Als Umzüge getarnte Fluchten

Ich bin nicht überrascht, als ich nach dem Öffnen meiner Wohnungstür Schuhabdrücke auf den Dielen im Wohnzimmer entdecke. Überraschend fände ich das Ausbleiben derartiger Interventionen. Die Budenzauberer sind wieder zugange.

Ich weiß, möglicherweise bezeichnenderweise, die Reihenfolge meiner in der Art abgebremster Fluchten vollzogenen Umzüge in Berlin nicht mehr. Diese Entdeckung der Schuhabdrücke mache ich in der kleinen Wohnung unweit des SEZ, in der ich für ein paar Monate lebe.

Die Wohnung erinnert mich an meine erste, die Prenzlauerberghütte. Sie hat einen in großen Teilen identischen Grundriss. Es fehlt nur der lange Korridor, neben dem in der Prenzlauerberghütte die winzige Nachbarwohnung ist. Stattdessen ist von der gleichfalls geräumigen Küche hier ein schmaler Schlauch abgetrennt. An dessen Ende steht auf einer Art niedrigem Podest und vor einem kleinem Fenster ein WC, so dass ich mich immerhin nicht auf halber Treppe erleichtern muss. Es gibt auch hier auf halber Treppe die typischen Toiletten-Verschläge. Sie werden genutzt von den Mietern der kleinen Mittelwohnungen. Zudem verfügt mein jetziges Wohnzimmer über eine Gasheizung.

In dieser Wohnung bemühe ich mich fast gar nicht mehr um ihre Einrichtung oder gar Gestaltung. Ich habe nach etlichen Bemühungen darum keinen Bock mehr. Ich stelle einen großen Kleiderschrank hinein, den ich als Schrank für alles benutze. Dahinter schiebe ich meine Liege; von der Tür aus gesehen davor, weil ich mich aus dem Haus gegenüber beobachtet fühle.

Das ist im Wesentlichen mein Mobiliar. In der Küche stehen noch ein großer Tisch und Stühle des Vormieters. Ich empfinde dieses Inventar als ausreichend für meine gewissermaßen depressiv herunter gefahrene minimalistische Lebensführung. Es gibt einen kleinen Balkon, den ich nie betrete. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich mich hier richtig erinnere. Ich habe abgeschalten, was meine Wohnbedingungen angeht.

Sozusagen sicherheitshalber und obwohl ich mir leicht dämlich dabei vorkomme, probiere ich aus, ob meine wenigen Paar Schuhe zu den Abdrücken passen. Das ist nicht der Fall. Die Schuhabdrücke sind deutlich kleiner als die Sohlen meiner Schuhe. Vielleicht waren Kinder in meiner Wohnung.

Das ist erst der Anfang, was mich gleichfalls nicht überrascht. Wenige Wochen nach meinem neuerlichem Wohnungswechsel zieht ein aus der Haft Entlassener in die Mittelwohnung der Etage. Es gibt sofort Horrido und Remmidemmi und Rabatz. Die Wohnung entspricht der Mittelwohnung neben meiner Prenzlauerberghütte. Sie besteht nur aus einem sehr kleinem Flur von etwa 4,5 qm Grundfläche und dahinter einem kleinem Zimmer.

Der Mann hält Ansprachen. Er donnert und wütet und wettert lautstark gegen Abwesende, wenn er allein in der Wohnung ist. Seine Vulgärrhetorik ist jedoch vor allem deshalb makaber, weil die Schimpftiraden sich nach den Schreiattacken der Radau-Rhetoren im Regime mit kotfarbener Fassade anhören.

Das ist eine Prüfung! Ich soll dem Mann helfen, wieder Fuss zu fassen. Ich muss ihm aus dem verhängnisvollem Kreislauf heraus helfen, in den er schon wenige Tage nach seiner Entlassung neuerlich zu geraten droht. Ich habe über dergleichen beispielsweise bei Schukschin gelesen und nun erwarten die In-Vivo-Therapeuten meinen Sprung vom ewigem Theoretisieren zum praktischem Handeln. Zudem wiederholt sich die Geschichte mit dem Nachbarn in der winzigen Wohnung neben dem Flur meiner Prenzlauerberghütte. Den besuche ich in der U-Haft und im Maßregelvollzug, weil ich das für meine Pflicht halte.

Unerwartet werde ich in meiner Wahrnehmung bestärkt durch die Reaktion des Mannes in der Wohnung gegenüber. Dort wohnt ein junges Pärchen. Die Frau erinnert mich äußerlich an Mascha Kaléko, der junge Mann nicht nur äußerlich an den Vormieter der Prenzlauerberghütte, nach dessen Auszug ich in der Wohnung verbleibe. Es scheint sich in der Tat ein Kreis zu schließen.

