinem unterschwellig erotischem Sandalenwurf eskaliert eine solche Situation des übermütig Werdens. Wir veranstalten nachts auf dem Gang eine Kissenschlacht hinter Barrikaden aus Matratzen und zwar durchaus klassenbewusst mit Gedanken an die Pariser Kommune oder dergleichen. Das heißt, ich kämpfe nicht mit, sondern bin auch oder gerade hier in der Rolle des Beobachters und konkret in der des deutlich sympathisierenden Frontberichterstatters.

Leider hat in dieser Nacht nicht die freundliche, ja, gütige pensionierte Frau Wache, die ich in meiner ersten Nacht erlebe. Vielmehr stuft einer der wie in fast jedem Pädagogen-Team auch hier arbeitenden Drachen das besondere Vorkommnis zu einem schwerem Vergehen hinauf. Daher wird am nächsten Tag eine Aussprache mit den Gruppenerziehern und der Heimleitung anberaumt, zu der meine Stiefmutter zitiert wird. Bei ihrem Erscheinen verabfolgt sie mir mehrere kraftvolle Backpfeifen, die besonders schmerzen, weil mich einer ihrer Ringe am Wangenknochen trifft.

Am meisten entsetzt mich jedoch, dass meine Mutter nicht nur wütend scheint, sondern gar von einer Art Grauen über meine Taten erfüllt. Aber was ist eigentlich geschehen? – Ich habe versucht, erst mit über zehn Jahren, beim Spielen zu toben. Vor allem aber habe ich das versucht in einer Gruppe Gleichaltriger und Gleichgesinnter. Für mich ist dieses Randalieren zuallererst ein Versuch, das beglückende Empfinden meines dazu Gehörens zu einer solchen Gruppe zugegebenermaßen stürmisch auszuleben. Dergleichen habe ich lange nicht erlebt und in meiner Vorschulkindheit gar nicht.

Es ist niemand verletzt worden und es wurde auch kein Inventar beschädigt. Dieselbe Mutter, die mich jetzt für dieses ohnehin nur ansatzweise kindliche außer Rand und Band geraten körperlich züchtigt, deklamiert einige Jahre später immer wieder den Satz „Der freut sich doch über gar nichts mehr!“ „Der“ bin ich, und dieses „der“ schmerzt mich mehr als Ohrfeigen, was meine Mutter mit Sicherheit auch wahrnimmt. Ich werde verbal bestraft für meine Anhedonie, die bereits Symptom einer Störung des schizoformen Spektrums sein dürfte. „Der einfache Zusammenhang von Ursache und Wirkung kommt manchem abhanden, wenn es um die eigene Familie geht.“, schreibt die Schriftstellerin Gisela Steineckert in einem literarischem Porträt ihrer Enkelin.

Wieder einmal erweisen sich psychische Abläufe als wesentlicher, weil vor allem nachhaltiger wirksam, als materielle Rahmenbedingungen wie die praktische und moderne Ausstattung des Kinderzimmers usw. Das wird deutlich ohne Versuch und Möglichkeit sprachlichen Ausdrucks des Sachverhalts. Auch das weiß ich zu dieser Zeit noch nicht, aber es ist hier eine Art Leitmotiv meines Lebens erkennbar geworden.

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