Kleidsam feldgrau gewandet

Viele kluge Leute haben sinngemäß festgestellt und ihre Feststellung geäußert, dass Leben wesentlich aus Trennungen bestünde, bei denen man erkennen könne, wes Geistes Kind der sich Trennende wäre, oder besser gesagt, welche emotionale Reife er erreicht hätte.

Eine der seltsamsten Trennungen in meinem Leben ist die aus meinem Elternhaus bei der Einberufung zum Wehrdienst. Mir scheint heute, dass dies der erste wichtige und offizielle Anlass ist, bei dem Verantwortliche mich nicht einzuordnen, in gewissem Maße nichts mit mir anzufangen wissen.

Alle in Frage kommenden Schüler meiner Abiturklasse haben längst ihren Einberufungsbefehl erhalten, nur ich nicht. Das muss umso mehr auffallen, als meine Stiefmutter im Wehrkreiskommando arbeitet. Sie kann oder will mir jedoch keine Auskunft geben. Schließlich erhalte ich wenige Wochen vor dem Einberufungstermin eine Vorladung.

Der zuständige Sachbearbeiter, ein Ober- oder Stabsfeldwebel, wirkt deutlich ratlos und äußert das auch ausdrücklich. Ich scheine nirgends vermerkt zu sein, es gibt keine Hinweise auf Ort oder Zeitpunkt meiner Einberufung. Der Feldwebel erklärt schließlich fast wörtlich, er müsse und werde mal wo anrufen.

Dieses „Wo“ ist offensichtlich die Kreisverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit. Mir ist das gleichgültig. Nach etwa einer Viertelstunde erscheint ein Kradmelder und übergibt dem Feldwebel einen Hefter mit einigen Dutzend Seiten. Über mich?!

Bei ersten Nachforschungen der damaligen Gauck-Behörde einige Jahre nach der Wende wird mir mitgeteilt, dass man nichts über mich gefunden hätte als einen sogenannten operativen Vorlauf, der zudem erst 1988 angelegt worden wäre. Diese Unterlage besteht in einer DIN-A-6-Karteikarte mit meinem Namen und meinem Geburtsdatum. Ein derartiger Vorlauf wäre angelegt worden, wenn jemand gewissermaßen unverbindlich vorgemerkt worden wäre, ohne dass man bereits Pläne zu seiner Überwachung oder seiner Werbung zu realisieren begonnen hatte. Die Frage aber, wo dieser Hefter abgeblieben wäre, habe ich nie gestellt, nicht einmal mir selbst.

***

Er sieht aus wie John Lennon. Das allein würde ihn schon auffällig machen. Mir ist damals noch nicht klar, obwohl es buchstäblich augenfällig ist, dass ich durch Menschen mit roten Haaren deshalb magisch angezogen werde, unter anderem, weil diese Haare eine Art Signalcharakter haben. Da ich große Teile meines Lebens in einer Art Trance verbringe, in einem leichtem Dämmerzustand, werde ich durch diese roten Haare aufmerksam auf ihre Träger, während ich andere Menschen oft nur gewissermaßen als Huschreiz in der Kulisse wahrnehme.

Es ist nicht nur die leuchtende Mähne, die Wolle, wie mein Vater sagen würde. Der fällt mir natürlich ein, wenn ich diesen Schüler aus einer sogenannten Parallelklasse sehe. Mein Vater würde mir abraten von diesem Kontakt. Es bestünde die Gefahr, dass ich ins Freie kommen könnte, aus der symbiotischen Blase der Familie heraus, oder gar in eine andere Symbiose hinein. Anders scheint Beziehung nicht zu gehen als symbiotisch.

Der Mitschüler hat auch eine Nickelbrille mit sehr kleinen, kreisrunden Gläsern wie Lennon, mit Sicherheit ein Produkt aus dem nichtsozialistischem Wirtschaftsgebiet. Er hat zudem oft diesen Gesichtsausdruck Lennons, den ich als schelmisch oder verschmitzt bezeichnen würde, wenn ich mir dabei nicht noch ältlicher vorkommen würde, als ich ohnehin zu wirken scheine. Es könnte sein, dass es ihm ähnlich geht wie mir, indem diese Mimik oft als spöttisch, hochmütig und arrogant gesehen wird, obwohl sie eher auf müde Distanz beim lust- und ratlosem Abarbeiten von Alltagsabläufen zurückzuführen ist.

