Auch die Proben sind wieder nur Probehandeln

Nachher weiß natürlich keiner mehr, wer als erster diese Idee äußert, und ebenso natürlich wollen mehrere Mitglieder die Idee als erste gehabt haben. Mitglieder der Band, denn wir wollen eine Band gründen.

Es sieht sehr gut aus. Nicht nur hat jemand den Gedanken, sich Hilfe und Rückhalt bei sogenannten Erwachsenen zu suchen. Auf diesen Gedanken wäre ich wieder gar nicht gekommen. Vielmehr ist die Direktorin, die wir als erste um eine Audienz bitten, völlig aus dem Häuschen. Mir scheint gar, dass sie von der Idee mehr begeistert ist als zum Beispiel ich. Sie ist Musiklehrerin und hat einen Neffen, der in einer Band mit der höchsten Einstufung spielt. Der Musiker erklärt, nachdem seine Tante ihn von unserem Vorhaben erzählt hat, dass wir an Wochenenden, wenn die Band tourt, ihren Probenraum nutzen könnten, einschließlich einiger Geräte und Instrumente.

Es ist unglaublich – es läuft wie geschmiert und wie von selbst. Als wir zu einem Termin in der Musikschule erscheinen, ist auch der dortige Lehrer, der uns zum Gespräch einlädt, sofort begeistert. Er erklärt uns, dass die Schule seit Längerem Schwierigkeiten hat, eine hauseigene Band zusammenzustellen. Das wäre darauf zurückzuführen, dass in jedem Jahr fünf Anwärter auf die Musikschulausbildung, als Beispiele, Bass lernen wollen und einer Keyboards, dann wieder wollen drei potentielle Schüler Drummer werden, jedoch drei weitere Saxofonisten usw.

Wir haben uns bereits vor unserem Erscheinen, und natürlich ohne Kenntnis dieser Probleme, über die Besetzung geeinigt; Sologitarre, Rhythmusgitarre, Bassgitarre, Keyboards und Drums. Da wir einige Zeit zu sechst sind, könnte zudem einer die leadvocals übernehmen, ohne ein Instrument zu spielen, oder einer von uns sollte sich zum Saxofonisten ausbilden lassen.

Nach wochenlangen hitzigen Diskussionen einigen wir uns, dass ich der Mann am Saxofon sein könnte. Der Musikschullehrer erklärt, dass das eine sehr gute Idee wäre, weil dieses Instrument gerade wieder im Kommen wäre in der Pop- und Rockmusik. Dann weist er mich jedoch darauf hin, dass ich große Hände hätte, was mich relativ geeignet machen würde zum Gitarristen. Ich lenke ein, sofort, und erkläre mich einverstanden, eine Ausbildung zum Gitarristen zu beginnen.

Die Reaktionen der Umwelt sind wie erwartet; deswegen sind wir ja derart überrascht von den Gesprächen mit der Direktorin und dem Musikschullehrer. Einige Mitschüler amüsieren sich ganz offen, aber das war klar. Meine Eltern reagieren in der Art „Wir haben jetzt hier einen Künstler im Haus!“ Auch das entspricht jedoch den Erwartungen, und nicht nur meinen, denn einige andere Eltern reagieren ähnlich.

Mindestens merkwürdig ist die Reaktion eines Lehrers, der selbst mehrere Instrumente spielt und dessen Mutter eine bekannte und nachher zu Recht lokal berühmte Musikerin und Musikschullehrerin ist. Er will uns unseren Plan nicht ausreden, aber er baut gewissermaßen mit Worten Barrieren, von denen er uns versichert, dass wir sie überwinden müssten, um uns als Band auch nur konstituieren zu können. Beispielsweise erläutert er uns ausführlich, dass nach dem Erlernen der einzelnen Instrumente die eigentliche Herausforderung anstehen würde, das Zusammenspiel.

