Heimlich heimisch

Die Kinderzimmertür wird aufgerissen und meine Stiefmutter ruft in der Manier, in der man Befehle auf dem Kasernenhof brüllt: „Los, ab!“ Ich nehme die vorbereitete Tasche und folge der Mutter. Wir benutzen den Weg, auf dem ich zur Schule gehe oder zum Einkaufen, biegen aber an der Schule nach links ab.

Es ist mir peinlich oder zumindest unangenehm, mit meiner Stiefmutter gesehen zu werden. Das hat nichts mit meiner Stiefmutter zu tun, mit der ich fast seit Beginn unserer Bekanntschaft im Clinch liege, sondern mit der öffentlichen Präsentation von Kontakten und Beziehungen. Die sind doch geheim… Ich bin mir zudem nicht sicher, ob ich nicht gesehen werden will, weil ich befürchte, Passanten könnten wissen, wo ich jetzt hinkomme, oder ob ich ähnliches Verhalten und Empfinden in einem Buch gelesen habe.

Das Heim befindet sich hinter der Neubauschule, in die meine ehemalige dritte Klasse umgeschult wurde. Wie die meisten Schulen meiner Heimatstadt ist der Gebäudekomplex eine Einzelanfertigung, d. h., obwohl zum Teil bereits aus vorgefertigten Elementen des industriellen Bauens errichtet, kein Typenbau, sondern eigens für diesen Standort entworfen und realisiert. Der Grundriss der Schule hat etwa die Form eines „U“, gebildet aus dem eigentlichem Schulgebäude, einem rechtem Flügel mit Sporthalle und Umkleide- sowie Sanitärräumen und dem linken Flügel, der aus Küche und Speise-Saal besteht. Am Ende des linken senkrechten Striches im „U“ ist der Eingang zum Speise-Saal, von dem man unter einem Schleppdach nach wenigen Schritten zur Vordertür des Heims gelangt.

Eigentlich möchte ich laut losheulen, aber ich weiß nicht, warum. Ich wollte ja in dieses Heim! Mein Vater ist zu einem Ingenieursstudium delegiert worden, zu dem auch mehrere Semester Direktstudium in einer Stadt im Süden der Republik gehören. Um die Zuspitzung des Konflikts zwischen meiner Stiefmutter und mir zu vermeiden, wird mir in einer der wenigen Gespräche meiner Eltern, in denen es um mich geht und in denen ich anwesend bin, der Vorschlag gemacht, in diesem Heim zu wohnen. Es ist ein Schülerwochenheim, d. h., hier leben von Sonntag Abend bzw. Montag früh bis Freitag Abend bzw. Samstag früh Kinder von Montagearbeitern, Binnenschiffern, im Ausland Tätigen und Inhaftierten. Für die Kinder der Binnenschiffer gibt es ein eigenes Heim, das aber ebenso wie das richtige Heim für Waisenkinder am anderem Ende der Stadt immer wieder überfüllt ist.

Es geht wahrscheinlich, wieder einmal, um Trennung überhaupt und grundsätzlich. Meine Stiefmutter gibt sich augenfällig Mühe, diesen Umzug als Strafaktion erscheinen zu lassen, obwohl er eigentlich eine Wunscherfüllung darstellt. Ihre Bewegungen sind besonders zackig, ihre Sprache besonders militärisch kurz angebunden.

Das Zimmer der Heimleitung ist das erste Zimmer auf der linken Seite des rechten, langen Ganges im Parterre. Es wirkt auf mich anheimelnd oder jedenfalls wohnlich-komfortabel, da eine Wand von der Decke bis zum Boden von Einbauschränken aus Naturholz gebildet wird.