All dies ist natürlich nicht aussprechbar, würde aber auch nicht angesprochen werden, wenn man Worte dafür hätte und wenn vor allem eine Ebene existieren würde, auf der diese Sachverhalte wahrgenommen und diskutiert werden könnten.

Ich weiß, dass der Mann nicht nur für mich eine lokale Legende ist. Er hat etwas von den komplizierten, aber interessanten Typen, wie sie beispielsweise Hermann Hesse beschreibt, dessen Lektüre er mir dann auch, milde formuliert, empfiehlt.

Er ist einer der Schüler, deren mäßige bis schlechte schulische Leistungen den Durchschnitt jeder Abiturklasse drücken. Nichtsdestotrotz gibt es in jeder Klasse ein oder zwei solcher Schüler, die oft mitgeschleppt werden, weil sie sich als Offizier verpflichtet haben. Das ist keinesfalls zynisch oder abwertend gemeint und es wissen auch alle Bescheid und es ist in Ordnung.

Dieser Schüler ist gewissermaßen das Gegenteil eines Offiziersbewerbers. Das wird paradoxerweise besonders deutlich im Sommerlager der GST, der „Gesellschaft für Sport und Technik“, die mit der vormilitärischen Ausbildung beauftragt ist. Zur Überraschung von Lehrern, Schülern und GST-Funktionären fährt der junge Mann mit den Wehrpflichtigen seiner Klasse in dieses Lager. Erst nach einigen Tagen fällt einem Verantwortlichem auf, dass die Texte, die er abends vorträgt, unter anderem an den klischeemäßigen Lagerfeuern, von mindestens unerwünschten Autoren wie Reiner Kunze sind. Natürlich hat er die Lacher auf seiner Seite.

Manchmal beginnt er die Schulwoche erst am Dienstag und erscheint am Sonnabend oft nicht mehr. Einmal treffe ich ihn, als er an einem Dienstag oder Mittwoch nach der ersten Hofpause zur Schule kommt. Er hat nicht nur zerdrückte Grashalme im Haar, sondern riecht auch nach Heuboden. Es ist bekannt, dass er in Kreisen verkehrt, die mindestens misstrauisch gesehen werden nicht nur von zuständigen Organen. Viele Gerüchte um ihn gehen um, beispielsweise die Behauptung, seine Mutter hätte mit Biermann in einer Seminargruppe studiert und hätte von daher mühelosen Zugang zu Werken von Dissidenten.

Eine Art Blumenkind im realen Sozialismus! Da ich kein Interesse an meiner äußeren Erscheinung habe, begreife ich die landesweit immer wieder aufkommenden Diskussionen über gewisse Kleidungsstücke nicht, die auch im Zusammenhang mit seiner Person heftig geführt zu werden scheinen. Der Mann trägt nicht nur echte Jeans, was allein schon von vielen Altersgenossen als bemerkenswert empfunden zu werden scheint, sondern auch einen Original Parka des US-Militärs.

Kurzum ist er einer der wenigen Originale, wie nicht nur ich sie in der ersten sozialistischen Stadt nicht vermutet hätte. Dass ich mich nicht um Anschluss an diese Kreise bemühe, obwohl ich sie deutlich als authentischer und lebendiger wahrnehme als offizielle Gemeinschaftsangebote, hat nichts mit Feigheit zu tun, sondern mit der aus längst erfolgter innerer Kündigung resultierenden Resignation, die umso wirksamer ist, weil sie unbewusst bleibt.

Mit diesem Lennon-Doppelgänger zusammen werde ich nun eingeteilt für Tätigkeit in der Produktion. Ich weiß aber nicht mehr, ob während freiwilliger Arbeit in den Sommerferien nach dem Abitur oder während der zwei Monate Arbeit in Betrieben, die für Abiturienten im Anschluss an diese Sommerferien obligatorisch sind. Ich bin verblüfft und insgeheim begeistert und habe wieder einmal dieses seltsame Gefühl, an höherem, bedeutsameren, intensiverem Geschehen teilhaben zu dürfen als dem meines Alltags.

