(… Herr K. wünscht, im Unbewussten, als Eurokanzlerin zu kandidieren…)

Alle Versuche, die seit Jahrtausenden unternommen wurden, um die Welt zu verändern, das Leben wie auch immer Unterdrückter zu entlasten, die Gesellschaft zu verbessern usw., scheinen K. an einem Fehler gescheitert, dem Ausblenden, Verdrängen, verächtlich machen, oberflächlich abtun, nicht wahrhaben Wollen usf. ausgerechnet der Ebenen, die den Menschen eigentlich als Menschen ausmachen.

K. meint die Ebenen von Kontakt, Beziehung, Bindung, Vernetzung in Arrangements und Abhängigkeiten in Gruppen, des sozusagen psychischen Innen-Managements usw. usf. Es wird K. nicht hinreichend klar, ob dieser Sachverhalt dialektisch oder paradox zu nennen wäre. Außerdem ist K. nicht zufrieden mit der Bezeichnung „Ebenen“, ist aber zu faul, weiter darüber nachzudenken.

K. muss sich mit dieser Problematik auseinandersetzen; vor allem deshalb, weil er so gut bzw. ungut wie bindungsunfähig scheint. Zudem hat er immer wieder Leidensdruck, erzeugt unter anderem oder gar vor allem durch seine auch noch mit 60 immer wieder erlebte belastende Unfähigkeit, die scheinbar einfachsten Abläufe im Umgang von Menschen untereinander zu begreifen usw. So was gehört doch in ’ne Einrichtung, echt jetzt!

Selbst die intelligentesten und „gebildetsten“ Menschen machen zu, wenn es um Psycho geht. Ein markantes und immerhin erfreulicherweise überaus geistreiches Beispiel dafür ist Karl Kraus mit seinem bissigem Bonmot, Psychoanalyse wäre die Krankheit, für deren Therapie sie sich halten würde. Es hat den Anschein, als würden die meisten Menschen auch nur die Reflexion dieser Ebenen, die sie als Menschen ausmachen, scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Das scheint K., sagen wir – interessant…

„Gebildetst“ hier in Anführungsstrichen, weil sich inzwischen leider herausgestellt hat, dass man offensichtlich an der Uni einen Doktortitel erwerben kann, ohne einen einzigen eigenen Gedanken entwickelt zu haben.

Korrekt, Herr K. ist neidisch und eifersüchtig, weil er nicht promoviert hat, und zudem unfähig, Gefühle wie Neid und Eifersucht zuzulassen, weil sie ihm in der Prägungsphase unter Androhung oder gar Ausführung von Strafen verboten wurden. K. macht so was gleich wieder selbst, das spart Energie! Aber trotzdem vielen Dank im Voraus, Frau Dr. Anna Lyse, für diese sehr wahrscheinlich zu erwartende Rückmeldung, und grüßen Sie Dr. Freudlos, den alten Couchakrobaten!

Natürlich hat das Materielle Vorrang, zunächst. Menschen, die ums tägliche Überleben kämpfen müssen, werden sich kaum mit Psychogedöns auseinandersetzen wollen und können. Brecht hat fast wörtlich gesagt, erst käme das Fressen, dann die Moral.

Das gilt nicht immer, und manchmal gilt das Gegenteil. Von Viktor Emil Frankl ist glaubwürdig überliefert, dass er das KZ überstanden hat durch die immer erneute mentale Visualisierung der Szene, in der er vor einem vollem Hörsaal liest, unter anderem über das Leben im KZ, was er dann nach seiner Befreiung in der Tat getan hat. Hier zeigt sich die ungeheure Kraft dieses ach, sooo lächerlichen gewissermaßen Immateriellen.

Zudem hat der reale Sozialismus die hier angedeutete Problematik zugespitzt deutlich gemacht. Die Basis, die ökonomische Grundlage, wurde verändert, und das ist, ohne jede Ostalgie gesagt, eine historische Leistung.

Dennoch und erst recht und wieder gab es oben und unten. Dieses Problem ist nicht im Ansatz bewältigt worden mit dem beinahe standardisiertem Satz, es habe sich um Überbleibsel der alten Gesellschaft gehandelt, die man im Zuge gesetzmäßiger Entwicklung Schritt für Schritt überwinden würde und was der unsozialistisch gebetsmühlenartig herunter geleierten Wendungen mehr waren.

„Oben“ und „unten“ scheint K. manchmal nicht zutreffend oder jedenfalls ungenau. Besser scheint ihm eine Formulierung wie „drin“ und „draußen“; im Extremfall etwas wie „Schild und Schwert der Partei“ und „feindlich Negative“, die es geben muss, andernfalls sie konstruiert werden.