Die stellvertretende Leiterin des Heimes, der meine Mutter mich übergibt, ist wieder eine dieser körperlich und seelisch robusten Frauen, die mir insgeheim Angst machen. Ihre Augen sind von einem Blau, das manche als kalt bezeichnen würden. Die Löckchen ihrer Frisur wirken wie maßgeschneidert und mit dem Lineal ausgerichtet. Die Leiterin trägt einen weißen Kittel wie eine Ärztin. Mir scheint, dass die Frau viel Verständnis für meine Situation hat, das aber in Gegenwart meiner Mutter nicht zu zeigen wagt. Ich bin zudem ein Sonderfall, da ich weder der Sohn nicht am Ort wohnender Eltern noch Waise bin, aber auch nicht im eigentlichem Sinne schwererziehbar. Die Erwachsenen unterhalten sich kurz in dieser seltsamen Art, als würden sie vor Publikum agieren, das sie bewerten soll. Schließlich bemerkt meine Mutter etwas wie, ich solle mich anständig benehmen und verlässt eilig das Heim.

Mein Zimmer ist das letzte auf der linken Seite dieses langen Erdgeschossganges. Es sind drei Betten in dem Zimmer, eines rechts neben der Tür, hinter dem drei zweiflügelige Kleiderschränke stehen, während zwei weitere Betten genau an die linke Wand passen. Zu jedem Bett gehört ein kleines Nachtschränkchen mit Klapp-Tür und einer kleinen Schublade darüber, das jeweils am Kopfende der Betten neben diesen steht. Das Inventar wird vervollständigt durch einen kleinen quadratischen Tisch mit drei Stühlen.

Das Zimmer wirkt auf mich nicht nur unbewohnt, sondern auch unbenutzbar. Ich wage weder, mich aufs Bett zu setzen noch einen der Stühle zu benutzen. Es wohnt jedoch noch ein Junge in diesem Zimmer, der erst abends ins Heim kommt, wie mir eine der Erzieherinnen erklärt, die mir das Zimmer zugewiesen hat.

Wenngleich ich auch das wieder nicht in Worten ausdrücken kann und will, wird mir hier in aller Deutlichkeit bewusst, dass ich unfähig bin, ohne Anweisungen zu handeln. Ich warte darauf, dass mir jemand sagt, was ich tun soll oder muss oder mir wenigstens die offizielle Genehmigung zu banalen Hantierungen gibt, wie etwa ein Buch heraus nehmen und es lesen zu dürfen. Die paar Plünnen, wie meine Stiefmutter meine mitgeführte Kleidung und die Schulsachen nennt, als wären sie dadurch entwertet, dass sie mir gehören, wage ich immerhin in den Schrank und das Nachtschränkchen zu räumen.

Ich stelle mich an das Fenster, stütze die Ellenbogen auf der großen, kalten und spiegelglatt polierten Steinplatte ab, die das Fensterbrett bildet, und stiere in einer Haltung nach draußen, in der ich einen guten Blick in den Garten habe, selbst aber nur gesehen werden kann von jemandem, der direkt vor dem Fenster steht. Das tut aber niemand, weil dies das letzte Zimmer des Gebäudes ist, an dessen Giebelwand ein hoher Zaun anschließt.

Es ist auch das am weitesten von den Eingängen entfernte Zimmer. Ich habe beim Betreten des Gebäudes bemerkt, dass der Ausgang in den Garten, der der Eingangstür gegenüberliegt, als eigentlicher Eingang gesehen werden müsste, denn es führt nicht nur eine breite Außentreppe hinauf, sondern man erreicht das Foyer des Heimes von dieser Außentreppe aus erst durch eine Art Vorhalle. Die draußen spielenden Kinder halten sich um diese Treppe herum auf, von deren Stufen man den kleinen, aber prächtigen Garten überblickt. Bis an das Ende des Hauses verirrt sich kaum jemand.

Ich gehe aber nicht nach vorn ins Foyer oder gar nach draußen und weniger deshalb nicht, weil ich Angst habe, sondern weil ich wütend und gekränkt bin und nicht weiß, warum.

Nach einiger Zeit erscheint mein Mitbewohner, ein kräftiger rothaariger Junge mit dicken Lippen. Inzwischen habe ich über ihn gehört, er wäre nicht ganz richtig im Kopf, und dies nicht nur, weil er an einer Sonderschule lernt. Wie immer denke ich, dass diese diskriminierenden Einschätzungen dumm wären, wie immer äußere ich diese Gedanken nicht, und zwar nicht aus Feigheit, sondern aus Resignation. Der Junge reicht mir die Hand und fragt in lang gezogenem Ton „Wolln? Wir? Freunde? Sein?“ Ich bin völlig verdattert und knurre „Nee!“ Wie ich richtig vermutet habe, ist der Junge mir nicht böse, er sagt eher gelangweilt als enttäuscht „Denn! Eben! Nich‘!“ und lässt mich stehen.