Wir schippen Berge von puderzuckerfeinem Staub weg, der von den Förderbändern gefallen ist, mit denen Rohstoffe von der Sinteranlage zu den Hochöfen transportiert werden.

Normalerweise vermag ich nur selten auf mimische Äußerungen anderer Menschen in einer Art zu reagieren, die als angemessen empfunden zu werden scheint. Wenn mich jemand etwa anlächelt, insbesondere ein Mädchen, bin ich versucht, mich umzusehen, wer gemeint sein könnte. Wenn ich dann realisiert habe, dass offenbar ich der Adressat der lieblichen Grimasse bin, ist natürlich alles vorbei. Zu meiner Überraschung werde ich jedoch von den Kicher-Anfällen angesteckt, von denen mein zeitweiliger Kollege geradezu gebeutelt wird während unserer produktiven Tätigkeit. Dies verringert zwar meine ehrfürchtige innere Distanz zu der von mir insgeheim angebeteten Legende, aber das beunruhigt mich gleichzeitig. Auch oder gerade bei dieser für mich besonderen Begegnung ängstigt mich die Möglichkeit des Kontaktes mehr als dessen Unmöglichkeit.

In einer Mittagspause machen wir eine Beobachtung, von der ich bereits ganz bewusst wahrnehme, dass ich sie sofort sozusagen ungeschehen machen möchte. Den Begriff „verdrängen“ kenne ich damals noch nicht.

In dem großem Werk arbeiten immer wieder Gastarbeiter aus insgesamt über einem Dutzend Nationen. Die Arbeiter, die wir in dieser Mittagspause beobachten, sind, wenn ich mich recht entsinne, aus Frankreich. Sie sind, während wir in die Kantine gehen, mit dem Ausheben eines Kabelschachtes oder dergleichen beschäftigt.

Als wir nach dem Mittag aus der Kantine kommen, ist dieser Graben zu unserer Verblüffung fast hundert Meter weiter getrieben. Wäre der Graben, wie oft üblich, von einer Jugendbrigade angelegt worden, hätte es sich zudem um eine Art Baugrube gehandelt, die man über Brückensteige hätte überqueren müssen. Dieser Graben hat jedoch senkrechte Wände, trotz seiner Tiefe von mindestens anderthalb Metern, und ist nur einige Handflächen breit, d. h., er hat wahrscheinlich die Breite der darin zu verlegenden Kabel oder Rohre oder dergleichen. Er verläuft zudem wie mit der Schnur gezogen. Schließlich wurde er nicht von Dutzenden mit Spaten ausgestatteten Arbeitern im Schweiße ihres Angesichts in vielen Stunden ausgehoben, sondern von drei oder vier Arbeitern auf Mini-Baggern und ähnlichen Baugeräten, die wir noch nie gesehen haben. Der kleinste Bagger würde auf einen Auto-Anhänger passen. Die hundert Meter Graben haben sie in nicht einmal einer Dreiviertelstunde ausgehoben.

Während dieser kleinen Episode in einer Mittagspause stelle ich mir zum erstem Mal die Frage, ob alles stimmt an den offiziellen Verlautbarungen über Arbeitsproduktivität, Weltniveau usw. Aber diese Frage lasse ich erst gar nicht zu bis zu dem Stadium, in dem ich sie formulieren oder gar laut aussprechen könnte. Ich habe nicht gesehen, was ich gesehen habe. Es ist alles in Ordnung. Es geht alles seinen Gang! Jedoch kenne ich diese Redewendung zu diesem Zeitpunkt noch nicht als running gag bis zu gleich oder ähnlich lautenden Romantiteln.

Auch im Zusammenhang mit diesem erstem Job meines Lebens stelle ich mir sehr verspätet die Frage, die ich ohnehin immer wieder abwerte mit dem Selbstvorwurf, sie wäre paranoid, ob meine Einteilung zur Produktionsarbeit zusammen mit dem rothaarigen Mitabiturienten gewissermaßen eine Inszenierung gewesen sein könnte.