Dieser Nachbar erscheint als die Verkörperung eines ruhigen Bürgers und dies keineswegs im abwertendem Sinne gemeint. Es muss daher umso mehr auffallen, dass ihm irgendwann der Kragen platzt. Er donnert den Typen in der Mittelwohnung mehrfach zusammen, als der gegen Mitternacht voll wie ’ne Haubitze in seine Wohnung poltert und mit seinen Ansprachen an Unbekannt beginnt. Der Erfolg ist nur mäßig. Nach einer Viertelstunde Ruhe brüllt der Mittelwohnungsmieter neuerlich los.

Den haben die in der Mangel! Der wehrt sich wie ich gegen den Budenzauber. Der „hört Stimmen“ wie ich! Das ist alles kein Zufall, das ist inszeniert!

Ich bin mir auch jetzt sicher, welche Rückmeldung ich bekommen würde nach dem Versuch, etwa einem Psychiater diese meine Bewertung des Geschehens darzulegen. Es handele sich, würde dieser in etwa erklären, bei meinem Empfinden des gemacht Werdens von Realität um ein typisches psychotisches Symptom. Die Gabe von Neuroleptika wäre angezeigt. Ich habe jedoch bereits alle Bemühungen um professionelle Begleitung eingestellt. Ich versuche, mich irgendwie durchzuwurschteln, und erstaunlicherweise scheint das zu funktionieren.

Das grotesk Faszinierende über meine Person hinaus scheint mir auch hier wieder, dass ich trotz nach gewissermaßen offizieller Lesart manifest psychotischer Symptomatik für Otto Normalverbraucher in keiner Weise auffällig oder gar behandlungsbedürftig erscheine. Ich erfülle meine Pflicht. Ich gehe einer geregelten Arbeit nach und bin ansonsten so gut wie unsichtbar.

Eines Abends rekelt sich eine dicke, ungepflegte, sehr unangenehm riechende und voll breite Frau vor meiner Tür. Sie lallt, sie wolle meinen Nachbarn in der Mittelwohnung besuchen. Dann schnorrt sie mich um eine Zigarette an.

Was mich in solchen Situationen sprachlos macht, sind die unzählige Male beim angemacht Werden von derartigen Marginalpersonen sozusagen hinter und zwischen den Worten gestellten Forderungen. Diese Leute scheinen intuitiv zu spüren, dass ich Probleme mit Abgrenzung habe. Sie wenden sich dementsprechend prompt an mich. Das erlebe ich nach der Wende Dutzende Male bei Bettlern, die von zahllosen Passanten zielsicher mich ansprechen. Mir scheint wieder einmal, dass die einzige mir mögliche Form der Abgrenzung die Isolation sein könnte.

Es ist, als wollten die Betreffenden sagen: „Hier bin ich, jetzt bietet mir was!“, „Ich will sofort geliebt werden, sonst mache ich nicht mit!“ und „Die Welt hat etwas an mir gut zu machen, es ist viel zu viel offen und unerledigt in meinem Leben!“ Sie entwickeln dabei eine scheinbare oder tatsächliche Selbstsicherheit, die mich oft sprachlos macht und von der ich gern ein bisschen hätte außerhalb meiner Textproduktion.

Etliche Jahre später scheint mir bei der Lektüre Günter Ammons, dass diese unausgesprochenen Erwartungen und Forderungen keineswegs unangemessen sein könnten. Es scheint tatsächlich zu viel unerledigt geblieben in der psychischen Entwicklung dieser Menschen am Rande der Gesellschaft. Diese Leute scheinen im Sinne Daniel Casriels emotionale Kinder in Körpern von Erwachsenen. Wieder einmal kommt mir der Gedanke, dass diese inneren Bedingungen diese Menschen zur Unterschicht werden lassen und nicht ihre geringen materiellen Mittel. Ich spreche auch diesen Gedanken nirgends aus, weil auch er mir bekloppt vorkommt.

Dass und inwiefern dies alles auch auf mich zutrifft, ist mir durchaus klar. Ich bin längst nicht emotional erwachsen. Vielmehr scheine ich ein Quasi-Jugendlicher, der auf der Schwelle vom Elternhaus nach draußen festklemmt. Auch diese Einsicht nützt mir nichts, weil ich wie immer theoretisiere. Daher die latente Forderung der Budenzauberer nach praktischem Handeln durch den Aufforderungscharakter der Auftritte meines tobenden Nachbarn.

Jetzt werde ich sozial auffällig. Ich habe im Kellergang einen Wurf Katzen gefunden, deren Mutter verschwunden ist. Ich bringe die Kätzchen in meine Wohnung und bemühe mich, sie aufzupäppeln. Eines der Tierchen klettert auf das Fensterbrett, fällt in den Topf mit meinem bis zum Kochen erhitzten Rasierwasser und verendet qualvoll. Ich mache mir monatelang Vorwürfe. Wieder einmal klingt ein Grundmotiv an. Ich bin ein Monstrum.

Die vier oder fünf Jungtiere pinkeln im Wohnzimmer die Dielen voll. Es stinkt heftig in meinen Denk- und Darbestübchen. Der von der Wohnungsverwaltung georderte Handwerker scheint lebenserfahren genug zu bemerken, was bei mir abgeht. Er belässt es bei Kopfschütteln und halblautem Murren und schleift die Dielen ab.

