Amen.

 
Das Unglück lieben
 
Das Unglück lieben – o das heißt,
Durch Dorngestrüppe, das uns blutig,
Das uns das Kleid vom Leibe reißt,
Im Dunkel gehn, am Abgrund mutig;
Es heißt nicht gehn im Sonnenschein,
Jedoch auch leiden nicht allein.
 
Das Unglück lieben heißt, zugleich
Verachtung, Spott und ohne Klagen,
Gefaßt auf jeden Wetterstreich,
Der Erde Doppellast ertragen,
Dem süßen vorziehn bittern Trank
Und ernten, ach, nur kargen Dank.
 
Das Unglück lieben heißt, ein Kind
Mit heim von öder Straße nehmen,
Beschützen vor dem rauhen Wind,
Heißt, harten Sinn und Stolz beschämen,
Selbst nicht vor Trotz und Widerstand
Zurückziehn seine Retterhand.
 
Das Unglück lieben heißt, nicht Flaum
Und weiche Polsterdecken lieben,
Doch die, die umgehn wie im Traum,
Die Ärmsten, die zurückgeblieben,
Errettend wiederum hervor
Geleiten, zu dem Glück empor.
 
Das Unglück lieben heißt, die Not
Des Erdendaseins ganz empfinden,
Die Ohnmacht vor dem Machtgebot,
Dem kein Geschöpf sich kann entwinden,
Heißt streifen an des Engels Flug,
Der auf die Welt das Mitleid trug.
 
Hermann Lingg
* 22.01.1820, † 18.06.1905
(Quelle)

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2 Antworten zu Amen.

  1. Gisela Schall sagt:

    (Wer das Unglück „liebt“, dem wird es hold sein“…) – „umdisponieren ?!“ – … – es muss ja schließlich einen Ausgleich geben…
    LG

    • Herr Koske sagt:

      … ich habe doch schon wieder ’n Studium abgebrochen – ich werde auch kein Lingguist mehr, ach…

      (… Har. Har. Har…)

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