Ankommen wie üblich…

Der Oberarzt erklärt zum Abschluss des Gesprächs, dass ich relativ schnell in die Klinik kommen könnte, aber trotzdem einige Wochen warten müsste, wahrscheinlich bis zum Oktober. Am ersten Septemberwochenende erscheint jedoch mein „Vermieter“, in dessen Wohnung ich schwarz wohne bis zum Erhalt des Mietvertrages, nachdem er eine neue Wohnung bezogen hat. Er scheint verblüfft, andererseits aber geradezu beschwingt. Offensichtlich begrüßt er es, was ich nicht erwartet habe, dass ich endlich was mache zur Veränderung meiner Situation. Er bringt mir ein Telegramm mit der Mitteilung, dass ich bereits am folgendem Montag kommen könnte, da jemand abgesprungen wäre.

In lange nicht erlebter Stärke erfüllt mich diese wellenartig aufsteigende Erwartung, die ich seit meiner frühen Kindheit immer wieder erlebe. Insgeheim mache ich mich über mich selbst lustig. Allein die Aussicht auf diese Änderung meines Lebens durch Einzug in die Beklopptenstation aktiviert mich dergestalt, dass ich endlich mein Wohnzimmer malere.

Allerdings bin ich zu feige für Orange oder Terrakotta, sondern streiche zwei Wände dunkelgrün und zwei gelb. Das Grün passt ungewollt gut zu dem der Ofenkacheln und ich finde das Ganze gediegen. Mit dem Malen bin ich buchstäblich in letzter Minute fertig, in der sonntäglichen Abenddämmerung. Ich reinige und entsorge das Malerwerkzeug, packe noch meine Tasche, und gehe mit den Hühnern schlafen.

Passt schon – ein neues Leben fängt an! Oder endlich das eigentliche, wirkliche, richtige usw.; am Montag, dem drittem September 1984. Am Morgen erwache ich in geradezu festlicher Stimmung und mache mich nach hastigem, eher aus Pflichtgefühl bereitetem Frühstück auf den Weg. Das zählt jetzt alles nicht mehr, ich lasse das alles hinter mir, diese Wohnung und den Alltag darin. Inzwischen ist mir zumindest halb bewusst, dass ich zwar aus meiner Heimatstadt und dem Elternhaus geflüchtet bin, aber am Ort der Erfüllung Berlin alle die kleinen Rituale des Alltags zu reproduzieren beginne, denen ich eigentlich entkommen will.

Der Weg zur U-Bahn und die Fahrt zum Alex sind der größere Teil meiner gewohnten Strecke, die ich jeden Morgen absolviere. Aber bereits den erlebe ich in angenehmer Weise anders als gewohnt. Der morgendliche Berufsverkehr ist beendet, es sind nur noch einige Nachzügler auf Bahnsteigen und an Haltestellen, die man an ihrem hektischem Hasten erkennt. Es sind im Vergleich zum alltäglichem Erleben wenige Leute auf der Straße, die sich zudem alle langsam und entspannt bewegen.

Ich benutze die Nahverkehrsmittel eine Stunde später als sonst und habe damit sehr viel Zeit bis nach Berlin-Hirschgarten, wo sich die stationäre Abteilung des Hauses der Gesundheit befindet. Den Weg dorthin habe ich nicht, wie geplant, vorher erprobt, zumal die Zuweisung eines Therapieplatzes überraschend kommt. Zwar bezichtige ich mich dabei selbst immer wieder paranoider Tendenzen, aber etliche Jahre später frage ich mich, ob diese plötzliche Einweisung vielleicht bereits inszeniert gewesen sein könnte.

Ich lasse mir bei dieser Fahrt einen großen zeitlichen Spielraum, weil ich aus Erfahrung weiß, dass ich zu Terminen umso sicherer zu spät komme, desto wichtiger sie sind. Dies ist nach meinem Einzug ins Schülerwochenheim der wichtigste Termin meines Lebens. Dass diese Wahrnehmung etwas mit dem Phänomen „Gruppe“ zu tun hat, ist mir nicht klar.

