Gestern oder heute war oder ist der 80. Geburtstag meines Vaters

Ich habe gestern Abend wieder auf die Tränendrüse gedrückt, wie mein unmittelbar vorgesetzter Vorfahre Fred Koske gesagt hätte. Am Ende von Winterbergs Film „Die Jagd“ bekommt der Sohn des Helden ein Jagdgewehr geschenkt, was ganz bewusst als Initiationsritual gedacht ist. Zu dem Film komme ich aus triftigen Gründen sehr wahrscheinlich noch in einem weiterem Posting.

Mir ist natürlich eingefallen, wie mein Vater quasi aus Ersatzteilen, Resten und Abfällen ein Luftgewehr gebaut hat, das im zusammengeklapptem Zustand in eine Aktentasche passte. In einer solchen hat er das Teil dann wohl auch durch den Kontrolldurchlass-Punkt der Kaserne geschmuggelt. Er hat mir das Gewehr geschenkt, aber verständlicherweise eher selbst mit Diabolos herum geknallt. Einmal haben wir dergleichen zusammen am Neujahrsmorgen auf der Insel praktiziert. Das muss alles noch vor meinem neuntem Geburtstag geschehen sein, denn meine Eltern waren noch nicht geschieden.

Ob mein Vater am 21. oder am 22. August Geburtstag hat, weiß ich nicht genau. Dies jedoch nicht vorrangig deshalb, weil ich als Sohn ’n Griff ins Klo wäre, was zweifelsohne aus Sicht meines Vaters der Fall ist.

Wenn ich mich jedoch recht entsinne, hat mein Vater irgendwann angedeutet, dass nicht genau zu ermitteln gewesen wäre, ob er am 21. oder 22. August geboren worden ist. Das hing natürlich mit seiner Flucht aus Königsberg zusammen. Ein Tag ist dann festgelegt worden; ich weiß aber nicht, welcher. Das hat jedoch vor allem damit zu tun, dass er um die Tatsache herum wieder mit diesem seltsamen mystischem Raunen anfing, das ich mir nicht erklären konnte. Unausgesprochen beinhaltete es immer die Mitteilung, das mit diesem Raunen Bedachte wäre weit über meinem Niveau und ich würde dieses Niveau nie erreichen können.

„Darunter“ oder „dahinter“ wiederum steckte die Unfähigkeit zu Schmerz und Trauer und wahnsinniger Neid und Eifersucht auf mich, weil ich Kindheit, Familie usw. erleben durfte. Ihm war dieses Erleben auf grausame Weise verwehrt worden, da er, statt eingeschult zu werden, aus seiner brennenden Heimatstadt vertrieben wurde und auf der Flucht den Kontakt zu allen seinen Familienangehörigen verloren hatte, um dann kurz vor der Wende erfahren zu müssen, dass diese Verwandten alle jahrzehntelang im Westen gelebt hatten.

Vor allem aber ist es ihm gelungen zu verhindern, dass ich landen und ankommen konnte. Als diese Landung drohte, hat er mich nach meiner Einschulung zum viertem Mal in Reihenfolge die Schulklasse wechseln lassen. Ich hätte in der Gruppe meiner dritten Klasse bleiben können, in der sich dieses Ankommen zumindest andeutete und keineswegs nur meiner Wahrnehmung nach. Diese Klasse wechselte geschlossen die Schule, weil der Jahrgang in der bisherigen Schule überfüllt war. Es gab dort sechs dritte Klassen mit jeweils rund dreißig Schülern.

Stattdessen musste ich allein neu in einer dritten Schule anfangen, die nur wenige Minuten von meinem Wohnblock und von meiner bisherigen Schule entfernt war. Ich bin mir heute sicher, dass dies ein Wendepunkt in meinem Leben war. In die Gruppe der vierten Klasse bin ich nicht mehr wirklich rein gekommen, obwohl sie die Gruppe war, zu der ich in meinem Leben am längsten gehörte. Ich entsinne mich deutlich der Befremdung, ja, des leichten Entsetzens sowohl sogenannter Erwachsener als auch von Mitschülern, als ich mich von den ersten Tagen des vierten Schuljahres an als Klassenclown gewissermaßen vorstellte.

Ich entsinne mich jedoch ebenso deutlich daran, dass sich mein Vater in diesem Zusammenhang mindestens seltsam verhielt. Unerwartet in der Stadt getroffenen Bekannten oder Kollegen bzw. Genossen erläuterte er, dass er seinen Sohn nicht auf eine weiter entfernte Schule schicken müsse und werde, wenn zwei Schulen fast vor der Haustür lägen. Diese Erläuterungen hörten sich wie ein Versuch der Verteidigung an, obwohl niemand ihn angegriffen hatte, ja, obwohl der Gesprächspartner das Thema nicht einmal angeschnitten hatte. Ich bin mir sicher, dass ich das Erlebte nicht nachträglich verfälsche. Ich wäre nur wieder einmal unfähig gewesen, meine Wahrnehmung klar in Worte zu fassen, wenn das jemand erwartet hätte. Aber auch hier wieder ergibt sich die Frage, vor wem ich das hätte tun sollen.