Zu unsererer Verblüffung kommt er aus sich heraus, indem er etwa das Jaulen einer Gitarre beim Solopart mit dem Mund nachahmt. Wir sehen uns verstohlen an, um uns zu vergewissern, dass wir alle Schwierigkeiten haben, einen Lachanfall zu vermeiden. Der Mann ist Mathematiklehrer und so haben wir ihn noch nicht erlebt. Offenbar sind Künstler ein bisschen beknallt, aber solche Künstler wollen wir eigentlich nicht werden. Oder geht das gar nicht zusammen, nicht ein bisschen beknallt und Künstler? – An dieser Stelle sind eigentlich wir die Spießer, und ganz tief drin spüre ich das auch.

Erwecken wir bei Leuten, die sich durchaus auskennen, den Eindruck, wir wollten alles mit links machen, den wir gar nicht wahrnehmen? Oder haben wir es hier mit einem sogenanntem Erwachsenen zu tun, der angesichts unserer hochfliegenden Pläne an eigene Projekte erinnert wird, die er längst aufgegeben hat, weil das Leben halt so ist usw., bla bla? – Ich bekomme keine Antworten auf diese und weitere Fragen, weil ich sie gar nicht laut stelle, was mir oft in meinem magischem Denken selbst nicht klar ist.

Wie bei den meisten wichtigen Schritten in meinem Leben bekomme ich zu diesem Projekt erst Jahrzehnte später eine Ahnung davon, was eigentlich abgeht. Ich frage mich, wann ich es einmal erlebt habe, dass jemand mich bei meinen Vorhaben, Plänen, Ideen usw. anspornt, ja, ertüchtigt, indem er etwas äußert wie „Wahnsinn! Super! Das schaffst Du, Alter, tolle Sache!“, oder indem er, bildlich gesprochen, über die Bande springt und mich beim Zieleinlauf anfeuert.

Bei fast allen diesen Vorhaben, wenn ich sie denn überhaupt anspreche, werden sofort Zweifel oder gar Vorwürfe laut, und das über Jahrzehnte hinweg. Jeder hat die Freunde, die er verdient, das scheint in der Tat zutreffend. Das muss aber etwas mit mir zu tun haben. Strahle ich tatsächlich schon viel früher, als es mir bewusst wird, diese Haltung aus „Alles Haschen nach Wind!“?

Dies muss beim Projekt Band besonders auffallen, der augenfälligen Ambivalenz wegen. Es gibt ja Anfeuerer, und eben da, wo wir sie nie erwartet haben, gar bei Autoritäten wie der Schuldirektorin oder dem Musikschullehrer. Wir erleben unerwartete und überaus enthusiastische Zustimmung und über das Ideelle hinaus präsentiert man uns quasi auf dem Tablett großzügige Startpakete, von denen wir nicht einmal zu träumen wagten, weil sie uns gar nicht eingefallen wären.

Was geht da ab? – Einige Wochen lang schwelgen wir in Plänen betreffs Auftrittsmöglichkeiten und diskutieren vor allem über den Namen für unsere Formation. Mir fällt das Kofferwort „Rhythmuskeln“ ein, aber das wird belächelt, auch von Außenstehenden. Wir einigen uns auf „Taifun“.

Nach diesen paar Wochen ist die Band aufgelöst. Damit ist das einzige Projekt gescheitert, bei dem wir nach den Worten der Erwachsenen uns an etwas Vernünftigem zumindest versuchen, jenseits von Unfug und Faxen und Streichen wie Kirschenklauen oder Wolf Larsen spielen. Wieder bleibt alles bei Ansätzen und Andeutungen, wieder wird eine Geschichte nicht rund, geschweige denn vollendet.

Aber das macht nichts – es ist okay! Es geht alles seinen Gang! Ich bin insgeheim erleichtert, dass ich mich den Herausforderungen und vor allem den Ängsten nicht stellen muss, die sich bei den weiteren Schritten auf diesem Weg zwangsläufig bereits andeuten nach dem, wieder bildlich gesprochen, Luftsprung an der Startlinie. Es zieht wieder Ruhe ein.