Bahnhof verstehen in einer Bahnhofstraße

An einem Sonntagnachmittag tritt er meine Wohnungstür ein und hantiert mit einem großen Messer herum. Auch jetzt ist meine Reaktion unangemessen, was ich durchaus bemerke. Ich bin weniger erschrocken oder wütend als vielmehr bemüht, nicht in einen mindestens merkwürdigen Lachanfall zu verfallen. Allerdings ist sein Auftritt in der Tat leicht komisch; er ist dermaßen breit, dass ein leichter Stoß ausreicht, um ihn an die Tür der seit Langem leer stehenden Wohnung der meinen gegenüber torkeln zu lassen. Er wohnt in der Wohnung unter der gegenüber. Eine Weile bemühe ich mich vergeblich, wütend zu werden; man kann nicht wütend werden, wenn man sich das Lachen verbeißen muss. Dann lässt mich der Mann in Ruhe und verschwindet in seiner Wohnung, um seinen Rausch auszuschlafen.

Seine Auftritte haben immer etwas Demonstrativ-Theatralisches. Sie sind eine Art Rituale, an die sich alle Mieter gewöhnt zu haben scheinen. Mindestens einmal im Monat liegt der Mann breit wie ’ne Natter vor seiner oft geöffneten Wohnungstür. Dies geschieht naturgemäß am Geldtag, oft aber auch alle zwei Wochen. Manchmal präsentiert sich der offensichtlich Alkoholkranke einige Wochen hintereinander in jeder Woche einmal.

Man lässt ihn liegen. Ich kann das nicht und ich weiß selbst nicht recht, warum nicht. Womöglich hat mein Verhalten in diesen Situationen etwas mit dem Helfersyndrom zu tun; allerdings kenne ich diesen Begriff zu dieser Zeit noch nicht. Das sich vor mir selbst oder vor dem inneren Abbild einer Autorität Produzieren als sozialistische Persönlichkeit ist hinfällig, denn es sind seit der Implosion des realen Sozialismus bereits einige Jahre vergangen.

Ich schleppe den Mann mehrfach in seine Wohnung und meist in sein Bett, wenn er im Treppenhaus seinen Rausch ausschläft oder Ansprachen an Abwesende brabbelt. Erst einige Jahren danach wird mir klar, dass der Schlucki meine Bemühungen gar nicht bemerkt, vielmehr er überzeugt sein dürfte, es immer wieder aus eigener Kraft in Wohnung und Bett geschafft zu haben.

Der Mann ist offenbar eifersüchtig auf mich. Auch dieser Gedanke kommt mir ebenso typischer wie tragikomischer Weise erst lange nach dem letzten Kontakt zu ihm.

Unter mir, ihm gegenüber, wohnt eine Frau um die Dreißig. Sie ist hübsch, intelligent und begabt und erinnert mich an Anne Frank; sie sieht aus wie deren ältere Schwester und löst die Assoziation einer richtigen Mamme aus, als ich mich einmal mit ihr unterhalte, während sie am Herd hantiert. Mir ist klar, das ich mit diesem Empfinden einem Klischee erliege und dass dabei meine eigenen unterschwelligen Bedürfnisse nach Fütterung im übertragenen Sinn wirken dürften.

Ihre Wohnung ist derart dezent und geschmackvoll eingerichtet, wie ich es in meinen Wohnungen seit Jahren vergeblich anstrebe. Die Frau leidet an einer Psychose und nimmt starke Medikamente. Ich halte die psychotischen Symptome zumindest auch für Spätfolgen der Erlebnisse ihrer jüdischen Vorfahren im Dritten Reich. Das äußere ich nie und nirgends; ich wüsste auch und erst recht hier nicht, wo ich meine immer zuallererst von mir selbst beargwöhnten Überlegungen anbringen sollte.