Der jahrtausendelang oft im Wortsinn in die Köpfe gedroschene Unsinn hat auch oder gerade im realem Sozialismus unfröhliche Urständ gefeiert. Es geht keineswegs nur um Herrn K., das Opfa, boah, der, Zitat Vater von K., von diesem „windelweich gedroschen“ wurde. Dergleichen hat K. vielmehr und viel mehr auch bei Mitschülern oder Kindern in seinem Hausaufgang in erschreckender Weise erlebt. Das ist zudem nur ein Beispiel, Prügeln von Kindern. Trotzdem müsste eigentlich jedem, der ein Kind schlägt, sofort die Hand abfallen, was unweigerlich dazu führen würde, dass die Umsätze der Prothesenindustrie weltweit durch die Decke gehen würden. Kleiner Joke vom, O-Ton vox populi, „Zynisten“, sorry.

(… würde K. es besser machen, wenn er Kinder hätte… eben… die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass auch K. im Stress des Alltags trotz bester Vorsätze, gründlicher populärpädagogischer Lektüre usw. die Hand ausrutschen würde… allerdings ist es K. nunmehr gelungen, sich aus allem normalen Alltag derart auszuklinken, dass er Stress durch chronische Unterforderung erlebt… Herr K. ist halt was ganz Besonderes, *hüstel*…)

Alle diese alten Leit- und Leidsätze wurden bestenfalls rot übertüncht. Jungs heulen nicht, Mädchen werden nicht wütend usw. usw. usf., um noch ein paar auf den ersten Blick banale Beispiele zu nennen.

An dieser Stelle hat Herr K. immer wieder eine böse Phantasie. Das könnte insofern erstaunlich erscheinen, als er nicht müde wird zu klagen, er verfüge ja über keine Phantasie, könne sich nach Jahrzehnten schriftstellerischer Bemühungen immer noch keine Geschichten ausdenken usw., was selbstverständlich immer wieder ins Gegenteil verkehrt wird mit dem Vorwurf, er würde Lügen wie gedruckt usf. ‚Wenn ich es doch endlich könnte!‘, denkt es immer wieder in Herrn K., und er leidet still und stolz, wie es seine Art ist, ach.
 
Im besagtem Hausaufgang hatte ein Ehepaar ein Mädchen aus einem Heim adoptiert. Nach einiger Zeit ist dieses Mädchen schreiend durch die Wohnung gerannt, um ihrem Stiefvater auszuweichen, der sie fast regelmäßig proletarisch-dynamisch zupackend verprügelte.
 
In K. denkt es nun immer wieder, dass diese damalige Nachbarin die Konfrontation mit diesen Erlebnissen womöglich empört abwehren würde etwa mit den Worten, das wäre doch alles halb so schlimm gewesen, sie hätte schließlich alles überstanden, es wäre trotzdem etwas aus ihr geworden, und wie denn K., aus dem nämlich nichts geworden wäre, die Frechheit entwickeln könne, dergestalt ins Nest zu scheißen. Usw. – Leider hält K. dieses Szenario für sehr realitätsnah.

Dieses „Banale“ macht aber den Alltag von Millionen Menschen aus. Kuczynski hat es auf den Punkt gebracht; „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes“, heißt eines seiner Hauptwerke. Der alte Fuchs, ha!*

Es gibt weitere Sinnsprüche kluger Menschen zu dieser Problematik. Beispielsweise hat der Dichter Heinz Kahlau fast wörtlich erklärt, die schlechten Sitten hätten sich ins Private zurück gezogen. Setzt man statt „schlechte Sitten“ eine Formulierung wie etwa „über unzählige Generationen und unabhängig von ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen immer weiter und weiter gegebene, zu fast zwanghaftem Verhalten im Kontakt mit Menschen führende Prägungen“, dann kommt man der hier verhandelten Problematik sehr nah.

Wenn diese Zitate jetzt wieder zu ostalgisch erscheinen sollten, was K. befürchtet, denn es handelt sich bei den Zitierten um voll die roten Löffel, Alter, könnte man auf Rainer Langhans‘ je nach Standpunkt des Betrachters bzw. Hörers berühmten oder berüchtigten Satz verweisen, das Private wäre das eigentlich Politische.

Im Vollzug seiner persönlichkeitsspezifischen Arroganz sowohl als auch seines störungsspezifischen Größenwahns, immer wieder generiert durch seine schmerzlich-borniert selbst verschuldete soziale Isolation, hält K. diesen Satz von Langhans für zutreffend. Zudem erscheint Langhans K. im hier verhandeltem Kontext besonders geeignet als sozusagen Kronzeuge, denn Langhans‘ Lebenslauf scheint überaus typisch für das 20. Jahrhundert; erst war er Jungpionier im Osten, dann Offizieranwärter im Westen, dann sozusagen Kernperson der Kommunen-Bewegung.

Ein weiteres Zitat von Wessis, das man anbringen könnte, um hier die, *hüstel*, Gleichstellung abzurunden, sorry, wäre in diesem Zusammenhang das aus der sogenannten alternativen Bewegung stammende Bonmot: „Mit der Technik auf den Mond, in der Liebe im Neandertal“.