Ich will die Kätzchen jedoch nicht ins Tierheim bringen. Zumindest halb bewusst ist mir, dass ich nicht nur zu faul dazu bin. Vielmehr müsste ich mich zeigen. Es würde öffentlich sichtbar, dass ich zumindest an den Tieren ein gewisses Interesse habe oder gar eine schwache Bindung zu ihnen. Eine auch nur unfreiwillige derartige Selbstdarstellung ist jedoch tabu. Es ist alles geheim. Schließlich werden auf Veranlassung der Wohnungsverwaltung die Tiere bis auf einen kleinen Kater vom Tierheim abgeholt.

Wieder habe ich nicht nur nicht bestanden, sondern rundum versagt. Ich beginne die nächste Wohnung zu suchen.

***

Eines Morgens werde ich etwa gegen halb neun Uhr davon geweckt, dass jemand meine Wohnungstür aufzubrechen versucht. Dies geschieht in meiner Wohnung im Friedrichshainer Samariterviertel. Ich wohne Parterre links im rechtem Seitenflügel. Allerdings ist der Hof nur zur Hälfte mit Beton versiegelt. Dahinter wächst auf einer Art Hochbeet saftiges Gras. Vor allem geht die Bebauung nicht wie oft in Prenzlauer Berg und Friedrichshain nach hinten raus weiter. Vielmehr endet der Hof an einer parallel zur nördlichen Außenwand des Seitenflügels verlaufenden Mauer. Dahinter erstreckt sich seit Jahrzehnten ein großer Schulgarten.

Ich bin Zeitungszusteller und gehe morgens gegen acht Uhr zu Bett. Ich muss je nach Stützpunkt bzw. Ablage, von denen aus ich zustelle, zwischen ein und zwei Uhr anfangen, um bis zum Zustell-Schluss mit der Arbeit fertig zu sein. Ich mache diese Arbeit als Hauptjob, indem ich so viele Zeitungen zustelle, dass ich im Schnitt etwa 1100 DM netto verdiene. Dies allerdings bei Mieten unter 200 DM. Ich muss demnach quasi im Dauerlauf zustellen und gehe abends kaum schlafen oder döse nur ein paar Stunden mit Ohropax in den Ohren vor mich hin.

Dieser Job hat unter anderem zur Folge, dass mich eine Ärztin nach der Erstellung eines Belastungs-EKGs trotz meines starken Rauchens allen Ernstes fragt, ob ich Leistungssportler wäre. Sie hält es für einen Joke, als ich wahrheitsgemäß verneine und erkläre, ich hätte vielmehr Jahre lang als Zeitungszusteller gearbeitet.

Zu derartigen Rückmeldungen sage ich aus Resignation längst nichts mehr. Der Histrionische wieder mit seinen Münchhausiaden; man kennt das. Dabei leide ich seit vielen Jahren darunter, scheinbar phantasielos zu sein und daher bei meinen zahlreichen belletristischen Schreibversuchen immer nur berichten und fast nie dichten zu können. Mir ist klar, dass Mangel an Phantasie mit Traumatisierung zusammen hängen kann, aber auch diese theoretische Einsicht nützt mir praktisch nichts.

Als ich die Wohnungstür erreiche, ist der Täter verschwunden. Die Tür wackelt jetzt im Rahmen und eine etwa daumenbreite und ca. 20 Zentimeter lange schwarze Schramme erstreckt sich bis zu ihrer Unterkante. Diese Spuren eines Einbruchsversuches sind eindeutig nicht phantasiert oder halluziniert. Sie werden auch von Außenstehenden bemerkt. Auch dieses Erlebnis beunruhigt mich unangemessen wenig. Es musste so kommen, es geht gar nicht anders. Das sind die, die Budenzauberer. Die bearbeiten mich wieder.

Bis auf wenige Wochen in dieser Wohnung besitze ich aus Prinzip nie einen Fernseher. Der Empfang ist im Parterre des Seitenflügels derart schlecht, dass ich nur vier bis fünf Sender empfangen kann und die auch nur mit mäßiger Bildqualität. Nach einigen Wochen schiebe ich das Gerät mit einer Zeitungskarre zu einem An- und Verkauf um die Ecke und bin froh, noch 20 Mark dafür zu bekommen.

Ausgerechnet ich werde an einem Nachmittag von einer Frau aus einer Wohnung über mir angeschnauzt: „Fernseher aus!“ Die Stimme habe ich noch nie gehört und höre ich auch nicht wieder. Da Nachmittag ist und ich bei der von mir eingestellten Lautstärke die Filmdialoge schon in meinem Flur kaum verstehe, bin ich mir sicher, dass es sich hier um eine symbolische Geste handelt, nicht um wütende Intervention wegen Ruhestörung oder dergleichen. Die Frau will den Spießer aufscheuchen. Ich komme nicht dazu, mich zu ärgern, weil ich zu amüsiert bin.

