Bahnhof verstehen in einer Bahnhofsstraße

An einem Sonntagnachmittag tritt er mir die Wohnungstür ein und steht mit einem großem Brotmesser in der Hand davor. Auch jetzt ist meine Reaktion insofern unangemessen, was ich auch bemerke, als ich weniger erschrocken oder wütend bin, sondern heftig bemüht, nicht in einen Lachanfall zu verfallen, der mindestens merkwürdig erscheinen dürfte. Allerdings ist sein Auftritt in der Tat leicht komisch; er ist dermaßen breit, dass ein leichter Stoß mit meiner Hand ausreicht, ihn an die Tür der Nachbarwohnung torkeln zu lassen, die seit Längerem leersteht.

Er wohnt in der Wohnung unter dieser der meinen gegenüber liegenden. Es dauert eine reichliche halbe Stunde, in der ich ein halbes Dutzend Mal im Treppenhaus erscheine und mich vergeblich bemühe, wütend zu werden, bis der Mann in seiner Wohnung verschwindet und mich in Ruhe lässt, weil er offenbar seinen Rausch ausschläft.

Seine Auftritte haben in der Tat etwas Demonstrativ-Theatralisches; sie sind eine Art Rituale, an die sich alle Mieter gewöhnt zu haben scheinen. Mindestens einmal im Monat, naturgemäß am Geldtag, oft aber auch alle zwei Wochen, manchmal einige Wochen hintereinander in jeder Woche einmal, liegt der Mann volltrunken vor seiner oft geöffneten Wohnungstür. Man lässt ihn liegen. Ich kann das nicht, und ich weiß selbst nicht recht, warum nicht. Das sich gewissermaßen vor mir selbst oder vor dem innerem Abbild einer maßgeblichen Autorität Produzieren als sozialistische Persönlichkeit ist hinfällig, denn es sind bereits etliche Jahre seit der Wende vergangen.

Ich schleppe den Mann mehrfach, wenn er auf dem Treppenpodest seinen Rausch ausschläft oder Ansprachen an Abwesende brabbelt, in seine Wohnung und meist in sein Bett. Erst Jahre danach wird mir klar, und hier zeigt sich wieder meine sozusagen persönlichkeitsspezifisch subtile Form von Lebensuntüchtigkeit, dass er das gar nicht bemerken, sondern vielmehr überzeugt sein dürfte, es immer wieder aus eigener Kraft in Wohnung und Bett zu schaffen.

Der Mann ist eifersüchtig auf mich und auch das bemerke ich erst längere Zeit nach dem letztem Kontakt zu ihm. Unter mir, ihm gegenüber, wohnt eine Frau um die Dreißig, die ich erst nach etlichen Wochen als Kommilitonin der Werbefachschule wahrnehme, an der ich eben mein Gastspiel zelebriere, worauf ich des Öfteren bei ihr zu Besuch bin.

Die Frau ist hübsch, intelligent und begabt, aber sie ist auch psychotisch und nimmt starke Medikamente, von denen sie einmal sinngemäß sagt, dass sie durch ihre Einnahme zu einer Art asexuellem Neutrum würde. Ich halte die psychotischen Symptome unter anderem für Langzeitfolgen der Erlebnisse ihrer jüdischen Vorfahren im Dritten Reich, äußere das aber nie und nirgends, auch nicht in meinem Tagebuch.

Ihr Nachbar bemerkt meine Besuche, randaliert jetzt des Öfteren alkoholisiert vor ihrer Wohnungstür und entschuldigt sich am nächsten Tag bei ihr, wortreich und mit einem prächtigem Blumenstrauß.

Die Frau reagiert mit derselben leisen Erheiterung, die ich bei mir immer wieder irgendwie komisch finde. Sie hängt die Blumen mit den Blüten nach unten auf und nach wenigen Wochen ist, was sie selbst ironisch kommentiert, ihr Wohnzimmer anmutig mit einem Dutzend Trockensträußen dekoriert.

***

Während die schwere Tür hinter mir scheppernd ins Schloß fällt, die vom Vorderhaus auf den ersten Hof führt, kommen mir vom zweitem Hof zwei Polizisten entgegen, die einen Mieter aus dem Seitenflügel dieses zweiten Hofes offensichtlich zuführen. Der Mann läuft nicht nur zwischen den beiden Beamten, sondern diese sind augenfällig hochgespannt wachsam und scheinen bereit, jederzeit zuzupacken. Das Gesicht des Zugeführten zeigt eine Mischung aus Ratlosigkeit, Erschöpfung und Betäubung; scheinbar ist der Mann ziemlich breit, kann sich aber noch ganz gut auf den Beinen halten.

