Auch ’ne Republikflucht…

Wir kommen bereits zur ersten Stunde des neuen Schuljahrs zu spät, aber es geschieht, wie wir uns sicher sind, nicht absichtlich.

Wir sind zu dritt, das berüchtigte Trio dieser Klasse, das immer wieder den Lehrkörper beschäftigt über den sachlichen Inhalt der Wissensvermittlung hinaus.

Ich deute nicht nachträglich etwas hinein, wenn ich sage, dass ich schon ein komisches Gefühl habe. Wie immer genieße ich es, Räume, die normalerweise vom sprichwörtlichem sprudelndem Leben erfüllt sind, dann zu betreten, wenn sie leer sind, wie zum Beispiel jetzt die Gänge und Treppenhäuser meiner Schule während des laufenden Unterrichts. Diese Vorliebe kommt mir zuweilen selbst merkwürdig vor, aber ich denke nicht weiter darüber nach. Unsere eiligen Schritte hallen durch das Haus und wir sprechen, ohne dessen gewahr zu werden, ungewöhnlich leise. Ich spüre irgendwie, dass etwa anders ist, unabhängig vom Zuspätkommen.

Die Frau sieht unseren Auftritt offensichtlich anders. Sie spricht nicht vom Unbewussten, denn allein der Begriff ist völlig außerhalb des zugänglichen und zulässigen Wahrnehmungsbereiches, aber sie meint offenbar genau das. Damit hat sie schon zum erstem Mal gewonnen. Sie arbeitet mit Ironie und mit dieser gewissen spielerisch künstlich hergestellten Spannung zwischen den Geschlechtern. Damit bin ich sofort ausgeknockt, weil hoffnungslos unreif gerade auf dieser Ebene; d. h., auf dieser Ebene verstehe ich Bahnhof. Später muss ich unter anderem an diese Szene denken, als ich beim Hören von Pink Floyds „The Wall“ diese Zeile „No sarcasm/in the classroom!“ höre.

Sie erfüllt nicht nur ihre Pflicht als neue Klassenlehrerin, sondern fühlt sich persönlich angesprochen vom Geschehen, indem sie unser Zuspätkommen als konkret gegen sie gerichteten Affront deutet und anspricht. Dass wir überzeugt sind, nicht mit Absicht gehandelt zu haben, ignoriert sie wie selbstverständlich. Ich bin verblüfft, weil ich mir bis eben nicht vorstellen konnte, dass man die Dinge auch so sehen kann. Das vorerst nicht Erklärbare in ihrer Reaktion auf unser verspätetes herein Poltern macht mein übliches Geblödel bereits an dieser Stelle hinfällig.

Ich spüre zudem, dass meine bereits im Klassenraum sitzenden Mitschüler nicht mehr uneingeschränkt auf unserer Seite sind und unser Zuspätkommen keineswegs als den beinahe üblichen lustigen Streich ansehen. Was ist hier passiert – und wie schnell?!

Die Frau, ab heute unsere neue Klassenleiterin und in den Fächern Deutsch und Russisch unterrichtend, ist recht groß und schlank, hat sehr lange Beine und dennoch ausladende Hüften, und sie ist keine Schönheit, aber attraktiv in der Weise, die man mit über dieses gewisse Etwas verfügend zu bezeichnen pflegt. Es ist mehr ihre intensive Ausstrahlung, die wirkt, als ihr Äußeres, obwohl das auf eine Weise gepflegt ist, wie ich es bei Frauen liebe, ohne das zugeben zu wollen oder auch nur wahrnehmen zu können. Kleidung, Schmuck und Kosmetik sind dezent und unauffällig, aber geschmackvoll, und ich kann und will nicht zugeben, dass die Frau mich beeindruckt und ich sie anzuhimmeln beginne.

Ich bin wochenlang nicht nur beunruhigt, sondern irritiert von der neuen Klassenleiterin, vor allem dann, wenn sie mich mit dieser Mischung von Verständnis und leisem Spott direkt anspricht. Das geht mir selbst dann so, was mich naturgemäß besonders ärgert, wenn ich sicher sein kann, die von ihr erwartete Antwort oder Aussage zum durchgenommenen Stoff korrekt abgeben zu können.