Geradezu zwangsläufig erlebe ich kurze Zeit später das mich nicht mehr amüsierende gewissermaßen Gegenstück zu dieser Episode. In der Wohnung über mir im drittem und letztem Obergeschoss wohnt eine junge Frau, die ich einmal an einer belebten Kreuzung fünf Minuten Fußweg von meinem Haus entfernt treffe. Ich bekomme beinahe Angst, weil sie bei diesem Gespräch geradezu klammert. Immer wieder will ich den Smalltalk beenden, und immer wieder veranlasst sie mich, das Gespräch fortzusetzen.

Mir ist klar, dass diese Episode auf vielleicht für mich typische Weise tragikomisch ist, denn erst Jahrzehnte später verstehe ich diese Szene. Die junge Frau wird gestalkt von einem Mann, den ich oft vor dem Seitenflügel habe herumlungern sehen. Im für solche Fälle typischen Eifersuchtswahn sieht er mich mehrfach an, als wolle er mich platt machen.

Womöglich war man der Meinung, ich wäre der Stalker. Die Nachbarin versucht sich nun in einem öffentlichen freundlichen Gespräch mit mir zu zeigen, so dass klar werden dürfte, dass nicht ich der Stalker bin. Eine Grunderfahrung meines Lebens; ich bemerke nicht, wer meine sozusagen potentiellen Verbündeten sind und dass es sie überhaupt gibt.

Der Tragikomik dieser Erfahrung bin ich mir bewusst. Im Gegensatz etwa zu erfolgreichen Komödienautoren gelingt es mir jedoch nicht, etwas draus zu machen im Sinne einer Lösung zweiter Ordnung durch künstlerische Verarbeitung. Diese Unfähigkeit ist für mich weit bedrückender als etwa mein Status als schlecht bezahlter Hilfsarbeiter. Auch dieses Empfinden scheint schwer zu vermitteln.

Ich weiß, dass ich mit meinem unbestimmten Verhalten schon Übertragungen und Projektionen provoziert habe lange vor meiner ersten Therapie und der darin entwickelten Einsicht in diese psychischen Vorgänge. Dieses Verhalten ist zudem keine Attitüde eines Möchtegernetherapeuten, wie mir später sinngemäß unterstellt wird. Ich habe sie unbewusst und damit umso wirksamer von meinem Vater übernommen. Er nutzt nach seiner Traumatisierung bei Vertreibung und Flucht in einer Art anhaltenden subtilen Identitätsschwäche dieses unbestimmte Verhalten als eine Art Schutzhülle. Er strahlt außerhalb des Familienkreises immer wieder eine Haltung aus, als wolle er sagen: „Tu bitte etwas, damit ich re-agieren kann, denn von mir aus agieren kann ich nicht!“ Gleichfalls sehr verspätet wird mir klar, dass immer wieder Leute auf dieses gewissermaßen unausgesprochene Kommunikationsangebot wie selbstverständlich eingehen.

Ich bewege mich in meiner Parterrewohnung häufig mit Ohropax oder In-Ear-Kopfhörern in den Ohren. Dabei spüre ich immer wieder diese Art Aufwallungen, die ich schon seit vielen Jahren erlebe und die mich in eine Art resignierte Gereiztheit versenken. „Resigniert“, weil ich aufgegeben habe daran zu glauben, dass diese seltsamen inneren Monologe einmal aufhören. Sie sind nicht identisch mit lautlosem Mitsprechen beim Bücher lesen oder mit meinen Pseudo-Halluzinationen.

Fast immer eskalieren diese inneren Monologe bis zur körperlichen Bewegung. Irgendwann erlebe ich buchstäblich einen Ruck, stehe auf und gehe in die Küche oder ins Bad. Im selben Augenblick jedoch kommen Leute auf den Eingang des Seitenflügels neben meinem Küchenfenster zu und sehen mich aus dem toten Winkel gehen.

Ich könnte manchmal vor Wut heulen. Das erinnert mich an meine Vorschulkindheit, in der ich tatsächlich vor Wut heule, wenn ich nachts nicht mehr husten will, aber husten muss. Dabei ahne ich zumindest in dieser Parterrewohnung, dass mir mein Unbewusstes Streiche spielt. Was da buchstäblich raus kommt, könnte Ausdruck des kläglichen Restes meines früh deformierten Antriebs zum neugierigem, freundlichem und aufgeschlossenem sich Menschen Zuwenden sein.

Dennoch und erst recht bleibt die Frage, wie meine geradezu reflexartigen Bewegungen durch äußere Reize ausgelöst werden könnten. Weil ich die Ohren zugestöpselt habe, höre ich nichts von den Geräuschen draußen und vor allem auf dem Hof. Ich kann auch niemanden sehen, weil die Liege, auf der ich lese, Musik höre oder in meinen melancholischen Wachphantasien vor mich hin dämmere, im toten Winkel des Zimmers steht. Etwa durch sich nähernde Personen ausgelöste Vibrationen können keine Auslöser sein, weil Weg und Hausflur betoniert sind und zudem durch mehrere eisenverstärkte Schwellen und Türrahmen abgegrenzt.