Sollte dies der Fall gewesen sein, habe ich die erzieherische Absicht dieser Maßnahme nicht nur unterlaufen, sondern ins Gegenteil verkehrt. Es ist mir nicht nur nicht gelungen, den Mann gewissermaßen auf den rechten, sprich linken Weg zu führen, vielmehr hat er mich dergestalt indoktriniert, dass ich vorsätzlich Hermann Hesse intensiv zu lesen beginne. Ich finde in dessen Prosa dieses schwer zu benennende Atmosphärische meisterhaft dargestellt, das ich im altstädtischem Ortsteil meiner Heimatstadt oder bei den Urlaubsreisen mit meiner Mutter und meinem Vater in meiner Vorschulkindheit wahrgenommen habe.

Damit könnte ich mein seltsames quasi Nichtvorhandensein zu erklären versuchen, das ich zum erstem Mal deutlich beim vergeblichem Warten auf meinen Einberufungsbefehl erlebe. Den mürrischen Andeutungen meiner Stiefmutter nach sollte ich zunächst in einer Schreibstube eingesetzt werden. Das hätte auch den Vermerken in meinem Musterungsbescheid entsprochen, in denen von knapp 40 Kästchen, die für mögliche Verwendungen in den Streitkräften stehen, nur noch einige für mich in Frage kommen. Stattdessen werde ich jetzt zu den Nachrichtentruppen eingezogen und mache alles mit, einschließlich Härtetest, Brandbahn usw.

Die Geschichte hat eine tragische, nicht tragikomische Pointe. Alle, die den lokal berühmten Lennon-Doppelgänger kennen, halten es für selbstverständlich, dass er die Wende als Befreiung, ja, in gewissem Sinne als Rehabilitierung sehen muss. Wie ich jedoch von Leuten erfahre, die ich als glaubwürdig ansehen kann, nimmt er sich nach der Wende das Leben.

***

„Wo muss ich’n mich hier melden?“, fragt ein erst vor einigen Stunden einberufener Rekrut, sinngemäß. Er fügt, wenn ich mich recht entsinne, gar ein jugendlich überschwängliches „ejh“ hinzu. Nicht nur ich bin fassungslos. Das ist eine der Legenden, die in diesem Jahrgang der Lehreinrichtung lange umgehen und mit Variationen und Ausschmückungen immer wieder kollektiv belacht werden.

Damals bin ich nur gelegentlich mit Zücho beschäftigt, sonst hätte ich konstatieren müssen, dass diese Szene etwas vom vertrackt folgerichtigem Wirken des Unbewussten hat. Im Ernstfall würde die Schule innerhalb einiger Stunden in eine Division umgewandelt werden und Mannschaftsstärke, Struktur sowie technische Ausrüstung entsprechen auch im Lehrbetrieb etwa dieser Verbandsgröße. Zum erstem Mal erlebe ich einen aktiven General, der Kommandeur der Einrichtung ist Generalmajor.

Der Sprutz fragt nun nicht irgendeinen der an diesem Tag der Einberufung naturgemäß zahlreich umher eilenden Berufssoldaten, sondern ausgerechnet den Offizier aus der Etage des Generals, der unwohlbekannt ist für seine leicht sadistischen Tendenzen. Dieser Major liebt es, wie schnell bekannt wird, am Wachhaus zum Ausgang erscheinende Soldaten und Schüler kilometerweit in ihre Unterkünfte zurück zu schicken, weil beispielsweise eine kleine, nur bei penibler Inaugenscheinnahme erkennbare Falte in ihrer Kragenbinde ist, so dass die armen Kerle trotz angeordneten Laufschritts den letzten Bus zur nächsten Ortschaft verpassen müssen.

Ich kenne Dienstgrade und grundlegende militärische Umgangsformen schon seit meiner Vorschulkindheit, weshalb mir dergleichen nicht passieren kann – denke ich.

Etwas Ähnliches geschieht mir jedoch trotzdem und erst recht und schon nach wenigen Stunden meines Wehrdienstes. Dabei habe ich noch Glück. Viele Altgediente, insbesondere Berufsunteroffiziere mit Feldwebeldienstgraden, scheinen es zu genießen, dass die Rekruten naturgemäß die lokalen Floskeln des militärischen Jargons nicht verstehen.

Ein stämmiger blonder und blauäugiger Zehnjähriger, der mich nicht nur äußerlich an Wolzow aus den „Abenteuern des Werner Holt“ erinnert, steigert sich in einen Wutanfall, bei dem er zunehmend rot anläuft und in dem er brüllt: „Sehen Sie sich noch?!!!“ Der vor ihm angetretene Rekrut ist sichtlich perplex und antwortet: „Ja!“, wobei er sich bemüht, zackig aufzutreten. Er muss ebenso wie ich aus dem reglementiertem Ablauf seines ersten Tages in der Kaserne raus treten.