Schon hier muss ich gegen den Drang ankämpfen, laut los zu lachen. Dabei will ich den Jungen nicht auslachen – es ist eher ein aufgeregt frohlockendes Lachen. Hier scheinen außergewöhnliche Erlebnisse möglich.

Als eines der älteren Mädchen abends den Stubendurchgang durchführt, zieht sich mein Mitbewohner die Schlafanzughose herunter und schreit „Wolln wir ficken, wolln wir ficken?“ Jetzt bin ich nicht der Einzige, der lacht. Einige Mitbewohner lachen mit, die sich offenbar vor der Zimmertür aufhalten, weil sie mit derartigen Erlebnissen rechnen. Es scheint sich um eine Art Ritual zu handeln, denn das Mädchen ist nicht nur gleichfalls belustigt, sondern eher gelangweilt als schockiert und nach einigen scharfen Worten klettert mein Mitbewohner friedlich in sein Bett.

Ja, der ist nicht richtig im Kopf! Doch das ist okay – hier scheinen Abenteuer zu beginnen, von denen ich schon gar nicht mehr weiß, dass ich sie erwarte. Aus einer Art Übermut des Augenblicks heraus setze ich mich hinter die zugezogenen Übergardinen auf das gewaltige Fensterbrett. Als irgendwann die Nachtwache ihren Rundgang unternimmt, bin ich insgeheim stolz darauf, mich bei den abfälligen Anmerkungen anderer Heimkinder über meinen Zimmergenossen nicht beifällig oder jedenfalls zustimmend geäußert zu haben. Auf die Frage nach seinem neuem Mitbewohner schmettert der Junge derart fröhlich-treuherzig heraus, ich wäre auf dem Klo, dass die Nachtwache, ein lustiges Großmütterchen, ihm sofort glaubt und sich augenblicklich entfernt. Daraus entsteht eine Art Ritual – ich sitze im Sommer fast jeden Abend und oft auch frühmorgens auf dem Fensterbrett und lese.

Aber ich bin schon mit 12 furchtbar festgefahren – es dauert viele Wochen, bis ich wirklich auftaue und im Heim ankomme…

***

Einer der Erzieher meiner Gruppe führt mich an einem der ersten Abende meines Heimaufenthaltes in den Gruppenraum und fordert mich mit wenigen Worten auf, das Zimmer zu reinigen.

Der Mann scheint selten viel Worte zu machen und er scheint sie auch nicht nötig zu haben. Er ist mindestens eins neunzig groß und deutlich über zwei Zentner schwer, wirkt aber keineswegs dick oder fett, sondern von mühsam gebändigter Kraft getrieben. Er bewegt zudem seine große Körpermasse nicht unbeholfen, sondern mit einer Gewandtheit, die man ihm auf den ersten Blick nicht zutraut. Er schiebt seinen Körper mit fast unbewegtem Rumpf vorwärts, was ihn einerseits anzustrengen, was er aber andererseits von der Höhe seines Kopfes herab selbst amüsiert zu beobachten, ja, zu genießen scheint, als müsse er stets auf seine Wirkung achten. Dies trifft durchaus zu, da er wie alle Pädagogen sozusagen ständig vor Publikum arbeitet.

Erstaunlich finde ich die Frisur des Mannes. Er hat wenige Zentimeter über einem Ohr dicht und dick wachsende schwarze Haare derart über den Schädel gekämmt, dass man die darunter verborgene Halbglatze oft nicht auf den ersten Blick bemerkt. Diese dicken tarnenden Strähnen streicht er zudem in regelmäßigen Abständen geradezu genüsslich aus der Stirn, so dass die Suggestion vollen Haares verstärkt wird. Ich habe ein bisschen Angst vor dem Mann – und er ist mir auf Anhieb sympathisch.

