Ausbildung im Tarnen

„Meier, Sie singen immer beim Scheißhaus Putzen; Müller, ich habe festgestellt, dass Sie mehrere Bücher besitzen; Schulz, Sie schielen immer dermaßen dusslig beim Regimentsappell, dass selbst der Oberst grinsen muss – weg treten, Kultur machen!“

Derart einem durchgekautem Klischee entsprechend läuft es nicht. Viele Genossen meiner Einheit sehen das in jedoch dieser Weise, selbst die schließlich an der Erstellung eines Kulturprogramms Beteiligten. Es wird gerade hier klar, dass in jedem Klischee das berühmte Fünkchen Wahrheit steckt.

Zudem muss Kultur sein, da kulturelle Umrahmung zum sozialistischen Wettbewerb gehört. Deshalb werden ein halbes Dutzend Soldaten im Grundwehrdienst und Dreijährige, d. h., Unteroffiziere auf Zeit wie ich, für eine Woche abkommandiert zur Erstellung eines bei einem Wettbewerb aufzuführenden Kulturprogramms.

Das Kulturhaus des Regiments zu beschreiben bereitet mir Unbehagen, weil ich erwarte, dass sehr schnell die Ostalgie-Keule geschwungen werden dürfte. Es ist jedoch eine Tatsache, dass manche Kreisstädte das Regiment um dieses Haus beneiden würden. Dabei ist dieser Truppenteil der Gliederung und Mannstärke nach eigentlich nur ein selbstständiges Bataillon. Er wird als Regiment geführt seiner strategischen Bedeutung wegen, von der ich in meiner Kindlichkeit nichts bemerke. Dass dieser Truppenteil eine gewisse Sonderstellung hat, wird jedoch nicht nur mir bewusst. Über diesen Eindruck wird gleichfalls nicht nur von mir hinweg geblödelt mit launigen Abwertungen wie „Gartenbau- und Nichtfunkregiment“.

Augenfällig bestätigt das Kulturhaus diesen Eindruck. Es besitzt einen großen Saal mit Bühne. Dieser Saal verfügt zum Beispiel über ein riesiges Mischpult zur Bearbeitung von Tonaufnahmen und eine Anlage zur Erzeugung von Lichteffekten wie Spotlights, die wir nachher zur im wörtlichen Sinne Ausleuchtung einiger Pointen unserer Sketche verwenden. Es gibt zudem eine mittelgroße Gaststätte, die auch zivilen Besuchern offen steht. Nach Osten schließt sich ein langer Bürotrakt an, in dem sich unter anderem ein Billardzimmer befindet.

Außerdem ist dort das Büro des in geradezu üblicher Weise von Legenden umrankten Vau-Nullers. „Vau-Nuller“ ist eine für den Militärslang typische Verballhornung der Abkürzung „VO“, die für den Verbindungsoffizier zum Ministerium für Staatssicherheit steht. Der Mann ist Hauptmann und hat jedoch diesen Legenden nach Vetorecht beim Regimentskommandeur, einem Oberst. Nachträglich erscheint mir meine Wahrnehmung nicht paranoid, dass er mich fast immer komisch ansieht, wenn ich ihm auf der Regimentsstraße begegne und Männchen mache, d. h., einigermaßen vorschriftsmäßig grüße.

Der unausgesprochen leitende Genosse unserer kleinen Gruppe, der seine Doktorarbeit über ein sehr prekäres Thema schreiben will und daher zur Bewährung mit über dreißig zum Grundwehrdienst einberufen wurde, ist begeistert über die technische Ausstattung des Hauses und setzt alle vorhandenen Mittel für unser Programm ein.

