Ich bin fast ganz weg von Drogen

Seit mindestens 10 Jahre rauche ich nicht mehr, wobei es bezeichnend ist, dass ich mich nicht an das Jahr beginnender diesbezüglicher Abstinenz erinnern kann. Es war ein 15. Januar, an dem ich von ca. 100 auf 0 Zigaretten herunter gekommen bin. Nun scheine ich des Öfteren herunter gekommen zu wirken, was aber in diesem Kontext durchaus eine positive Umwertung erfahren könnte. Natürlich handelte es sich um einen Silvester-Vorsatz, dessen Umsetzung sich nur verzögerte, nicht zuletzt altersbedingt, wie man vermutlich schon vermutet hat.

Alkohol trinke ich fast gar nicht mehr. In den drei wohnheimlich verbrachten Jahren habe ich drei oder vier kleine Flaschen Bier in meinen Schlund praktiziert, d. h., deren Inhalt, und eher aus Gruppendruck. Ich arbeite an einem Medikament zur Senkung des Gruppendrucks, wir berichteten! Einmal habe ich mich nach dem Leeren nur einer Flasche uringüldenen Hopfengebräus sogleich zu Bette begeben und bin umgehend weg geratzt, weil ich bereits schön breit war. Das ist zwar voll pussymäßig, Alter, aber vom ökonomischem Gesichtspunkt sehr zu begrüßen.

Tee trinke ich noch gelegentlich, Kaffee jedoch regelmäßig und das gefällt mir nicht immer. Heute nun habe ich eine Tasse dampfenden Kaffees am Morgen auf meinen Schreibtisch gestellt und habe ihr Vorhandensein dann verdrängt. Infolgedessen ist das würzige Aroma des Äthiopikums stundenlang angenehm tonisierend durch den Raum gewabert, ohne dass es zur Reizung diverser Schleimhäute kommen konnte. Vielleicht sollte ich diese Genussvariante kultivieren. Sie darf auch gern ohne Quellenangabe übernommen werden.

Das ist, Überraschung, und jetzt habe ich wieder die schöne Stimmung zerstört, nicht nur witzig. Alkaloide scheinen in der Tat grundsätzlich Sucht erzeugen zu können. Den Mechanismus, der dem zugrunde liegt, habe ich so verstanden, dass bei manchen Menschen die Informationsübertragung im Gehirn vermutlich genetisch bedingt dergestalt gestört ist, dass von außen zugeführte Stoffe an den Synapsen schneller und nachhaltiger angelagert werden als die körpereigenen Botenstoffe. Damit dürfte bereits Sucht und vor allem Suchtdruck plausibel sein. Es leuchtet ein, dass das Gehirn nach der ersten Gabe besagter von außen zugeführter Stoffe nach diesen energisch verlangt. Andererseits wird damit klar, dass es nicht zur Suchtkrankheit kommt, wenn der Betroffene keine Gelegenheit hat bzw. diese nicht nutzt, sich besagte Stoffe zuzuführen.

Das Stichwort ist gefallen – es handelt sich um eine Krankheit, nicht um einen Charakterfehler oder eine soziale Schwäche usw. Dass sich das leider auch im XXI. Jahrhundert noch immer nicht herumgesprochen hat, scheint mit dem Phänomen zu tun zu haben, das mich gerade stark beschäftigt, so dass ich die eine oder andere Zeile dazu poste, *hüstel*. Viele Menschen scheinen kaum etwas mehr abzulehnen, zu meiden oder gar zu fürchten als das, was sie zu Menschen macht, nämlich die geistige Ebene. Es kann Einem, wir berichteten, passieren, dass Einem erfolgreich diplomierte Absolventen von Hochschulstudien gönnerhaft auf die Schulter klopfen und etwas anmerken wie, man würde zu viel denken usw. Wie viele Jahre soll ich denn nun noch mit unqualifizierten Hilfsarbeiten verbringen bzw. umbringen, um überzeugend zu demonstrieren, dass ich dadurch mein Gehirn nicht abschalten kann? Vergib mir, herbe Dame Welt!