Ich bin mir nicht darüber im Klaren, ob diese Zimmerreinigung ein Test sein soll, dem sich jeder Neue unterziehen muss. Ich vermute es aber und gebe mir Mühe, habe jedoch Angst, dass ich gerade der Mühe wegen wieder verkrampfe und Mist baue.

Der Gruppenraum ist nach den Toiletten und dem Waschraum hinter der dritten Tür auf der rechten Seite des Ganges, an dessen Ende ich jetzt wohne. Rechts neben der Tür steht ein großer Schrank mit Spielsachen. Links von der Tür, im deutlich größerem Teil des Raumes, stehen vier Tische mit jeweils vier Stühlen. Die linke Wand ist fast völlig von einer Schrankwand bedeckt. Gegenüber der Tür sind zwei große Fenster mit jeweils mehreren Flügeln, durch die man auf einen Fußballplatz sieht, der seltsamer Weise vollständig asphaltiert ist. Dahinter erstreckt sich der Schulhof.

Ich wische in den zahlreichen Fächern der Schrankwand sowie auf den Fensterbrettern Staub, wische die Tische ab, stelle die Stühle hoch, fege und wische den Raum und beginne die Pflanzen zu gießen, bis nach etwa einer Stunde der Erzieher in der Tür steht. Er scheint völlig verblüfft und schickt mich sofort ins Bett. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass der Mann vermutet hat, ich wäre nach dem üblichem flüchtigem Durchfegen längst aus dem Gruppenraum verschwunden. Ich werde zum erstem Mal gelobt für Tätigkeiten, die ich nicht anders ausgeführt habe als zu Hause, wo ich aber bei der analogen Ausführung dieser Tätigkeiten entweder gar nicht wahrgenommen zu werden scheine oder kritisiert werde.

Dies ist der Beginn meiner Entwicklung entgegen allen Prognosen. Insbesondere Lehrer haben befürchtet, und erklärtermaßen, dass ich nach der Heimeinweisung in den schulischen Leistungen stark nachlassen würde. Diese Befürchtung ist durchaus begründet, was mir auch damals schon klar ist, weil sie auf Erfahrungen beruht.

Entgegen diesen Erfahrungen verbessere ich meine Leistungen deutlich. In einem Schuljahr, ich glaube, im siebten, verbessere ich meine Durchschnittsnote fast um eine ganze Zahl.

Ich bilde mir ebenso heimlich wie unerschütterlich ein, dass mir das gelungen ist, weil ich hoffnungslos verliebt bin, und zwar wie Martin Eden, dessen Geschichte ich eben gelesen habe, in ein blondes und blauäugiges, sozusagen ätherisches Mädchenwesen. Was ich jedoch nicht bemerke und wohl auch nicht wahrnehmen kann, ist die Wirkung der Einbindung in eine Gruppe.

Zehn Jahre später finde ich in einem Fachbuch über „Neurosenlehre und Psychotherapie“ die Formulierung „Herauslösung aus dem konfliktauslösendem Milieu“. Diese „Herauslösung“ dürfte nach meiner Heimeinweisung zum Aufschwung nicht nur in meinen schulischen Leistungen zumindest beigetragen, wenn nicht sie wesentlich bewirkt haben.

***

Im Heim erlebe ich etwas sehr Typisches, das ich bereits auch als solches wahrnehme. Ich werde übermütig, wie sogenannte Erwachsene sagen würden, insbesondere meine Eltern. Das heißt, ich entwickle in eher kläglichen Ansätzen etwas wie kindliches, freches Ungestüm, Spielfreude oder vielleicht auch nur Lebensfreude.

Das geht immer nach hinten los. Mit einer Mitbewohnerin pflege ich eine Art Ritual des gegenseitigen Aufziehens, mit dem zumindest ich vermeiden will, dass mehr aus diesem Kontakt werden könnte, was mir natürlich nicht bewusst ist. Ich finde das Mädchen hübsch und lustig. Ihr wippender Pferdeschwanz fasziniert mich und natürlich ihr buntes kurzes Schürzenkleid. Sie trägt Höschen mit Blumenmuster darunter, was ich weiß, weil ich einmal in einer Aufwallung von Tollkühnheit ihr Kleidchen lüpfe, als sie den Gruppenraum verlässt. Ein Mitbewohner meines Zimmers sieht mich dabei mit einer Mischung aus Schrecken und Bewunderung an, als sähe er mich zum erstem Mal, während das Mädchen mit Lautäußerungen zwischen beunruhigend seltsamen Kichern und Schimpfen davon läuft.

