Das Kind spielt Kind – geht ja gar nicht…

Im Heim erlebe ich etwas sehr Typisches, das ich bereits auch als solches wahrnehme. Ich werde übermütig, wie sogenannte Erwachsene sagen würden, insbesondere meine Eltern. Das heißt, ich entwickle in eher kläglichen Ansätzen etwas wie kindliches, freches Ungestüm, Spielfreude oder vielleicht auch nur Lebensfreude.

Das geht immer nach hinten los. Mit einer Mitbewohnerin pflege ich eine Art Ritual des gegenseitigen Aufziehens, mit dem zumindest ich vermeiden will, dass mehr aus diesem Kontakt werden könnte, was mir natürlich nicht bewusst ist. Ich finde das Mädchen hübsch und lustig. Ihr wippender Pferdeschwanz fasziniert mich und natürlich ihr buntes kurzes Schürzenkleid. Sie trägt Höschen mit Blumenmuster darunter, was ich weiß, weil ich einmal in einer Aufwallung von Tollkühnheit ihr Kleidchen lüpfe, als sie den Gruppenraum verlässt. Ein Mitbewohner meines Zimmers sieht mich dabei mit einer Mischung aus Schrecken und Bewunderung an, als sähe er mich zum erstem Mal, während das Mädchen mit Lautäußerungen zwischen beunruhigend seltsamen Kichern und Schimpfen davon läuft.

Ungeplant komme ich einmal an die Treppe zum erstem Stockwerk, während sie bereits fast den Treppenabsatz erreicht hat, so dass ich ihr unter das Kleid sehen muss. Wir machen uns beide über die Situation lustig und in einer körperlichen Ab-Reaktion, mit der ich eine Art Aufwallung bereits erotisch gefärbter Sympathie vermeiden will, werfe ich mit dem rechtem Fuß eine Haussandale nach ihr. Es ist eher ein lahmes Fallen lassen als Schleudern, aber das Mädchen duckt sich kichernd und gackernd und die Sandale fliegt in und durch das Fenster, das über die gesamte Höhe des Hauses die Westseite des Treppenhauses bildet.

Dieses Fenster ist jedoch ein Kunstwerk, ein Mosaikbild aus tausenden kleinen gefärbten Glasscheibchen. Trotz meines nur laschen Wurfs habe ich, weil diese Sandale aus harter, schwerer Plaste ist, einige dieser bunten Splitter aus der metallenen Einfassung gedrückt und diesen Metallrahmen verbogen. Zwar werde ich nicht bestraft, aber man weist mich mehrfach vorwurfsvoll darauf hin, dass die Reparatur dieses Lochs im Mosaik eine dreistellige Summe kosten würde. Es scheint bereits schwierig zu sein, einen geeigneten Fachmann zu finden, der die Reparatur leisten kann, da ein einfacher Glaser sie nicht auszuführen vermag.

Aber so ist es immer! Ich kann mich nicht entsinnen, jemals wirklich kindlich mit stürmischem Jauchzen los gelaufen, gesprungen und getanzt zu sein, was einige Jahrzehnte später auf Mega-Postern als offenbar übliche, wenn nicht typische Bewegungsform glücklicher Zeitgenossen auch im Erwachsenenalter dargestellt wird. Vielmehr endet schon jeder Versuch, etwas wie Lebenslust- und Freude zu entwickeln, übermütig zu werden, in derartigen kleinen Katastrophen. Auch und gerade dieses Erleben ist ganz deutlich, obgleich ich es nicht in Worte fassen kann und will.

Einige Zeit nach meinem unbewusst-unterschwellig erotischem Sandalen-Wurf eskaliert eine solche Situation des übermütig Werdens. Wir haben nachts auf dem Gang eine Kissenschlacht veranstaltet und gar etwas wie Barrikaden aus Matratzen gebaut. Leider hat in dieser Nacht nicht die freundliche, ja, gütige pensionierte Frau Wache, die ich in meiner ersten Nacht erlebt habe, sondern einer der Drachen, die es wie in jedem Pädagogen-Team auch hier gibt.

Am nächsten Tag wird eine Aussprache mit den Gruppenerziehern und der Heimleitung anberaumt, zu der meine Stiefmutter zitiert wird. Bei ihrem Erscheinen verabfolgt sie mir mehrere kraftvolle Backpfeifen, die besonders schmerzen, weil mich einer ihrer Ringe am Wangenknochen trifft. Am meisten entsetzt mich jedoch, dass meine Mutter nicht nur wütend scheint, sondern gar von einer Art Grauen über meine Taten erfüllt.

Was ist eigentlich geschehen? – Ich habe einmal versucht, erst mit über zehn Jahren, beim Spielen zu toben. Vor allem aber habe ich das versucht in einer Gruppe Gleichaltriger und Gleichgesinnter. Für mich ist dieses Randalieren zuallererst ein Versuch, das beglückende Empfinden meines dazu Gehörens zu einer solchen Gruppe zugegebenermaßen stürmisch auszuleben. Dergleichen habe ich lange nicht erlebt und in meiner Vorschulkindheit gar nicht.

Es ist niemand verletzt worden und es wurde auch kein Inventar beschädigt. Dieselbe Mutter, die mich jetzt für dieses kindliche außer Rand und Band geraten körperlich züchtigt, deklamiert einige Jahre später immer wieder den Satz „Der freut sich doch über gar nichts mehr!“ „Der“ bin ich, und dieses „der“ schmerzt mich mehr als Ohrfeigen, was meine Mutter wohl auch weiß. Ich werde für meine Anhedonie, die bereits ein Symptom meiner Fehlentwicklung sein dürfte, verbal bestraft.

Wieder einmal, und auch das wird deutlich ohne Versuch und Möglichkeit sprachlichen Ausdrucks des Sachverhalts, erweisen sich psychische Abläufe als wesentlicher, weil vor allem nachhaltiger wirksam, als materielle Rahmenbedingungen wie die moderne Ausstattung des Kinderzimmers usw. Auch das weiß ich zu dieser Zeit noch nicht, aber damit ist eine Art Leitmotiv meines Lebens erkennbar geworden.