(… Kafka reloaded… Folge x+1…)*

Er ist gerade sozusagen ganz weit hinten und ganz leise, kaum noch zu hören, der Budenzauber. Der Begriff „dauerhaft kommentierende virtuelle Diensteinheit“ scheint K. wieder einmal sehr zutreffend; es hört sich tatsächlich an wie in den YouTube-Videos, in denen Stasi-Gruppen bei der Arbeit gezeigt werden, bzw. „Gruppen“ und „Arbeit“.

K. kommt nach Hause, wobei er immerhin feststellt, dass er in der Tat von „zu Hause“ spricht, was ihm selbst unheimlich ist, was niemanden überraschen dürfte, und er bemüht sich zumindest, erheitert zu sein, wenn ihm klar wird, dass er fast sechs Jahrzehnte gebraucht hat, um die Empfindungen verbalisieren zu können, die ihn in diesen Augenblicken ankommen; es sind Schuldgefühle.

Diese Schuldgefühle sind idiotisch, und diese Einsicht nützt K. allerdings nichts. Nicht im Mindesten hat K. gegen offizielle, anerkannte, juristisch festgeschriebene, gesellschaftlich verbindliche usw. Gesetze verstoßen, sondern gegen aus seinem persönlichen Präteritum resultierende wie: „Du sollst nicht aus der Spur kommen!“, „Du sollst Dich nicht an kreativer Tätigkeit versuchen, wie zum Beispiel an diesem Literaturquatsch!“, „Du sollst kein Interesse an anderen Menschen zeigen und schon gar nicht an weiblichen!“ usw. usw. usf.

Dabei ist K. sich durchaus klar darüber, dass dergleichen auf Außenstehende urst lustig wirken könnte und dass Leute wie Loriot oder Woody Allen mit der künstlerischen Verarbeitung dieser sozusagen Rahmenbedingungen inneren Strafvollzugs Lösungen zweiter Ordnung gelungen sind, die sich buchstäblich sehen lassen können.

Wieder einmal hat K. die Ohren nicht mit Knopfhörern oder Ohropax zugestöpselt, weil er wieder einmal hofft, dass der Budenzauber nach 36 Jahren endlich vorbei wäre, wobei ihm selbst klar ist, dass diese Erwartung unsinnig, wenn nicht lächerlich ist, aber der klischeehafte Spruch von der Hoffnung, die zuletzt sterben würde, erweist sich wieder einmal als das dieses berühmte oder berüchtigte Körnchen Wahrheit enthaltend.

Am meisten nervt, wie immer, dass viele dieser Rückmeldungen inhaltlich zutreffend sind, wie etwa die mittlerweile beinahe zur Standardisierung geeignet erscheinende Rückmeldung, K. würde nicht dichten, sondern Tagebuch führen. K. hat es inzwischen aufgegeben, auf den Unterschied von Tagebuch führen und Bloggen zu verweisen.

Dann kommt jedoch auch immer wieder gequirlte vornehmlich rückwärtig ausgeschiedene Fäkalie von zumeist pastöser Konsistenz, wie etwa: „‚Will nich‘ arbeiten, weilla ’n Wäpplock hat!‘ usw. usf.

Was soll das? – Wieder eine rein rhetorische Frage zur auch grafischen Ausschmückung des Textes.

Die wissen zudem immer, wo K. gewesen ist und was er gemacht hat, und das wird dann parteilich diskutiert in der oben genannten virtuellen Diensteinheit. Heute ist K. wieder durch die Stadt gelaufen, damit die Leute denken, er würde arbeiten gehen; außerdem spielt er Rockefeller und gibt jeden Tag Geld aus usw.

Erreicht K. dann sein ihm derzeit von der Weltgeistin, den Umständen und dem Trägerverein zugewiesenes klischeehaft klassisches Dichte-, Denk- und Darbe-Dachstübchen, ist er sich sicher, dass irgendetwas im Busch ist, dass etwas kommt aus einer Richtung, in die zu sehen K. nicht einmal auf den Gedanken kommt, dass etwas aus seiner Vergangenheit ihn einholen würde, an das er gleichfalls nicht einmal gedacht hat, so dass er etwa mit Sanktionen rechnen muss wie zum Beispiel mit der Kündigung des WG-Zimmers usw. usf.

So was bestimmt die Lebensqualität entscheidend, nicht das Monatseinkommen; milde gesagt, scheint das schwer zu vermitteln.

K. weiß auf der rationalen Ebene, dass das sehr wahrscheinlich alles Unsinn ist, was da in ihm an wirren Wachphantasien wabert, aber das ändert nichts an diesem Empfinden.

Vor allem stellt K. erneut fest, dass er Dutzende Male erleben konnte, dass seine Befürchtungen und Ahnungen usw. sich als Unsinn erwiesen haben, und er dennoch beim nächsten Mal wieder derart wie eben oben empfindet, weil die frühen Prägungen stärker sind als aktuelle Erlebnisse in der Gegenwart.

Wahrscheinlich will K. wieder gelobt werden für seine Selbsterkenntnis; er ist sich auch diesbezüglich nicht sicher.

So weit eine weitere Momentaufnahme vom Rand dieser unserer dynamischen Postmoderne, weiter voran auf bewährtem Kurs

* Nein, kein Größenwahn; es geht ums Prinzip. Zudem hatte Kafka die, ohne Ironie usw. gesagt, bemerkenswerte Fähigkeit, diese „Spaltung“ von Brotberuf und brotloser Kunst hervorragend zu managen; trotz erklärter, und verständlicher, Unlustgefühle war er ein ausgezeichneter Angestellter von Versicherungen, und „ausgezeichnet“ gar in dem Sinne, dass er befördert wurde usw. Herr K. dagegen kann nur eins, er hat es -zig Male ausgetestet, entweder knuffen, mucheln, malochen usw. gehen, oder sich wenigstens bemühen, igitt, etwas aus seinen Talenten zu machen. Auch das scheint, ebenfalls milde formuliert, schwer zu vermitteln. – Im nächsten Leben geht es anders lang, des seiest Du gewiss, herbe Dame Welt!

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10 Antworten zu (… Kafka reloaded… Folge x+1…)*

  1. Herr Ösi sagt:

    Im nächsten Leben geht es anders lang…

    … aber dann bitte nicht wieder die Erde…!

  2. Herr Ösi sagt:

    Also, ganz bestimmt nicht… wieder auf der ERDE…!!!

    (Soviel ist klar)

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