Erst lange nach meinem Auszug aus dem Elternhaus wurde mir bewusst, dass eigentlich mein Vater derjenige war, der dauernd auf die Tränendrüse gedrückt hat. Dies insbesondere dann, wenn er klar hätte Stellung beziehen müssen. Dann war er oft Wackelpudding. Die Verspätung bei dieser meiner Einsicht ist typisch.

Mein Vater muss sich gehasst haben für seine weiblichen Anteile, die in konstruktive und kreative Tätigkeiten umzusetzen auch ihm nur in Ansätzen gelang. Auch diesen Hass hat er in mich hinein gedroschen, der ich ihm zu weichlich und weibisch erschien. Das Furchtbare war, dass er hier aus seiner Sicht wiederum Recht hatte. ‚Was heult der denn wegen dem kaputten Teddy – wenn der wüsste, was ich durchstehen musste!‘ Nur als Beispiel! Aber das begreift kein Fünfjähriger.

Es ist dies überhaupt eine der geradezu gebetsartig unzählige Male wiederholten Floskeln meines Vaters, „Irgendwann schreibe ich das alles einmal auf!“ Er meinte mit „das“ natürlich vor allem seine Erlebnisse bei Vertreibung und Flucht aus Ostpreußen. Ich glaube, mir sicher sein zu können, dass er bis heute nichts aufgeschrieben hat. Möglicherweise ist da eine der Wurzeln meines Schreibblocks.

Ist das mein Thema, dem Vater verzeihen? – Ich weiß es nicht. Ich weiß mit dem Kopf, dass ich wahrscheinlich niemanden so geliebt habe wie meinen Vater. Aber ich bin von diesem Gefühl abgeschnitten. Es wird überdeckt von lähmender Resignation, Enttäuschung, Groll, apathischem Fatalismus und Bitterkeit.

Mein Vater war der Gott meines kleinen Kinderhimmels in weitaus höherem Maße, als das bei kleinen Jungen ohnehin der Fall ist. Es war schließlich sonst fast niemand da. Keine Geschwister, keine Verwandten, kaum Freunde meiner Eltern und keine Spielgefährten in Krippe und Kindergarten, weil ich diese Kindertagesstätten nicht besucht habe. Immer wieder erschienen Schwestern und Ärzte und verabreichten mir mehr oder weniger unwohlschmeckende Substanzen und Tabletten. Mindestens die Hälfte meiner Vorschulkindheit habe ich krank verbracht und oft war ich bettlägerig. Der von mir mehrfach erwähnte Dr. Froese, den ich aus der psychotherapeutischen Station in Berlin-Hirschgarten kenne, hat irgendwo erklärt, viele Ossis würden ihre Lebensläufe gewissermaßen marktwirtschaftlich zu frisieren versuchen, indem sie den Besuch von Kinderkrippe und Kindergarten leugneten. Ich war tatsächlich nicht in diesen Einrichtungen früher Formung der allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit.

Ich bin immer mit dem Elternteil psychisch symbiotisch verschmolzen, das gerade „da“ war. Über Jahre meiner Kindheit hinweg habe ich vormittags stundenlang in einem Wohnzimmersessel nach der aus dem riesigem Röhrenradio dröhnenden Unterhaltungsmusik geschaukelt, mit dem Oberkörper vor und zurück. Meine Eltern haben irgendwann erzählt, dass ich über lange Zeit auch im Liegen im Bett geschaukelt hätte. Daran kann ich mich nicht erinnern. Dieses Verhalten zeigen autistische und emotional verwahrloste Kinder. Meine Mutter war aber in der Wohnung anwesend. Deshalb habe ich eben oben „da“ in Anführungsstriche gesetzt. Ich bringe an dieser Stelle immer wieder die zynische Bemerkung an, dass das eben Gesagte auf die innige Mutter-Kind-Beziehung des vermeintlichen Muttersöhnchens deutet. Hier wird zudem klar, dass und wie sehr Zynismus für mich auch Überlebensmittel war und ist.

Dennoch und erst recht hatte mein Vater Vorrang. Er hat mir viel Konstruktives vermittelt, vor allem die Liebe zu Büchern, zu Katzen, zur Natur, zu Wanderungen und Spaziergängen. Eine geradezu grotesk prägende Erfahrung war für mich, dass er mich wegen meiner Schaukelei immer wieder aufzog mit dem Hinweis, ich würde mich gebärden wie ein Jude in der Schul beim Studium der Schrift. Daraus resultierte schon in der Vorschulzeit meine Neugier auf das Judentum.