Im Nachhinein ist mir jedoch klar, dass wir uns Einiges heraus nehmen können. Da ist etwa dieses Gedicht, das wir mit verteilten Rollen vortragen, d. h., vier oder fünf Mitwirkende rezitieren abwechselnd kurze Abschnitte. Es geht um eine junge Frau, die aus der Sowjetunion in die DDR gezogen ist, weil sie einen DDR-Bürger geheiratet hat. Sie soll überzeugt werden zum Eintritt in die „Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft“. Einen Höhepunkt des Vortrags gestalte ich mit der geradezu genüsslich deklamierten Zeile: „Und fortan war sie ihr eigener Freund!“

Wieder geschieht das, was ich schon mehrfach bei meiner Mitarbeit an kulturellen Umrahmungen erlebt habe. Nicht nur haben meine dürftigen Bemühungen eine Wirkung, vielmehr ist die Wirkung verblüffend groß. Wenn ich mit meinem schon zu dieser Zeit immer wieder kritisierten Sarkasmus diese Aufführung als Reporter beschreiben sollte, würde ich etwas schreiben wie: „Die Delegierten erheben sich begeistert von ihren Plätzen und schrauben die Sitzbänke ab!“ Auch diese Formulierung ist nicht ganz auf meinem Mist gewachsen und auch diese Formulierung verwenden wir nicht im Programm. Ich habe mir eine ähnliche Formulierung gemerkt, als wir auf der Suche nach geeignetem Material genehmigte Bücher mit kabarettistischen Texten durchgesehen haben.

Den größten Lacherfolg bewirken wir mit einem von mir geschriebenem Sketch. Ich will darin den berüchtigten Militärjargon satirisch zugespitzt darstellen. Der Aufhänger ist allerdings tragikomisch. Es gibt vor dem Wachgebäude ein Telefon, von dem aus kasernierte Soldaten und Unteroffiziere auf Zeit nach draußen telefonieren können. Wenn ich mich recht entsinne, können sie dort sogar von Partnerinnen, Familienangehörigen und Kollegen angerufen werden. Mir wird nicht bewusst, das ich neidisch bin, weil mich niemand anruft.*

Ich nutze dieses Telefon nun für mein kabarettistisches Stückchen. Ein kasernierter Soldat wird von seinem Bruder angerufen, der naturgemäß wissen will, wie es dem Soldaten ginge. Am Ende wird der Bruder vom Vater der jungen Männer gefragt, was es denn Neues gäbe aus der Kaserne. Der Bruder winkt genervt ab und erklärt, der seinen Ehrendienst Leistende würde vermutlich auf einen Auslandseinsatz vorbereitet, denn die würden da eine Fremdsprache lernen.

Hier wirkt eine meiner merkwürdigsten Erlebnisse während meiner Armeezeit hinein. Irgendwann habe ich angefangen, eine Art kleines Lexikon des Armeeslangs anzulegen. Ich muss jedoch schnell feststellen, dass dieses zunächst als Joke gesehene Unternehmen in Arbeit ausartet. Ich habe nach einigen Wochen eine Liste mit über 350 Fachbegriffen erstellt. Die „Definitionen“ in diesem skurrilem Glossar lauten etwa: „‚Schnarchlabor‘. Von einem Armeeangehörigen dergestalt zweckentfremdete Räumlichkeit, dass er darin bei dienstplanfremder passiver Erholung in horizontaler Lage angetroffen wird.“

Der sich beim sehr verspäteten Grundwehrdienst bewähren sollende Doktorand, der die Erstellung unseres Programmes als informeller Leiter organisiert, weist mich darauf hin, dass mein kleines Lexikon an Klemperers „LTI“ erinnern würde. Nachdem ich mich über dieses mir bis dahin unbekannte Buch informiert habe, erkläre ich sinngemäß, entgegen verbreiteter Meinungen nicht größenwahnsinnig zu sein. Zudem habe ich ein ungutes Gefühl bei der Sache. Das liegt nicht nur daran, dass mir nicht klar wird, ob der Vergleich als Kompliment, als Vorwurf oder gar als Warnung gemeint ist.