Auf dem Alex sehe ich zum -zigstem Male auf einer Karte nach, wie ich fahren muss. Ich habe das schon so oft getan, dass ich die Strecke im Schlaf beherrschen müsste, aber irgend etwas zwingt mich, mich immer wieder zu vergewissern, welche Linie ich benutzen und wo ich aussteigen muss.

Während ich, meine große Tasche neben mir, die riesige Berlin-Karte an einer der Wände des Bahnhofs Alex studiere, werde ich von einer Streife der Volkspolizei kontrolliert. Ich bin völlig verblüfft. Ich bin nüchtern, habe kurze Haare, trage keine Jeans und keinen Parka und bewege mich, mit gesundem Menschenverstand betrachtet, in keiner Weise auffällig oder gar provozierend. Die Polizisten scheinen jedoch ohne Worte mitzuteilen, dass ich allein deshalb verdächtig bin, weil sie mich wahrzunehmen gezwungen sind. Diese unausgesprochene Mitteilung kenne ich bisher von Begegnungen mit Genossen Tschekisten, erlebe sie aber hier zum erstem Mal bei Vopos.

Nachdem sie meinen Ausweis kontrolliert haben, lassen mich die Polizisten gehen, dies jedoch auch wieder mit einer unausgesprochenen Mitteilung. Hier lautet sie etwa: „Hau bloß ab!“

Dass ich verdächtig erscheinen könnte, weil ich am Morgen eines normalen Arbeitstages im Zentrum der Hauptstadt herum lungere, wird mir fast noch in der Situation deutlich. Der unbewusste Grund für diese unerwartete Intervention scheint mir erst viele Jahre später klar. Ich schere aus, ich flüchte, ich bin im Aufbruch, ich mache mich davon, ich komme wie ein männliches Rotkäppchen vom Weg ab im wörtlichem und im übertragenem Sinne usw.

Die Polizisten haben womöglich auf die starken Schuldgefühle reagiert, die ich ausstrahle, weil ich in der Tat im Begriff bin, ein Gesetz zu übertreten. Das Gesetz ist jedoch kein offizielles, juristisch festgeschriebenes, sondern ein neurotisches, und es lautet „Du sollst nicht aus der Spur kommen!“ Genau das zu tun, bin ich jedoch gerade im Begriff. Niemand im Betrieb weiß von meinen Bemühungen um Psychotherapie, geschweige denn von den sechs Wochen stationärer Behandlung. Vorgesetzte und Kollegen erfahren davon erst durch die Krankmeldung, die sie innerhalb der vorgeschriebenen drei Tage erreicht.

Der S-Bahnhof Hirschgarten ist menschenleer. Ich soll um acht Uhr in der Klinik sein und jetzt ist es kurz vor halb acht. Wie ich mich auf der Karte vergewissert habe, benötige ich für den Weg vom S-Bahnhof zur Psychotherapie-Station höchstens zehn Minuten, eher weniger, weil ich im Vergleich zum normalem Fußgänger recht schnell gehe. Ich muss nur etwa 150 Meter durch eine beinahe dörfliche Eigenheimsiedlung laufen, auf einem Weg, der nicht einmal einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt beginnt, und dann eine Hauptverkehrsstraße überqueren, um in dem kleinem Villenviertel auf der anderen Seite nach höchstens zwei Minuten das Gelände der Klinik zu erreichen.

Unweit des Bahnhofes steht ein Wasserkran zwischen den Schienen, mit dem früher Dampflokomotiven versorgt wurden und wahrscheinlich gelegentlich noch immer versorgt werden. Er erinnert mich an die Modelleisenbahn, die mein Vater in meiner Vorschulkindheit gebaut und mit der er dem Klischee entsprechend fast mehr gespielt hat als ich. Da mich die Landschaft insgesamt an die Urlaubsausflüge mit meinem Vater in historischen Kleinstädten in meiner Vorschulkindheit erinnert, bin ich überzeugt, dass ich einem psychischem Prozess erliege, über den ich gelesen habe, und der bewusst therapeutisch genutzt wird. Es handelt sich um die sogenannte Regression, mit der ein zeitweiliges Zurückgehen auf lebensgeschichtlich frühere Muster des Erlebens und Handelns benannt wird. Ich bilde mir ein, sicher sein zu können, dass diese Regression bei mir bereits eingesetzt hat, bevor ich die Therapiestation erreicht habe.