Über welche Kanäle werden hier Informationen übertragen? Keineswegs mache ich auf Rupert Sheldrake; von dem habe ich zu dieser Zeit noch keine Zeile gelesen. Derartige Fragen stelle ich zudem nicht einmal Psychologen, von denen ich weiß, dass sie Grenzerfahrungen halbwegs aufgeschlossen gegenüber stehen. Dergleichen würde sehr wahrscheinlich als Eso-Scheiß, Pseudologia phantastica oder schlimmstenfalls grenzpsychotisches Erleben gewertet.

Der bösen, wenngleich erst recht tragikomischen Pointe dieser Erlebnisse werde ich gleichfalls erst Jahrzehnte später gewahr. Natürlich könnten oder gar müssten meine geradezu reflektorischen Gänge durch meine Wohnung auf im doppelten Sinne Außenstehende wirken, als würde ich im Hinterhalt lauern.

Das wird mir Jahrzehnte später über Monate hinweg gewissermaßen rückgemeldet per Mental-Funk. Mit dieser Wortbildung versuche ich, meine Pseudohalluzinationen und gelegentlichen echten Hallus zu verballhornen, was mir aber nicht viel hilft. Hat die Wende verpennt; Stasi; liegt Tatsache im Hinterhalt; ist im ganzem Friedrichshain bekannt, belauert überall die Leute usw. usf.

Dabei habe ich ab wenige Monate nach der Wende in meinen Wohnungen auch oft tagsüber die Ohren mit Ohropax oder Ohrhörern verstopft; beim Schlafen grundsätzlich, weil ich sonst gar nicht schlafen könnte. Es scheint nicht möglich zu vermitteln, dass diese Umstände die Wohnqualität mehr bestimmen als etwa die Anzahl der Zimmer, die Ausrichtung des Balkons, die Größe der im Bad mit Kacheln verkleideten Fläche usw.

Wenn ich lauere, dann nicht auf die Leute, sondern auf die Stimmen. Die Leute interessieren mich gar nicht. Wenn man mir das als sozusagen asoziales Verhalten vorwerfen würde, müsste und würde ich sogar zustimmen. Es wird jedoch wieder alles ins Gegenteil verdreht.

Mitnichten steigere ich mich in Selbstmitleid oder Selbstdarstellung als Opfer hinein. Vielmehr genieße ich diese Verdrehungen usw. im Vollzug einer Art antrainierten mentalen Masochismus‘ gar insgeheim ein wenig. Ich würde das nie zugeben, wenn mich jemand darauf ansprechen würde. Das geschieht jedoch ohnehin nicht.

Zudem dürften derartige Rückmeldungen zuweilen real gebende Leute es wahrscheinlich makaber finden, dass ich Wahrnehmung und Reflexion solcher Erlebnisse häufig spannender finde als etwa die Lektüre von Thrillern. Ich muss an den Typen in Bergmans „Schlangenei“ denken, der sich beim Biss auf eine Giftkapsel einen Taschenspiegel vors Gesicht hält, um sehen zu können, was das gibt. Angeblich ist dergleichen typisch männliche Denke.

Aus dieser Wohnung ziehe ich per Räumungsklage aus. Einige Wochen zuvor misst eine Mitarbeiterin des technischen Dienstes der Wohnungsverwaltung die Luftfeuchtigkeit. Sie deutet leicht konsterniert an, dass diese Wohnung gar nicht vermietbar wäre. Auch damit wiederholt sich etwas. Ich weiß den genauen Wert nicht mehr, es sind wohl 70% Luftfeuchtigkeit.

Das Bad, in dem ich fast täglich dusche, hat kein Fenster und auch keinen Dunstabzug. Ein weiteres Problem ist der Schulgarten hinter der Nordwand. Bis in die Höhe von etwa einem Meter drückt hinter der langen Wand meines Wohnzimmers seit Jahrzehnten feuchte, fruchtbare Erde an die nie sanierte Mauer. Nach dem Hinweis der Mitarbeiterin rücke ich meinen großen Schrank von der Wand ab und stelle fest, dass seine Rückwand grün von Schimmel ist. Ich muss das Möbelstück entsorgen.

Jetzt mache ich den Fehler, die Miete nicht auf ein Sperrkonto zu überweisen. Das ist rechtlich abgesichert möglich. Man kann damit nachweisen, dass man zahlungsfähig ist, aber Sanierungsmaßnahmen oder die Zuweisung einer gleichwertigen Wohnung ohne die Mängel der derzeit bewohnten erwartet. Vielmehr zahle ich mehrmals gar nicht und erhalte schließlich die Räumungsklage.

