Da „ist was“, obwohl da niemand ist

Vielleicht suche ich in alltäglichen, banalen Abläufen immer wieder etwas sozusagen Repräsentatives. Passt schon! Ich wohne nicht an irgendeinem Ort, sondern in einer Vorzeige-Gemeinde, der ersten sozialistischen Stadt. Mir ist dieser Zusammenhang nicht bewusst und ich würde ihn abstreiten, würde mich jemand auf ihn hinweisen. Eigentlich aber wirkt hier die gleichfalls uneingestandene Sehnsucht, an etwas Größerem, „Höherem“, über die eigene Person hinaus Wirkendem teilhaben zu wollen. Das hat zumindest zunächst nichts mit Politik oder gar Ideologie zu tun.

Der Blick nach vorn raus hat jedoch in der Tat etwas vom Blick auf eine Bühne. Das Gesichtsfeld ist geradezu eingerahmt von zwei Wohnblocks, die im rechten Winkel zu unserem stehen. Man muss eine Straße überqueren, durch eine kleine Grünanlage mit Rasen sowie Sträucher- und Baumreihen laufen und erreicht dann die Eingänge dieser Wohnblocks durch die Haustüren auf den von unseren Fenstern nach vorn raus gesehen linken Seiten der Blocks. Dahinter verläuft parallel zu der vor unserem Block eine Straße, die gesäumt ist von hier fast wie eine Hecke gepflanzten Ziersträuchern. Durch deren Lücken erreicht man den riesigen Hof der Schule, in der ich in der zweiten und dritten Klasse lerne. Zunächst sind dies sozusagen wilde Zugänge. Irgendwann wird der Schulhof mit einem stabilem Zaun abgegrenzt, in den eine allerdings fast immer verschlossene Tür eingefügt ist.

Beim Blick aus unseren Fenstern im viertem, oberstem Geschoss wird besonders deutlich, dass diese Schule gewissermaßen eine Einzelanfertigung ist, ein von Architekten ausschließlich für diesen Standort geplanter Bau. Er hat ohne Nostalgie bzw. Ostalgie etwas Repräsentatives oder gar Monumentales. Diese Schule hat noch mehr als die in der ersten Klasse von mir besuchte etwas von einem Tempel. Der Schulhof ist fast 200 Meter lang und ca. 50 Meter breit und besteht zu etwa einem Drittel aus einem stehen gelassenem Waldstück.

Nach vorn raus, zur Straße hin, kann ich meist nur vom Badezimmerfenster aus sehen. Wohnzimmer und Küche sind bis zu meinem Auszug tagsüber fast immer abgeschlossen, so dass ich nicht aus dem Küchen- oder dem Schlafzimmerfenster sehen kann. Das Schlafzimmer ist nur durch das Wohnzimmer zu erreichen. Auch in diesem Kontext kann ich nicht sagen, ob mir etwas fehlt oder ob ich ein Defizit nachträglich hinein sehe. Mit 50+ wird mir bewusst, dass ich nie Leben in einer Wohnung einschließlich vor allem solcher Tätigkeiten wie Kochen oder Fähigkeiten wie Relaxen gewissermaßen übe.

In einigen Klassen beginnt über Monate hinweg an mehreren Tagen der Woche der Unterricht erst zur zweiten oder dritten Stunde und manchmal noch später. Viele Lehrer werden krank und häufig werden Lehrerinnen schwanger und es stehen keine oder nicht ausreichend Vertretungen zur Verfügung.

Sehr oft erlebe ich morgens etwas, das ich zumindest halb bewusst als durchaus merkwürdig oder vielleicht gar bedenklich wahrnehme. Dies insbesondere, wenn wir diesen Ausfall haben. Aber darüber spreche ich erst recht mit niemandem. Gerade hier weiß ich nicht, an wen ich mich mit so was wenden soll. Mir fällt allerdings sehr wohl auf, dass ich diese seltsamen Erlebnisse erst habe, als ich schon nicht mehr an dieser Schule lerne. Ich habe zum vierten Mal in vier Schuljahren die Klasse gewechselt und zum dritten mal die Schule. Ich lerne jetzt an der etwa 50 Meter weiter westlich und zwar später und weniger monumental, aber wiederum als Einzelanfertigung errichteten Schule.

Das Kinderzimmer geht nach hinten raus, auf den mit dem nachfolgendem Wohnblock gebildeten Hof mit Spielplatz, Rasen, Grünanlage und Wäschetrockenstangen. Schon von meinem Bett aus höre ich an solchen Morgen mit verspätetem Unterrichtsbeginn viele Male vom nach vorn raus sichtbarem Schulhof die durch das Reden und Lärmen hunderter Kinder erzeugte typische Geräuschkulisse. Der Hof wird nicht nur in großen Pausen und nachmittags im Hort genutzt, sondern dient auch für die Dutzenden Schulklassen zum Antreten vor dem morgendlichem Einlass. Obwohl der Platz vor dem Haupteingang des Schulgebäudes vergleichsweise groß ist, würde er für die zeitweise 50 Klassen nicht ausreichen.

Aber – da ist nichts. Ich habe mich offenbar verhört. Der Schulhof ist fast leer, wenn ich wenige Augenblicke nach dem vermeintlichem Hören dieser Geräuschkulisse aus dem Badezimmerfenster sehe. Ich beginne schon früh mit der unsinnigen und planlosen bis chaotischen Sammlung von psychologischem Halb- oder Viertel-Wissen. Daher weiß ich, dass dieses von mir erlebte Phänomen weniger eine Halluzination ist und eher eine Illusion, wie sie etwa Piloten in großer Höhe erleben. Ich bin nicht beunruhigt von diesem sich regelmäßig wiederholendem Erlebnis. Unzählige Male meine ich, dieses Rauschen zu hören und muss jedes Mal erkennen, dass es illusionär ist.

Etwas ruft mich. Da ist etwas unerledigt, nicht zu Ende gebracht. Ich hänge oder „klebe“ fest. Ich kann und will auch oder gerade diese Empfindungen nicht in Worte fassen, aber ich spüre sie unklar und unausgesprochen. Ich bin arretiert in dieser Hoch-Zeit meines Lebens insbesondere im an dieser Schule verbrachtem drittem Schuljahr ohne die üblichen Ängste und Zwänge und Schuldgefühle und mit dem geradezu berauschendem Gefühl von Lebensfreude. Das ist alles irgendwie weg oder jedenfalls im Schwinden, aber es wird sich alles regeln – es geht alles seinen Gang.

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