Abenteuer…

Mein Vater erörtert das Thema, in diesem mir unwohl vertrautem Ton, als verkünde er besonders tiefe Weisheiten. Meist steht er dabei statuenhaft irgendwo in der Wohnung herum, als würde das Vorhaben, das er entschlossen ins Auge gefasst hat, bereits im Ansatz abgewürgt durch einen schwerwiegenden Gedanken, der blitzartig über ihn kommt und die Nichtigkeit allen irdischen Bemühens als eine Art Schnappschuss vor seinem innerem Auge anzeigt wie die Leuchtschrift einer Reklame.

Ich merke immer sehr gut, wenn es ihn packt. Es sind Augenblicke, in denen er alle Arbeiten erledigt hat, für die er sich im Haushalt verantwortlich fühlt. Dann scheint ihn eine Art Vakuum zu ängstigen. Er gebärdet sich wie einer der Philosophen oder Künstler in den Fernsehfilmen, in denen gezeigt werden soll, wie diese großen Menschen von der Inspiration erfüllt oder vom Heraufdämmern eines Konzeptes ihrer augenblicklichen Aufgabe gequält werden.

Mein Vater wird ruhelos und verbreitet offenbar von quälendem Nachdenken verursachte Spannung. Er läuft nervös durch die Wohnung, entwickelt einen immer missmutigeren Gesichtsausdruck und murmelt zuweilen mit wehmütig und resigniert gedämpfter Stimme etwas wie „Tja…“ oder „Na ja… „ oder „Ja, so ist das…“ Aus diesen seufzend gemurmelten Wortgruppen höre ich die Aufforderung heraus, nun die Rolle einer Art Beichtvater zu übernehmen, an den sich die Überlegungen richten könnten, aus denen heraus er seine verzagten Seufzer zelebriert. Es ist dies meine liebste Rolle im von ausschließlich unsichtbaren Regisseuren inszenierten Theater des Familienalltags.

Ich liebe diese Augenblicke. Mein Vater ist im weitestem Sinne ansprechbar. Aber nicht nur das. Ich nehme die Wohnung gewissermaßen mit anderen Augen wahr. Unausgesprochen habe ich mich daran gewöhnt, dass sie im Grunde gar nicht zum Wohnen gedacht und geeignet ist, sondern eine für diese unsichtbaren Regisseure aufgebaute Art Dauerausstellung zum Thema „Wie wir es trotz widrigster Ausgangsbedingungen geschafft haben“. Jetzt kann ich einige Augenblicke lang das Empfinden zulassen, dass dies auch meine Wohnung ist. Ein anderes Lebensgefühl als das, an das ich mich derart gewöhnt habe, dass ich es gar nicht mehr wahrnehme, deutet sich zumindest an. Es ist auch hier wieder, als wäre kurz und einen Spalt breit eine Tür zu einer anderen Welt mit noch gar nicht abzusehenden Empfindungen, Erlebnisse und Handlungen geöffnet worden, mit denen man den Aufenthalt in dieser Welt ausfüllen könnte, wenn… – Ja, wenn was?

Ich beeile mich in diesen Viertelstunden, mit der lautlosen Beflissenheit eines guten Dieners gewissermaßen zum Schatten meines Vaters zu werden und im richtigem Augenblick Laut zu geben. Nichts leichter als dies, habe ich es doch über Jahre hinweg geübt, quasi in meinen Vater hinein zu hören. Ich muss das tun, um meine Angriffsfläche so klein wie möglich zu halten.

Es ist gleichgültig, welches Thema ich in diesen Augenblicken anspreche. Ich versuche etwa in der kurzen und knappen Manier, die mein Vater immer wieder einfordert, eine Episode aus meinem Schulalltag anzudeuten. Ich kann auf einen mich beschäftigenden Zeitungsartikel eingehen oder mit scheinbarem Einverständnis auf eine von meinen Eltern unlängst durchgehechelte Person des häuslichen Umfelds anspielen. Ich sage dann etwa mit leicht gequältem Grinsen: „Der X. ist mit seinen neuen Majors-Schulterstücken schon wieder dreimal sinnlos um den Wohnblock gewandert!“

Eine Antwort meines Vaters ist mir dann immer sicher. Es bricht förmlich aus ihm heraus. Meist steht er im Wohnzimmer ein paar Schritte vom Fenster entfernt. Das belustigt mich insgeheim, weil der Begriff „Gardinenpredigt“ hier wörtlich zutreffend scheint. Sein Gesicht ist düster und entschlossen, während er spannt. Er scheint gezwungen, schicksalhaft tragische Ereignisse, die sich auf der Straße abspielen, mit wer weiß wie viel Verständnis, aber hilflos handlungsunfähig anzusehen. Manchmal ist seine Mimik derart zwingend, dass ich gleichfalls aus dem Fenster sehe. Dann muss ich meist feststellen, dass kein Mensch zu sehen ist und nichts Aufregendes sich abspielt.

Es ist großartig! So stelle ich mir einen besessenen Wissenschaftler vor, der um die abschließende Formel seiner in langer harter Arbeit erstellten Theorie ringt. So etwa muss Schiller wie in Thomas Manns Novelle „Schwere Stunde“ auf die Wände seiner kargen Klause gestiert haben, als er von der Notwendigkeit gepeinigt wird, gewaltig andrängende Stoffmassen zu einem Werk zu ordnen.

An einem Sommertag in meinem neuntem Lebensjahr tollen wir Kinder während eines Platzregens draußen herum. Es gießt wie aus Kannen und an den Bordsteinen strömen wie Sturzbäche enorme Wassermassen entlang. Über dem Gully an der Straßenecke neben unserem Hausaufgang bildet sich eine riesige Pfütze, die auch Stunden nach dem Regenschauer noch da ist.