Ungeplant komme ich einmal an die Treppe zum erstem Stockwerk, während sie bereits fast den Treppenabsatz erreicht hat, so dass ich ihr unter das Kleid sehen muss. Wir machen uns beide über die Situation lustig und in einer körperlichen Ab-Reaktion, mit der ich eine Art Aufwallung bereits erotisch gefärbter Sympathie vermeiden will, werfe ich mit dem rechtem Fuß eine Haussandale nach ihr. Es ist eher ein lahmes Fallen lassen als Schleudern, aber das Mädchen duckt sich kichernd und gackernd und die Sandale fliegt in und durch das Fenster, das über die gesamte Höhe des Hauses die Westseite des Treppenhauses bildet.

Dieses Fenster ist jedoch ein Kunstwerk, ein Mosaikbild aus tausenden kleinen gefärbten Glasscheibchen. Trotz meines nur laschen Wurfs habe ich, weil diese Sandale aus harter, schwerer Plaste ist, einige dieser bunten Splitter aus der metallenen Einfassung gedrückt und diesen Metallrahmen verbogen. Zwar werde ich nicht bestraft, aber man weist mich mehrfach vorwurfsvoll darauf hin, dass die Reparatur dieses Lochs im Mosaik eine dreistellige Summe kosten würde. Es scheint bereits schwierig zu sein, einen geeigneten Fachmann zu finden, der die Reparatur leisten kann, da ein einfacher Glaser sie nicht auszuführen vermag.

Aber so ist es immer! Ich kann mich nicht entsinnen, jemals wirklich kindlich mit stürmischem Jauchzen los gelaufen, gesprungen und getanzt zu sein, was einige Jahrzehnte später auf Mega-Postern als offenbar übliche, wenn nicht typische Bewegungsform glücklicher Zeitgenossen auch im Erwachsenenalter dargestellt wird. Vielmehr endet schon jeder Versuch, etwas wie Lebenslust- und Freude zu entwickeln, übermütig zu werden, in derartigen kleinen Katastrophen. Auch und gerade dieses Erleben ist ganz deutlich, obgleich ich es nicht in Worte fassen kann und will.

Einige Zeit nach meinem unbewusst-unterschwellig erotischem Sandalen-Wurf eskaliert eine solche Situation des übermütig Werdens. Wir haben nachts auf dem Gang eine Kissenschlacht veranstaltet und gar etwas wie Barrikaden aus Matratzen gebaut. Leider hat in dieser Nacht nicht die freundliche, ja, gütige pensionierte Frau Wache, die ich in meiner ersten Nacht erlebt habe, sondern einer der Drachen, die es wie in jedem Pädagogen-Team auch hier gibt.

Am nächsten Tag wird eine Aussprache mit den Gruppenerziehern und der Heimleitung anberaumt, zu der meine Stiefmutter zitiert wird. Bei ihrem Erscheinen verabfolgt sie mir mehrere kraftvolle Backpfeifen, die besonders schmerzen, weil mich einer ihrer Ringe am Wangenknochen trifft. Am meisten entsetzt mich jedoch, dass meine Mutter nicht nur wütend scheint, sondern gar von einer Art Grauen über meine Taten erfüllt.

Was ist eigentlich geschehen? – Ich habe einmal versucht, erst mit über zehn Jahren, beim Spielen zu toben. Vor allem aber habe ich das versucht in einer Gruppe Gleichaltriger und Gleichgesinnter. Für mich ist dieses Randalieren zuallererst ein Versuch, das beglückende Empfinden meines dazu Gehörens zu einer solchen Gruppe zugegebenermaßen stürmisch auszuleben. Dergleichen habe ich lange nicht erlebt und in meiner Vorschulkindheit gar nicht.