Gleichzeitig jedoch wird mir eine Wohnung aus dem sogenannten Sozialkontingent zugewiesen. Man scheint den Hintergrund des Geschehens wahrzunehmen. Dieses Kontingent beinhaltet Wohnungen in zur Sanierung, zum Verkauf oder zu beidem vorgesehenem Häusern. Man versichert mir jedoch, dass noch einige Monate bis zu diesen geplanten Maßnahmen vergehen würden.

***

Bereits in der ersten Nacht in der nächsten und letzten meiner Berliner Wohnungen legen die Budenzauberer neuerlich los. Die Wohnung befindet sich auf der rechten Seite der ersten Etage im linken Seitenflügel eines Gründerzeitblocks. Nachts huschen die Spots der Warnleuchten am Fernsehturm in regelmäßigen Abständen wie Blitzlichter durch mein Zimmer. Ich empfinde das keineswegs als lästig. Mir fällt jedoch ein, dass ich in meinen vielen Jahren als Einwohner Berlins nicht nur nicht einmal auf dem Fernsehturm war, sondern auch nie in einem Museum, einer Ausstellung oder dergleichen. Das nächste Museum ist weniger als 200 Meter von dieser Wohnung entfernt.

Ich lege mich kurz vor Mitternacht wie meist mit dem mir unerklärlichem Gefühl auf meine Schlafliege, dass am vergangenem Tag etwas unerledigt geblieben wäre. Möglicherweise entspricht dieses Gefühl dem typischen Empfinden des Neurasthenikers, der laut eines der bei der wilden Sammlung meines Viertelwissens von mir gelesenen Fachbücher selten das Gefühl einer vollendeten Handlung zu erleben vermag.

Augenblicklich beginnt ein offenbar älterer Mann in der Wohnung über mir aus Leibeskräften zu heulen und zu schreien wie ein Wolf. Das erinnert mich an meinen zweiten Therapieversuch in einem psychiatrischem Krankenhaus. Dort heult in einer der beiden geschlossenen Abteilungen ein Patient regelmäßig den Mond an. Im Gegensatz zu einigen anderen Klienten der psychotherapeutischen Station finde ich das nicht witzig.

Ich liege fast die ganze Nacht wach. Ich spüre deutlich, dass im metaphorischem Sinne eine Falle zuschnappt. Jetzt ist der berühmt-berüchtigte das Fass zum Überlaufen bringende Tropfen gefallen. Ich bin nach diesem vergleichsweise banalem und gar nicht wirklich bedrohlichem Erlebnis überzeugt, dass Leute mit speziellen Fähigkeiten der mentalen Vernetzung mich fertig machen wollen.

Daran ändern auch die am nächsten Tag unabhängig voneinander erfolgenden Auskünfte der älteren Frau im dritten Obergeschoss und des Medizinstudenten im Dachgeschoss nichts. Beide versichern, dass ich diese im mehrfachem Sinne tierischen Laute nicht ernst nehmen müsse. Der alte Mann wäre psychotisch und deswegen in Betreuung und würde jetzt wohl wieder für einige Zeit stationär behandelt werden. Aufmerken lässt mich allerdings die von beiden Mietern nebenher gemachte Anmerkung, er würde bei auch nur geringfügigen Änderungen in seiner unmittelbaren Umgebung immer fast panisch reagieren. Das verstehe ich sehr gut. Trotzdem habe ich Schuldgefühle.

Das weniger in grausigen Details wie etwa gelegentlich geträumten toten Babys in Waschbecken, sondern im Atmosphärischem bestehende Alptraumhafte als eine Art ständige Hintergrundstimmung verstärkt sich nicht nur in meinen Prüfungsträumen. Allein der Aufenthalt in dieser Wohnung erhält jetzt etwas Kafkaesk-Unwirkliches. Dieses Empfinden ist deutlicher als während meiner Zeit als Schwarzmieter in meiner Prenzlauerberghütte. Dort zucke ich beim Klingeln an der Tür zusammen, weil ich zugeführt zu werden fürchte usw.

Zudem ist hinter der Westwand meiner jetzigen Wohnung kein Seitenflügel oder Quergebäude mit Wohnungen, sondern mit Werkstätten oder einer kleinen Fabrik. Jeden Morgen ab sieben oder acht Uhr brummen Maschinen wie Bassverstärker und die Wände beginnen fast unmerklich zu vibrieren. Obwohl ich mir selbst albern dabei vorkomme, habe ich das Empfinden, unfreiwillig der Inszenierung eines Horror-Filmes im Wortsinn beizuwohnen.

Mein Nase beißender Kater Ramses macht die Wohnung erträglicher. Alle meine Kater heißen Ramses. Das geht auf die Benennung meines ersten Katers durch meinen Vater in meiner Vorschulzeit zurück. Der hat dabei wieder diesen magisch-mystischen Unterton in der Stimme. Damit verweist er auf tiefe Zusammenhänge, die ich nach seiner Überzeugung ohnehin nie verstehen können werde. Dabei weiß ich sehr wohl, dass Ramses der Name von Pharaonen war.