Wir laufen in Badehosen- und Anzügen durch den Regen, d. h., ich laufe, die anderen Kinder springen und tanzen und schreien und jauchzen. Aber immerhin – ich bin dabei! Die Straßen sind leer und auch die Häuser scheinen unbewohnt, weil kaum ein Fenster geöffnet ist und natürlich erst recht niemand aus dem Fenster sieht. Es ist, als hätten wir die Stadt für uns. Nur gelegentlich kämpft sich ein Auto durch die Wassermassen. Die Fahrer lächeln, wenn sie uns sehen. Die Unfreundlichkeit des natürlichen Ereignisses, gegen das nichts auszurichten ist, scheint Menschen miteinander zu verbinden oder zumindest aufeinander aufmerksam werden zu lassen, die sich sonst kaum beachtet hätten.

Es ist dies eines der wenigen Erlebnisse meiner Kindheit, bei denen ich unbeschwert und ausgelassen auf kindliche Weise einfach mein Dasein genieße. Vor allem deshalb habe ich es mir wahrscheinlich gemerkt. Meist habe ich bei solchen Erlebnissen heftige Schuldgefühle und erwarte Bestrafung.

Als ich nun meinem Vater gegenüber scheu und drucksend dieses Erlebnis andeute, während er wieder einmal die Maschen der Gardine zu zählen scheint, erklärt er in elegisch getragenem Ton, Regen wäre nicht gleich Regen. Was heutzutage auf uns herab käme, wäre endloses Geplätscher, das einfach ungemütlich im Wortsinn wäre, indem nämlich es einfach nur aufs Gemüt schlagen würde. Man erwache morgens, bereits in leichte Depression versunken, blinzele missmutig nach draußen und müsse feststellen, dass die Welt ein graues Verlies wäre, dem man vernünftigerweise nur den Rücken zuwenden könne. Man wolle sich am liebsten gleich wieder umdrehen und sozusagen grundsätzlich in Schlaf versinken.

Ein richtiger Sommerregen aber wäre ganz anders – ein Sommerregen in Ostpreußen. Aber Letzteres muss mein Vater nicht aussprechen, weil diese Mitteilung hinter und zwischen den Worten für mich deutlich hörbar ist. Dieser Regen kündige sich bei strahlendem Sonnenschein am wolkenlosem Himmel durch urplötzlich aufziehende Gewitterwolken an. Dann käme es zu wolkenbruchartigen Regengüssen. Eine Viertelstunde danach aber würde wieder die Sonne herab dröhnen. Man wäre erfrischt, angeregt, entladen, gereinigt, erheitert. Allein, derartiges im mehrfachem Sinne überirdische Geschehen wäre heute kaum noch zu beobachten.

Es ist dies ein grundsätzlicher philosophischer Kommentar meines Vaters. Er ignoriert mit ihm ganz selbstverständlich, dass ich wenige Augenblicke zuvor den eben von ihm als schmerzlich vermisst dargestellten himmlischen Ablauf als real und gegenwärtig erlebt zu beschreiben versuche. Allerdings finde ich die Schilderung eines ostpreußischen Sommergewitters später mehrfach durch glaubwürdige Leute bestätigt.

Was am meisten auffällt, ist der Ton, in dem diese Unterweisung erfolgt. Es ist ein gequälter Ton. Mein Vater spricht widerwillig, wie gequetscht, als müsse er bei dieser kritischen Erörterung gegen einen inneren Widerstand angehen, den er schon hinreichend oft als für sich nicht überwindbar erfahren hat.

Wiederum hinter und zwischen den Worten teilt er mir mit, dass es sich nicht lohnen würde, überhaupt antreten und dieses Thema auch nur erörtern zu wollen. Es würde sowieso keiner richtig zuhören und es käme ohnehin nicht an, was er zu sagen hätte. Im Grunde wäre das Thema eines der ewigen Rätsel und es bestünde keine Hoffnung auf Klärung der zahlreich bei dieser müden Erörterung aufkommenden Fragen.

Dabei spricht er auch oder gerade mit seinen Gesten derart eindeutig, dass es keiner guten Beobachtungsgabe oder besonderen Einfühlungsvermögens bedarf, um die wortlose Aussage zu erkennen. Die deutlichste Geste ist auch jetzt die der resigniert aus dem Gelenk kippenden Hand. Man kann auch hier kaum von „Abwinken“ sprechen, weil die Geste zu sparsam und zurückhaltend ist, um diese Bezeichnung zu rechtfertigen. Alles Haschen nach Wind!

Aber mein Vater scheint nicht völlig Unrecht zu haben. Es hat etwas gegeben, das nicht mehr erreichbar scheint. Es ist dies auch eine meiner grundsätzlichen Erfahrungen. Spätestens dann, als ich mich ernsthaft mit Literatur zu beschäftigen beginne und mich schließlich vollends in die Bücher als das einzig mir erreichbar erscheinende Refugium zurückziehe, habe ich immer wieder den unklaren Gedanken, dass früher mehr los gewesen wäre. Diesen Eindruck vermittelt mir jedenfalls die Lektüre der Kindheitserzählungen richtiger Schriftsteller. Unter „richtigen“ Schriftstellern verstehe ich Autoren, deren Werk in Vor- oder Nachworten zum Bestandteil der Weltliteratur erklärt wird. Die Lektüre verstärkt dieses mir schon bekannte Empfinden, etwas wäre unwiederbringlich untergegangen und könne nicht reproduziert werden. Dergleichen scheint es nur in Büchern zu geben. Dergleichen ist früher geschehen, in anderen Welten, anderen Räumen. Welchen?

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