Es ist niemand verletzt worden und es wurde auch kein Inventar beschädigt. Dieselbe Mutter, die mich jetzt für dieses kindliche außer Rand und Band geraten körperlich züchtigt, deklamiert einige Jahre später immer wieder den Satz „Der freut sich doch über gar nichts mehr!“ „Der“ bin ich, und dieses „der“ schmerzt mich mehr als Ohrfeigen, was meine Mutter wohl auch weiß. Ich werde für meine Anhedonie, die bereits ein Symptom meiner Fehlentwicklung sein dürfte, verbal bestraft.

Wieder einmal, und auch das wird deutlich ohne Versuch und Möglichkeit sprachlichen Ausdrucks des Sachverhalts, erweisen sich psychische Abläufe als wesentlicher, weil vor allem nachhaltiger wirksam, als materielle Rahmenbedingungen wie die moderne Ausstattung des Kinderzimmers usw. Auch das weiß ich zu dieser Zeit noch nicht, aber damit ist eine Art Leitmotiv meines Lebens erkennbar geworden.

***

Mein Auszug aus dem Heim ist typisch, wenn nicht symptomatisch. Zu dieser Zeit habe ich begonnen, Krisen- und Bilanzprosa für Leser 40+ geradezu zu verschlingen. Dies aus zwei völlig unbewussten Antrieben heraus. Ich versuche zu erkennen, warum die sogenannten Erwachsenen derart unverständlich, komisch sind, wie sie sind. Zweitens wünsche ich mir immer noch und schon wieder und kann und will auch das nicht ausdrücken, so schnell wie möglich erwachsen zu werden, um nicht mehr hilflos diesen scheiß Gefühlen ausgesetzt zu sein.

Ich bin heute noch ein bisschen stolz darauf, damals nicht nur Juri Trifonow entdeckt zu haben, sondern auch das Empfinden entwickelt, dass es sich um einen der herausragenden, wenn nicht sogar den typischen Autoren der damaligen Sowjetunion handeln würde. Diese Wahrnehmung finde ich etliche Jahre nach der Wende bestätigt von westlichen Literaturwissenschaftlern.

Meine Vorlieben bei der Lektüre kommen mir selbst merkwürdig vor, was ich aber niemandem gegenüber äußere. Meinem damaligem Alter adäquate Bücher wie etwa „Die Schatzinsel“ habe ich bis heute nicht gelesen. Die Lektüre Jack Londons ist die berühmte Ausnahme von der Regel. Stattdessen lese ich diese Bücher für Erwachsene in Lebenskrisen mit derartiger Spannung wie andere Leser Krimis.

Eine der nicht nur meiner Meinung nach herausragenden Erzählungen Trifonows heißt gar „Zwischenbilanz“. Eine Zeit lang trage ich seine „Moskauer Novellen“, zu denen auch „Zwischenbilanz“ gehört, wie eine Bibel oder dergleichen mit mir herum, vor allem in meiner Schultasche. Es ist eine Taschenbuch-Ausgabe des Reclam-Verlags, damals bereits mit weißer Schrift auf schwarzem Grund auf der Titelseite, die laminiert ist und daher abgewischt werden kann.

Einmal lese ich das Buch sogar nach dem Unterrichtstag in der Produktion, auf einer Bank des Busbahnhofes meiner Heimatstadt, den es heute noch gibt. Nördlich dieses Busbahnhofes stehen damals Baracken, in denen auf spätere Werktätigkeiten gut vorbereitender Unterricht etwa im Technischem Zeichnen oder in der Bedienung echter Drehmaschinen stattfindet. Mir scheint, dass meine Lektüre zu diesen erwachsenen Unterweisungen passt. Es geht in den Baracken wie in meinem Buch um eine Zukunft in Freiheit, ohne diese lästigen Empfindungen wie vor allem Schmerz sowie Schuld- und Verlassenheitsgefühle.

Dass diese meine Wahrnehmung den Intentionen des Autors nicht nur nicht entspricht, sondern ihnen eigentlich konträr entgegengesetzt ist, unterschlage ich, ohne es zu bemerken. Natürlich sind auch die erwachsenen Helden bzw. „Helden“ derartiger Stories oft festgefahren in belastenden Situationen, aber es sind eben erwachsene Probleme in einer Erwachsenenwelt, für die es vor allem Lösungen zu geben scheint.