Dieser Kater jedoch hat die Angewohnheit, mir behutsam, aber nachdrücklich in die Nase zu beißen, wenn ich depressiv pseudophilosophierend auf der Liege auf dem Rücken ruhe und die Decke bis unter die Nase ziehe. Es geht ihm dabei zumeist um den aus seiner Sicht mangelhaften Füllstand seiner Näpfe. Daher ist sein Zuname „Nasebeiß“.

In dieser im mehrfachem Sinne prekären Situation beginne ich eine Behandlung bei einem Psychoanalytiker in Charlottenburg. Man könnte es ohne Ironie als paradoxe Intervention werten, dass ich als Klient mit dem mir nicht bewusstem neurotischem Selbstbild eines Unsichtbaren einen blinden Analytiker wähle. Ich habe die Wahl; ich kann mit drei Analytikern Probesitzungen vereinbaren und mich dann entscheiden. Ich entscheide mich schon nach der ersten Sitzung für den zweiten von mir getesteten Analytiker, den blinden.

Der angekündigte Verkauf des zumindest im Vorderhaus repräsentativ, wenn nicht gar prächtig anmutenden Gründerzeitgebäudes mit dem meine Wohnung enthaltendem Seitenflügel wird aktuell. Es erscheint ein Rechtsanwalt des am Kauf der Immobilie interessierten Unternehmens mit Sitz am Kurfürstendamm. Er versichert, bereits über 300 Mietern erfolgreich angemessenen Wohnraum vermittelt zu haben.

Es gäbe jetzt drei Möglichkeiten für mich, deutet der Anwalt an. Erstens könne ich während der Sanierung in der Wohnung verbleiben. Davon würde er aber abraten, weil man dabei leicht einen Knacks weg bekommen könne. Der Mann ahnt nicht und kann nicht ahnen, dass ich den Knacks bereits habe.

Zweitens könne ich bis zum Abschluss der Bauarbeiten in eine nicht dem Standard meiner jetzigen Wohnung entsprechende Ausweichwohnung ziehen. Das wäre aber in meinem Fall nicht weiter tragisch, weil meine Wohnung ohnehin einfach ausgestattet ist. Mein Zimmer, am Ende eines typisch langen und schmalen Flurs, hat eine Grundfläche von etwa 20 Quadratmeter. Davor ist die kleine Küche, ausgefüllt mit Duschkabine, dem Schränkchen mit dem Spülbecken sowie einem vierflammigen Gasherd mit Backofen. Vor der Küche ist die Kammer mit dem WC.

Schließlich drittens könne ich eine der meinen gleichwertige Wohnung zugewiesen bekommen und in dieser dauerhaft verbleiben.

Nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass der Mann bei seiner Vorstellung keineswegs übertrieben hat. Er ist voll auf Trab und bemüht sich selbst für wenig lukrative Klienten wie mich um gute Lösungen. Er erscheint in wenigen Tagen allein bei mir mehrmals. Ich treffe ihn aber auch des Öfteren, wenn er zu anderen Mietern des Hauses unterwegs ist oder von ihnen kommt. Vor allem scheint sein ansteckender Enthusiasmus keine sozusagen Marketingmaßnahme, sondern ist echt. Mir kommt der durch Beobachtungen und Erlebnisse in den folgenden Jahren mehrfach bestätigte Gedanke, dass die Kapitalisten offenbar zuweilen ein Gebaren entwickeln, das im „realem Sozialismus“ eventuell hätte helfen können, ihn zum realen Sozialismus werden zu lassen.

Jetzt drehe ich am Rad. Ich sehe mir eine der Wohnungen an, für die ich einen dauerhaften Mietvertrag erhalten kann. Nach einigen Besuchen sind der Anwalt und ich uns einig, dass wir die dritte Variante des Umzugs zu realisieren versuchen. Das Haus steht in einem Block aus der Gründerzeit in einer meiner heimlichen Traumgegenden in Berlin unweit des Teutoburger Platzes. Jedoch ist es vom Dachfirst bis zum Kellerfußboden vollständig saniert. Aber wie! Das Haus ist wie sehr viele Gebäude in Mitte und Prenzlauer Berg über vierzig Jahre hinweg ein verfallendes Gemäuer. Jetzt erstrahlt es einerseits außen in höherem Glanz als nach seiner Errichtung und ist andererseits in den Wohnungen mit größtem Komfort ausgestattet. Ich muss mir etwa erklären lassen, wie die Dreh-Lichtschalter oder die Mischbatterien der Waschbecken funktionieren, weil ich sie ohne Erklärungen nicht bedienen kann.

Mit anderen Worten sollte, ja, müsste ich voll von der Rolle sein. Mit einem Schlag könnten sich meine Wohnverhältnisse ohne mein Zutun enorm verbessern.