Einmal erklärt sie in fast entschuldigendem Ton, dass sie durch die Neuroleptika eine Art asexuelles Neutrum wäre. Das ist aber nicht der einzige Grund, aus dem Eifersucht unangebracht sein dürfte. Wiederum typischer und tragikomischer Weise nehme ich die Nachbarin erst nach einigen Wochen als Kommilitonin der Werbefachschule wahr, an der ich eben ein Gastspiel gebe.

Ihr Nachbar bemerkt meine Besuche und randaliert des Öfteren alkoholisiert vor ihrer Wohnungstür. Am jeweils nächsten Tag entschuldigt er sich mit einem großen und teuren Blumenstrauß.

Die Frau reagiert mit der leise verwunderten Erheiterung, die ich bei mir immer wieder irgendwie komisch finde. Sie hängt die Blumen mit den Blüten nach unten auf und nach einigen Wochen ist ihre Wohnung mit prächtigen Trockensträußen dekoriert, was sie selbst ironisch kommentiert.

***

Während die vom Vorderhaus auf den ersten Hof führende schwere Tür hinter mir scheppernd ins Schloss fällt, kommen mir vom zweiten Hof zwei Polizisten mit einem Mieter aus dem Seitenflügel dieses zweiten Hofes entgegen. Die beiden Beamten scheinen hochgespannt wachsam und bereit, jederzeit zuzupacken. Offensichtlich wird der Mann zugeführt. Sein Gesicht zeigt eine Mischung aus Ratlosigkeit, Erschöpfung und Betäubung; scheinbar ist er ziemlich breit, kann sich aber noch ganz gut auf den Beinen halten.

Es ist ein warmer Sommerabend. Wieder einmal frage ich mich melancholisch sentimental, warum das Leben nicht immer so sein könne. Wieder einmal bin ich Kilometer weit und stundenlang durch die Stadt gewandert und wieder einmal empfinde ich danach die Atmosphäre als gewissermaßen von innen heraus leuchtend. Ich fühle mich wie in dem Flugtraum meiner Vorschulkindheit aus angenehmer Distanz an der Welt beteiligt.

Die Polizisten scheinen ärgerlich – auf mich? Einer fragt mich, ob ich den Mann kennen würde, den sie eben zuführen.

Jetzt laufen Szenen wie im Zeitraffer in meinem Kopf ab. Ich spüre, dass ich gleich springenaus der Spur kommen, nicht die übliche Pflichtübung vollziehen, keine meiner durchgekauten Floskeln herunter leiern werde usw.

Wahrscheinlich bin ich sauer, weil es scheint, als wären die Beamten tatsächlich auf mich sauer. Dann fällt mir eine oder die Schlüsselszene aus Dieter Nolls „Abenteuer des Werner Holt“ ein. Holt gewinnt die Freundschaft seines bis dahin ärgsten Rivalen Wolzow, der eines Streiches wegen von der Schule zu fliegen droht, indem er diesen Streich auf seine Kappe nimmt.

Mir ist nicht ganz klar, warum mir an dieser Stelle diese Assoziation kommt. Vermutlich handelt es sich um eines der Verhaltenssymptome vorwiegend histrionisch Strukturierter, über die ich in einem Fachbuch gelesen habe. Histrionische würden, so heißt es dort, oft unbewusst und damit umso wirksamer Helden aus Büchern und Filmen gewissermaßen im Leben nach zu spielen versuchen. Des Weiteren ist mir nicht klar, ob ich die Freundschaft des Zugeführten eigentlich will; die wäre doch viel zu dicht. Sozusagen am Rande meines Gesichtsfeldes nehme ich jedoch durchaus wahr, dass der Nachbar in seiner Clique sehr beliebt und gar eine Art Wortführer zu sein scheint.

Ich frage einen der beiden Polizisten in eher gelangweiltem und amüsiertem als provozierendem Ton fast wörtlich, ob er nichts Besseres zu tun hätte als leicht Zugedröhnte durch den Abend zu eskortieren.