Ein Unteroffizier fühlt sich von mir veralbert, obwohl ich das nicht im Geringsten beabsichtigt habe. Ich weiß noch nicht, dass der Mann selbst unsicher ist, weil erst vor wenigen Tagen zum Unteroffizier ernannt worden und nun gleich als Ausbilder eingesetzt. Der Mann ist einen Kopf kleiner als ich. Zum erstem Mal nehme ich bewusst war, dass diese kleinen Menschen, die jemand einmal in meiner Gegenwart als „gnubblig“ bezeichnet, die zähsten und willensstärksten Zeitgenossen zu sein scheinen. Dies finde ich im Weiterem Dutzende Male bestätigt, unabhängig von der beruflichen Tätigkeit dieser Menschen.

Ich bin fest überzeugt, ehrlich und der Dienstvorschrift entsprechend seine Fragen zu beantworten, aber irgend etwas in meinem Tonfall und in meiner Mimik wertet der Gruppenführer als ironische Herabsetzung seiner Person.

Kurzum, eine der tragikomischen Abläufe meines Lebens setzt auch hier ein, wo ich mich in vergleichsweise vertrauter Umgebung bewege. Während die anderen Rekruten meines Zuges weiter Bekleidung und Ausrüstung in Empfang nehmen, bin ich in langer Unterwäsche und den legendären dicken grauen Socken im unterem der drei Flure meines Unterkunftsgebäudes zugange, und zwar mit der sogenannten Bohnerkeule. Das Gerät wird mit einem dickem Besenstiel über die Bodenkacheln geschoben, um den aufgetragenen Bohnerwachs zu verteilen und auf Hochglanz zu polieren, wobei eine schwere gusseiserne Platte eine Art Schwamm auf den Boden drückt. Wenn man auch nur zehn Minuten lang dieses Gerät in möglichst gleichmäßig rhythmischen Schwingungen über einen Kompanieflur bewegt hat, hat das bereits etwas von militärischer Körperertüchtigung oder jedenfalls Krafttraining.

Die Pointe der kleinen Geschichte ist gleichfalls persönlichkeitsspezifisch, weil tragikomisch und immer wieder auftretend. Der Unteroffizier bemerkt bereits nach kurzer Zeit, dass seine Wahrnehmung meines vermeintlich provokanten Auftretens falsch ist, scheint jedoch eher enttäuscht als versöhnlich gestimmt und erleichtert. Offenbar hat sich jemand, wieder einmal, mehr von mir versprochen; wieder einmal scheine ich nicht der Kerl zu sein, den man ganz selbstverständlich in mir sehen zu müssen glaubt. Ich nehme das wahr, spreche es aber nirgends aus und habe auch gar nicht das Bedürfnis, das zu tun. Noch bin ich in meiner Schutzblase, noch kränken und schmerzen die immer erneuten Wiederholungen derartiger Missverständnisse oder Fehldeutungen mich nicht wirklich.

***

„Brüllen Sie doch mal richtig, Genosse Koske!“ bemerkt der Spieß eher mitleidig als aufgebracht. Es klingt, als wolle er sagen, das mit dem Schwanzwedeln wäre ja nicht einfach, aber dass der Hund nicht bellt… Ich nehme durchaus wahr, dass dieser sozusagen halbe Befehl etwas von Ermunterung hat. Auch dieser Mann scheint von mir enttäuscht, auch er scheint ganz selbstverständlich mehr von mir zu erwarten, wobei weder ihm noch mir klar zu sein scheint, worin dieses „mehr“ bestehen sollte oder müsste.

Am Abend des Tages dieser geradezu existentiellen Rückmeldung durch den Spieß bin ich natürlich wieder einmal außer der Reihe Unteroffizier vom Dienst, weil dieser Kompaniefeldwebel mich zu ertüchtigen wünscht. Damit erinnert er mich einmal mehr an meinen Vater, dem er auch äußerlich ähnelt.