Ich entwickle jedoch Angst und Panik. Die Angst nehme ich wieder einmal gar nicht wahr. Zudem erlebe ich immer wieder mindestens seltsame Beinahe-Unfälle. Ich falle zum Beispiel mehrfach fast Treppen hinunter. Der sarkastische Gedanke an Oskarchen Matzerath hilft mir dabei nicht. Die aus hunderten Träumen unwohl bekannte dumpf dräuende Stimmung latenter Bedrohung erlebe ich jetzt häufig in dem Bereich, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre. Ich bin mir etwa immer wieder sicher, mich hinreichend überzeugt zu haben, dass Straßen frei wären. Beim Versuch ihrer Überquerung jedoch stehe ich nach einigen Sekunden vor Autos mit quietschenden Bremsen und Reifen, was mich jedes Mal stinkwütend macht. Zudem „vergesse“ ich ausgerechnet bei den Fahrten zur analytischen Sitzung, Fahrscheine zu entwerten. Schließlich häufen sich Zahlungsaufforderungen der Berliner Verkehrsbetriebe.

Mein Analytiker überredet mich, es mit Neuroleptika zu versuchen. Mir scheint beim Lesen der tapetenbahnähnlichen Packungsbeilage, dass es neben vielen Dutzend möglichen Nebenwirkungen eventuell auch erwünschte Wirkungen gibt. Ich lese etwa, dass es bei manchen Patienten beim Wasserlassen insbesondere morgens zum Kollaps kommen könne.

Nach einigen Tagen der Medikamenteneinnahme falle ich am frühen Morgen nach dem Pinkeln um. Auf die Idee, im Sitzen die Stange Wasser abzustellen, komme ich nicht. Ich habe Glück, denn nach einigen Augenblicken vermag ich mich unverletzt aufzurappeln und mich leicht benommen auf den Weg zur Zeitungsablage zu begeben.

Der Analytiker lenkt ein, als ich vorschlage, die Smarties wieder abzusetzen. Er überweist mich schließlich zur stationären Behandlung in die Münchner Klinik Menterschwaige. Er beteuert, dass mir dort mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch ohne Medikation geholfen werden könne. Er agitiert mich geradezu zu diesem Schritt, indem er sehr enthusiastisch ein Bild dieser Klinik malt. Da ich ähnliche Begeisterung bei einer Bekannten erlebe, die diese Klinik gut kennt, stimme ich zu. Ich bin vor allem erleichtert, meinem paradoxen Gefühlschaos nach dem überaus erfreulichen Wohnungsangebot ausweichen zu können.

Beim Einzug in die Wohnung unweit vom Teute müsste ich nicht nur raus aus der Spur. Ich müsste präsent, sichtbar, verbindlich werden. Ich müsste das Refugium meiner leicht dekadenten Hinterhofromantik aufgeben und vor allem das Moratorium beenden. Natürlich ist mir das alles zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst oder nur gewissermaßen als Ahnung. Ich fühle mich später an völlig unerwarteter Stelle in meiner Wahrnehmung bestätigt, bei der Lektüre von „Herr Lehmann“. Kreuzberg verkörpert vor der Wende ein ähnliches Moratorium im großem Maßstab als gewissermaßen Leer- und Lehrraum neben der Welt.

Den Loblieder auf die Klinik singenden Analytiker finde ich einige Jahre später als erbitterten Gegner der Dynamischen Psychiatrie im Internet. Er geht mit einer mich geradezu entsetzenden Wut gegen deren Einrichtungen und Mitarbeiter an.

Ich kämpfe wie ein Jugendfreund von der traurigen Gestalt gegen diese heftigen Anwürfe. Kaum jemand der Betroffenen nimmt meine Bemühungen wahr. Sie scheinen nicht zu verstehen und auch nicht verstehen zu wollen, dass das Internet mehr ist als nur eine neue Technik oder eine neue Technologie wie Radio oder Fernsehen. Nicht nur ich halte es für eine neue Art des als Mensch in der Welt Seins. Dieses Unverständnis erscheint mir umso merkwürdiger, als im Internet viele Millionen Menschen einem Grundgedanken der Dynamischen Psychiatrie entsprechend sich zeigen und gesehen werden und damit im günstigstem Fall verbreitete frühe Defizite zu beheben vermögen. Im Hause des Schusters laufen die Kinder mit kaputten Schuhen herum.

Vor allem ist die Entwicklung dieses Analytikers für mich etwas ganz Altes. Der Analytiker als immer auch therapeutische Vaterfigur wiederholt in gewissem Sinn und Maß die 180-Grad-Wende meines Vaters in dessen zweiter Ehe. Mein Vater verrät ohne jeden Erklärungsversuch dieser Wende mir etwa zehn Jahre lang als nahezu eherne vermittelte Urteile und Regeln.

Nach einigen Wochen in der Klinik gebe ich immer wieder erfolgenden Mahnungen mehrerer Therapeuten nach. Ich kündige Job und Wohnung in Berlin. Möglicherweise ist das ein Fehler. Meine Berliner Odyssee als Wohnungsirrer ist beendet, aber die eigentliche Irrfahrt beginnt.

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