Abenteuer (?)

Fast alle Menschen scheinen sentimental erheitert bei Schilderungen von Kinderstreichen. Wenn es die eigenen sind, verzeiht man sie sich gerührt selbst. Andererseits scheint das Bonmot zutreffend, dass jeder von Pippi Langstrumpf begeistert wäre und niemand sie als Tochter haben wolle. Ich kenne das Buch nicht, was umso merkwürdiger erscheinen könnte, als ich diese mir selbst verdächtige Sympathie für Rotschöpfe entwickle. Nach dem, was ich vom Hörensagen von der Geschichte kenne, bin ich mir jedoch sicher, dass die Lektüre dieses Buches meinen Eindruck bestätigen müsste, dass eigentlich keine wirklichen Geschichten mehr möglich wären in dem Bereich, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre.

Die Gruppe, in die ich durch den neuerlichen Wechsel an eine andere Schule in der vierten Klasse komme, ist diejenige, in der ich am längsten in meinem Leben zumindest körperlich anwesend bin, bis zum Abschluss des ersten Halbjahrs der zehnten Klasse.

Eigentlich machen wir nichts zusammen. Auch das wird mir natürlich erst sehr viel später klar. Aber ich spüre durchaus eine Art leises Unbehagen während unserer Aktionen. Gemeinsame Unternehmungen sind zwar in gewissem Sinn und Maß Abenteuer, aber die stinken alle ab gegen das, was ich aus Büchern kenne. Ein Ausschnitt aus „Tom Sawyers“ steht sogar in einem Schullesebuch, weswegen ich ausnahmsweise ein wirkliches Jugendbuch lese.

Was da für echte Abenteuer erlebt werden! Hier wirkt jedoch keineswegs nur die natürliche Diskrepanz von Dichtung und Wahrheit, die mir durchaus bewusst ist. Irgend etwas stimmt bei uns nicht. Es scheint etwas zu fehlen. Unsere Abenteuer sind gewissermaßen abgebremst, sie bleiben in Ansätzen und Fragmenten stecken. Es kommt zudem im Sinne der Erwachsenen nichts Vernünftiges dabei heraus. Wir bekommen nicht einmal eine Waldhütte oder einen Hochstand auf einem Baum oder dergleichen zustande.

Fast alle Versuche, Abenteuer zu erleben, sind vergleichsweise harmlos. Einmal versuchen wir, in der Wohnung einer der beiden Jungen des Trios, zu dem ich längere Zeit gehöre, grün und pink gefärbte Plinsen zu backen. Der Versuch gerät derart außer Kontrolle, dass die Eltern des Jungen zu unserer Verblüffung und Erleichterung eher belustigt als verärgert scheinen, obwohl die Küche schier besudelt wird.

Der Versuch, kleine Raketen aus Plaste-Röhren zu bauen, die mit Backpulver angetrieben werden, gelingt zwar bis zu einigen Flügen von immerhin etwa fünf Metern Höhe, wird dann aber von uns abgebrochen mit dem Gefühl unerklärlicher Enttäuschung.

Ein echter Streich jedoch beginnt in der Wohnung eines in dem Block schräg gegenüber wohnendem Klassenkameraden. Allerdings gehen die Fenster seines Kinderzimmers auch in seiner Wohnung nach hinten raus, so dass „in Sichtweite“ nicht wörtlich zutrifft. Mit einem weiterem Mitschüler sind wir über längere Zeit eines der Trios, wie sie von Jugendlichen oft gebildet zu werden scheinen. Wir sind in der vierten Klasse und ich bin 10.

Wir beginnen mit einer Art Spirituosen-Verkostung. Der Vater des Jungen hat in der Küche über dem Herd ein großes Regal aus massivem Holz angebracht. Darin finden wir geradezu einen repräsentativen Querschnitt hochprozentiger sogenannter geistiger Getränke. Es stehen dort Flaschen mit Eier- und Kakaolikören, Fruchtschnäpsen, Wodka, Whiskey, Rum usw.

Von links beginnend entnehmen wir Proben und kosten von diesen schließlich aus Plaste-Eierbechern, da wir keine geeigneten Gläser finden. Der Mitschüler, in dessen Wohnung wir mit dieser Aktion beginnen, erklärt eher gelangweilt als beschwichtigend, er würde dergleichen des Öfteren praktizieren. Er würde die Flaschen dann mit Wasser auffüllen, was der Vater gar nicht bemerken würde. Der dritte Junge und ich werden von ersticktem Gelächter gebeutelt, mit dem wir unsere Angst überspielen.

Nach etwa einem Dutzend derartiger Kostproben merke ich was. Da es den anderen beiden ähnlich zu gehen scheint, brechen wir den Versuch ab und gehen zur Schule. Wieder einmal haben wir die erste und zweite Unterrichtsstunde Ausfall. Lehrer oder Lehrer sind krank oder schwanger und es sind keine Vertretungen erreichbar.

Nicht nur wir, sondern auch einige Mitschüler sind verblüfft, dass wir unbehelligt in die Schule und in den Klassenraum gelangen. Entweder scheint uns keiner abzunehmen, dass wir breit sind, oder unser Zustand wird in dem lärmendem Gedränge nach der ersten Hofpause nicht wahrgenommen.

Erst nach etwa einer halben Stunde bemerkt unser Klassenleiter, was Sache ist. Er ist einer der wenigen männlichen Lehrer in der Grundschulstufe und dies aus Leidenschaft. Dennoch und erst recht hat er Eigenheiten, die ihn zur Zielscheibe werden lassen könnten. Das geschieht aber nur in harmlosen Ansätzen. In Momenten sowohl freudiger als auch verärgerter Erregung pflegt er mit dem rechten Zeigefinger auf die linke Schulter von SchülerInnen zu stoßen. Der Junge, in dessen Wohnung wir die Spirituosen-Verkostung durchgeführt haben, witzelt einmal, fast alle in der Klasse hätten über dem linken Schlüsselbein blaue Flecken.