Um 22.00 Uhr baue ich mich geradezu auf. Ich komme mir lächerlich dabei vor. Nicht bewusst ist mir, dass ich es paradoxerweise lächerlich finde, etwas ernst nehmen zu sollen. Ich spüre jedoch auch eine Art Prickeln, das ich schon lange nicht mehr erlebt habe und von dem ich nicht weiß, dass ich es vermisse.

Dann hole ich tief Luft und brülle aus Leibeskräften: „Kompanie Nachtruhe! Licht aus! Augen zu – Hand vom Sack!“

Die Mannschaften scheinen diese Variation des festgelegten Kommandos zu begrüßen. Aus dem am nächsten dem UvD-Tisch befindlichem Zimmer kommt überraschtes Gejohle. Auch aus den Gängen der Kompanien über und unter meiner sind eindeutig beifällige Laute zu hören. Der Diensttisch steht genau gegenüber dem nördlichem Treppenhaus des Unterkunftsgebäudes.

Wenige Augenblicke nach meiner Ankündigung der Nachtruhe knackt das Wechselsprechgerät auf dem Diensttisch. „Unteroffizier Koske – OvD! Laufschritt!

Wie so oft, worüber ich mich zu wundern nicht müde werde, habe ich „Glück“. Der Offizier vom Dienst ist der Kulturoffizier des Regiments, ein Hauptmann, der erklärtermaßen Offizier geworden ist, weil er damit an bevorzugter Versorgung teil hat, auch oder gerade mit Büchern. Der Mann muss nun seine Pflicht erfüllen und mich bestrafen, was ihm sichtlich schwer fällt, da er seine Erheiterung nur mühsam zu verbergen vermag. Zudem ist der Gehilfe des Offiziers vom Dienst ein Zugführer meiner Kompanie, der sich natürlich bemüht, einen Rückschlag für seine Einheit im sozialistischem Wettbewerb zu verhindern, indem er meinen Auftritt gar nicht erst als besonderes Vorkommnis vermerkt.

Es bleibt dabei, dass ich einige Ehrenrunden um den Appellplatz drehen muss, in jeder Hand eines der Panzerkettenglieder, die man durch rote Lackierung für den Frühsport und das Krafttraining in der militärischen Körperertüchtigung präpariert hat. Selbstverständlich werden auch diese Ehrenrunden von den Mannschaften bemerkt und selbstverständlich führen sie zu weiterer kultureller Umrahmung durch Lachen im Kollektiv.

Manchmal aber habe ich zumindest eine Ahnung davon, worin dieses „mehr Erwartete“ bestehen könnte. Da ist etwa dieser Appell in voller Ausrüstung, bei dem der Regimentskommandeur in der bemüht aufgebrachten Manier, die selbst von Offizieren parodiert wird, einige kernige Worte an den Truppenteil richtet. Wieder einmal geht es um Schlendrian bei der Erfüllung des Tagesdienstablaufplans, die durch den unangekündigten Stubendurchgang eines Stabsteams offensichtlich geworden ist.

„Wenn ich noch Einen auf dem Bett erwische, geht die ganze Kompanie über die Sturmbahn!“, donnert der Oberst von der kleinen Betontribüne auf das Regiment herunter.

Ich kommentiere leise, aber deutlich: „Wenn ich noch Einen auf der Sturmbahn erwische, geht die ganze Kompanie ins Bett!“ Hinterher wird mir von glaubwürdigen Genossen berichtet, dass selbst der dienstgeilste Zugführer unserer Kompanie, ein junger Leutnant, der seine Ideale noch nicht verloren hat, sich das Lachen verbeißen muss.

Ein Erfolg, wieder einmal ermöglicht durch latente Talente? – Mit Vorbehalt! Jeder Andere an meiner Stelle hätte einige Minuten später in der Schwarzkombi, dem Overall für Arbeits- und Wartungsaufgaben, das Wachgebäude geschrubbt. Ich bemerke durchaus, dass der Oberst meine Replik wahrgenommen hat, zumal unsere Kompanie direkt vor der kleinen Tribüne angetreten ist, aber er führt ohne Weiteres seine Rede fort, als wolle er sagen: „Ach – Koske! Na ja, was soll es…“

Im berühmten stillen Kämmerlein wird mir durchaus klar, dass meine Narrenfreiheit zwei Seiten hat – ich kann mir Einiges erlauben, aber ich werde auch überhaupt nicht für voll genommen. Ist es das, was ich wirklich will? Aber diese Frage stelle ich mir nicht einmal selbst deutlich formuliert, sie bleibt im Vorbewusstem.