In einer weiteren Novelle Trifonows, „Langer Abschied“, scheint mir das augenfällig vorgeführt. Der Held der Geschichte befreit sich in einem mühe-, ja qualvollem Prozess aus der symbiotischen Beziehung zu seiner Freundin, um dann nach dieser Befreiung die Fähigkeiten zu entwickeln und Erfolge zu erleben, die diese Freundin bis zum für solche Paarungen typisch erscheinendem notorischem Nörgeln von ihm erwartet und verlangt hat. Dass ich für diese Lektüre nicht reif genug bin, zeigt sich einige Jahre später in meiner ersten Partnerschaft. Weder meine Freundin noch ich begreifen, dass die Realisierung der Veränderungen meines Wesens, die sie in unserer Beziehung fordert, durch eben diese Beziehung verunmöglicht wird.

Ebenfalls viele Jahre später schnappe ich beim häppchenweisem Erwerb meiner Viertelbildung den Begriff „Parentifizierung“ auf. Gemeint ist damit die Übernahme sozialer Rollen und Funktionen durch Kinder, deren Ausfüllen oder Ausführen eigentlich Sache der Erwachsenen wäre, insbesondere der Eltern. Mir scheint, dass meine fast fieberhafte Lektüre eine Art subtile Parentifizierung darstellt. Etwa „Zwischenbilanz“ wäre eigentlich geradezu bibliotherapeutische Lektüre für meine Eltern, insbesondere für meinen Vater.

Noch deutlicher zeigt sich diese Tendenz bei meiner Lektüre von Erzählungen Juri Nagibins. In der Geschichte „Graues Menschenhaar dringend gesucht“ befreit sich der Held Gustschin aus dem fürchterlichem neurotischem Arrangement seiner Ehe, die mittlerweile zu seinem bloßem Funktionieren in einer Art leistungsfähigem Schlafwandel in allen Lebensbereichen geführt hat, vor allem im Job. Ausgelöst wird diese Entwicklung durch die zufällige Begegnung mit einer deutlich jüngeren Frau, die ihm vor allem beglückende Sexualität ermöglicht, von der er aufgehört hat zu glauben, dass es sie gäbe. – Bis hierhin dürfte diese Geschichte tausenden Männern sehr bekannt vorkommen, wenn auch vielleicht oft nur aus ihren sehnsüchtigen Träumen.

Am Ende geschieht jedoch etwas sehr Seltsames, mit dessen Schilderung Nagibin beweist, dass gute Schriftsteller immer auch gute Psychologen sind. Gustschin hat sich im mehrfachem Sinne gelöst und ist im Begriff, im mehrfachem Sinne ins Freie zu kommen. Er dreht sich noch einmal um zu seiner Frau, die ihm zufrieden und entspannt nachsieht, als würde gerade etwas geschehen, das eigentlich selbstverständlich und schon lange fällig wäre, was in gewissem Sinn auch zutrifft.

Plötzlich gibt Gustschin einen seltsamen Laut von sich – und dreht um, und auch dies im sowohl wörtlichem als auch im übertragenem Sinne. Offensichtlich ist die lange und tiefgehende Prägung stärker als aktuelles Erleben mit heftigen positiven Emotionen. Der Mann kommt nicht mehr raus aus der Spur

Dass mein Auszug aus dem Heim aus einem ähnlichem, zunächst unerklärlichem Impuls heraus erfolgt, wird mir nicht bewusst. Alle haben inzwischen wahrgenommen, wenn sie es vielleicht auch nicht zugeben können oder wollen, dass mir dieser Heimaufenthalt sehr gut tut, und dies nicht nur der bemerkenswerten Leistungssteigerung in der Schule wegen. Ich bin nach der schon damals befremdlich langen Anwärm-Phase geradezu aufgeblüht und empfinde das auch selbst.