Derselbe Vater, der mich auf den Weg brachte zu den erwähnten Interessen, Vorlieben und Erkundungen auf einer geistigen Ebene, hat mir eindrucksvoll vorgeführt, was Amoklauf sein könnte. Des Öfteren hat er sich am Sonntag, wenn der Haussegen schief hing, nach einigen Gläsern Wein in den Trabbi gesetzt und ist mit Höchstgeschwindigkeit über die Landstraßen und Dörfer um unsere Heimatstadt mehr geschleudert als gefahren. Die Pappe vibrierte, aber es ist nie etwas passiert. Es hat auch niemand etwas mitbekommen. Der Mann war Berufssoldat und später Offizier der Polizei und Genosse.

Bereits mein Vater muss auf dem Bedürfnis drauf gesessen haben, alles kurz und klein zu schlagen, das ich einige Male zumindest in Ansätzen ausagiert habe. Es war nicht nur für mich befremdlich zu sehen, wenn er vor dem Fernseher geradezu explodierte vor Lachen wie in einem epileptischen Anfall. Das geschah immer dann, wenn in Mantel-und-Degen-Filmen oder Western ein kompletter Burgsaal oder ein ganzer Saloon zu Bruch ging und Dutzende echte Kerle sich zu Brei schlugen und säbelten oder mit Kugeln durchsiebten. Mein Vater war beim Ansehen derartiger Szenen regelmäßig beinahe im Wortsinn außer sich.

Irgendwann hatte ich Gelegenheit, meiner katastrophalen Viertelbildung eine Information über Theorien lebensgeschichtlich früher Bindungsversuche hinzuzufügen. Sinngemäß erfuhr ich, dass es grundsätzlich die drei Varianten von zu viel Bindung, zu wenig Bindung und dem Schwanken zwischen beiden Extremen gäbe. Mehrere Autoren wiesen darauf hin, dass die dritte Variante möglicherweise die am stärksten und nachhaltigsten schädigende wäre.

Das kann ich aus eigenem Erleben bestätigen. Dieselben Hände meines Vaters, die überaus zärtlich und fürsorglich sein konnten und mit denen er mir wiederum aus Resten und Abfällen zum Beispiel einen großen Spielzeug-Kipper baute, droschen mich nach seinen eigenen Worten windelweich und dies über bestimmte Zeiträume hinweg regelmäßig und meistens im Grunde wegen Lappalien. Er erklärte immer wieder, gleich würde er sich vergessen.

Diesen Kipp-Moment habe ich auch wahrgenommen. Ich wäre als Vorschulkind wiederum unfähig gewesen, den Sachverhalt zu verbalisieren, aber ich hatte das deutliche Empfinden, dass er irgendwann gar nicht mehr auf mich eingedroschen hat, sondern auf etwas Anderes oder jemand Abwesenden. Im Grunde schlug er wohl auf sein verfehltes Leben abseits aller Träume, Hoffnungen, Erwartungen und vor aller realen Begabungen ein.

Er hatte, wahrscheinlich unter anderem, einmal Chirurg werden wollen. Als Mensch mit diesen berühmten goldenen Händen und mit deutlichen sadistischen Neigungen sowie ausgestattet mit mindestens durchschnittlicher Intelligenz wäre er ein guter Chirurg geworden. Stattdessen arbeitete er ein rundes Vierteljahrhundert in Uniform in einer Kaserne und schimpfte und fluchte während meiner Vorschulkindheit immer wieder über den Saftladen usw.

Noch als körperlich längst Erwachsener wurde ich von ihm zurecht gewiesen, weil ich in einem Lebenslauf sinngemäß geschrieben hatte, während meiner neunzehn Jahre in meinem Elternhaus wäre er Berufssoldat der Bereitschaftspolizei gewesen. Er wäre vielmehr Ingenieur. In diesem knappen Vierteljahrhundert hatten ihn jedoch hunderte, wenn nicht tausende Leute in der Uniform erlebt. Ein Leben voller Lavieren, Schummeln und Mogeln – aber ich bin ein Lügenbaron

Mit anderen Worten sind die Eltern an allem schuld?! – Nee, aber mit der Befreiung von Unterdrückung hätte man, und ich wiederhole mich bewusst, nach dem Schaffen einer materiellen Basis hier wirklich anfangen müssen, auf der Ebene, die den Menschen zum Menschen macht, der psychischen Ebene.

Dort hat man aber aufgehört. Alle sind satt, weil vor allem Lebensmittelpreise extrem niedrig sind, alle haben ’n Job und ’ne preiswerte Wohnung usw. usf., damit ist die Befreiung vollzogen! Wer das nicht einsehen will, ist schlimmstenfalls feindlich-negativ und wird operativ bearbeitet.

Deswegen hat man meines Erachtens die Karre an die Wand gefahren, nicht wegen zu wenig Bananen und zu viel Stasi usw. – Aber das ist alles Psychoscheiß und kann vernachlässigt werden!

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