Der in meinem Sketch angerufene Soldat erklärt etwa, der Lolli hätte ’ne feuchte Wohnung und daher Sackstand im Camp veranstaltet. Dabei hätte er in einem Schnarchlabor eine Granate gefunden und das müssten die Sprutze jetzt abdienen. Ein anderes Tagesilo hätte die Kompanie aufgefetzt und Schneesturm angeordnet. Aber auch ein Zwischenpisser hätte ’ne Brille eingeklinkt bekommen und in Schwarz antreten müssen. Den Onkels wäre eine armdicke Wurst gekommen. Den Batzen und Bottichen würde ohnehin die Muffe eins zu tausend gehen, weil demnächst ein Indianerhäuptling mit jeder Menge Raupenschleppern das Camp inspizieren würde. Es würde gemunkelt, dass mit Pickelschießen zu rechnen wäre. Wahrscheinlich hätte er, der Angerufene, jetzt Delikammer gebissen. Er wäre derzeit ohnehin Innendienstleiche und mit Norm 18 a würde es nichts. Usw.

Der Lolli ist ein Leutnant, in der Regel der Dienstgrad des Zugführers. Feuchte Wohnung ist die bösartige Fiktion der Lebensumstände von Berufssoldaten, die noch nach Dienstschluss freiwillig in der Kaserne sind. Sackstand bezeichnet bewusst erzeugten Stress für Untergebene. Ein Camp ist ein Unterkunftsgebäude oder die Gesamtheit derartiger Gebäude auf dem Gelände einer Kaserne. Granaten sind Flaschen mit hochprozentigen Alkoholika wie Wodka oder Whiskey. Sprutze sind die neu Einberufenen in der Grundausbildung oder grundsätzlich Wehrpflichtige im ersten Diensthalbjahr. Abdienen bedeutet, Strafaktionen ausführen zu müssen. Ein Tagesilo ist ein Berufssoldat; er hat noch viele Tage der seiner Verpflichtung entsprechenden Dienstzeit quasi eingelagert. Mit Schneesturm ist das Bestreuen des Kompanieflurs mit Scheuermitteln wie „Ata“ gemeint. Ein Zwischenpisser ist ein den drei Diensthalbjahre umfassenden Grundwehrdienst Leistender im zweiten Diensthalbjahr. Mit Brille eingeklinkt ist der Erhalt einer unangenehmen Auflage durch Vorgesetzte gemeint. In Schwarz antreten bedeutet, den schwarzen Arbeitsoverall anziehen müssen, was oft bei Strafmaßnahmen der Fall ist. Onkels sind Entlassungskandidaten, EK’s; Grundwehrdienstleistende im dritten und Soldaten auf Zeit im sechstem Diensthalbjahr, demnach das letzte Diensthalbjahr der jeweiligen Laufbahn durchlaufende Militärangehörige. Armdicke Wurst kommen ist eine Verballhornung von Stuhlgang und als Ausdruck des Ekels meist bei Onkels gemeint. Batzen und Bottiche sind Berufssoldaten, wobei Bottiche eine Verballhornung der Abkürzung „BO“ für „Berufsoffiziere“ ist. Wenn die Muffe eins zu tausend geht, hat jemand Angst. Indianerhäuptling ist eine Anspielung auf die roten Biesen an den Dienst- und Ausgangsuniformen von Generälen. Raupenschlepper sind Stabsoffiziere mit geflochtenen Schulterstücken, „Raupen“. Pickelschießen bezeichnet Degradierungen, bei denen die Anzahl der Sterne, der „Pickel“, auf den Schulterstücken herabgesetzt wird. Die Deli(katessen)kammer ist das Abfallhaus der Kasernenküche. Eine Innendienstleiche ist ein durch ärztliches Attest vorübergehend nur zu Reinigungs-Arbeiten und dgl. fähiger kasernierter Armeeangehöriger. Die Norm 18 a ist eine fiktive Dienstvorschrift und bezeichnet „Verpissen im Gelände ohne Aufsicht eines Vorgesetzten“.

Insgeheim bin ich bei der Vorführung am meisten stolz darauf, dass sogar der Oberst, unser Regimentskommandeur, heftig lacht vor allem bei der Aufführung unseres Sketches zum Militärslang. Diese Wahrnehmung finde ich bestätigt durch Aussagen von Leuten aus dem Publikum, in dem auch Zivilisten von draußen sitzen.