Das Gesicht des Zugeführten zeigt Unglauben, Überraschung und dann das halbherzige Bemühen, heftige Belustigung zu verbergen. Mir scheint einen Augenblick lang gar, dass er überrascht ist auch von der Einsicht, mich unabhängig von dieser konkreten Situation sehr verzerrt wahrgenommen zu haben, aber das bin ich gewohnt und es ist nicht der Rede wert.

Auch die Polizisten sind überrascht, dennoch scheinen ihre Mienen und die Blicke, die sie tauschen, etwas auszudrücken wie: „War ja klar, die Brüder halten zusammen!“ Dann lassen sie den Mann gehen, der auf den zweiten Hof tappt, und verlassen den Block durch das Vorderhaus. Einer der beiden Beamten sagt zu mir in halb bekümmertem, halb verächtlichem Ton: „Vielleicht werden Sie uns ja nochmal brauchen!“

Was soll das? – Die unter mir wohnende Kommilitonin kommt mir aus der Tür zu meinem Aufgang im ersten Quergebäude neben dem Durchgang zum zweiten Hof entgegen. Trotz ihrer üblichen, scheinbar heiteren Distanz wirkt sie ratlos und verwirrt. Sie sagt halb fragend etwas wie: „X. ist Dir in die Wohnung gestiegen?!“ X. ist der eben beinahe Zugeführte; er wohnt im linken Seitenflügel des zweiten Hofes im rechten Winkel zu meinem großen Zimmer etwa in Höhe einer halben Etage über mir.

Ich haste das Treppenhaus hinauf, schließe meine Wohnungstür auf, gehe einige Schritte durch den Flur ins große Zimmer und sehe die Bescherung. Der Müllhaufen zusammen gehauener Möbel wirkt, als hätte jemand vor dem rechten Fenster eine Handgranate explodieren lassen. Bis auf eines der beiden Sofas ist das gesamte Inventar beschädigt oder gar zertrümmert. Fast alle Scheiben des sehr großen, sogenannten Berliner Fensters mit etlichen Segmenten, das den gesamten auf den Hof weisenden Teil der westlichen Außenwand des Zimmers ausfüllt, sind zersplittert. Einige Teile der zerschlagenen Möbel liegen unten auf dem zweiten Hof.

Offenbar ist der eben beinahe zugeführte Nachbar aus seinem Wohnzimmer in meins gesprungen. Mir fällt der je nach Standpunkt des Betrachters berühmte oder berüchtigte Satz ein, Besoffene und Kinder schütze der liebe Gott. Das Fensterbrett im dritten Obergeschoss ist höchstens etwa zwanzig Zentimeter breit und der Boden des zweiten Hofes ist mit Asphalt versiegelt.

Über zwanzig Jahre später soll mir in einem meiner mindestens seltsamen Träume, die ich immer wieder für “gemacht“ halte, offenbar mitgeteilt werden, dass der Mann sich umbringen wollte und in letzter Sekunde im doppelten Sinne abgebogen ist, um seine Wut an meinen Wohnzimmermöbeln zu entladen. Aber wem soll ich das erklären, wer glaubt mir so was?

Ich sehe, immerhin, nach dem Kater; er sitzt zur Statue erstarrt unter der Liege im kleinen Zimmer und ist zumindest körperlich unverletzt.

Die Betäubung, in der ich jetzt agiere, ist grotesk mit einer Art Frohlocken gemischt. So was musste kommen! Zwischen den Trümmern von Tisch, Büfett und Anrichte liegt eine Flasche Apfelkorn von Berentzen, noch etwa zu einem Drittel gefüllt, und ich nehme einen ordentlichen Hieb aus der Pulle, um meinen Impuls zu unterdrücken, in einen wahrscheinlich irre wirkenden Lachanfall zu verfallen.

