(… in ihm denkt was, er kann nichts dagegen tun; will er auch nicht, ph…)

K., der nun 61 ist, wobei er den Verdacht nicht ausräumen konnte, dass es sich vielleicht um einen Zahlendreher handelt, ist am ersten Tag seines siebten Lebensjahrzehnts zu der Einsicht gekommen, dass es angebracht, wenn nicht gar notwendig wäre, Dostojewski zu lesen; wir bitten um diskrete Anteilnahme sowie gegebenenfalls die Zusendung der Hauptwerke des Meisters D., *hüstel*…

Zunächst nämlich hat K., was er selbst als bemerkenswert ansieht, etwas getan, was er schon lange vor hatte, indem er die vor allem mit Büchern, CDs und DVDs gefüllten vier Kartons durchsucht hat, die am Ende der als Raumteiler dienenden Reihe aus drei Bücherregalen in seinem klischeehaft klassischen Dichte-, Denk- und Darbe-Dachstübchen (KLIKLADIDEDADA) stehen.

K. wollte sich überzeugen, dass er David Mitchells „Wolkenatlas“ nicht besitzt, weil etwas in ihm erwogen hat, denn K. selbst macht ja nichts, außer natürlich immer das, was er gegessen hat, dieses Buch zu erwerben.

Mitchells Buch hat K. nicht gefunden, so dass er es sich demnächst kaufen wird, denn man gönnt sich ja sonst nichts; zudem spielt Geld keine Rolle für Leute, die eh‘ keines haben.

Was K. jedoch gefunden hat, ist Swetlana Alexijewitschs „Secondhand-Zeit“.

Einen Moment hat sich K. gefragt, warum er dieses Buch in dieser Kiste verstaut hatte und nicht in seine Regalwand gestellt, aber er hat die Frage gleich wieder verdrängt, weil diese Fehlablage wohl etwa mit dem Unbewussten zu tun gehabt haben dürfte, und diese Instanz wird K. langsam, aber sicher zu anstrengend.

In Alexijewitschs Buch aber finden sich Sätze wie etwa: „Die Menschen möchten einfach nur leben, ohne große Idee. So etwas hat es in der russischen Geschichte noch nie gegeben, so etwas kennt auch die russische Literatur nicht.“ oder: „Dieser Maßstab hat mich schon immer fasziniert – der Mensch… der einzelne Mensch. Denn im Grunde passiert alles dort.“*

(… die Hervorhebung durch Fettdruck erfolgte auch hier durch den K., der an Dr. B. denken muss, der 1984 im Hirschkindergarten in einer Großgruppe gesagt hat: „Das Subjektive ist das allgemein Interessierende!“…)

(… und wieder einmal wundert sich K., was sein Gehirn alles sozusagen hinter seinem Rücken gespeichert hat…)

(… eben kam per Mentalfunk: ‚Er will doch nicht leben!‘, wozu K. gar nichts sagen will, sowie: ‚Willa wieder hierbleiben!‘… K. sollte wieder irgendwo hinwollen und es hat nicht gefunzt… außerdem kam etwas mit ‚Hausaufgaben machen“, was sich eindeutig auf seinen Fernkurs bezogen haben dürfte… das aber wieder nur am Rande gepetzt in dem, ha, irrsinnigen Glauben, jemand würde diese Notizen lesen, der fähig und bereit wäre, K. aus dem Budenzauber heraus zu helfen… sooo süüüß…)

Nun, und in Alexijewitschs Buch wird, man ahnt es, nach der Seite 10 ausführlich Dostojewski zitiert, was K. zu dem veranlasst hat, was man als Pendant zum Aufhorchen beim Lesen bezeichnen kann.

So, denn das hat K. schon sehr oft erlebt, entsteht der Drang nach Bildung, nicht durch „Hefte raus, Leistungskontrolle!“

Ja ja, K. ist ein charakterbescheißendes Nestschwein, ist ja schon ungut! – Aber das ist auch wieder interessant, dass weder „charakterbescheißend“ noch „Nestschwein“ als Fehler angezeigt wird.

Dies allerdings natürlich erst recht am Rande, wobei man sich fragen könnte, ob nicht alles, was K. äußert, immer Randbemerkung bleibt, denn er ist eine Marginalperson. Das soll hier jedoch nicht vertieft werden, um die zu Recht zahlreichen Nichtleser zu schonen, denn auch K. arbeitet durchaus dienstleistungsorientiert.

***

K. erkennt sich neuerlich und verstärkt als ein Mensch, der immer wieder mit 150 ankommt, immer wieder auf 60 abgebremst wird und dann, weil er 60 fährt, runter gemacht wird von Leuten, die 80 für normal halten, weil sie nichts Anderes kennen und oft nicht kennen zu wollen scheinen.

Dies als vorläufige Arbeits- bzw. Arbeitslosen-Version eines bildlichen Vergleichs im Sinne von Frau Dr. Meta Phorisch, oder so ähnlich.

K. glaubt, dass er nunmehr zumindest, was das Lebensalter angeht, die Reife erreicht hat, an seinem Selbstbild weiter feilen zu sollen, oder so ähnlich.

(… äh… *hüstel*…)

* Swetlana Alexijewitsch, „Secondhand-Zeit“, Suhrkamp 2015, Seite 10.

Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Fühlosofie, Nabelbohrungen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.