Prenzlauerberghütte

Diese Tür ist ein Übergang zwischen zwei Welten. Eine große, schwere Tür aus massivem Holz, gegen die ich oft mit dem ganzem Körper drücken muss, um sie zu öffnen. Das ist zwar anstrengend, gefällt mir aber. Dieser energische Schwung hat etwas Symbolisches. Allerdings gilt das auch über den Vollzug dieser banalen Alltagsverrichtung hinaus. Nach dem großem Schwung kommt irgendwie nichts. Das ist mir zumindest halb bewusst. Dergleichen deprimierende Wahrnehmungen werden überspielt durch die trotz allem auch bei mir vorhandene jugendliche Energie.

Die Tür ist in ein torartiges Portal als ein Segment eingebaut, und dieses Tor zu öffnen dürfte noch mühevoller sein. Das Portal setzt sich aus etwa einem halbem Dutzend weiterer Segmente zusammen, die mich eher an Kunsthandwerk denken lassen als an Schreinerarbeit. Ich frage mich immer wieder, wie Kinder diese Tür öffnen, aber im Haus wohnen keine Kinder, so dass ich, wie immer, theoretisiere. Es stinkt immer wieder nach Pisse. Auf der anderen Seite der wenige Meter von meinem Hauseingang beginnenden kleinen Querstraße befindet sich eine der typischen Berliner Eck-Kneipen, die ich bisher nur in Filmen gesehen habe. Ich wohne in einem der typischen Gründerzeithäuser, die ich gleichfalls nur aus Filmen kenne, und nun bin ich sozusagen im Film. Das heißt, es beginnt jetzt das intensive, das „höhere“, das wirkliche Leben.

Ich kenne bereits den Witz, im Vorderhaus würden Bürger wohnen, im Hinterhaus Leute. Hier gibt es nur ein Vorderhaus. Der Hof bzw. „Hof“ ist ein Geviert von etwa zehn mal fünf Metern Größe, auf dem nicht nur die Mülltonnen stehen, sondern auch ein kleiner Baum auf einer dürftigen Rasenfläche vor sich hin kümmert. Links ist die Blindwand des rechten Seitenflügels des Nachbaraufgangs, geradeaus eine Brandschutzmauer von der Höhe etwa des zweiten Obergeschosses und rechts eine weitere, kleinere solche Mauer, über die man mit kurzem Anlauf in den Nachbarhof klettern könnte.

Im Boden hinter dem Hauseingang sind eine Art stählerne Radführungsschienen eingelassen, und ich muss immer wieder an „Buddenbrooks“ denken. Offenbar sind in den alten Patrizierhäusern auf ähnlichen Schienen die Karren mit Getreidesäcken und dgl. durch die Vorhalle des Hauses zu den Speichern auf dem Hof getreckt worden. Hier sind früher die Müllwagen in den und vom Hof geschoben worden.

Darum geht es auch, und wieder komme ich gar nicht auf den Gedanken, meine Empfindungen in Worte zu fassen. Hier gibt es eine Vorgeschichte, hier ist steingewordene kontinuierliche Entwicklung usw. Aber diese Wahrnehmung bleibt, wie angedeutet, in den Bereichen des Gehirns, in denen noch keine Worte möglich scheinen.

Mein täglicher Aufstieg in die vierte Etage, in der sich meine Prenzlauerberghütte befindet, hat in der Tat etwas von Wanderung durch die Zeiten. Im erstem Obergeschoss, der Beletage, sind noch die originalen, geradezu monumentalen Wohnungstüren aus Massivholz vorhanden, die zur Haustür passen. Im drittem Stock, unter mir, gibt es ebenfalls zwei Wohnungen, aber nicht mehr diese repräsentativen Eingangstüren. Hier ist der Vorraum vor den Wohnungen rechteckig und die Eingänge sind standardisierte, normale Türen in der linken und rechten Wand. Es ist augenfällig, dass die großen Flügeltüren mit Oberlichtern in der ersten Etage zwei Drittel dieses Vorraums abtrennen und jeweils zur Hälfte den Fluren der beiden Wohnungen zuteilen. An die Raumteilung des zweiten Obergeschosses erinnere ich mich nicht mehr, jedoch entsinne ich mich, dass jede Etage anders aufgeteilt ist.