Das eben Erörterte hat auch nicht unbedingt mit Psycho zu tun. Man lese Jack Londons „John Barleycorn“, in dem der Meister das Problem derart abgehandelt hat, dass es wirklich jeder verstehen kann. London zeigt schlüssig, dass, wer keinen Zugang zu einer geistigen Ebene hat oder diesen nicht sieht, keineswegs kein Bedürfnis danach zu haben scheint. Vielmehr knallt er sich die Birne voll, um für kurze Zeit und vor allem bar aller Mühen sich als Gott fühlen und über den Dingen und Wesen dieser Welt schweben zu können.

(… zu Jack London fällt mir immer ein, dass er einmal einem jungem Autoren geraten hat, sinngemäß, fast wörtlich, der möge doch aufhören zu lamentieren und stattdessen starke Bilder vor dem geistigem Auge des Lesers erstehen lassen… ich finde das zwar saustark, aber ich fühle mich da überhaupt nicht angesprochen… echt jetzt, *hüstel*…)

Zudem glaube ich nicht, wie insbesondere behauptet wird von Verfechtern der Freigabe von Hanfsorten, welche zerebral illuminierende Substanzen in hinreichender Konzentration enthalten, dass der Genuss irgendeines Genuss- und Suchtmittels Transzendenz ermöglicht oder Bewusstseinserweiterung. Vielmehr scheint es sich immer um Regression zu handeln, was da in mehrfachem Sinne phantastisch erlebt wird. Es scheint immer um das Zurückgehen in eine frühe Phase symbiotischer Verschmelzung in Kontakt und Beziehung zu gehen. Auch hier sehe ich mich gezwungen, Ammon zuzustimmen, der von Alkohol und dgl. als von „vergifteter Muttermilch“ sprach. Diese Formulierung finde ich nahezu genial, obgleich ich mich nicht als Therapeuten oder obernden Leiterarzt oder Nachfolger eines Vorgängers usw. sehe, auch nicht im Unbewussten.

Auch diese Sehnsucht nach der großen Verschmelzung lässt sich vielleicht ohne Rückgriff auf Psycho-Clubs verstehen. Fast jeder dürfte schon einmal einen Betrunkenen erlebt haben, der ihn und alle Menschen zu Boden knutschen und überhaupt die ganze Welt umarmen wollte. Dies aber eben nicht durch Erarbeiten einer genialen Dichtung wie „Alle Menschen werden Brüder“, sondern durch Substanzen, deren Zufuhr einschlägig Bedürftigen ermöglicht, in gewissem Maße das weg zu knallen, was sie zu Menschen macht, als wäre es das Lästigste, das man besäße. Das ist es wohl auch in dem Sinne, dass es den meisten „Ärger“ macht.

Diese Sehnsucht nach der großen Symbiose könnte jedoch ein menschliches Grundbedürfnis sein, wie mir immer öfter scheint. Es geht bei allen Kämpfen und Krisen und Kriegen womöglich eben nicht um Grund und Boden und Wald und Gewässer und Geld und Rohstoffe usw. usf., sondern um Wahrnehmungsmuster, zu deren dauernder Etablierung die aufgeführten materiellen Dinge notwendig sein könnten. Womöglich wünscht sich jeder, zumindest gelegentlich, dass möglichst viele Menschen, im Extremfall der Diktatur alle, so ticken mögen wie er, seine Muster der Wahrnehmung und seine Reaktionen auf diese Wahrnehmungen, die er für die Welt hält, teilen mögen. Es gibt dafür harmlosere Beispiele als „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ oder „Schild und Schwert der Partei“. In beiden Fällen handelt es sich um Versuche, als Reaktion auf massenhafte Verunsicherung durch massive Umbrüche in Lebenswelten usw. eine Art Groß-Symbiose zu erzeugen. Derartige Beispiele wären Fußballspiele oder Rockkonzerte oder Barth in der Menge.

Wie gesagt, erscheint mir die Entladung durch graphomanisches Tasten Dreschen angemessener als männlich-herbes Brüllen und Türen Knallen usw. Ich übe, vergleiche Sloterdijk über den Menschen als das zwischen Betrachten und Handeln übende Wesen, *hüstel*…

PS: Bla.

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