(… latenter Antisemitismus – im Auge behalten…)*

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Warum schreibt K. das alles auf, was er jetzt gleich aufschreibt? Es liest eh‘ niemand, und es scheint keiner zu verstehen.

(… das war schon wieder latenter Antisemitismus… K. hat zum wiederholten Mal diesen berühmten Joke „parodiert“, bitte Anführungsstriche beachten… „Das Essen war heute wieder furchtbar!“„Ja, und dann die kleinen Portionen!“das Unbewusstefurchtbar, der Mann…)

Irgendetwas mit Berlin, katastrophales (Aus-)Agieren; in die falsche Richtung gegangen, falsch umgestiegen, falsch abgebogen usw., und ewig murmeln Bataillone von Murmeltieren.

Das hat K. nun in hunderten, wenn nicht tausenden Träumen bzw. „Träumen“ erlebt, aber derart krass war es schon seit Langem nicht mehr. Typischerweise waren die Erlebnisse im Traum wieder weitaus intensiver, stärker, „leuchtkräftiger“ als alle in der sogenannten Realität.

Was geht da ab? – Rein rhetorische Frage, versteht sich; es gibt keine Antworten, heule heule…

Ebenfalls typisch ist die immer größer werdende Kluft zwischen sogenannter Realität und dieser von wem auch immer inszenierten „Parallelwelt“, bitte Anführungsstriche beachten. In dem Bereich, über den man überein gekommen ist, dass er die Realität wäre, geht gerade was; neuerlich eine Benennung für eine Wohnung, ganz eventuell eine Fortbildung, um den alten weißen Mann doch noch in den Prozess der Steigerung des Bruttosozialproduktes zu (re-)integrieren, usw.

K. ist allerdings, was jedermann überraschen muss, sehr misstrauisch, und das mit der Wohnung hat sich, wie ihm scheint, eh‘ erledigt; er ist ja bereits hin geradelt, sozusagen vorab, denn ein Besichtigungstermin wurde ihm noch nicht zugesandt, und da war wieder was, K. hat wieder nicht bestanden, bla.

(… mal kieken, ob Einer kiekt, dann werden wir ja sehen, blubb…)

Herr K. war im Traum mit Sicherheit, immerhin jedoch nicht mit Staatssicherheit, in Berlin; einmal hat er bei einem charakteristischen Herr-Lehmann-Blick die Straße entlang durch eine Häuserreihe den Fernsehturm gesehen.

K. war mit zwei anderen bösen Buben in einer besetzten Wohnung; sehr wahrscheinlich war die Szenerie in Kreuzkölln, logisch.

Während K. aber, wie in seiner 1983 tatsächlich besetzten Prenzlauerberghütte, nichts gebacken bekommen hat und das auch nicht wollte, haben sich die beiden anderen Typen, einer davon war offenbar obdachlos, „ein Nest gebaut“, mit allerlei Restmöbeln aus dem Sperrmüll, quasi als Plakate genutzten Seiten aus Zeitschriften usw.

K. hatte aber noch irgendwo eine herunter gewirtschaftete Einraumwohnung, hatte aber vergessen, wo, hat sich, süüüß, verlaufen, siehe eben oben, usw.

Davor jedoch wieder längere Szenen mit Dr. Gysi, muaha. – „Für wen steht Dr. G. in Ihrem Traum, Herr K.?“ – Ist ja gut, liebste Mitgliederinnen und Mitglieder des Freudeskreises Anna Lyse, geht mal alle schön kacken!

K. hat sich fast gewunden vor Ehrerbietung vor dem großen Meister, ekelhaft und sehr realistisch, während Dr. G. sich, sehr realistisch, sehr amüsiert hat, und dann ist der Kontakt, sehr realistisch, plötzlich abgebrochen, und K. war wieder irgendwo, wo er nicht hin wollte und nicht hin wollen sollte.

Das Atmosphärische ist wie von K. in der sogenannten Realität erlebt; in den Szenen, in denen er als Vierkäsebreit von seinem unmittelbar vorgesetzten Vorfahren immer wieder im Wald oder in der Stadt stehen gelassen wurde, sowie in den Szenen, in denen sein märchenhaftes Stiefmütterchen ihn nicht mehr ins Haus gelassen hat, weil er fünf Minuten oder eine Viertelstunde zu spät geklingelt hat, worauf K. dann als Jugendfreund von der traurigen Gestalt die Nacht hindurch durch die Stadt geirrlichtert ist, lustich, aber nicht typisch für unsere Menschen.

Es lässt sich in Worten gar nicht ausdrücken, das Gefühl in diesen Momenten, das ist womöglich etwas Archetypisches, und sehr womöglich, oder so ähnlich, war es sozusagen Re-Inszenierung des gewissermaßen Grundempfindens seines unmittelbar vorgesetzten Vorfahren bei dessen Flucht aus dem im Feuersturm niederbrennenden Königsberg.

Und nun brennen wieder Städte nieder, und gar nicht mehr so weit weg; könnte es jedoch sein, dass zwischen diesen quasi unerledigten inneren Bildern nicht nur im Kopf des K. und dem aktuellen Geschehen ein Zusammenhang besteht?

Ach, nee, geht ja nich‘; wir sind kein Psycho-Club und haben Gnade der späten Geburt usw.

(… K.’s Worte erscheinen ihm überaus armselig**; ihm scheint, dass er höchstens ansatzweise diese Träume in Worte zu fassen vermag… was ist das… ist das das völlig unterdrückte Kreative im K., von dem im Alltag gar nichts mehr sichtbar oder wirksam wird… nichts Genaues weiß man nicht, doch wir bleiben dran…)

(… wir bitten die Ausdrucksweise zu entschuldigen; K. kommt aus dem Osten, und die hatten da zu wenig Buchstaben…)

(… kann man nicht endlich dafür sorgen, dass der senile Alte ins Heim kommt… das geht doch nicht mehr so weiter, echt jetzt… zeigt Initiative, aktiv-dynamische kapitalistische Menschen…)

** Herr K. hat gestern für den neuen Nachbarn und mit ihm LAN-Kabel verlegt, und das ist ein Adapter, der gebraucht wurde, weil ein Kabel nicht ausgereicht hat, und natürlich hat K. nach einer Weile gedacht, denn er pflegt gelegentlich zu denken, wir berichteten, und ist es denn ein Gräuel fürwahr, dass das Teil, zumal an der Stelle, ein bisschen an eine Mesusa erinnern würde; schon wieder ist die Braut ein bisschen schwanger, und: ja, das ist auch ’n jüdischer Witz. Das Unbewusste. Furchtbar, der Mann!
** „Armeselig“ wird nicht als Fehler angezeigt; „Faszinierend!“, wie Mr. Spock völlig zu Recht angemerkt hätte.

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