Im obersten Stockwerk sind vier Wohnungen, deren Grundrisse mir erst im Laufe von Jahren klar werden, da ich Kontakt zu anderen Mietern meide. Dieser im angenehmen Sinne unwirklich erscheinende und dennoch offensichtlich reale Aufenthalt ist geheim. Links und geradezu ist je eine Tür. Die rechte Wand wird fast völlig ausgefüllt durch zwei Eingänge. Der hintere führt in meine Wohnung.

Man kommt in einen etwa fünf Meter langen, relativ breiten und vor allem sehr hohen Flur. Die Wohnräume der Gründerzeitblocks dürften allen Bewohnern von Nachkriegsbauten ungewöhnlich hoch erscheinen. Ich erlebe nach meinem Umzug nach Berlin Wohnungen mit 2.40 Meter Deckenhöhe. Geradeaus am Ende des Ganges erstreckt sich nach rechts die ebenfalls für meine Erfahrungen große Küche mit Fenster zum Hof. Rechts neben diesem Fenster hängt ein gusseiserner Ausguss an der Wand, in den ein Firmennamen sowie ein Herstellungsdatum zwischen 1890 und 1900 eingeprägt sind. Das genaue Jahr habe ich vergessen. Darüber ist ein fast wie Kunstschmiedearbeit anmutender Wasserhahn aus Messing, hinter dem nach dem Aufdrehen ständig winzige Rinnsale in die Wand laufen. Ich muss kurz nach der Wende lachen über einen Zeitungsbericht, in dem von einer Art Wettbewerb berichtet wird. Sowohl Museumsmitarbeiter als auch Kleinganoven bemühen sich, jeweils die Ersten beim Finden und Verwerten historischen Inventars in Gründerzeitblocks insbesondere des Prenzlauer Bergs zu sein.

Es gibt kein warmes Wasser und keine Heizung. Während das Wohnzimmer über zwei Doppelfenster mit je zwei kleinen und zwei großen Flügeln verfügt, die für mich wiederum etwas Altertümlich-Repräsentativ-Gediegenes haben, ist das Küchenfenster nur einfach verglast. Gegenüber dem Eingang ist ein gemauerter Sockel, die ehemalige sogenannte Kochmaschine, und darauf steht ein zweiflammiger Campingkocher, der über einen selbst gemachtem Schlauch mit Stadtgas versorgt wird.

Links am Ende des Flurs, neben der Küchentür, ist die Tür ins Wohnzimmer. Rechts neben der Tür steht ein gleichfalls beinahe historischer Ofen. Seine Kacheln haben bereits einen warmen Ton und ihr glänzendes Dunkelgrün erinnert mich an die Lackierung des Tisches in meinem Kinderzimmer. Die Größe der Grundfläche beträgt achtzehn Quadratmeter und ein paar Zerquetschte, weswegen ich achtzehn Mark Miete bezahle.

Kurz gesagt, ist für mich alles wunderbar, weil mindestens romantisch – mit noch anderen Worten mit diesem meinem Empfinden wieder einmal bestätigt scheint, dass ich sie nicht alle habe. Aber es gibt ein Chanson von Barbara Thalheim, das ich auch damals bereits kenne, in dem das Problem bzw. „Problem“ auf den Punkt gebracht wird. Eigentlich sind das schräge Wohnbedingungen, aber es würde deutlich etwas fehlen, hätte man sie nicht erlebt.