Natürlich will diese augenfällige Entwicklung niemand thematisieren. Es stimmt etwas nicht, diese Entwicklung ist nicht typisch. Man müsste schon beim ansatzweisen Reflektieren dieser Entwicklung an Dinge rühren, die man lieber ruhen lässt, zum Beispiel an die Traumata, die mein Vater bei der Vertreibung erlitten hat und nachhaltig an mich weiter gegeben. Es gibt keine Vertriebenen, hier ist ein Tabu. Usw.

Einige Wochen, nachdem mein Vater den im Direktstudium zu absolvierendem Abschnitt seiner Ingenieursausbildung beendet hat und wieder in unserer Wohnung lebt, fragt er mich eher beiläufig, ob ich nicht auch wieder in diese Wohnung zurückziehen wolle, da der Grund meines Auszuges nun nicht mehr bestehen würde.

Ich stimme sofort zu, wie aus der Pistole geschossen. Einen Moment stutze ich zwar, aber verdränge dann mein Befremden sofort und nachhaltig. Diese Zustimmung wider besseren Wissens oder vielmehr wider besseren Erlebens ist völlig irrational und verblüfft verständlicherweise nicht nur Mitschüler, sondern auch Erwachsene.

Es gibt im Leben jedes Menschen diese Entscheidungen an Wegkreuzungen im metaphorischem Sinne, die sich leider sehr häufig erst sehr viel später als Wendepunkte erweisen. Dies ist ein solcher Punkt in meinem Lebenslauf. Ich habe mich selbst ohne Motiv, ohne vernünftigen Grund und ohne eine echte Alternative aus einer Situation der Integration herausgerissen oder zumindest aus der Annäherung an einen mir überhaupt möglichen Grad der Integration. Ich bin nicht ganz da, anwesend im Hier und Jetzt, wie ich es in meiner Hoch-Zeit in der dritten Klasse erleben durfte, aber es ist für jedermann offensichtlich, dass ich gelandet, geerdet, angekommen scheine. Meine wie nicht mehr zu unterdrückendes Niesen herausgeplatzte Zustimmung zum ohnehin nur halbherzigem Vorschlag meines Vaters ist im Wortsinn ver-rückt. Jedoch scheint das niemand zu bemerken, ich auch nicht.

Inzwischen habe ich durch den über anderthalb Jahre dauernden Heimaufenthalt den Kontakt zu Gleichaltrigen und überhaupt allen Spielgefährten meines häuslichen Umfelds völlig verloren und den außerschulischen Kontakt zu meinen Klassenkameraden fast völlig, da ich diese nach dem Unterricht nur noch bei gelegentlichen Pflichtveranstaltungen treffe.

Ich vermute, dass diese Formulierung leicht komisch klingen könnte, aber ich glaube, von hier an geht es bergab. Soll heißen, meine Entwicklung geht in eine Richtung, die eine Therapie wenn nicht notwendig, so doch angezeigt erscheinen lassen muss. Allein, etwas wie Therapie gibt es damals nicht, schon gar nicht in der DDR. Zudem geht diese Entwicklung derart schleichend vonstatten, dass sie kaum bemerkt wird, schon gar nicht von mir. Zudem „retten“ mich wiederum bis zum Erwerb der Mittleren Reife meine guten Leistungen.

Mein Verhalten nach dem Auszug aus dem Heim ist jedoch noch irrationaler als mein plötzlicher Entschluss zu diesem Auszug. Auch mehrere Erzieher äußern ihr Bedauern über meinen Auszug, bitten mich zudem jedoch geradezu, wenigstens zu offiziellen Anlässen wie Festen, Jubiläen usw. vorbei zu kommen.

Ich halte mich nicht nur nicht an diese freundlichen Abmachungen, sondern meide nach meinem Auszug das Heim, ja, das ganze Quartier, in dem sich das Heim befindet, als hätte ich dort ein Verbrechen begangen. Dies ist keineswegs auf meine in den ersten Wochen meines Heimaufenthaltes entwickelte Scham darüber zurückzuführen, dass ich nun ein Heimkind wäre, zumal dieses Empfinden nach meinem Auftauen sogar in eine Art Stolz übergegangen ist.

Auch dieses bis zu tragikomischen Ausweichmanövern führende Meidungsverhalten scheint niemandem als ver-rückt aufzufallen.

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