Eigentlich überrascht mich das nicht – passt schon. Das haben die inszeniert, die Budenzauberer, als Strafe für meine anhaltende Weigerung, den Budenzauber mitzumachen. Stattdessen versuche ich mich immer wieder verzweifelt in diese Art Kokon meiner Innenwelt zurückzuziehen, und dass ich damit Konditionierungen meiner frühen Kindheit folge, ist mir nicht klar. „Verzweifelt“, weil mir nach meiner Wende 1986 dieser Rückzug nicht mehr gelingt; die Schutzblase ist defekt, in der ich ein Vierteljahrhundert lang nicht wirklich anwesend war, aber in Sicherheit.

Bei der Rekonstruktion der weiteren Episoden habe ich Erinnerungslücken. Der Fensterspringer lädt mich kurz vor Mitternacht zu einer Art Umtrunk der Versöhnung in eine Kneipe um die Ecke ein.

Ich bin völlig ratlos und gehe mit, aber das Treffen dauert nicht lange, da der Mann neuerlich Radau macht und der Wirt ihn nach etwa zehn Minuten an die Luft setzt.

Einige Tage später drückt mir der Fensterspringer fünfzig Mark in die Hand und ich lasse das als Zeichen guten Willens stehen. Ich bin immer noch ratlos und wie betäubt. Den kleinen Schachtisch mit geschnitzten Füßen und filigranen Intarsien glaubt ein Kenner als nicht in der Manufaktur hergestellte Einzelanfertigung wahrzunehmen und allein für diesen Tisch bietet mir einmal ein Interessent achthundert Mark. Diese lange erträumte ohne Ironie gediegene Einrichtung konnte ich mir überhaupt nur leisten, weil ich einige Monate lang auf einem Ausflugsschiff malocht habe als Galeerensklave, wie die Besatzungsmitglieder die Küchenarbeiter nicht ohne Grund genannt haben.

Nach und nach erfahre ich die Hintergrundhandlung des Fenstersprungs. Mein Nachbar setzt voll breit einen Trabant an einen Laternenpfahl am Frankfurter Tor, dann entlassen sich sein Kumpel und er entgegen ärztlichen Rates selbst aus der Unfallklinik, um zu Hause weiter zu bechern. Dort kommt es dann zu dieser Übersprunghandlung im mehrfachen Sinne.

Einige Jahre später lese ich bei der Akkumulation meiner Viertelbildung, dass Traumatisierung oft kumulativ erfolgen würde, weswegen man Übergriffe verschiedener Art scheinbar ohne nachhaltige Beeinträchtigung erleben könne. Oft käme es jedoch irgendwann durch den berüchtigten das Fass zum Überlaufen bringenden letzten Tropfen bei scheinbar banalen Erlebnissen zum völligen Kippen des Weltbildes und danach würde nichts mehr stimmen.

Aber noch überwiegt der letzte Anklang des Gefühls, das mich nach meinem Umzug nach Berlin immer wieder in angenehmen Wellen überkommt. Noch tobt der Bär, weiterhin scheint Abenteuer möglich; ich bin nach wie vor, mit und ohne Sarkasmus gesagt, in einer Weltstadt mit Theater.

Dennoch halte ich es für möglich, dass Leute glauben würden, ich hätte wie nach dem Sturztrunk an Silvester 1986 meine Einrichtung selbst zertrümmert. Deswegen lässt mich der letzte Satz des einen Polizisten aufhorchen. Da ist wieder diese Art Vernetzung über Raum und Zeit hinweg, deren reales Erleben ich auch für Grenzerfahrungen aufgeschlossenen Psychologen nicht vermitteln zu können scheine.

Es könnte sein, dass ich dergleichen im Unbewussten erwartet habe und deshalb in einer krassen Art voraus eilenden Gehorsams diese im mehrfachen Sinne selbstzerstörerische Randale vollzogen. Das jemandem erklären zu wollen, scheint mir erst recht vergebliche Liebesmüh. Nach Ausschalten höherer Bewusstseinsfunktionen durch einen der in meinem Leben etwa ein halbes Dutzend Male vollzogenen Sturztrünke reinszeniere ich dieses Erlebnis etwa 15 Jahre später in der Ambulanz einer Klinik.