Was mich dabei erheitert, ist meine Beobachtung, dass das Lachen in der ersten Reihe des Saales gewissermaßen die Befehlskette durchläuft. In der Mitte sitzt der Regimentskommandeur und neben ihm sitzen zunächst seine Stellvertreter, dann die Oberoffiziere des Regimentsstabes usw. Das Lachen pflanzt sich regelmäßig und geradezu wellenförmig vom Oberst die Dienststellungen- und Ränge abwärts fort und verebbt auch in dieser Reihenfolge.

Ich bin des Weiteren belustigt, dass wir bei diesem Wettbewerb innerhalb der Nachrichtentruppen den zweiten Platz erreichen. Auch mit dem Programm, dessen Rahmentext ich als Abiturient geschrieben habe, hat der Singe-Club einen zweiten Platz erreicht.

Jetzt beglückwünscht uns ein General, der nach der heftig belachten Aussage eines der Kulturschaffenden unserer Gruppe wahrscheinlich Stellvertreter des Chefs Nachrichten ist, weil er inzwischen eine sehr lange Leitung hat. Selbstverständlich kommen derartige Witzchen nicht in unserem Programm vor.

Wieder einmal wiederholt sich ein Grundmuster. Etliche Tagesgenossen, d. h., kasernierte Armeeangehörige, die noch dieselbe Zahl von Tagen bis zur Entlassung zu dienen haben wie ich, scheinen mich wie zum ersten Mal zu sehen und gratulieren mir. Wieder einmal geht es nicht um Ruhm und Ehre, zumal ich die während der Probenwoche ins Auge gefasste zivile Mitspielerin aus einem Parallelprogramm ohnehin in keiner Weise erreicht zu haben scheine. Sie ist aus der Patenklasse einer Erweiterten Oberschule und demnach zwei oder drei Jahre jünger als ich und natürlich eine Elfe. Vielmehr geht es wieder einmal um sich Zeigen und gesehen Werden. Das nehme ich deutlich wahr, obwohl ich diesen Textbaustein aus einer therapeutischen Lebenswelt noch nicht kenne.

Vor allem wird mir neuerlich klar und noch deutlicher als an der Erweiterten Oberschule bei der damaligen Erstellung von Programmen für den Singe-Club und die Theatergruppe, dass so was offensichtlich mein Ding ist. Wir arbeiten manchmal bis zur Nachtruhe an unserem Programm und ich werde nicht müde, sondern immer munterer und leistungsfähiger.

Die makabre Pointe liegt hier darin, dass ich selbst oder gerade die Armeezeit als Versuch ansehe, Kindheit nachzuholen oder überhaupt zu erleben. Auch dieser Antrieb bleibt unbewusst und daher ist auch er umso wirksamer. Zudem entwickle ich diese Einsichten erst Jahrzehnte später, so dass ich im üblichem Theoretisieren verbleibe.

Ich nehme mir fest vor, nach der Armeezeit was mit Kunst zu machen. Bis auf die Ausnahme des in den Anfängen stecken bleibenden Versuchs einer Kabarettgründung, von der nachträglich scheint, dass sie bereits das eigentliche Kabarett dargestellt haben dürfte, unternehme ich nichts in dieser Richtung.

Jahr um Jahr zelebriere ich gewissermaßen Abdienen von Lebenszeit. Allein im Fernsprechamt dilettiere ich in acht Jobs.

Aber das macht nichts. Das ist alles provisorisch und vorübergehend. Das wirkliche Leben wird noch kommen! Es wird sich ergeben; alles geht seinen Gang.

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* Das glaubt mir angeblichem „Lügenbaron“ jetzt wieder kein Mensch, dass nach dem Setzen des Punktes nach der letzten Zeile mein Telefon geklingelt hat. Das sind diese Zufälle bzw. „Zufälle“, die ich in den letzten drei Jahrzehnten hunderte Male erlebt habe und die diplomierten und promovierten Bekloppten-Fachleuten darlegen zu wollen völlig vergeblich scheint. Auch die ohne Größenwahn gemachte Feststellung nützt mir nichts, dass selbst ein C. G. Jung ähnliche Erlebnisse schildert.