Insbesondere in den ersten Monaten als Bewohner dieser Prenzlauerberghütte hat mein tägliches Eintreffen in diesem Haus, das ich nun als mein Zuhause ansehen muss, etwas vom beinahe genüsslichen Zelebrieren eines nur mir möglichen Rituals. Ich drücke mit Schwung die einem Portal ähnliche Eingangstür auf und nach deren Einrasten ins Schloss sind die Geräusche von der stark befahrenen und belebten Hauptstraße deutlich gedämpft. Auch die Luft ist anders, besonders im Sommer etliche Grad Celsius unter der Außentemperatur und von dieser Feuchtigkeit mit eher angenehm feiner Note geschwängert, die ich aus Museen, Burgen, Schlössern und dergleichen kenne.

Die abgenutzte Redewendung „den Alltag hinter sich lassen“ erhält hier unerwartet neues Leben gar im Wortsinn. Ich habe mit dem Gang durch diese Tür eine Grenze überschritten. Hinter mir, hinter dem gewaltigem Tor, sind die Pflichtübungen, insbesondere meine Werktätigkeit in mehreren Jobs, und jetzt beginnt ein Aufstieg im mehrfachem Sinne, voller Hoffnung, Erwartung und Sehnsucht. Ich bin mir sicher, die ersten Schritte in ein anderes Leben zu tun, ins richtige Leben, wenn ich die ersten Schritte in diese hallenartige Durchfahrt gehe.

Fast genau in der Mitte der rechten Wand gelangt man über eine Stufe in den eigentlichen Hausflur mit dem Treppenaufgang. Rechts, an der Wand vor der Tür zum Laden, der jahrelang leer steht, sind die Briefkästen angebracht. Auf jedem Treppenabsatz mit Fenster zum Hof ist rechts eine Außentoilette. Mir stehen im oberstem Stockwerk zwei dieser Außen-WCs zur Verfügung; eines auf halber Treppe zwischen drittem und viertem Obergeschoss und ein weiteres zwischen vierter Etage und dem Dachgeschoss. Lange Zeit bin ich der einzige Nutzer des obersten Klos, weil ich der einzige Inhaber eines Schlüssels für diesen Verschlag zu sein scheine.

Der Aufstieg im Treppenhaus erinnert ohne Übertreibung an einen Museumsbesuch, jedenfalls für mich, der ich in einer Planstadt geboren und aufgewachsen bin und dort nur bei den gelegentlichen Besuchen im altstädtischem Ortsteil eine Ahnung von einer anderen, früheren Welt erlebt habe.

Der Handlauf des Treppengeländers, bis auf wenige Meter im Original erhalten, ist nach fast hundert Jahren Benutzung durch tausende Hände spiegelglatt poliert. Etliche Holzstufen knarren in verschiedenen Tonhöhen und in unterschiedlicher Lautstärke. Auf mehreren Treppenabsätzen sind in den großen Fenstern noch Reste der Zierverglasung mit bunten Scheiben vorhanden.

Auch hier aber ist das Eindrucksvollste – der Geruch! Eine Mischung aus Küchendünsten, angeblich typisch berlinisch oft von gekochtem Kohl und überhaupt Eintopf dominiert, Klo-Gerüchen, kaltem Tabakrauch und diesem nicht ganz zu definierendem Aroma alter Mauern und ehrwürdig abgenutzten Holzwerks.

Manchmal bleibe ich mitten auf der Treppe stehen, um die Stimmung wirken zu lassen. Insbesondere, wenn die Sonne durch die großen Flurfenster scheint und im Treppenhaus eine Art filigrane Lichtspiele im Wortsinn inszeniert, kommt wie in einer leichten, angenehmen Welle diese hoffnungsfrohe Erwartung in mir hoch. Es wird mir zwar vielleicht nicht warm ums Herz und ich bin vielleicht noch nicht angekommen. Das ist jedoch nicht von Belang, da mich noch nicht der Gedanke niederdrückt, dass Ankommen vielleicht für mich gar nicht möglich ist. Aber ich bin mir sicher, dass ich unterwegs bin, in Bewegung in der richtigen Richtung.

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