Es passt alles. Das Wetter ist hochsommerlich, die Wohngegend ist ländlich-dörflich-friedlich und erinnert an eine Garten- und Parkstadt. Nördlich der Bahnstrecke ist gar dichte Bewaldung. Es sind fast nur natürliche Geräusche zu hören, wie Vogelgezwitscher oder das Rauschen leichter Windstöße in den Bäumen. Nur etwa alle zehn Minuten fährt ein Zug und nur ganz gelegentlich sind Automotoren zu hören. Bereits die Atmosphäre scheint etwas Heilsames zu haben und ich scheine hier richtig zu sein.

Die Einfamilienhäuser, die hier stehen, sind keine neugebauten Eigenheime, sondern ältere Villen, oft repräsentative Bauten aus einer anderen Zeit. Ich bin weniger verblüfft über ihre Existenz als darüber, dass ich nie auch nur auf den Gedanken gekommen bin, Berlin, die Stadt meiner Erfüllung, auf eigene Faust zu erkunden auch in diesen im mehrfachem Sinne entlegenen Quartieren. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dieses Empfinden aus den beiden Urlaubsreisen mit meiner Mutter und meinem Vater kenne, vor allem aber aus meinen vielen Ferienlageraufenthalten. Ich bin derart von neuen Eindrücken jenseits des Alltags überwältigt, dass ich mir geradezu innerlich schwöre, später eigenmächtige Erkundungen vor allem historischer Landschaften und Orte zu unternehmen, setze aber diesen Vorsatz nie in die Tat um.

An dem Weg einige Schritte vom südlichem Ausgang des Fußgängertunnels unterm Bahnhof entfernt sind Bauarbeiter mit Tiefbauarbeiten beschäftigt. Jetzt erlebe ich etwas sehr Merkwürdiges. Mir scheint, dass in dieser Szene gewissermaßen eine Botschaft enthalten wäre, die in etwa lautet: „Lass die Therapie, mach hier bei uns mit!“

Dieses Empfinden des gemacht Werdens von Realität, das von den meisten Psychologen und Psychiatern als typisches Symptom einer psychotischen Störung gesehen würde, ist jedoch in diesen ersten Momenten in Berlin-Hirschgarten bei Weitem nicht derart ausgeprägt wie bei tausenden derartiger Erlebnisse nach meinem persönlichem Wendepunkt 1986. Der Unterschied ist vergleichbar mit dem zwischen Illusion und Halluzination. Natürlich kenne ich diesen Unterschied aus meiner unsinnigen gründlichen Lektüre von „Psychobüchern“. Ich spüre hier beim Ankommen in Hirschgarten nur eine Art augenblicksweise, nicht drückend bedrohlich, sondern eher erheiternd wirkende Anwandlung ohne das spätere Gefühl des eingesperrt Seins in ein inszeniertes Leben. Ich gehe mit einem Achselzucken darüber hinweg und meines vermeintlich sicheren Weges.

In Wahrheit bin ich mir des Weges in die Klinik mittlerweile nicht annähernd so sicher wie bei meinem zwanghaft wiederholtem Studium der Stadtkarte. Auch das müsste ich von ähnlichen Erlebnissen kennen, auch die habe ich jedoch achtlos ausgeblendet.