Abgesehen davon, dass man inzwischen „auf dem Mars“ sagen könnte oder gar müsste, scheint auch dieser Sinnspruch K. leider zutreffend. Es würde sehr wahrscheinlich bei der Besiedlung des Mars, die mit einiger Sicherheit kommen wird, aber das am Rande, alles wieder von vorn losgehen, ebenso wie im realem Sozialismus.

Mit anderen Worten hat die Entwicklung einer sozusagen seelischen Betriebswirtschaft nicht annähernd Schritt gehalten mit der Entwicklung von Technik und Technologie insbesondere in den letzten Jahrhunderten; das ist kein „Eso-Scheiß“, sondern leider Realität.

K. benutzt hier bewusst den scheinbar unpassenden Ausdruck „seelische Betriebswirtschaft“, weil er den Vorwurf voraus sieht, er wolle in seiner angeblich typisch männlichen Denke auch noch Liebe und Sex quasi in Tabellen und Formeln abbilden, was K. die Anmaßung besitzt, für gequirlten Quatsch zu halten.

Die hier angedeutete Problematik scheint K. überaus wichtig unabhängig davon, dass K. heftig theoretisiert und völlig unfähig scheint, seine Gedanken angemessen auch nur anzubringen oder gar umzusetzen. Man beachte die Hervorhebung durch Fettdruck. Hier ist die Wurzel von K.’s destruktiver Aggression; nicht in seinem vermeintlichen Status als potentieller Gefährder, sondern in seiner chronischen Unfähigkeit, außerhalb von geschriebenem Text gewissermaßen sichtbar zu werden. So was gehört doch in ’ne Einrichtung, echt; voll schwul, Digga, kriegst die Rastung.

Was wollte uns K., der verhinderte Dichter, nun damit sagen?

Nichts

Es ändert sich mit einiger Sicherheit, immerhin jedoch nicht mit Staatssicherheit, ohnehin nichts. Alles Haschen nach Wind… Oh, schöner Schmerz – oh edle Tiefe!

Dennoch denkt es in K. immer wieder, dass alle Leutinnen und Leute, die was mit Menschen machen, sich vor dem Beginn ihrer Werktätigkeit einer gründlichen Selbsterfahrung unterziehen sollten, in der sie ihre eigenen unbewussten Prägungen und blinden Stellen wahrzunehmen lernen könnten ebenso wie die Dynamik des Unbewussten in Gruppen usw. Dies beträfe, so K. in seinem störungsspezifischem, jedoch harmlosen, weil außer durch Niederschrift nirgends ausagiertem Größenwahn, vorzüglich KindergärtnerInnen, PolizistInnen, LehrerInnen, Strafvollzugs-BeamtInnen usw. usf.

(… hihihi… willa wieder die Welt retten, huhuhu… spielta wieda Abeitaführa, hohoho… hält sich Tatsache für ’n Züchoteerahpeuten, hähähä…)

Mehr fällt K. dazu nicht ein, außer vielleicht noch das Gesicht; er bleibt, wie so oft, beim genüsslich schriftlich schwafelndem Theoretisieren. Er verharrt melancholisch in seiner Klause, grübelt weiter über die Welträtsel und ist sehr beeindruckt von seinem Tiefsinn. Allein, er randaliert nicht, als Beispiel, in der mindestens skurrilen Überzeugung, er würde damit politische Meinungsäußerung betreiben, auf der Reichstagstreppe. Dies unterscheidet ihn wesentlich von den meisten anderen Prekariern, Unterschichtlern, Losern usw. Auch hierfür wünscht K. umgehendst gelobt zu werden.

K. hat sich entladen, und diese sonderbare mentale Gymnastik hat für ihn, wie erst höchstens zweiundsechzig Mal bemerkt, psychohygienisch-prophylaktischen Charakter.

In diesem Sinne – bla…

(… nein, Herr K. fängt nicht bei der Müllabfuhr an… korrekt – das kam eben wieder per Mental-Funk… komische „Hallus“, wie erst höchstens vierzig Mal angemerkt… K. dichtet doch wieder nicht richtig, er schwadroniert nur schriftlich – einfacher Arbeiter… das ist überhaupt die Tragikomik seiner Überlegungen – er weiß ganz genau, dass die Menschinnen und Menschen, die diesen Budenzauber zelebrieren, damit genau die gewissermaßen Befreiung von Unterdrückung anstreben, die K. eben oben zumindest in hoffentlich nachvollziehbaren Andeutungen zu erörtern sich bemühte… sooo süß – er tappt von einem Dilemma ins nächste und von einer Kommunikationsfalle in die nächste… und natürlich möchte er gelobt werden auch oder gerade für dieses sein tiefes, weil wunderschön schmerzliches Martyrium… ach, er ist so leicht zu durchschauen, der K., sogar von sich selbst…)

* Herrliche Leistsche Fredfeuhlung, oder so ähnlich – „auf den Punk gebracht“, gnihi.

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