Ich bin verblüfft, dass ich in meiner Rekrutenzeit beim erstem Lauf über die Sturmbahn auf Anhieb, d. h., ohne Vorbereitung wie Begehen der Bahn oder gar Training, die Note Drei erreiche, nach wenigen Wochen mit weiteren Läufen dann eine gute Zwei. Vor allem die gefürchtete Eskaladierwand überwinde ich mühelos. Das geschieht im deutlichem Gegensatz zu meinem Status als Bewegungsidiot, den ich längst selbst als leider zutreffend akzeptiert habe. Der Antrieb dazu ist – Angst. Auch hier stimmt etwas nicht, und auch hier denke ich nicht weiter über meine Wahrnehmungen nach.

Schließlich aber trainiere ich – in den letzten Wochen meiner Armeezeit… Natürlich trägt auch dies zur allgemeinen Belustigung insbesondere der anderen EKs bei, die wie ich nur noch wenige Tage haben und sie hauptsächlich mit Abmatten, Abruhen und Abkeimen verbringen.

Nach etwa fünf oder sechs Trainingsläufen über die Sturmbahn, die ich natürlich allein vollziehe, bin ich deutlich unter dem Wert für die Note Eins, der, wie ich mich mit einiger Sicherheit korrekt erinnere, bei 10 Minuten und 50 Sekunden liegt.

Aber – was soll das? Es ist, als würde ich mich vor die angetretene Einheit stellen, ihr die Zunge raus strecken und etwas rufen wie: „Ich kann ja, wenn…“ – Ja, wenn was? Wer oder was hindert mich daran, mir an derartigen Stellen etwa zu sagen, ich wäre nun, und eben mit relativ wenig Mühe, bis hierhin gekommen, und jetzt würde ich einmal zeigen, was ich drauf habe, und, um beim Beispiel zu bleiben, den Titel eines Besten auf Brigade- oder Divisionsebene anstreben?

Es geht nicht um das Militär, sondern um psychische Abläufe, die hier besonders deutlich werden, weil die Gruppendynamik besonders stark und starr strukturiert ist bis hin zum Grüßen Entgegenkommender. Das scheint ein Grund zu sein einerseits dafür, dass die meisten Männer den Armeedienst als besonders belastend empfinden und dass andererseits viele diesen Dienst in ihrem Leben zunehmend verklären, und dies unabhängig vom politischem und ökonomischem System. Es geht nicht um den militärischen Drill usw., es geht um die besonders dichte Gruppenatmosphäre, der man nicht ausweichen kann. Auch zu diesen Einsichten komme ich natürlich erst sehr viel später.

Für viele Männer scheint es das erste und letzte Mal in ihrem Leben, dass sie sich in einer quasi-therapeutischen Situation befinden insofern, als sie sich mit Menschen zumindest arrangieren müssen, die sie draußen abgelehnt und gemieden hätten, während sie bei der Fahne auf sie angewiesen sind, und im Ernstfall auf Leben und Tod. Dies scheint zudem wieder einmal Psychoclub unabhängig vom ökonomischen oder ideologischem Hintergrund. In gewissem Sinn und Maß findet Veränderung von Einstellungen und Wahrnehmungsmustern statt. Es ist zudem kein Zufall, dass die Entwicklung der Gruppentherapie unter anderem in Militär-Hospitalen begonnen hat, allerdings bezeichnenderweise aus ökonomischen Gründen.

Bewusst wird mir mein völliger Mangel an Ehrgeiz erst ein knappes Vierteljahrhundert später. Er wird mir verdeutlicht von einer Frau, deren Meinung mir sehr wichtig ist und die ich nur schwach durch erotische Ambitionen verzerrt wahrnehme, weil sie nicht auf Männer steht. Meine Abwehr ihrer Rückmeldung ist schwach; ich kann das reinnehmen.

Die Ursache dieses Mangels kann ich heute noch nicht genau benennen. Er könnte etwas mit Bindungsunfähigkeit zu tun haben, denn Bindungsfähigkeit bezieht sich nicht nur auf Personen, sondern auch auf Dinge und Abläufe.

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