Ich biege nach links ab, in Richtung Osten. Die Gegend erscheint mir zunächst geradezu paradiesisch, als ich an einem Grundstück vorbei komme, das sich nicht nur nach allen Seiten ein paar Meter um das Haus herum erstreckt, sondern einen regelrechten Bauernhof darstellt. Hinter einem hohem Holzzaun, aus geschlossenen Platten bestehend, nicht aus Zaunlatten oder dergleichen, ist eine mit Gras, Blumen und Unkraut bewachsene Fläche von der Größe etwa zweier Volleyballfelder. Das Hoftor ist ungewöhnlich breit und steht weit offen. Hinter der Fläche dieses hofähnlichen Anwesens steht ein an einen Bungalow erinnerndes Wohnhaus nur mit Erdgeschoss. Weiter dahinter ist als eine Art Urwaldstück das Naturschutzgebiet eines Flüsschens zu erkennen, das ich von der Stadtkarte kenne. Es ist hier jedoch wie auf dem Dorf! Ich erwarte, dass jeden Augenblick ein Hahn kräht. Wieder kommt die Frage in mir auf und wieder verdränge ich sie sofort, warum ich nicht nur nicht erwartet habe, derartige Stadtlandschaften zu finden, sondern auch nie einen Versuch unternommen, dergleichen zu suchen.

Weiter östlich komme ich an richtigen Mietshäusern vorbei, sowohl zweistöckigen um große, parkartige Innenhöfe herum errichteten Bauten aus der Vorkriegszeit als auch Wohnblocks aus den Siebzigern, die mich an meine Heimatstadt erinnern. Dann wandere ich eine geradezu prächtige Allee mit großen, alten Bäumen entlang, die aus der Straße eine Art grünen Tunnel machen. Jetzt spüre ich deutlich das Aufsteigen von Empfindungen aus ähnlichen Wanderungen in meiner Kindheit. Ich bin schnell weg getreten, wie ebenfalls üblich bei derartigen räumlich und zeitlich ausgedehnten Stadtgängen, indem ich mich in einen Strom innerer Bilder und Szenen eher fallen lasse als mich in sie hineinsteigere.

Ich ahne schon, dass ich zu spät komme, weil ich mich verlaufen habe. Ich werde wütend, als ich an einer Frau vorbei komme, die ein überlegen-wissendes Lächeln zeigt, das Frauen oft entwickeln, wenn ich in dieser seltsamen Weise wie besoffen durch mir unbekannte Landschaften und Stadtviertel eher marschiere als flaniere. Flanieren würde ich gern, wie Heinz Knobloch, um dann über die gehabten Eindrücke zu schreiben, aber das gelingt mir nicht oder nur selten und in kläglichen Ansätzen. Mir scheint, dass dieses von leider echter Überlegenheit geprägte Grinsen etwas mit der scheiß Sexualität zu tun haben könnte. Das will ich jedoch gar nicht wahrhaben, und ich schlucke diesen Gedanken ebenso wie die Wut hinunter.

Schließlich erreiche ich den nächsten Bahnhof, den von Friedrichshagen. Quasi aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass die Stadtlandschaft hier zwar in verschiedenen Stadien des Verfalls befindlich ist, aber dennoch prächtig. Wieder bin ich verblüfft, dass es so was gibt, und bin verwundert, dass ich nicht einmal den Versuch unternommen habe, dergleichen zu entdecken.

Aber für solche Empfindungen und Gedanken ist kein Platz mehr, d. h., keine Zeit. Wieder einmal habe ich es vermasselt, wieder einmal komme ich zu einem wichtigem Termin an einem wichtigem Ort zu spät, obwohl ich vorsichtshalber deutlich früher als nötig abgefahren bin. Ich fahre eine Station zurück, benutze jetzt den anderen, vom Süd-Ausgang des Bahntunnels aus gesehen westlichen Weg, und erreiche nach etwa fünf Minuten das Gelände der Klinik.

Es ist etwa zwanzig Minuten nach acht Uhr und ich bin verschwitzt und leicht keuchend vom Tragen der Tasche, die sich als schwerer erweist als erwartet. Ich könnte losheulen vor Wut, dass ich wieder einmal versagt habe in kleinen, alltäglichen, banalen Abläufen, und vor allem, weil mir durchaus klar ist, dass ich von außen gesehen komisch wirken muss. Auch dies alles kenne ich aus meiner Vorgeschichte.