Wieder einmal bin ich etliche Kilometer durch die Stadt gelaufen, wieder einmal habe ich das deutliche Empfinden, dass mir das gut tut und wieder einmal ist die Atmosphäre dementsprechend gewissermaßen von innen leuchtend, d. h., auf angenehme Weise fühle ich mich beteiligt, anwesend, in und drin.

Es ist ein warmer Sommerabend, an dem ich mich wieder einmal melancholisch sentimental frage, warum das Leben nicht immer so sein könnte.

Die Polizisten scheinen ärgerlich – auf mich (?)… Einer fragt mich, ob ich den Mann, den sie eben zuführen, kennen würde.

Jetzt laufen mehrere Szenen wie im Zeitraffer in meinem Kopf ab, und ich spüre, dass ich jetzt gleich springe, d. h., aus der Spur komme, nicht die übliche Pflichtübung vollziehe, nicht die üblichen Floskeln herunter leiere usw. Wahrscheinlich bin ich sauer, weil es eindeutig aussieht, als wären die Beamten auf mich sauer. Vor allem fällt mir eine oder gar die Schlüsselszene aus Dieter Nolls „Abenteuer des Werner Holt“ ein. Holt gewinnt die Freundschaft seines bis dahin ärgsten Rivalen Wolzow, der eines krassen Streiches wegen von der Schule zu fliegen droht, indem er den Streich auf seine Kappe nimmt.

Mir ist nicht ganz klar, warum mir an dieser Stelle diese Assoziation kommt; vermutlich handelt es sich um eines der Verhaltenssymptome vorwiegend histrionisch Strukturierter, über die ich in einem Fachbuch gelesen habe. Der Histrionische würde häufig Helden aus Büchern und Filmen gewissermaßen im Leben nachzuspielen versuchen, meist unbewusst und damit umso wirksamer. Des Weiteren ist mir nicht klar, ob ich die Freundschaft des Zugeführten eigentlich will; ich habe jedoch durchaus wahrgenommen, sozusagen am Rande meines Gesichtsfeldes, dass er in seiner Clique oder dergleichen sehr beliebt und eine Art Wortführer zu sein scheint.

Ich frage den einen Polizisten im eher gelangweilten und amüsiertem als provozierendem Ton sinngemäß, ob er nicht Besseres zu tun hätte als leicht Zugedröhnte durch den Abend zu eskortieren.

Das Gesicht des Zugeführten zeigt Unglauben, Überraschung und schließlich das halbherzige Bemühen, heftige Belustigung zu verbergen. Mir scheint einen Augenblick lang gar, dass er überrascht ist auch von der plötzlichen Einsicht, mich unabhängig von dieser konkreten Situation sehr falsch wahrgenommen zu haben; aber das bin ich gewohnt und es ist nicht der Rede wert.

Auch die Polizisten scheinen überrascht, aber ihre Mienen und die Blicke, die sie jetzt tauschen, scheinen eher etwas auszudrücken wie „War ja klar – die Brüder halten zusammen!“ Dann lassen sie den Mann gehen, der auf den zweiten Hof eilt, und verlassen den Block durch das Vorderhaus.

Einer der beiden Beamten sagt dabei zu mir in halb bekümmertem, halb verächtlichem Ton: „Vielleicht werden Sie uns ja nochmal brauchen!“

Was ist geschehen? – Die unter mir wohnende Frau kommt mir entgegen, aus der Tür zu meinem Aufgang im ersten Quergebäude neben dem Durchgang zum zweitem Hof. Trotz ihrer üblichen, scheinbar heiteren Distanz wirkt sie ratlos und verwirrt. Sie sagt, halb fragend, halb feststellend, etwas wie „X. ist Dir in die Wohnung gestiegen?!“ X. ist der eben beinahe Zugeführte, der im linken Seitenflügel des zweiten Hofes im rechten Winkel zu meiner Wohnung lebt, in Höhe etwa einer halben Etage über mir.

Ich haste das Treppenhaus hinauf, schließe meine Wohnungstür auf, gehe einige Schritte durch den kleinen Flur ins große Zimmer – und sehe die Bescherung. Das Durcheinander von Möbeltrümmern wirkt, als hätte jemand vor dem großem Fenster rechts eine Handgranate explodieren lassen, zumal fast alle Fensterscheiben zertrümmert sind. Es ist ein sogenanntes Berliner Fenster mit etlichen Segmenten, das den gesamten auf den Hof weisenden Teil der rechten Außenwand des Zimmers ausfüllt.

Offenbar ist der eben beinahe zugeführte Nachbar aus dem Fenster seines Wohnzimmers in das meines Wohnzimmers gesprungen. Natürlich fällt mir der je nach Standpunkt des Betrachters berühmte oder berüchtigte Satz ein, Besoffene und Kinder schütze der liebe Gott; mein Fensterbrett im dritten Obergeschoss ist etwa zwei Handlängen breit und der Boden des zweiten Hofes ist mit Asphalt versiegelt.