Dieser Junge wird auch jetzt in dieser Weise von unserem Klassenleiter traktiert. Der Lehrer stößt mit seinem Zeigefinger besonders schwungvoll auf den Jungen nieder, der in der Tischreihe ganz rechts sitzt. Inzwischen hat der angefangen, ohne schauspielerische Übertreibung zu lallen. Nach jedem Stoß intoniert der Lehrer geradezu in einem Ton zwischen Unglauben und ungewöhnlicher Empörung ein Wort seiner Feststellung des Sachverhalts. „Die!“ – Vorstoß – „Haben!“ – Vorstoß – „Tatsächlich!“ – Vorstoß – „Alkohol!“ – Vorstoß – „Getrunken!“

Allen wird schnell klar, dass jetzt Schluss mit lustig ist. Im angestrengten Bemühen, sich seine Betroffenheit nicht anmerken zu lassen, führt der Lehrer die Unterrichtsstunde zu Ende und eilt dann zum Direx. Wenige Minuten danach müssen wir antreten.

Inzwischen haben wir, unterstützt durch die Ratschläge etlicher Mitschüler, die fatale Verfehlung abzumildern versucht durch das Kauen oder sogar Schlucken von Blättern der Rosen, die vor der Schule gut gepflegt auf großen Beeten wachsen, von Kaugummis verschiedener Herkunft und Geschmacksrichtungen, von Kiefernnadeln und dgl. mehr. Das hilft aber alles nichts; wir haben alle drei weiterhin offensichtlich eine Fahne.

Zunächst müssen wir zum stellvertretenden Direktor. Der wird selbst von Kollegen, was Schüler natürlich grausam genau wahrnehmen, immer wieder nicht ganz ernst genommen. Der Mann scheint sich in einen Zustand wütender Empörung hinein steigern zu wollen, um seine Hilflosigkeit zu überspielen. Er fragt unter anderem mit dem Gebaren eines Kommissars in einem zweitklassigem Krimi, ob denn der Wein, den wir getrunken haben, weiß oder rot gewesen wäre. Natürlich haben wir vermieden, von Wodka und Likören zu erzählen, sondern behauptet, wir hätten nur Wein getrunken.

In meinem typischen aus Mangel an emotionaler Intelligenz resultierenden Unverständnis einer Situation wird mir die Absicht hinter der Frage nicht klar. Ich stottere etwas von Rotwein. „Das ist ja noch schlimmer!“ ruft der stellvertretende Direktor in derart übertriebenem Ton, als hätte er geradezu ein Heureka-Erlebnis. Er gebärdet sich, als wäre das Geschehen derart ungeheuerlich, dass er augenblicklich den Raum verlassen müsse. Das tut er dann auch, weil der Direktor erscheint. Der Junge, der die nicht altersgemäßen Getränke zur Verfügung gestellt hat, amüsiert sich nachher darüber und spielt die Szene vor brüllend lachenden Mitschülern nach.

Der Direktor ist nicht nur für Kinder eine imposante Erscheinung, obwohl er dem Klischee des Preußen in Schule und Kaserne entspricht. Er läuft tatsächlich, als hätte er den berüchtigten Stock verschluckt, mit fast unbewegtem Oberkörper. Dies bei einer Körpergröße von ca. 1.90 sowie drahtig-muskulöser Konstitution. Bei vielen Schülern löst er Respekt, Ehrfurcht und leider auch Angst aus selbst dann, wenn sie nichts ausgefressen haben. Erst Jahre später wird mir klar, dass der Mann die Schüler auf seine Weise liebt. Jetzt wächst meine Angst ins Unermessliche.

Ich stehe nur kurz vor seinem Schreibtisch. Der Direktor äußert nur wenige Worte, und zwar in völlig ruhigem, ja, mildem Ton, was die Schwere unseres Vergehens noch zu bekräftigen scheint. Er hat es jedoch gar nicht nötig, seine Stimme zu heben, da sie bereits bei normaler Tonlage tief und kräftig, ja, durchdringend ist. Dennoch bedient er sich verbrauchter Versatzstücke wie „Was habt Ihr Euch dabei gedacht?“ usw.

Dann kippe ich um. Der Mann fängt mich jedoch auf, bevor ich mit dem Kopf auf eine Kante des Schreibtisches knalle, und dies, obwohl er mindestens zwei Meter entfernt hinter diesem sehr großem Möbelstück geradezu thront.

Dass er mich auffängt nicht nur im wörtlichen Sinn, wird mir selbstverständlich erst sehr viel später klar. Seine Empörung, sein Zorn usw. sind auf für mich nicht auszudrückende Weise anders als die Reaktionen etwa meines Vaters in derartigen Situationen. Er ist offensichtlich persönlich betroffen, ernsthaft besorgt usw. Bei meinen Eltern habe ich längst das Gefühl, das ich gleichfalls nicht ausdrücken kann und will, dass sie sich benehmen, wie sie glauben, dass es von ihnen erwartet würde, weil sie Eltern sind. Auch hier wieder die Frage, ob ich es besser machen würde.

Dieser Direktor jedoch fühlt sich angesprochen und meint mich. Das erlebe ich paradoxer wie grotesker Weise als derart bedrohlich, dass ich körperlich dekompensiere.

All dies sind jedoch Konstellationen seelischer Dynamik, für deren Wahrnehmung oder gar Erörterung keine Ebene, kein Raum, kein Forum usw. existieren. Es vergehen Jahrzehnte, bis ich diese seelischen Schieflagen auch nur verbalisieren kann.

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