Eine der paradoxen Verhaltensweisen, die ich bis zu diesem Schuljahr entwickle, besteht im Erbringen guter Leistungen im Fach Deutsch, obwohl es mich nervt. Allein die plötzliche Ankündigung eines Aufsatzes oder einer Niederschrift lässt mich in das Stöhnen etlicher Mitschüler einstimmen, das bei dieser Frau allerdings von Anfang an deutlich leiser ertönt. Insgeheim finde ich das selbst mindestens merkwürdig, weil ich bereits zu dieser Zeit gern und relativ viel lese, aber auch diese Wahrnehmung verdränge ich sofort erfolgreich.

Dann kommt diese Sternstunde, bei der ich deutlich spüre, was ich nicht einmal vor mir selbst ausspreche, dass etwas Besonderes mit mir oder vielmehr in mir geschieht.

Wir haben eben Goethes “Urfaust“ durchgenommen und, wie meist, unangekündigt eine Leistungskontrolle zum Thema zu bestehen. Es werden zwei Fragen zur Figur des Dr. Faust gestellt, die über die literarische Ebene hinaus gehen, und die wir in den fünfundvierzig Minuten einer Unterrichtsstunde schriftlich beantworten müssen.

Ich weiß nicht mehr genau, wie die Fragen lauten, aber ich entsinne mich deutlich des Empfindens, dass sich in mir etwas löst, etwas in Bewegung gerät, etwas in Fluss kommt, dessen Vorhandensein ich nicht geahnt habe – oder nicht wahrhaben will. Irgendwo ganz tief drin platzt der berühmte Knoten. Etwas wie Frohlocken und diebische Freude erfüllt mich, die ich gleichfalls an dieser Stelle nie erwartet hätte – igitt, Fach Deutsch, Aufsatz, Goethe!

Es schreibt sich wie von selbst. Zum erstem Mal spüre ich bewusst Freude, ja eine Art Lust am Finden und Niederschreiben treffender Formulierungen. Zudem scheint mir bereits beim hastigem Kratzen mit meinem Füller über das Papier, dass ich die ordentliche Leistung zu erstellen im Begriff sein könnte, die meine neue Klassenleiterin immer wieder unausgesprochen vergeblich zu erwarten scheint, worauf sie mich mit dieser Ironie mundtot macht. Möglicherweise gelingt mir sogar eine außerordentliche Leistung.

Letzteres bestätigt sich bei der Rückgabe der Arbeiten. Die Lehrerin bemüht sich zu verbergen, und es gelingt ihr nicht ganz, dass sie über meine Niederschrift aus dem Häuschen ist. Ich erhalte für meine Ausführungen nicht eine, sondern zwei Zensuren, zwei Einsen, und ein Lob ins Klassenbuch.

Der Knoten ist geplatzt, auch, oder vor allem, was meinen über etliche Wochen hinweg zur Erheiterung etlicher Mitschüler, die mich so nicht kennen, gespannten Kontakt zu dieser Lehrerin angeht. Ich erlebe nun wohlwollende Zuwendung der Klassenleiterin und halte sie auch aus, was ich als außergewöhnlich wahrzunehmen wiederum nicht in der Lage bin. Ich bin aber nicht nur verknallt, vielmehr ich etwas erlebe, was nie da war, eigentlich aber normal gewesen wäre.

Erst mit etwa vierzig wird mir klar, dass die Prüfungen, die mein Vater mit mir in meiner Vorschulkindheit geradezu zelebriert, Initiationsversuche sind, die dran sind an der Schwelle zum Erwachsenwerden, nicht bei einem etwa Vier- bis Siebenjährigem. Deshalb, oder vor allem deshalb, “das Kind“ als meine zu bearbeitende Rollenzuschreibung in meiner ersten Therapie.

In dieser Unterrichtsstunde findet jedoch ein konstruktiver Versuch zur Initiation statt, und er ist nachhaltig erfolgreich.

Es beginnt nun meine bewusste Wanderung durch eine virtuelle Welt, im geistigem Raum der Wörter, während der der Bereich, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre, immer bedeutungsloser für mich wird. Auch diese Entwicklung vollzieht sich unmerklich und allmählich.