(… ein paar Löffelchen Konstruktivismus für zwischendurch…)

Diese Szene erscheint immer wieder vor K.’s geistiger Brille. Er ist 2008 bei einer Zahnärztin seiner Heimatstadt; bewusst, um sein Gebiss begutachten zu lassen, unbewusst, um sein Bedürfnis nach Körperkontakt auf persönlichkeitsspezifische Weise zu befriedigen, indem er diesen Kontakt überhaupt zulassen kann, weil er durch Schmerzen oder jedenfalls unangenehme Empfindungen sofort bestraft wird.

Da K. auch oder gerade in dieser Stadt wieder nur quasi hospitiert, hat niemand Daten über ihn und die Schwester fragt diese im Warteraum ab. Wahrheitsgemäß beantwortet K. die Frage nach dem Rauchen, indem er erklärt, ein starker Raucher gewesen zu sein, im Moment aber bereits einige Jahre lang das Pendant des süchtig Inhalierenden zum trocken Sein des Schluckis zu leben.

Natürlich drückt K. das etwas anders aus; obwohl er, wie bekannt, etwas Besseres ist, vermag er sich durchaus auf Augenhöhe bzw. auf Mund-Höhe mit einfachen Menschen aus dem Volk zu unterhalten, *kraftvoll hüstel*.

Erheiterung auf den Zuschauer- bzw. Zuhörerbänken des Warteraums voller, aua, bohrender Probleme. Auf diesen Bänken aber sitzen „Unsere Jungs, Arbeiter-Jungs, ha!“, wie man an ihrer Kluft erkennen kann sowie, wenn K. sich recht erinnert, an einigen mitgeführten Schutzhelmen. In Augenblicken, in denen K. der profilneurotische Zwang, witzig sein zu wollen, „Sei spontan!“ usw., besonders heftig übermannt, bildet er sich ein, verbreitete Erheiterung erzeugen zu können mit der launigen Anmerkung, er erwäge den Gang zum Zahnarzt mit Schutzhelm rechtlich schützen zu lassen.

Was geht, Digga, mach locker, *hüstel*?

„Du musst hier nicht vor der Schwester auf den Putz hauen!“, lautet die sinngemäße und vor allem ohne Worte, aber dennoch eindeutig kommunizierte Rückmeldung der Arbeiterklassiker zu K.’s wahrheitsgemäßer Auskunft zum Rauchen. Hier muss K. einfügen, dass die Zahnärztinnen-Schwester nicht rothaarig ist. „Kannst ruhig zugeben, dass Du Dir gerne Eine zwischen die Kiemen klemmst, qualmender Weise, das ist voll okay und wir sind hier überhaupt unter uns!“

K. ist, man ahnt es, sprachlos; bekanntlich der Zustand, in dem er sich er sich in seinem Leben am seltensten befindet. Kurioser wie dialektischer Weise scheint das von den typischen Vertretern der inzwischen nicht mehr siegreichen Arbeiterklasse als Bestätigung ihrer Wahrnehmung gesehen zu werden; wer schweigt, stimmt zu usw.

Diese schreckliche Vereinfachung bei der Wahrnehmung der Welt wurde jedoch bis „ganz oben“ praktiziert; „Wo ist oben?“, Erwin Strittmatter sen., deshalb die Anführungsstriche.

„Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus!“, hat, nachdem am 07.10.1989 Gorbatschow abgereist war, Armeegeneral Mielke, Minister für Staatssicherheit, nachweislich gesagt; offenbar stolz auf seine Beschränktheit. Das Thema, das in K. seit längerer Zeit umgeht; die Umdeutung eines Defizits oder gar Defekts zur Stärke und zum Vorzug.

Warum schreibt K. neuerlich darüber? Möchte er, als Opfa, wieder einmal von, *schleim*, im mehrfachen Sinne guten Frauen sozusagen online den Schnuller rein geschoben bekommen?

Nee. Es geht ihm eigentlich, was er selbst kaum fassen kann, nicht um sich, sondern um die über seine natürlich höchst wichtige Person hinaus bedeutsamen Aspekte der banalen Geschichte.

Immer wieder fällt K. der Sinnspruch eines erfahrenen Psychiaters und seltenen Spezialisten für Großgruppendynamik ein, Wirklichkeit wäre das, worüber sich die jeweilige Gruppe geeinigt hätte, dass es Wirklichkeit wäre. Damit wird auch klar, dass K., das Opfa, des Öfteren die Gesäßkarte, weil selten oder nie ’ne Gruppe hat. Man muss hier vielleicht hinzufügen, dass diese Realitätskonstruktion umso wirksamer zu sein scheint, desto unbewusster sie erfolgt.

Sehr zwiespältig, diese Problematik, ein bisschen gruselig, aber zutiefst menschlich. Wie das? Nun, gruselig ist es, um beim warteräumlichen Beispiel zu bleiben, für K., weil er tatsächlich nicht mehr gequarzt und somit die Wahrheit gesagt hat, aber, meine Güte, wie poetisch, vom Gruppendruck sozusagen mentales Asthma bekommen. Wie bereits bemerkt, arbeitet K. seit Längerem an einem Medikament gegen Gruppendruck. Die gewissermaßen „wirkliche Wirklichkeit“ wirkt nicht oder nicht mehr; das Phänomen ist, und das jetzt ohne Ironie, Sarkasmus usw. gesagt, weit über den unwohltiefgeborenen K. hinaus zu beobachten.

Aber! Das, meine Güte, wie philosophisch, immaterielle Konstrukt der Bewertung und Einordnung materieller Realität ist wirksamer als diese Realität an sich; ein solches Konstrukt zu entwickeln vermögen jedoch nur Menschen. Nach bisherigen Erkenntnissen, versteht sich, irgendwo da draußen sind sicher Wesen, die mit etwas wie Vernunft begabt sein könnten usw.

Mit anderen Worten ist wichtiger als das, was, beispielsweise, K. tut, das, was Gruppen meinen, dass er es tun würde; eines der Merkmale der Abläufe, die K. mangels besserer Bezeichnung, oder weil er zu faul ist, eine treffendere Bezeichnung zu suchen, seit 1986 als „Budenzauber“ zu bezeichnen pflegt in der ermüdend stupiden Hoffnung, dass ihm wer aus diesen Abläufen heraus helfen können und wollen würde. Sooo süüüß!

Außerdem ist damit in gewissem Sinn und Maß eine Art Literarisierung von Wirklichkeit verbunden, indem sozusagen die Plots der Beschreibungsversuche von Realität entscheidend sind, nicht die Realität.

Hat das jemand verstanden? – Ist K. doch schnuppe, alles Haschen nach Wind

PPPS: Ph!
PPPS: Bla.
PPPS: Die heutige Blutabnahme gegen 09.30 Uhr erbrachte das Ergebnis, dass K. über Blut verfügt, und es ist wider Erwarten nicht blau. So weit der urst lustige Teil! Der unlustige ist, dass K. seit einiger Zeit immer so schummrig ist; entweder kriegt er im Vollzug der Wechseljahre beim Manne nicht nur schon Brust, sondern ist zudem ein bisschen schwanger durch Sonnenwindbestäubung, oder es sind diese demolierten bzw. deformierten Leukodingens. Am Donnerstag ist Blutbildbesprechung und K. ist gespannt, ob er neugierig ist.

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