(… K. ist sich dieses Widerspruchs durchaus bewusst…)


K. hat schon immer geahnt, dass sie auf Bäumen wachsen; dies jedoch ist eine, ha, eigene Aufnahme, was man allerdings auch merkt, was wiederum K. durchaus bemerkt hat.

***

Einerseits versucht K., so gründlich wie möglich seine, milde formuliert, seelischen Schräglagen zu beschreiben, weil er sich sicher ist, dass allein das Aufschreiben etwas bewirkt. Sein Erleben wird durch die schriftlichen Versuche seiner Beschreibung zumindest in gewissem Maße abgerückt und abgegrenzt, es ist bereits außerhalb seiner Person, es ist bereits ein bisschen etwas Anderes usw.

Andererseits blödelt K. herum, dass es eine Lust zwar vielleicht nicht, aber eine wuchtige Wirrnis ist, und oft gehen beide sozusagen schriftlichen Sprechweisen ineinander über, manchmal mehrfach innerhalb eines Absatzes.

Natürlich ist K. klar, dass ihn das, milde formuliert, unglaubwürdig machen könnte, oder noch unglaubwürdiger, als er ohnehin zu wirken scheint. *

Zudem übt K.; er schreibt wenigstens ein bisschen, was besser als gar nichts ist. ‚Er dichtet doch nicht, führt wieder Tagebuch!‘, lautet hier die Rückmeldung per Mental-Funk, und immer wieder fragt sich K., obwohl ihm klar ist, dass die für diese immer erneute Frage verwandte Energie einer besseren oder jedenfalls wichtigeren Sache wert wäre, was das für mindestens seltsame Hallus wären.

K. ist, was niemanden überraschen kann, völlig unzufrieden mit diesen Versuchen der Darstellung seines tragikomisch kafkaesken Innenlebens durch Schrift Stellen, ist aber ein bisschen stolz auf die wenigen Male, in denen es ihm wie gestern halbwegs gelingt, das innere Chaos im Moment des Geschehens zu beschreiben und damit in gewissem Maße immer auch zu bändigen.

Die krassesten Augenblicke sind für K., und dann wird es kritisch, im Auge behalten, das grauhaarige Kind, wenn er keine Worte mehr hat, wenn alles auf einem geistigen Level insbesondere des Lesens und Schreiben völlig weg ist und alles nur geträumt erscheint; eine grausig-groteske Grunderfahrung des K. in seinen Lebens-Hindernis- und Slalom-Lauf.

Allein, K. fällt bei diesen Überlegungen immer wieder ein bekannter Schriftsteller ein, und an dieser Stelle muss der fast bis zur Standardisierungsreife gebrauchte Satz eingefügt werden, dass K. nicht größenwahnsinnig wäre, vielmehr es ihm ums Prinzip gehen würde.

Die Rede bzw. Schrift ist von Michail Sostschenko, einem keineswegs nur nach K.’s unmaßgeblichen Empfinden großartigen Humoristen.

Derselbe Sostschenko aber hat auch das autobiografische Buch „Schlüssel des Glücks“ vorgelegt, das, gleichfalls nicht nur nach K.’s Wahrnehmung, beinahe eine Art literarische Singularität darstellt insbesondere in der sowjetrussischen Literatur.

(… man sagt „vorgelegt“, denn das ist literarisch, interlecktuell und – überhaupt…)

„Schlüssel des Glücks“ ist das ohne Humor, Sarkasmus, Ironie usw. geschriebene Protokoll einer grandiosen Selbstheilung, das seinesgleichen suchen dürfte. – Nein, K. hatte dieses Buch nicht im Hinterkopf, als er seine „Lebensreportagen“ begonnen hat; Sostschenko ist ihm vielmehr eingefallen, als K. schon bei der Arbeit mit seinem eskapistischen Schreibquatsch asozial zugange war.