Über zwanzig Jahre später scheint mir mit einem meiner mindestens seltsamen Träume mitgeteilt zu werden, dass der Mann sich umbringen will, aber sozusagen in letzter Sekunde abbiegt, um seine Wut an dem Mobiliar zu entladen; einige Teile wirft er auch aus dem Fenster, und offenbar durch die Scheiben. – Aber wem soll ich das erklären, wer glaubt mir so was

Ich sehe, immerhin, nach dem Kater; er sitzt, zur Statue erstarrt, unter meiner Liege im kleinem Zimmer und ist zumindest körperlich unverletzt. Die leichte Betäubung, in der ich jetzt agiere, ist seltsamer Weise mit einer Art Frohlocken darüber gemischt, dass mir scheint, so was hätte ja kommen müssen. Zwischen den Trümmern von Tisch und Büfett liegt eine Flasche Apfelkorn von Berentzen, etwa noch zu einem Drittel gefüllt, und ich nehme einen Hieb, um den Impuls zu unterdrücken, in einen Lachanfall zu verfallen, der mit Sicherheit irre gewirkt hätte. Eigentlich überrascht mich das nicht, eigentlich – passt schon

Das haben die inszeniert, die Budenzauberer; als Strafe dafür, dass ich mich weiterhin weigere, den Budenzauber mitzumachen, vor allem im Hier und Jetzt zu leben, stattdessen ich mich immer wieder verzweifelt in eine Art Kokon meiner Innenwelt zurückzuziehen versuche. Dass ich damit den Konditionierungen meiner frühen Kindheit folge, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. „Verzweifelt“, weil mir nach meiner Montagswende 1986 dieser Rückzug nicht mehr gelingt; die Schutzblase ist defekt, in der ich ein Vierteljahrhundert lang geborgen bin, an allen Orten, an denen ich agiere, eigentlich nicht wirklich anwesend.

Bei der Rekonstruktion der weiteren Episoden habe ich Erinnerungslücken. Der Fensterspringer lädt mich kurz vor Mitternacht zu einer Art Versöhnungstrunk in einer Kneipe um die Ecke ein. Ich bin völlig ratlos, aber das Treffen dauert nicht lange, da der Kneipier meinen Nachbarn nach etwa zehn Minuten vor die Tür setzt, weil er neuerlich Radau zu machen beginnt.

Irgendwann drückt mir der Nachbar fünfzig Mark in die Hand. Ich lasse das als Zeichen guten Willens stehen. Allein für den kleinen Schachtisch mit geschnitzten Füßen und filigranen Intarsien, den ein Kenner als nicht in der Manufaktur hergestellte Einzelanfertigung wahrzunehmen glaubt, hat mir ein Interessent schon einmal achthundert Mark geboten.

Nach und nach erfahre ich die gewissermaßen Hintergrundhandlung des Fenstersprungs. Mein Nachbar hat, bereits full, einen Trabant an einen Laternenpfahl am Frankfurter Tor gesetzt, dann haben sich sein Kumpel und er entgegen ärztlichen Rates selbst aus der Unfallklinik entlassen, um zu Hause weiter zu bechern, und schließlich kommt es zu dieser Übersprunghandlung im mehrfachem Sinne.

Viele Jahre später schnappe ich auf, dass Traumatisierung oft kumulativ erfolgt, d. h., vereinfacht gesagt, man erlebt beispielsweise etliche Übergriffe verschiedener Art scheinbar ohne nachhaltige Beeinträchtigung, um dann durch diesen berüchtigten letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, das völlige Kippen des eigenen Weltbildes zu erleben, nach dem nichts mehr stimmt und nichts mehr so wird, wie es mal war.

Aber noch überwiegt der gewissermaßen letzte Anklang des Gefühls, das mich nach meinem Umzug nach Berlin immer wieder in angenehmen Wellen überkommt; hier tobt der Bär, hier ist Abenteuer möglich, hier ist, mit und ohne Ironie, Weltstadt mit Theater.

Dennoch halte ich es für möglich, dass Leute glauben, ich hätte mein Inventar selbst zertrümmert, denn das habe ich nach meinem Sturztrunk Silvester 1986 in der Tat getan. Deswegen lässt mich der letzte Satz des einen Polizisten aufhorchen. Da ist wieder diese Art Vernetzung über Raum und Zeit hinweg, deren reales Erleben ich auch dem aufgeschlossenstem Psychologen nicht vermitteln zu können scheine.

Es könnte gar sein, dass ich, im Unbewussten, immer geahnt, ja, erwartet habe, dass mir derlei widerfährt, so dass ich in einer krassen Art voraus eilenden Gehorsams diese autodestruktive Randale vollziehe. Aber das jemandem verklickern zu wollen, scheint erst recht unsinnig selbst in der Praxis manches Mitgliedes des Freudeskreises Anna Lyse.