Sostschenko hat durch sozusagen rückwärts Erzählen seines Lebens von der Gegenwart bis zur Geburt eine lebensbedrohliche Situation bewältigt, in der er, was nicht nur er nicht zu verstehen vermochte, sondern auch die Ärzte nicht, nichts mehr essen konnte. Zudem waren ihm schon lange sein mindestens irrationales Verhalten gegenüber Frauen aufgefallen insbesondere dann, wenn es mit ihnen zur Sache ging, und auch dieses Verhalten war eskaliert.

Das heißt, die Erklärung, Sostschenko hätte um sein Leben geschrieben, ist keineswegs eine dichterische Überhöhung oder dergleichen.

Dem Schriftsteller ist es gelungen zu explorieren, dass sich in seiner Kindheit, bereits in den ersten Lebensmonaten, der makabre bedingte Reflex ausgebildet hatte, die Mutter wäre lebensnotwendige Nahrung und Nähe und übermächtige, völlig unverständliche Bedrohung, vor der es kein Entkommen gäbe. Während Sostschenkos frühester Kindheit hatten über längere Zeit starke Gewitter stattgefunden und häufig hatte es immer dann geblitzt und gedonnert, wenn das Baby an der Brust der Mutter war, so dass sie sich heftig erschrocken hatte.

Dass es sich bei der Aufdeckung dieses Zusammenhangs nicht um Psycho-Gedöns gehandelt hat, zeigt die Tatsache, dass nach der Verbalisierung dieses Zusammenhangs Sostschenkos Symptomatik völlig und bleibend ausgeräumt war. „Wer heilt, hat Recht!“, wie bereits Paracelsus gesagt hat, wenn K. sich recht entsinnt, was zumindest hin und wieder der Fall zu sein scheint.

(… korrekt, hier sieht sich Herr K. neuerlich, im Unbewussten, als, Zitat vox populi, „Hilfstherapeut“… und nun gehen wir wieder an Anlehnung an den Bluthund alle schön kacken… garstige Hobbitse, garstige Hobbitse…)

Wieder unabhängig von seiner Meinung oder seinem Empfinden glaubt K., dass diese im doppelten Sinn Frühgeschichte mächtig episch wäre; schreib um Dein Leben oder lass es und verhungere, und von so was träumt natürlich auch der durchgeknallte Spießer K. ganz tief drin, *hüstel*.

(… ja… jaaa… fester, fester… aaaaah… sorry, muaha… die übelst-schönste Kasteiung ist und bleibt die Selbstkasteiung…)

Zudem zeigt diese gräulich grandiose Story erstens ohne weiteres einleuchtend auch für Ottilie Normalverbraucherin, warum Frühstörungen Frühstörungen heißen, oder zumindest, warum auch, und zweitens scheint für jedermann offensichtlich, dass auch oder gerade Psycho-Club immer vom Kontext abhängig ist, auch oder gerade von den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Sostschenko hat sich keineswegs des bereits gut entwickelten Instrumentariums der Psychoanalyse bedient, sondern der Lehre Pawlows, die staatlich genehmigt oder jedenfalls geduldet war insbesondere von Großtante Väterchen Stalin.

***

Ja, K. erinnert sich gern der Zeit, als er überzeugt war, Psycho-Gedöns könne ihm helfen; nun aber bemüht er sich, oh schöner Schmerz von edler Tiefe, die Frist, die hienieden ihm noch gegeben ist, halbwegs anständig und mit nur wenigen sozialen Kollateralschäden über die Runden zu bringen…

In diesem Sinne – Gott ist tot, es lebe die Göttin!

PS: Heute vor 500 Jahren musste Christian II. auch als König von Norwegen und Dänemark abdanken, und das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

* Tada! Schnedderädäng! Tandaradei! Hier ist sie, die Freudvoll freudvolle Fehlleistung des Tages des sinisteren K.; „… dass ihn das, milde formuliert, unglaubwürdig machen könnte, oder noch ungläubiger…“ – K. muss sich ein bisschen hinlegen; wir bitten um diskrete Anteilnahme.

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